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Full text of "Unterirdische literatur im revolutionären Deutschland während des weltkrieges"

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VERLAG GESELLSCHAFT UND ERZIEHUNG G.M.B.H. 

BERLIN.FICHTENAU, P*rk»traB> 3 

REVOLUTION! BIBLIOTHEK 

Unter diesem Sammelnamen erscheinen alte und neue Schriften, die geeignet sind, die 
Theorie nnd die Praxis der Revolution und ihres Endzieles, des Sozialismas, zu fördern. In der 
„Revolutions-Bibliothek" kommen alle Richtungen der sozialistischen Bewegung zum Wort. 
Das einzige Ziel, das die Sammlung verfolgt, ist die Schaffung eines neutralen Bodens, auf dem sich 
alle treffen können, deren Endziel die sozialistische Organisation der menschlichen Gesellschaft ist 

Bisher sind erschienen: 

Nr. 1 LEOTROTZKI: Arbeit, Disziplin und Ordnung werden 

die sozialistische Sowjet- Republik retten . M l f — 

Trotzki erhebt hier die Forderung, daß die Arbeiterschaft, die durch die soziale Revolution zur 
Besitzerin der Produktionsmittel geworden ist, sich davor hütet, bestehende wertvolle Einrichtungen 
sinnlos zu zerstören und jene qualifizierten Elemente, die für die technische Leitung der Betriebe 
notwendig sind, zu beseitigen. 

Nr. 2 Prof. GEORG FRIEDRICH A. NICOLAI: 

Sechs Tatsachen als Grundlage znr Beurteilung der heutigen 
Machtpolitik M 1,50 

Ein Versuch des bekannten Pazifisten, den Zusammenhingen der imperialistischen Machtpolitik 
nachzuspüren. Eine wertvolle Waffe im Kampf gegen Militarismus und Imperialismus. 

Nr. 3 KARL MARX u. FRIEDRICH ENGELS: 

Das kommunistische Manifest Mit mehreren Anhängen: 
Programme der deutschen Sozialist. Parteien (1 1 . bis 1 5. Tausend) M 2,— 

Der erste Schritt zur Einführung in die sozialistische Gedankenwelt, der wesentlich dadurch 

erleichtert wird, daß dem klassischen Dokument des Sozialismus ein Programm sämtlicher 

deutscher sozialistischer Parteien beigefügt ist. 

Nr. 4 N. BUCHARIN: Das Programm der Kommanisten 

(Bolschewik!). (3. bis 5. Tausend) M 3,— 

Eine wertvolle Orientierung für alle diejenigen, die ein Urteil über den Komplex der schwierigen 
^ Fragen des Bolschewismus gewinnen wollen. 

Nr. 5 PAUL. SCHWARZHAUPT: Die Wahrheit über 
dieTfirkei. Die Armeniergreuel nnd die Deutschenbedrfickungen 
durch die Jnngtfirken M 1,— 

Die Schrift schildert in kurzen und scharfen Umrissen die ungeheure Korruption des türkischen 
Beamtenapparates« die schließlich zum völligen Zusammenbruch der Türkei führte. 

Nr. 6 SSUMATOCHIN: Laßt uns in Kommune leben, Mit 

i einem Vorwort von W. Karpinsky. (6. bis 10. Tausend) . . . M 1,50 

Die Broschüre schildert die Gründungsgeschichte einer kommunistischen Landgemeinde und 
enthalt ihre vollständig ausgearbeiteten Satzungen und Arbeitsordnung. Zum Verständnis der 
kommunistischen Landtheorie ist sie unentbehrlich. 

Nr. 7 A. AUBRRHEIM: Die wirtschaftliche Revolution . . Ml,50 

Der französische Arbeiterführer und Sekretär des französischen Metallarbeiterverbandes wendet 
sich entschieden gegen die allgemein -gebräuchliche Auffassung, alles Heil für die sozialistische 
Entwicklung nur in Lohnbewegungen zu suchen. 

Nr. 8 JAMES BROH: Entwurf eines Programms der U.S.P., 

sowie Kritik des Aktionsprogrammes M 3|— 

Die Arbelt Broh's hat innerhalb der U.S.P. zu scharfen Auseinandersetzungen geführt und mit 
dem Austritt Broh's aus der Partei geendet. Sie ist wichtig für die Beurteilung der Strömungen, 
die in der Unabhängigen sozialistischen Partei durcheinanderlaufen und um Anerkennung ringen. 

Nr. 9 ERNST DRAHNu SUSANNE LEONHARD: 

Unterirdische Literatur des revolutionären Deutschland während 
des Weltkrieges. Mit verschiedenen Facsimiles nnd Illustrationen 

Viele Züge der deutschen Revolution werden erst dem erklärlich, der dieses Material studiert, das 
von zwei guten Kennern der revolutionären Propagandaliteratur zusammengestellt ist. Das Werk, 
das das Ergebnis der Arbelt von politischem Interesse geführten Sammlergeistes ist, erhftlt seinen 
Wert durch die Wiedergabe zahlreicher Dokumente, die auch in dem bestgeleiteten Archiv nicht 

vorzufinden sind. 

Nr. 10 RICHARD BERNSTEIN: Redakteur des Vorwirts. 

Der Kanp-Putsch nnd seine Lehren . M 1,— 

Bernstein fordert in seiner Interessanten kleinen Schrift die Beilegung des sozialisichen Bruder- 
krieges und die einheitliche Zusammenfassung aller sozialistisch wirkenden Kräfte als Maßnahme 
gegen neue militaristische Putsche. 
Die Satfiitilsssig wird fortgesetzt. 



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Des Genossen 

Dr. Karl LIEBKNECHT 

Brief an da» Kommaadanturgericht. 

Berlin, den 3. Mai 1916 
An das Königliche Kommandanturgericht . 
BERLIN. 



Dr. KARL LIEBKNECHT 



In der Untersuchungssache gegen mich 
bedürfen die Protokolle ober meine Aussagen 
folgende Verdeutlichung : 

1. Die deutsche Regierung ist nach ihrem 
gesellschaftlichen und geschichtlichen Wesen 
ein Instrument 2ur Unterdrückung und Ausbeutung der arbeitenden 
Massen; sie dient Im Innern und nach außen den Interessen des Junker- 
tums, des Kapitalismus und des Imperialismus. 

Sie ist die rücksichtslose Vertreterin» weltpol i tischer Ausdeh- 
nung, die stärkste Treiber in des Wettrüstens und damit einer der 
wichtigsten Exponenten bei Herausbildung der Ursachen des jetzigen 
Krieges. 

Sie hat diesen Krieg in Gemeinschaft mit der österreichischen 
Regierung angezettelt und sich so mit der Haupt Verantwortung für 
seinen unmittelbaren Ausbruch belastet. 

Sie hat. den Krieg unter Irreführung der Volksmassen und selbst 
des Reichstags (vergl. u. a. Verschweigung des Ultimatums an Belgien. 
Aufmachung des deutschen Weißbuches. Ausmerzung der Zarendepesche 
vom 29. Juli 1914 usw.) in Szene gesetzt und sucht mit verwerflichen 
Mitteln die Kriegsstimmung im Volke zu erhalten. 

Sie fuhrt den Krieg nach Methoden, die selbst von dem bisher 
üblichen .Niveau betrachtet , ungeheuer 1 ich sind (Ueberfall auf Bei* 
gien und Luxemburg, Giftgase — inzwischen bei allen Kriegführenden 
gebräuchlich geworden — vergl. aber die alles überbietenden Zeppelin- 
bomben, die alles Lebende, ob Kombattant oder Nichtkombattant im 
weiten Umkreise vernichten sollen; Unterseeboot -Handelskrieg, 



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UNTERIRDISCHE LITERATUR 

IM REVOLUTIONÄREN 

DEUTSCHLAND 

WÄHRENDDES 

WELTKRIEGES 



VON 



ERNSTtDRflHN 

UND 

SUSANNE LEONHÄRD 




VERLAG GESELLSCHAFT UND ERZIEHUNG 
G.m.b.H. BERLIN-FICHTEN AU 1920 



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Alk Rechte, auch das der Übersetzung 
in andere Sprachen vorbehalten. Die 
Ausstattung dieses Buches besorgte 
Curt Schulz, Berlin-Steglitz, der Druck 
.erfolgte bei Gerhard Stalling in Oldenburg. 

Copyright 1920 by Verlag 
Gesellschaft und Erziehung G. m. b. H. 
Berlin-Fichtenau. 



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INHALTSVERZEICHNIS 

Seite 

Vorwort der Herausgeber ...,,, 5 

I. Die revolutionäre Propaganda in Deutschland 7 

IL Die revolutionäre Propaganda vom Auslande her 124 

Illustrationen ' 128 



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Vorwort. 

Die Kriegsliteratur ist in allen ihren Zweigen nicht nur mehr Spezial- 
gebiet von rein militärischer Bedeutung. Ja, es kann heute mit Fug und 
Recht behauptet werden, daß der mehr fachmännische Zweig dieses 
weiten Sammelgebietes je länger der Weltkrieg dauerte, je mehr zurück- 
trat hinter jene Publikationen, die auf wirtschaftlichem und politischem 
Gebiet lagen. Die Zahl der Werke und Broschüren, die hn Buchhandel 
der Kriegsjahre figurieren, füllt in den ad hoc entstandenen Büchereien 
viele Regale. Noch größer ist aber die Menge und der Umfang dessen, 
was außerhalb des regulären Buchhandels der Sammeltätigkeit R,aum 
gibt und der Ausmünzung des Historikers wartet. Von höchstem Interesse 
darunter sind wiederum jene verbotenen Seltenheiten, die während des 
Krieges hie und da auftauchten, in Fabriksälen von Hand zu Hand 
gingen, als Flugblatt an die Front schwirrten und vorsichtig durch die 
Türspalte geworfen, ihren Weg in die Wohnung des deutschen Arbeiters 
fanden oder aus der Luft herabglitten und vom Winde dem ersten, besten 
zugeweht wurden. Es ist dies das, was wir mit „Unterirdischer Literatur 
im revolutionären Deutschland während des Weltkrieges" bezeichnen. 
Alle diese Broschüren, Flugblätter, Zeitschriften und Zeitungsblätter 
füllen schon für sich eine stattliche Bibliothek, darum war es auch nicht 
möglich, restlos das Vorhandene in einen Band zu fügen. Es war dies 
auch nicht erforderlich. Häufig fjenug finden sich Wiederholungen in 
Gedankengängen und sogar auch in breiten Textstellen. So war eine 
vorsichtige Auswahl nicht nur wünschenswert, sondern sie wurde 
geradezu zur Pflicht. Diese Wahl wurde ferner so umgrenzt, daß das 
Sachliche vor dem Persönlichen hervorgehoben wurde. So glaubeh wir 
eine Sammlung zu bieten; die den Leser sicher hinführt an die Schwelle 
der scheinbar modernsten Gegenwartspropaganda für die Weltrevolutipn. 
Er bemerkt als Kenner der Geschichte des Sozialismus dennoch nicht grund- 
sätzlich Neues. Wer die Schriften von Marx und Engels von neuem vor- 
nimmt, findet in ihnen auf Schritt und Tritt jene Gedankengänge, die sich 
unsere Autoren aus dem Weltkrieg zu eigen gemacht haben mit der nie 
fehlenden Konsequenz des überzeugten, revolutionären Sozialisten. Was 



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sonst noch an demokratisch-revolutionären Auslassungen vorgeführt 
wird, hat neben dem Sozialistischen eigentlich kaum Daseinsberechtigung. 
Es sind Kuriositäten, teils aus der Rumpelkammer der französischen 
Revolution, teils aus den Kommodenschubladen unserer Großeltern, ver- 
gessen seit den Tagen der schwarz-rot-goldenen 48er Zeit. 

Berlin, im Januar 1920. 

' Die Herausgeber. 



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I. 

Die revolutionäre Propaganda 
in Deutschland. 

Am 4. August 1911 nahm eine Internationale Arbeiterkonferenz in 
London bei einer Debatte über den „Panthersprung nach Agadir" fol- 
gende Resolution an: 

„Die deutschen, spanischen, englischen, holländischen und französischen 
Delegierten der Arbeiterorganisationen erklären, bereit zu sein, sich jeder Kriegs- 
erklärung mit allen zu Gebote stehenden Mitteln zu widersetzen. Jede vertretene 
Nation übernimmt die Verpflichtung, gemäß den Beschlüssen ihrer nationalen 
und der internationalen Kongresse gegen alle verbrecherischen Umtriebe der 
herrschenden Klassen zu handeln." 

Genau drei Jahre später, am 4. August 1914, bewilligte die deutsche 
Sozialdemokratie in der Plenarsitzung des Reichstags die Kriegskredite, 
um von diesem Tage an einen Punkt ihres Programms nach dem anderen 
aufzugeben bis zu ihrer völligen Koalition mit der Bourgeoisie. 

Das Versumpfen der deutschen Sozialdemokratie im Opportunismus 
and Reformismus ist ein Prozeß, der sich an Hand der Parteitagsptato- 
kolle durch die letzten beiden Jahrzehnte hindurch verfolgen läßt. Die auf 
dem Internationalen Sozialistenkongreß in Stuttgart 1907 gefaßte 
Resolution über den „Militarismus und die internationalen Konflikte" auf 
die jene Londoner Erklärung der Arbeiterdelegierten Bezug nimmt, stand 
nur noch auf dem Papier. Der Schlußabsatz dieser Erklärung lautete 
nach einer von Lenin, Rosa Luxemburg und M a r t o f f gemeinsam 
beantragten Abänderung: 

„Droht der Ausbruch eines Krieges, so sind die arbeitenden Klassen und 
deren parlamentarische Vertretungen in den beteiligten Ländern verpflichtet, unter- 
stützt durch die zusammenfassende Tätigkeit des Internationalen Bureaus, alles 
aufzubieten, um durch die Anwendung der ihnen am wirksamsten erscheinenden 
Mittel den Ausbruch des Krieges zu verhindern, die sich je nach der Verschär- 
fung des Klassenkampfes und der Verschärfung der allgemeinen politischen 
Situation naturgemäß ändern. 

Falls der Krieg dennoch ausbrechen sollte, ist es die Pflicht, für dessen 
rasche Beendigung einzutreten und mit allen Kräften dahin zu streben, die durch 
den Krieg herbeigeführte wirtschaftliche und politische Krise zur Aufrüttelung 
des Volkes auszunutzen und dadurch die Beseitigung der Klassenherrschaft zu 
beschleunigen." 



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Mit jedem Jahr nach Stuttgart wird der Geist dieser Resolution 
mehr und mehr verwässert. Trotzdem ist der plötzliche Umschwung 
der putschen Sozialdemokratie in ihrer Stellung zum Kriege sowohl 
den bürgerlichen Politikern als auch den internationalen Sozialisten 
in Deutschland und im Ausland überraschend gekommen. Brand- 
markten doch sämtliche Parteiblätter — von der revolutionären 
„Leipziger Volkszeitung" bis zur reformistischen „Chemnitzer 
Volksstimme" — einmütig das drohend heraufziehende Kriegsgewitter 
als eine frevelhafte Inszenierung der deutsch-österreichischen kapitalisti- 
schen Kriegshetzer! Während der ganzen Woche vom 23. Juli 1914, dem 
Tage, an dem das österreichische Ultimatum 'an Serbien abging, bis 
zum 1., August, waren die deutschen Sozialdemokraten der radikalen und 
der revisionistischen Richtung sich einig in der Verurteilung des durch 
den Kapitalismus naturnotwendig entzündeten, durch Chauvinisten und 
Militaristen geschürten Weltbrands, einig in dem Bewußtsein ihrer 
Pflicht, dem drohenden Strudel nationalistischer Verhetzung und Zügel- 
losigkeit die besonnene Vernunft der Internationale, dem sinnlosen 
Völker- und Rassenkampf den zielbewußten „Klassenkampf gegen den 
Krieg" entgegenstellen zu müssen. 

Der ,„Vorwärts", das Zentralorgan der Sozialdemokratischen Partei 
Deutschlands, schrieb noch am 25. Juli: 

„Sie wollen deti Krieg, die gewissenlosen Elemente, die in der Wiener Hof- 
burg Einfluß haben und Ausschlag geben. Sie wollen den Krieg — aus dem 
wilden Geschrei der schwarz-gelben Hetzpresse klang es seit Wochen heraus. 
Sie wollen den Krieg — das österreichische Ultimatum an Serbien macht es 
deutlich und aller Welt offenbar. . .. ,. 

Weil das Blut Franz Ferdinands und seiner Gattin unter den Schüssen eines 
irren Fanatikers geflossen ist, soll das Blut Tausender von Arbeitern und Bauern 
fließen, ein wahnwitziges Verbrechen soll von einem weit wahnwitzigeren Ver- 
brechen übergipfelt werden! . . . Das österreichische Ultimatum an Serbien 
kann der Fidibus sein, mit dem Europa an allen vier Ecken in Brand gesteckt wird. 
Denn dieses Ultimatum ist in seiner Fassung wie in seinen Forderungen 
derart unverschämt, daß eine serbische Regierung, die demütig vor dieser Note 
zurückwiche, mit der Möglichkeit rechnen muß, von den Volksmassen zwischen 
Diner und Dessert davongejagt zu werden. ... 

Ein Frevel der chauvinistischen Presse Deutschlands war es, den teuren 
Bundesgenossen .in seinen Kriegsgelüsten auf das äußerste anzustacheln, und 
«onder Zweifel hat auch Herr von Bethmann-Hollweg Herrn Berchthold seine 
Rückendeckung zugesagt. Aber in Berlin spielt man dabei ein genau so gefähr- 
liches Spiel wie in Wien. ..." 

Und noch am 30. Juli 1914 erklärte der „Vorwärts": 
„Das sozialistische Proletariat lehnt jede Verantwortung für die Ereignisse 
ab, die eine bis zum Aberwitz verblendete herrschende Klasse heraufbeschwört. 

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Es weiß, daß gerade ihm neues Leben aus den Ruinen blühen wird. Alle 
Verantwortung fällt auf die Machthaber von heute. 

Für sie handelt es sich um Sein oder Nichtsein. Die Weltgeschichte ist 
das w'eltgericht." 

So das "Zentralorgan, und in tausend Variationen die Dei minorum 
gentium, die Parteiblätter aller Richtungen und Schattierungen! 

Tags darauf bereitete sich dank der meisterhaft geschickten Kunst- 
griffe der bürgerlichen Politikregisseure in der sozialdemokratischen 
Presse lautlos der Umschwung vor. Die Parolen „Oberfall", „Vertei- 
digungskrieg", „Kampf gegen den Zarismus" wirkten verheerend bis tief 
in die Reihen des klassenbewußten Proletariats, und wie unter der 
Hypnose eines Suggestiven „Adora quod incendisti, incende quod 
adorasti!" gab die Fraktion am 4. August die berüchtigte Erklärung im 
Plenum ab, obwohl ihr am selben Tage bereits das deutsche Weißbuch 
im Wortlaut vorlag, aus dem klar und unzweideutig hervorging, daß 
die deutsche Regierung nicht — wie erst in der offiziösen Presse be- 
hauptet — mit allen Mitteln Österreich in seinem provokatorischen Vor- 
gehen gegen Serbien gehindert, sondern im Gegenteil dem Bundes- 
genossen „völlig freie Hand in seiner Aktion gegen Serbien" gelassen 
hatte. 

Auch ohne diesen schlagenden Beweis für die Irreführung der 
deutschen Arbeiterschaft und gegen die Notwendigkeit des „aufgezwun- 
genen" Krieges, dem im Laufe der Zeit noch hunderte und aberhunderte 
folgten, hätte die Sozialdemokratie als Führerin der breiten Massen des 
Volkes und als internationale Partei ihre auf so vielen internationalen 
Kongressen immer wieder klar formulierte Stellung nicht aufgeben können, 
wenn sie eben nicht durch und durch angekränkelt und abgefault ge- 
wesen wäre, sondern sie hätte sich der zielbewußten von Karl Liebknecht 
im Januar 1915 in seiner Rede in Neukölln öffentlich ausgesprochenen 
Überzeugung angeschlossen: 

„Die Einzelheiten der Vorgeschichte des Krieges wird die Zukunft ent- 
hüllen. Die Grundzüge stehen heute schon fest. Wir haben unsere Auffassung 
darüber nicht vom 29. Juli bis zum 1. August 1914 umgestürzt. ..." 

Der 4. August, der Sterbetag der Internationale, war zugleich die 
Geburtsstunde der deutschen revolutionären Agitation, die sofort im 
Status nascendi den Charakter einer unterirdischen illegalen Propaganda 
anzunehmen gezwungen war, da sie, selbst von" verschiedenen Gruppen 
— teils aus dem Lager des späteren Zentrums der Partei, teils von 
ihrem revolutionär marxistischen Flügel — geleitet, nicht nur den Kampf 
gegen die Bourgeoisie, sondern außerdem den viel schwereren gegen die 
Mehrheit der früheren eigenen Parteigenossen zu führen hatte, von der 
sie auf den Index librorum prohibitorum gesetzt wurde. 



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Nicht immer läßt es sich einwandfrei feststellen, woher die einzelnen 
Flugblätter stammen. Die Organisation der linksradikalen Opposition ist 
während der ganzen Zeit ihrer illegalen agitatorischen Tätigkeit im Krieg 
ständig im Fluß begriffen. Die ursprünglich voneinander unabhängigen 
linksradikalen Gruppen, die jede über eine selbständige mehr oder minder 
straffe konspirative Organisation verfügen, schließen sich oft ad hoc zu 
Aktionsgemeinschaften zusammen. Je höher die Kurve der revolutionären 
Massenbewegung steigt, um so geschlossener das gemeinsame Vorgehen, 
je schwächer die Massenaktion, um so stärker die theoretischen Diskus- 
sionen untereinander. 

Die hier gebotene Auswahl aus der ungeheuren Fülle der „unter- 
irdischen Literatur" ist unter möglichst weitgehendem Verzicht auf die 
theoretisch-programmatische Stellung der einzelnen Gruppen der Oppo- 
sition untereinander und unter Betonung des gemeinsamen revolutionären 
Moments getroffen worden. Es kommen in Betracht: Sozialdemokratische 
Arbeitsgemeinschaft (spätere U.S.P.D.), Gruppe „Internationale" oder 
„Spartakusbund" (Monatsschrift „Die Internationale", von Franz Meh- 
ring und Rosa Luxemburg, „Spartakus" von September 1916 bis zur 
Revolution, „Politische Briefe" von Spartacus, begründet durch Karl 
Liebknecht, von Januar 1916 bis Dezember 1916), Gruppe „Internationale 
Sozialisten Deutschlands" (I.S.D.) und „Bremer Linksradikale" („Licht- 
strahlen" von Julian Borchardt, „Bremer Bürgerzeitung", Braunschweiger 
„Volksfreund", Bremer „Arbeiterpolitik", begründet im Juni 1916 und 
redigiert von Johann Knief und Karl Radek). 

Die hier getroffene Auswahl aus denjenigen der genannten Zeit- 
schriften und Flugblättern, die illegal erschienen und geheim verbreitet 
wurden, macht es sich zur Aufgabe, die konsequente Verfolgung des 
gemeinsamen Ziels, der Vorbereitung der Revolution, in ihren einzelnen 
Etappen chronologisch aufzuzeigen und gibt dabei gleichzeitig einen 
kurzen quellenhistorischen Abriß der Entwicklung des Sozialismus vom 
Zusammenbruch der zweiten Internationale bis zur Konsolidierung der 
revolutionären Marxisten in der neuen kommunistischen Internationale. 

Mehr als quellengeschichtlicher Grundriß freilich kann und will 
diese Materialsammlung nicht sein. Sie tritt nicht mit dem Anspruch auf, 
selbst eine Geschichte der deutschen vorrevolutionären Epoche zu geben, 
sondern will nur die wichtigsten zeitgenössischen Dokumente — die 
gerade wegen ihres „verbotenen" Inhalts schon jetzt fast ganz aus dem 
Bereich des zugänglichen Materials verschwunden sind, da sie einerseits 
in die Hände eifriger Bibliophiler und „Kuriositäten"sammler, ander- 
seits in die Gewalt der wutschnaubenden Soldateska fielen — für künf- 
tige Forschungen dem Historiker erhalten. Der Geschichtsschreiber der 
deutschen Praerevolution wird dann gerade die Aufgabe haben, in den 

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gemeinsam von den verschiedenen Gruppen gegen Monarchie und Mili- 
tarismus gerichteten Angriffen die untereinander differierenden ideolo- 
gischen Grundströmungen 2u suchen und aus dem Negativen, Kritischen 
das Positive, den synthetischen Aufbau herauszukristallisieren, eine Auf- 
gabe, auf die hier nicht näher eingegangen werden kann. 

Die Geschichte der deutschen vorrevolutionären Epoche in der 
Kriegszeit ist nicht nur die Geschichte des Kampfes gegen den Krieg 
und für die Herbeiführung der Revolution im Sinne eines bloßen Defai- 
tismus; sondern sie ist die Geschichte der gigantischen Auseinander- 
setzung zwischen den im Klassenkampf gegen die kapitalistische kriegs- 
hetzerische Bourgeoisie und Militärdiktatur stehenden verschiedenen 
ideologischen Strömungen des revolutionären Proletariats untereinander. 
Ganz abgesehen von der rein pazifistischen unterirdischen Agitation, die 
noch nicht einmal begriffen hatte, daß es sich bei der Bekämpfung des 
Militarismus um den Machtkampf der Unterdrückten gegen ihre Unter- 
drücker handelt, daß der Kampf gegen den Krieg ein Teil des prole- 
tarischen Klassenkampfes ist und nur als solcher Existenzberechtigung 
hat, treten in der unterirdischen Literatur der Kriegszeit die verschieden- 
artigsten Ideologien in Kampf gegeneinander. Vom kleinbürgerlich- 
demokratischen Radikalismus sind alle Schattierungen des Menschewis- 
mus, Revisionismus und Reformismus bis zum* konsequenten revo- 
lutionären Marxismus vertreten. Selbst der kommunistisch gefärbte 
Anarchismus, Syndikalismus und Föderalismus fängt schon hier 
und da ah, den Kampf gegen den revolutionären Marxismus 
aufzunehmen, diesen Kampf, der jetzt mit voller Heftigkeit in den 
Schlachten der Weltrevolution ausgefochten wird und um Sein oder 
Nichtsein, um die Existenz der Kommunistischen Partei als Avantgarde 
der revolutionären Proletariats geht. In der Kriegszeit, in der Phase der 
illegalen unterirdischen Agitation liegen die Wurzeln des heutigen Kamp- 
fes innerhalb der Reihen des Proletariats. 

Die Entwicklung des Sozialismus vom Zusammenbruch der II. Inter- 
nationale an ist der langwierige, mühselige Dornenweg des Befreiungs- 
kampfes der marxistischen Ideologie von allem Ballast durch das Ringen 
um ihre Existenz mit den reformistisch oder anarcho-syndikalistisch, den 
nationalistisch oder pazifistisch verseuchten Elementen bis zum end- 
gültigen Sieg des revolutionären Marxismus, wie er sich in der Praxis 
der proletarischen Revolution in Rußland durchzusetzen beginnt und seine 
Formulierung in der III. Kommunistischen Internationale in Moskau findet. 

Susanne Leonhard. 



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Der, Beginn der oppositionellen agitatorischen Tätigkeit gegen die 
Politik der Kriegskreditbewilliger ist unlösbar mit dem Namen Karl 
Liebknecht verknüpft. Liebknechts erbitterter Kampf gegen die Mehr- 
heit der Partei auf jener denkwürdigen Sitzung der sozialdemokratischen 
Reichstagsfraktion am 3. August 1914, auf der mit 78 gegen 14 
Stimmen die Bewilligung der Kriegskredite beschlossen wurde, war der 
Auftakt zu der nun folgenden Tragödie, die Liebknecht außerhalb der 
Partei stellte und den in seinem Sinne geführten Kampf zur Illegalität 
verurteilte. Die unermüdlichen Versuche Liebknechts, den „Klassenkampf 
gegen den Krieg" nicht gegen die Partei, sondern mit ihrer Unter- 
stützung zu führen, seine wiederholten Anregungen, Ende August 1914 
große Versammlungen unter der Parole: „Gegen jede Annexion, für den 
Frieden" zu veranstalten, scheiterten an der ablehnenden Haltung des 
Zentralvorstandes der S.P.D. So blieb nichts anderes übrig, als den Kampf 
auf eigene Faust aufzunehmen und mit Hilfe unterirdischer Propaganda 
illegal das zu versuchen, was legal nicht erreicht werden konnte. 

Dem großen Einfluß, den Karl Liebknecht, der Verfasser der Bro- 
schüre „MilitarismusundAntimilitarismusmit besonderer 
Berücksichtigung der internationalen Jugendbewegung", (neugedruckt 
bei Adolf Hoffmann, Berlin) und die ihm besonders nahestehenden 
Genossen in den Jugendorganisationen hatten, ?st es wahrscheinlich 
zuzuschreiben, daß unter den Jugendlichen die unterirdische 
Agitation zuerst einsetzte und nach außen hin wirksam wurde. 
Während der ersten drei Kriegsmonate bereits bildeten sich oppositionelle 
Gruppen Jugendlicher, die ihre propagandistische Tätigkeit besonders 
in Niederbarnim und Neukölln entfalteten. Aus diesen Kreisen scheint 
das erste nachweisliche Flugblatt, eine schreibmaschiniert verbreitete 
Parodie auf den bekannten Sozialistenmarsch „Auf Sozialisten, schließt 
die Reihen!" (Max Kegel— Karl Gramm) zu stammen. 

Der neue Sozialistenmarsch. 

Auf Sozialisten, schließt die Reihen, 
Die Trommel ruft, die Banner weh'n. 
Wir woll'n uns neuen Zielen weihen: 
Die Monarchie soll neu erstehn! 

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Der Schuß dem Ruß! Stoß dem FranzosM 
Der Tritt dem Brit! Der Klapps dem Japs! 
Vom deutschen Volke sei's gegeben! i 

Das ist das Ziel, das wir erstreben! 
Das nennt man jetzt den heiigen Krieg! 
Wir sind das Volk! Mit uns der Sieg! 

Ihr ungezählten Millionen, 

Aus Schacht und Feld, aus Stadt und Land, 

Ihr seid nun Futter für Kanonen, 

Die schuf des Proletariers Hand! 

Jetzt schießt man auf den Bruder gern, 

Weil es der Wunsch der hohen Herrn! 

Vernichtung vieler Menschenleben, 

Das ist das Ziel, das wir erstreben, 

Das nennt man jetzt den heiigen Krieg. 

Mit uns das Volk! Mit uns der Sieg! 

Nicht mit dem Rüstzeug der Barbaren, 

Mit Fünf und Speer man nicht mehr haut, 

Nein, Motorbatterien fahren, 

Und Bomben wirft der Aeronaut! 

Die Mittel gern bewilTgen wir, 

Und mancher wird noch Unt'roff'zier! 

Auch Orden wird es schließlich geben, 

Das ist das Ziel, das wir erstreben! 

Vorbei der Arbeit heiiger Krieg! 

Und schließlich büßt das Volk den Sieg! 

Bereits Mitte November begann Karl Liebknecht in Briefen an den 
Vorstand der Reichstagsfraktion eine Vorbereitungsarbeit für die bevor- 
stehende Reichstagssession, bei der über die zweite Kriegskreditvorlage 
von fünf Milliarden entschieden werden sollte. Sein unermüdlich auf 
opfernd geführter Kampf in den Fraktionssitzungen vom 29. November 
bis zum 2. Dezember 1914 blieben erfolglos; die Kreditbewilligung wurde 
gegen 17 Stimmen beschlossen. Liebknechts Bemühungen, die Opposition 
zu einer gemeinsamen Minderheitserklärung in Plenum zu veranlassen, 
scheiterten — trotz anfänglicher Zusage der Hoch und Genossen — an 
der Entschlußlosigkeit und dem Opportunismus der oppositionellen Frak- 
tionsmitglieder. So zog Liebknecht die einzig mögliche Konsequenz. 
Er brach die Parteidisziplin und stimmte als einziger Abgeordneter in 
der Plenarsitzung vom 2. Dezember 1914 gegen die Kriegskredite. 

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Seine „Abstimmungsbegründung", die er dem Reichtagspräsidenten 
überreichte, die aber in den stenographischen Bericht der Reichstags- 
sitzung nicht aufgenommen wurde und somit der Öffentlichkeit vorent- 
halten werden sollte, wurde in Hunderten von Exemplaren von den Ber- 
liner Arbeitern abgeschrieben und verbreitet und erschien Ende Dezember 
als Flugblatt, das die stärkste Wirkung auf die radikale Arbeiterschaft 
ausübte. 



Karl LiebKnecht — Zur Kriegssitzung des Reichtages 

Genosse Liebknecht hat zur Begründung seiner verneinenden Abstimmung 
in der Reichstagssitzung vom 2. Dezember 1914 dem Reichstagspräsidenten zur Auf- 
nahme in den stenographischen Bericht gemäß § 59 der Geschäftsordnung folgendes 
überreicht: 

Meine Abstimmung zur heutigen Vorlage begründe ich wie folgt: 
Dieser Krieg, den keines der beteiligten Völker selbst gewollt hat, ist nicht 
für die Wohlfahrt des deutschen oder eines anderen Volkes . entbrannt. Es 
handelt sich um einen imperialistischen Krieg, einen Krieg um die kapitalistische 
Beherrschung des Weltmarktes, um die politische Beherrschung wichtiger Sied- 
lungsgebiete für das Industrie- und Bankkapital. Es handelt sich vom Gesichts- 
punkt des Wettrüstens um einen von der deutschen und österreichischen Kriegs- 
partei gemeinsam im Dunkel des Halbabsolutismus und der Geheimdiplomatie 
hervorgerufenen Präventivkrieg. Es handelt sich auch um ein bonapartistisches 
Unternehmen zur Demoralisation und Zertrümmerung der anschwellenden Ar- 
beiterbewegung. Das haben die verflossenen Monate trotz einer rücksichtslosen 
Verwirrungsregie mit steigender Deutlichkeit gelehrt. 

Die deutsche Parole „Gegen den Zarismus" diente — ähnlich der jetzigen 
englischen und französischen Parole „Gegen den Militarismus" — dem Zweck, 
die edelsten Instinkte, die revolutionären Überlieferungen und Hoffnungen des 
Volkes für den Völkerhaß zu mobilisieren. Deutschland, der Mitschuldige des 
Zarismus, das Muster politischer Rückständigkeit bis zum heutigen Tage, hat 
keinen Beruf zum Völkerbefreier. Die Befreiung des russischen wie des deut- 
schen Volkes muß deren eigenes Werk sein. 

Der Krieg ist kein deutscher Verteidigungskrieg. Sein geschichtlicher Cha- 
rakter und bisheriger Verlauf verbieten, einer kapitalistischen Regierung zu ver- 
trauen, daß der Zweck, für den sie die Kredite fordert, die Verteidigung des 
Vaterlandes ist. 

Ein schleuniger, für keinen Teil demütigender Friede, ein Friede ohne 
Eroberungen ist zu fordern; alle Bemühungen dafür sind zu begrüßen. Nur 
die gleichzeitige dauernde Stärkung der auf einen solchen Frieden gerichteten 
Strömungen in allen kriegführenden Staaten kann dem blutigen Gemetzel vor der 
völligen Erschöpfung aller beteiligten Völker Einhalt gebieten. Nur ein auf dem 
Boden der internationalen Solidarität der Arbeiterklasse und der Freiheit alkr 
Völker erwachsener Friede kann ein gesicherter sein. So gilt es für das Pro- 

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letariat aller Länder, auch heute im Kriege gemeinsame sozialistische Arbeit für 
den Frieden zu leisten. 

Die Notstandskredite bewillige ich in der verlangten Höhe, die mir bei 
weitem nicht genügt. Nicht minder stimme ich allem zu, was das harte Los 
unserer Brüder im Felde, der Verwundeten und Kranken, denen mein unbegrenz- 
tes Mitleid gehört, irgend lindern kann; auch hier geht mir keine Forderung weit 
genug. Unter Protest jedoch gegen den Krieg, seine Verantwortlichen und 
Regisseure, gegen die kapitalistische Politik, die ihn heraufbeschwor, gegen die 
kapitalistischen Ziele, die er verfolgt, gegen die Annexionspläne, gegen den 
Bruch der belgischen und luxemburgischen Neutralität, gegen die Militär- 
diktatur, gegen die soziale und politische Pflichtvergessenheit, deren sich die 
Regierung und die herrschenden Klassen auch heute noch schuldig machen, lehne 
ich die geforderten Kriegskredite ab. . 

Berlin, 2. Dezember 1914. 

gez. Karl Liebknecht. 

Ende Dezember kamen dann auch die ersten Zeichen deutscher inter- 
national-sozialistischer Gesinnung an die breite Öffentlichkeit im Ausland. 
Auf Veranlassung der Independent-Labour-Party schrieben Karl Lieb- 
knecht, Rosa Luxemburg und Franz M e h r i n g ihre berühmten 
Weihnachtsbriefe an den Labour-Leader, London, die sowohl im deutschen 
Proletariat, wo sie illegal verbreitet wurden, wie auch in der englischen 
Arbeiterschaft wärmsten Widerhall fanden. Des beschränkten Raumes 
wegen sei hier nur der kurze Labour-Leader-Brief Franz Mehrings im 
Wortlaut wiedergegeben. 

An die Redaktion des „Labour Leader", London. 

Werte Genossen, 

für ein Mitglied der deutschen Sozialdemokratie ist es eine schwere Auf- 
gabe, im gegenwärtigen Augenblick über ' die Solidarität des internationalen 
Proletariats zu schreiben. Es hieße heucheln, wenn man bestreiten wollte, daß 
die Mehrheit der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion dieser Solidarität zwar* 
nicht die einzige, aber doch die erste und die tiefste Wunde geschlagen hat, 
und man kommt darüber nicht hinweg mit der törichten Rede, daß die Inter- 
nationale kein wirksames Werkzeug im Kriege, sondern im wesentlichen ein 
Friedensinstrument sei. Das heißt sagen: An einem Schwert ist das Wesentliche 
nicht die Klinge, sondern der Griff. 

Aber das ungünstige Licht, worin die deutsche Sozialdemokratie den' 
Schwesterparteien des Auslandes erscheint, täuscht dennoch. Was sich heute 
in ihr abspielt, hat sein Vorbild in dem ersten Jahre des Sozialistengesetzes, 
wo die Führer auch kopflos wurden, aber die Massen sich alsbald sammelten 
unter der Parole: Mit den Führern, wenn diese wollen, ohne die Führer, 
wenn sie untätig bleiben, trotz den Führern, wenn sie widerstreben. Schon 
gärt es mächtig in allen großen Parteizentren Deutschlands: in Berlin, Ham- 

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bürg, Leipzig, Stuttgart, und der Tag ist nicht mehr fern, wo der Frieden und 
die Rückkehr zu den unerschütterlichen Grundsätzen der Internationale von der 
deutschen Arbeiterklasse gefordert werden wird mit der ungestümen Kraft eines 
Willens, den die Kämpfe eines halben Jahrhunderts gestählt haben. 

Berlin-Steglitz, im Dezember 1914. 

Franz Mehring. 

Im Januar 1915 hielt Karl Liebknecht in einer Neuköllner Versamm- 
lung eine Rede über „Imperialismus und Krieg", aus der wir, nach den 
in seiner zwei Monate später illegal gedruckten und geheim verbreiteten 
Broschüre „Klassenkampf gegen den Krieg" (neugedruckt bei Adolf Hoff- 
mann, Berlin) wiedergegebenen stenographischen Aufzeichnungen, fol- 
gende Bruchstücke entnehmen : 



Imperialismus und Krieg. 

. . . Wenn sich die bisherigen Entwicklungsgesetze der Gesellschaft nicht auf den 
Kopf stellen, und Deutschland sich nicht in ein politisches Schlaraffenland verwan- 
delt, werden auch künftig keine ernsthaften politischen Reformen anders als durch 
politischen und wirtschaftlichen Kampf erzielt werden. Und die Aussichten dieses 
Kampfes sind um so günstiger, je zuversichtlicher das Vertrauen der Massen 
in die Festigkeit, in die Unbeirrbarkeit und Stetigkeit der Sozialdemokratie ist, 
und je größer die Achtung und Furcht der Gegner vor ihrer Kraft, Ziel- 
sicherheit und Entschlossenheit. Einer Partei, deren Widerstandslosigkeit gegen 
Massenpsychosen, gegen den heulenden Mob der Straße, gegen gerissene Re- 
gierungsdemagogie, gegen ein Blatt Papier mit Druckerschwärze, das den 
Belagerungszustand verkündet, so offenkundig ward, einer Partei, die dem 
Namen einer Umsturzpartei nur eben durch den Umsturz ihrer eigenen Grund- 
sätze Ehre gemacht hat, und deren Festigkeit in einem großen historischen 
Moment so gering war, daß ein* Kartenhaus im Vergleich dazu ein Festungs- 
wall erscheint, einer solchen Partei wird sowohl jenes Vertrauen, wie dieser 
• Respekt fehlen. Um sp mehr, je mehr „sozialistische" Frühlingslerchen mitten 
im unwirtlichen Winter des imperialistischen Mißvergnügens herumflattern und 
dem Volke den Wahn eines nahen Kanaans einzutirilieren suchen. Sich einbilden, 
im Wege solcher „direkten Aktionen" nationalliberalen Kalibers dem Proletariat 
die Wege ebnen zu können, heißt das ABC des dialektischen Materialismus in 
den Wind schlagen. 

Die Kunst, uns spielend zu besiegen, haben die Feinde des Proletariats 
gelernt. Die Sozialdemokratie muß die verlorene Achtung zurückerobern; 
zurückerobern im Kampf. Nimmt sie diesen Kampf noch während des Krieges 
auf, so kann sie rasch und gründlich zu jenem Ziel gelangen. Verschiebt sie 
ihn bis nach dem Krieg, so wird es ihr sauer werden, gerade, weü er dann 
minder gefahrvoll ist. 

Erspart bleibt er ihr nicht. 

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Auch in der innerpolitisc^en Wirkung zeigt es sich so, allen Illusionen 
zum Trotz, daß die Mehrheitstaktik die Entwicklung nicht fördert, sondern 
hemmt. ...... 

Die Fraktionserklärung vom 4 August 1914 wünscht Frieden, „sobald das 
Ziel der Sicherung erreicht" ist. 

Der Sicherung wessen? Nur des Territoriums und der . staatlichen 
Unabhängigkeit oder außerdem des vom Kapital für erforderlich gehal- 
tenen Spielraums für weltwirtschaftliche Entfaltung des Deutschen Reiches? 
Und welcher Spielraum nach JArt, Richtung .und Größe wäre das? 
Kann dieser Spielraum ohne Eroberung, ohne Vergewaltigung anderer 
Völker erzielt werden? Wem* nicht, so müßte die Sozialdemokratie 
die darauf gerichtete Politik bekämpfen. Wir sind hier bereits mitten auf dem 
Felde des Imperialismus, der nicht „friedlich" ist, aber selbst wenn er der 
äußeren Form nach „friedlich" wäre, der Antipode des Sozialismus bliebe. 

Der Sicherung wodurch? Mit welchen Mitteln? Etwa militaristischen? Hier 
scheiden sich Sozialismus und Imperialismus von vornherein wie Feuer und 
Wasser. Für den Sozialismus kommt nicht Sicherung durch Waffengewalt, 
durch ,',strategisch günstige Grenzgestaltung" und ähnliches in Betracht. Die 
spezifische Sicherungskraft des Sozialismus ist die wirtschaftliche und all- 
gemein kulturelle Völkersolidarität, die internationale Verbrüderung der 
Arbeiterklasse. Nur dieses Sicherungsmittel erkennen wir als Sozialisten an, 
nur für seine Anwendung können wir uns einsetzen. Alle anderen Sicherungs- 
mittel liegen außerhalb des Bereiches jeder proletarischen sozialistischen Re- 
publik, wenn sie nicht gar dieser Politik schroff widersprechen. 

Das Ziel solche* sozialistischen Sicherung kann aber nie durch den 
Krieg erreicht werden, sondern nur durch sozialistische Propaganda, durch 
internationalen Klassenkampf, durch Zusammenwirken des Proletariats aller 
kriegführenden Länder. Also nicht durch Unterstützung des Krieges, sondern 
durch seine Bekämpfung. .... 

Klassenkampf ist die Losung des Tages. Klassenkampf nicjit erst nach dem 
Kriege. Klassenkampf während des Krieges. Klassenkampf gegen den Krieg. 
Nimmt die Partei nicht. heute, während des Krieges, den Kampf auf, so wird 
man auch an ihren Kampfgeist nach dem Kriege nicht glauben, weder in den 
Arbeitermassen, noch in den Reihen ihrer Gegner. Jetzt gilt es, sich bewähren. 
So kann sich die Partei Kredit verschaffen für alle Zukunft > — Kredit bei 
Freund und Feind, Kredit für die ernstesten Zukunftsmöglichkeiten, Kreait, der 
— mit Opfern des Augenblicks erkauft — dereinst ihre Macht unwiderstehlich 
machen wird. ... 



Bald darauf, Anfang Februar 191 5, wurde Karl Liebknecht mili- 
tärisch eingezogen, und \yenige Tage später, am 18. Februar 1915, wurde 
Rosa Luxemburg verhaftet. Kurze Zeit vorher hatte sie mit Franz 
M e h r i n g eine Wochenschrift für Theorie und Praxis des Marxismus „Die 
Internationale" begründet, die, nach dem Erscheinen ihrer ersten Nummer 
im April 1915 sofort verboten wurde. Dieses Heft der „Internationale" 

2 Unterirdische Literatur jy_ 



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enthielt einen großen programmatischen Aufsatz Rosa Luxemburgs „Der 
Wiederaufbau der Internationalen", den sie schon Anfang Februar verfaßt 
hatte. Wir bringen im folgenden das zweite Kapitel dieses Artikels, da der 
beschränkte Raum nicht erlaubt, ihn vollständig ibzudfucken. Es sei 
übrigens hier darauf hingewiesen, daß das erste Heft der „Internationale" 
vom April 1915 im Futurus-Verlag, München neu gedruckt worden ist. 

Rosa Luxemburg: 
Der Wiederaufbau der Internationalen. (IL Kap.) 

Die offizielle Theorie, die den Marxismus für den jeweiligen Hausbedarf der 
Parteiinstanzen zur Rechtfertigung ihrer Tagesgeschäfte nach Belieben mißbraucht 
und deren Organ die „Neue Zeit" ist, versucht die kleine Unstimmigkeit zwischen 
der heutigen Funktion der Arbeiterpartei und ihren gestrigen Worten dadurch zu 
erklären, daß der internationale Sozialismus sich zwar viel mit der Frage be- 
schäftigt habe, was gegen den Ausbruch des Krieges, nicht aber damit, was 
nach seinem Ausbruche zu unternehmen sei. Als gefälliges Mädchen für alle 
versichert uns diese Theorie, tlaß zwischen der heutigen Praxis des Sozialismus 
und seiner Vergangenheit die schönste Harmonie obwalte, daß keine der sozialisti- 
schen Parteien sich etwas vorzuwerfen hätte, was ihre Zugehörigkeit zur Inter- 
nationale in Frage stellen würde. Gleichzeitig aber hat diese schmiegsame und 
biegsame Theorie auch schon eine ausreichende Erklärung in der Tasche für den 
Widerspruch zwischen der heutigen Position der internationalen Sozialdemokratie 
und ihrer Vergangenheit, ein Widerspruch, der nun doch das blödeste Auge schlägt. 
Die Internationale habe nur die Frage der Verhütung des Krieges ventiliert. Nun 
aber „war der Krieg da", wie die Formel heißt, und nun stellte es sich heraus, 
daß nach Ausbruch des Krieges ganz andere Verhaltungsmaßregeln für die So- 
zialisten gelten als vor dem Kriege. Sobald der Krieg da sei, gelte für jedes 
Proletariat nur noch die Frage: ob Sieg oder Niederlage. Oder wie ein anderer 
„Austromarxist", Fr. Adler, mehr naturwissenschaftlich-philosophisch erklärt: die 
Nation müsse wie jeder Organismus vor allem ihr Dasein behaupten. Auf gut 
deutsch heißt das: es gibt für das Proletariat nicht eine Lebensregel, wie es 
der wissenschaftliche Sozialismus bisher verkündete, sondern es gibt deren zwei: 
eine für den Frieden und eine für den Krieg. Im Frieden gelte im Innern jedes 
Landes der Klassenkampf, nach außen die internationale Solidarität, im Kriege 
gelte im Innern die Klassensolidarität, nach außen der Kampf zwischen den Ar- 
beitern versdiiedener Länder. Der welthistorische Appell des Kommunistischen 
Manifestes erfährt eine wesentliche Ergänzung und lautet nun nach Kautskys 
Korrektur: Proletarier aller Länder, vereinigt euch im Frieden und schneidet euch 
die Gurgeln ab im Kriege! Also heute „jeder Schuß ein Ruß, — jeder Stoß ein 
Franzos", und morgen nach Friedensschluß: „Seid umschlungen, Millionen, diesen 
Kuß der ganzen Welt". Denn die Internationale ist „im wesentlichen ein Friedens- 
instrument", aber „kein wirksames Werkzeug im Kriege". 

Diese gefällige Theorie eröffnet nicht bloß reizvolle Perspektiven für die sozial- 
demokratische Praxis, indem sie die Wandelbarkeit der Fraktion Drehscheibe, ge- 

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paart mit dem Jesuitismus des Zentrums, geradezu zum Grunddogma der 
sozialistischen Internationale erhebt Sie inauguriert auch noch eine ganz neue 
„Revision" des historischen Materialismus, eine Revision, gegen die alle ehe- 
maligen Versuche Bernsteins, als ein harmloses Kinderspiel erscheinen. Die 
proletarische Taktik vor Ausbruch des Krieges und nach diesem soll ganz ver- 
schiedenen, ja direkt entgegengesetzten Richtlinien folgen. Öas setzt » voraus, daß 
auch die gesellschaftlichen Bedingungen, die Grundlagen unserer Taktik, im Frieden 
und im Kriege grundverschieden sind. Nach dem historischen Materialismus, 
wie ihn Marx begründet hat, ist die ganze bisherige geschriebene Geschichte eine 
Geschichte von Klassenkämpfen. Nach Kautskys revidiertem Materialismus muß 
hinzugefügt werden: ausgenommen die Kriegszeiten. Demnach verläuft die gesell- 
schaftliche Entwicklung, da sie seit Jahrtausenden von Kriegen periodisch durch- 
setzt ist, nach folgendem Schema: eine Periode der Klassenkämpfe, darauf Pause, 
worin Zusammenschluß der Klassen und nationale Kämpfe, darauf wieder eine 
Periode der Klassenkämpfe, wieder Pause und Zusammenschluß der Klassen 
und so mit Grazie fort. Jedesmal werden die Grundlagen des gesellschaftlichen 
Lebens im Frieden durch den Kriegsausbruch auf den Kopf gestellt, die der 
Kriegsperiode mit dem Augenblick des Friedensschlusses umgestülpt. Das ist 
schon, wie man sieht, nicht mehr eine Theorie der gesellschaftlichen Entwicklung 
„in Katastrophen", gegen die sich JCautsky einst mit anderen „Quertreibern" zu 
wehren hatte; das ist eine Theorie der Entwicklung — in Purzelbäumen. Die 
Gesellschaft bewegt sich hier etwa wie der treibende Eisberg im Frühlings- 
gewässer, der, wenn seine Basis im lauen Strom ringsumher abgeschmolzen ist, 
nach einer gewissen Zeit den Kopfsturz macht, worauf sich dasselbe niedliche 
Spiel periodisch wiederholt. 

Nun schlagen aber diesem revidierten Geschichtsmaterialismus nicht bloß alle 
bekannten Tatsachen der bisherigen Geschichte derb ins Gesicht, indem sie, statt 
des frisch konstruierten Gegensatzes zwischen Krieg und Klassenkampf, vielmehr 
schon sinnenfällig einen ständigen dialektischen Umschlag der Kriege in Klassen- 
kämpfe und der Klassenkämpfe in Kriege und so ihre innere Wesenseinheit auf- 
zeigen. So in den Kriegen der mittelalterlichen Städtegeschichte, so in den Refor- 
mationskriegen, so in dem niederländischen Befreiungskrieg, so in den Kriegen der 
großen französischen Revolution, so in dem amerikanischen Sezessionskrieg, so 
in dem Pariser Kommuneaufstand, so in der großen russischen Revolution des 
Jahres 1905. Auch rein abstrakt-theoretisch genommen läßt Kautskys Theorie des 
historischen Materialismus von der marxistischen Theorie, wie eine kurze. Über- 
legung klar macht, nicht einen Stein auf dem anderen bestehen. Wenn nämlich, 
wie Marx annimmt, sowohl Klassenkampf wie Krieg nicht vom Himmel fallen, 
sondern sich aus tiefliegenden ökonomisch-sozialen Ursachen ergeben, dann können 
beide nicht periodisch schwinden, wenn ihre Ursachen sich nicht in blauen Dunst 
auflösen. Nun ist der proletarische Klassenkampf nur eine notwendige Folge- 
erscheinung des Lohnverhältnisses wie der politischen Klassenherrschaft der 
Bourgeoisie. Aber während des Krieges schwindet das Lohnverhältnis nicht im 
geringsten, im Gegenteil wird seine Wucht durch Spekulation und Gründerfieber, 
die auf dem üppigen Boden der Kriegsindustrie blühen, sowie durch den Druck 
der Militärdiktatur auf die Arbeiter gewaltsam gesteigert. Die politische Klassen- 

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herrsdiaft der Bourgeoisie hört ebensowenig im Kriege auf: im Gegenteil, sie wird 
durch die Aufhebung der Verfassungsrechte zur nackten Klassendiktatur erhoben. 
Wie kann also, da die ökonomischen und politischen Quellen des Klassenkampfes 
im Kriege zehnfach stärker in der Gesellschaft sprudeln, ihre unausbleibliche Folge, 
der Klassenkampf, aufhören? Umgekehrt ergeben sich Kriege der heutigen Ge- 
schichtsperiode aus den Konkurrenzinteressen der Kapitalistengruppen und aus 
dem Ausdehnungsbedürfnis des Kapitals. Beide Triebfedern wirken aber nicht 
bloß, während die Kanonen dröhnen, sondern auch in den Friedenszelten, wo- 
durch sie gerade den Ausbruch der Kriege vorbereiten und unvermeidlich machen. 
Ist doch der Krieg — wie Kautsky mit Vorliebe aus Oausewitz zitiert — nur „die 
Fortsetzung # der Politik mit anderen Mitteln". Und hat doch gerade die impe- 
rialistische Phase der Kapitalsherrschaft durch das Wettrüsten den Frieden 
Illusorisch gemacht, indem sie im Grunde genommen die Diktatur des Militarismus, 
den Krieg in Permanenz erklärt hat. 

Daraus ergibt sich für den revidierten Geschichtsmaterialismus ein Entweder 
— Oder. Entweder ist der Klassenkampf auch im Kriege das übermächtige Daseins- 
gesetz des Proletariats, und die Proklamierung der Klassenharmonie an 
dessen Stelle im Kriege durch die Parteiinstanzen ein Frevel wider die proleta- 
rischen Lebensinteressen. Oder der Klassenkampf ist auch im Frieden ein Frevel 
gegen die „nationalen Interessen" und die „Sicherheit des Vaterlandes". Ent- 
weder der Klassenkampf oder die Klassenharmonie ist' der fundamentale Faktor 
des gesellschaftlichen Lebens im Kriege wie im Frieden. Praktisch sieht die Alter- 
native noch deutlicher aus: Entweder wird die Sozialdemokratie, wie ehemalige 
junge Draufgänger und heutige alte Betschwestern in unseren Reihen bereits reu- 
mütig ankündigen, vor der vaterländischen Bourgeoisie pater peccavi sagen und 
auch im Frieden ihre ganze Taktik und ihre Grundsätze gründlich revidieren 
müssen, um sich ihrer heutigen sozial-imperialistischen Position anzupassen. Oder 
sie wird vor dem internationalen Proletariat pater peccavi sagen und ihr Ver- 
halten im Kriege ihren Prinzipien im Frieden anpassen müssen. Und was für die 
deutsche, gilt selbstverständlich auch für die französische Arbeiterbewegung. 

Entweder bleibt die Internationale ein Haufen Trümmer auch nach dem 
Kriege, oder ihre Auferstehung beginnt auf dem Boden des Klassenkampfes, aus 
dem sie allein ihre Lebenssäfte zieht. Sie wird nicht etwa durch das Hervor- 
ziehen der alten Leier nach dem- Kriege wieder aufleben, auf" der frisch-fromm- 
fröhlich und frei, wie wenn nichts geschehen wäre, die alten Melodien vorgespielt 
werden, die bis zum 4. August die Welt bezauberten. Nur durch eine „grausam 
gründliche Verhöhnung der eigenen Halbheiten und Schwächen", des eigenen 
moralischen Falls seit dem 4. August, durch die Liquidierung der ganzen Taktik 
seit dem 4. August Jcann der Wiederaufbau der Internationale beginnen. Und 
der erste Schritt in dieser Richtung ist die Aktion für die schnelle Beendigung 
des Krieges, wie für die Gestaltung des Friedens nach dem gemeinsamen Interesse 
des internationalen Proletariats. 

Im selben Monat erschien, aus dem Gefängnis heimlich heraus- 
geschmuggelt und durch Vermittlung Franz Pfemferts illegal in einer 
kleinen Provinzdruckerei hergestellt, „Die Krise der deutschen 

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Sozialdemokrat! e", eine Gefängnisarbeit Rosa Luxemburgs, 
die als „Jun iusbroschüre" in weiten Kreisen bekannt wurde 
und mehrere Auflagen im In- und Ausland erlebte. Jetzt ist sie im Verlag 
Adolf Höffmann neu erschienen. Diese Broschüre ist wohl das theoretisch 
Wertvollste und agitatorisch Wirkungsvollste, was während des Krieges 
an illegalen Propagandaschriften gedruckt worden ist. Wir müssen uns 
hier darauf beschränken, nur einen kleinen Auszug daraus zu geben, und 
zwar wollen Wir einen Teil des letzten Kapitels zum Abdruck bringen. 

Die Krise der deutschen Sozialdemokratie. 

. . . Die wichtigste Lehre für die Politik des Proletariats aus dem heutigen 
Kriege ist deshalb die unerschütterliche Tatsache, daß es sich weder in Deutschland 
noch in Frankreich,, weder in England noch in Rußland zum kritiklosen Echo die 
Losung: Sieg oder Niederlage machen darf, eine Losung, die einzig vom 
Standpunkte des Imperialismus realen Gehalt hat und für jeden Großsiaat mit der 
Frage: Erwerb öder Verlust der weltpolitischen Machtstellung, der Annexionen, 
Kolonien und der militärischen Vorherrschart identisch ist. Für das europäische 
Proletariat im ganzen sind heute von seinem Klassenstandpunkt Sieg und Nieder- 
lage jedes der kriegführenden Lager gleich verhängnisvoll. Es ist eben der K r i e g 
als solcher und- bei jedem militärischen Ausgang, der die denkbar größte Nieder- 
lage für das europäische Proletariat bedeutet, es ist die Niederkämpfung des 
Krieges und die schleunigste Erzwingung des Friedens durch die internationale 
Kampfaktion des Proletariats, die den einzigen Sieg für die proletarische Sache 
bringen kann. Und dieser Sieg allein kann zugleich die wirkliche Rettung Belgiens 
wie der Demokratie in Europa bewirken. 

In dem heutigen Kriege kann das klassenbewußte Proletariat mit keinem mili- 
tärischen Lager seine Sache identifizieren. Folgt etwa daraus, daß die proleta- 
rische Politik heute das Festhalten am Status quo erfordert, daß wir kein anderes 
Aktionsprogramm haben, als den Wunsch: alles soll beim alten bleiben, wie es vor 
dem Kriege war? Aber der bestehende Zustand ist nie unser Ideal, er ist nie 
der Ausdruck der Selbstbestimmung der Völker gewesen. Noch mehr: der frühere 
Zustand läßt sich gar nicht mehr retten, er -existiert nicht mehr, selbst wenn die 
bisherigen Staatsgrenzen bestehen blieben. Der Krieg hat schon vor der formalen 
Liquidation seiner Ergebnisse eine gewaltige Verschiebung der Machtverhältnisse, 
der gegenseitigen Kräfteeinschätzung, der Bündnisse und der Gegensätze gebracht, 
er hat die Beziehungen der Staaten zueinander und der Klassen innerhalb der 
Gesellschaft einer so scharfen Revision unterzogen, so viel alte Illusionen und 
Potenzen vernichtet, so viel neuen Drang und neue Aufgaben geschaffen, daß die 
Rückkehr zum alten Europa, wie es vor dem 4. August 1914 war, ganz so aus- 
geschlossen Ist, wie die Rückkehr zu vorrevolutionären Verhältnissen auch nach 
einer niedergeschlagenen Revolution. Die Politik des Proletariats kennt auch nie 
ein „Zurück," sie kann nur vorwärts streben, sie muß immer über das, Bestehende 
und das Neugeschaffene hinausgehen. In diesem Sinne allein vermag sie* beiden 
Lagern des imperialistischen Weltkrieges ihre eigene Politik entgegenzustellen. 

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Aber diese Politik kann nicht darin bestehen, daß die sozialdemokratischen 
Parteien jede für sich oder gemeinsam au! internationalen Konferenzen um die 
Wette Projekte machen und Rezepte für die bürgerliche Diplomatie ausklügeln, 
wie diese den Frieden schließen soll, um die weitere friedliche und demokratische 
Entwicklung zu ermöglichen. Alle Forderungen, die etwa auf die völlige oder 
stückweise „Abrüstung", auf die Abschaffung der Geheimdiplomatie, auf Zerschla- 
gung aller Großstaaten in nationale Kleinstaaten und dergleichen mehr hinaus- 
laufen, sind samt und sonders völlig utopisch, solange die kapitalistische Klassen- 
herrschaft das Heft in den Händen behält Diese kann zumal unter dem jetzigen 
imperialistischen Kurs so wenig auf den heutigen Militarismus, auf die Geheim- 
diplomatie, auf den zentralistischen gemischtnationalen Großstaat verzichten, daß 
die betreffenden Postulate eigentlich mit mehr Konsequenz allesamt auf die glatte 
„Forderung" hinauslaufen: Abschaffung des kapitalistischen Klassenstaates. Nicht 
mit utopischen Ratschlägen und Projekten, wie der Imperialismus im Rahmen des 
bürgerlichen Staates durch partielle Reformen zu mildern, zu zähmen, zu dämpfen 
wäre, kann die proletarische Politik sich wieder den ihr gebührenden Platz er- 
obern. Das eigentliche Problem, das der Weltkrieg vor die sozialistischen Parteien 
gestellt hat und von dessen Lösung die weiteren Schicksale der Arbeiterbewegung 
abhängen, das ist die Aktionsfähigkeit der proletarischen Mas- 
sen im Kampfe gegen den Imperialismus. Nicht an Postulaten, 
Programmen, Losungen fehlt es dem internationalen Proletariat, sondern an Taten, 
an wirksamem Widerstand, an der Fähigkeit, den Imperialismus im entschei- 
denden Moment gerade im Kriege anzugreifen und die alte Losung „Krieg dem 
Kriege" in die Praxis umzusetzen. Hier ist der Rhodus, wo es zu springen 
gilt, hier der Knotenpunkt der proletarischen Politik und ihrer ferneren Zukunft. . . 

Aber das heutige Wüten der imperialistischen Bestialität in den Fluren Europas 
hat noch eine Wirkung, für welche die „Kulturwelt" kein entsetztes Auge, kein 
schmerzzuckendes Herz hat: das ist der Massenuntergang des euro- 
päischen Proletariats. Nie hat ein Krieg in diesem Maße ganze Volks- 
schichten ausgerottet, nie hat er seit einem Jahrhundert derart sämtliche große und 
alte Kulturländer Europas ergriffen. Millionen Menschenleben werden in den 
Vogesen, in den Ardennen, in Belgien, in Polen, in den Karpathen, an der Save 
vernichtet, Millionen werden zu Krüppeln geschlagen. Aber unter diesen Milli- 
onen sind neun Zehntel das arbeitende Volk aus Stadt und Land. Es ist unsere 
Kraft, unsere Hoffnung, die dort reihenweise wie das Gras unter der Sichel tag- 
täglich dahingemäht wird. Es sind die besten, intelligentesten, geschultesten Kräfte 
des internationalen Sozialismus, die Träger der heiligsten Traditionen und des 
kühnsten Heldentums der modernen Arbeiterbewegung, die Vordertruppen des ge- 
samten Weltproletariats: die Arbeiter Englands, Frankreichs, Belgiens, Deutsch- 
lands, Rußlands, die jetzt zuhauf niedergeknebelt, niedergemetzelt werden. Diese 
Arbeiter der führenden kapitalistischen Länder Europas sind es ja gerade, die die 
geschichtliche Mission haben, die sozialistische Umwälzung durchzuführen. Nur 
aus Europa, nur aus den ältesten kapitalistischen Ländern kann, wenn die Stunde 
reif ist, das Signal zur menschenbefreienden sozialen Revolution ausgehen. Nur 
die englischen, französischen, belgischen, deutschen, russischen, italienischen Ar- 
beiter gemeinsam können die Armee der Ausgebeuteten und Geknechteten der 



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fünf Weltteile voranführen. Nur sie können, wenn die Zeit kommt, für die Jahr- 
hunderte alten Verbrechen des Kapitalismus an allen primitiven Völkern, für 
sein Vernichtungswerk auf dem Erdenrund Rechenschaft fordern und Vergeltung 
üben. Aber zum Vordringen und zum Siege des Sozialismus gehört ein starkes, 
aktionsfähiges, geschultes Proletariat, gehören Massen, deren Macht sowohl in ihrer 
geistigen Kultur wie in ihrer Zahl liegt Und diese Massen werden gerade durch 
den Weltkrieg dezimiert. Die Blüte des Mannesalters und der Jugendkraft, Hundert- 
tausende, deren sozialistische Schulung in England und Frankreich, in Belgien, 
Deutschland und Rußland das Produkt jahrzehntelanger Aufklärungs- und Agi- 
tationsarbeit war, andere Hunderttausende, die morgen für den Sozialismus ge- 
wonnen werden konnten, fallen und vermodern elend auf den Schlachtfeldern. Die 
Frucht jahrzehntelanger Opfer und Mühen von Generationen wird in wenigen 
Wochen vernichtet, die Kerntruppen des internationalen Proletariats werden an 
der Lebenswurzel ergriffen. 

Der Aderlaß der Junischlächterei hatte die französische Arbeiterbewegung 
für anderthalb Jahrzehnte lahmgelegt. Der Aderlaß der Kommunemetzelei hat 
sie nochmals um mehr als ein Jahrzehnt zurückgeworfen. Was jetzt vorgeht, 
ist eine nie dagewesene Massenabschlachtung, die immer mehr die erwachsene 
Arbeiterbevölkerung aller führenden Kulturländer auf Frauen, Greise und Krüppel 
reduziert, ein Aderlaß, an dem die europäische Arbeiterbewegung zu verbluten 
droht. Noch ein solcher Weltkrieg, und die Aussichten des Sozialismus sind unter 
den von der imperialistischen Barbarei aufgetürmten Trümmern begraben. Das 
ist noch mehr als die ruchlose Zerstörung Löwens und der Reimser Kathedrale. 
Das ist ein Attentat nicht auf die bürgerliche Kultur der Vergangenheit, sondern 
auf die sozialistische Kultur der Zukunft, ein tödlicher Streich gegen diejenige 
Kraft, die die Zukunft der Menschheit in ihrem Schoß trägt und die allein die 
kostbaren Schätze der Vergangenheit in eine bessere Gesellschaft hinüberretten 
kann. Hier enthüllt der Kapitalismus seinen Totenschädel, hier verrät er, daß sein 
historisches Daseinsrecht verwirkt, seine weitere Herrschaft mit dem Fortschritt 
der Menschheit nicht mehr vereinbar ist 

Hier erweist sich aber auch der heutige Weltkrieg nicht bloß als ein gran- 
dioser Mord, sondern auch als Selbstmord der europäischen Arbeiterklasse. Es 
sind ja die Soldaten des Sozialismus, die Proletarier Englands, Frankreichs, 
Deutschlands, Rußlands, Belgiens selbst, die einander auf Geheiß des Kapitals 
seit Monaten abschlachten, einander das kalte Mordeisen ins Herz stoßen, einander 
mit tödlichen Armen umklammernd, zusammen ins Grab hinabtaumeln. 

„Deutschland, Deutschland über alles! Es lebe die Demokratie! Es lebe der 
Zar und das Slawentum! Zehntausende Zeltbahnen, garantiert vorschriftsmäßig! 
Hunderttausend Kilo Speck, Kaffee-Ersatz, sofort lieferbar!" ... Die Dividenden 
steigen, und die Proletarier fallen. Und mit jedem sinkt ein Kämpfer der Zu- 
kunft, ein Soldat der Revolution, ein Retter der Menschheit vom Joch des Kapita- 
lismus ins Grab. 

Der Wahnwitz wird erst aufhören und der blutige Spuk der Hölle wird ver- 
schwinden, wenn die Arbeiter in Deutschland und Frankreich, in England und 
Rußland endlich aus ihrem Rausch erwachen, einander brüderlich die Hand reichen 
und den bestialischen Chorus der imperialistischen Kriegshetzer wie dem heiseren 

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Schnei der kapitalistischen Hyänen durch den alten mächtigen Schlachtruf der 
Arbeit überdonnern: Proletarier aller Länder, vereinigt euch! 



Im Mai 1915 trat Italien auf der Seite der Entente in den Krieg 
ein. Da erschien inmitten des allgemeinen patriotischen Kriegsrummels 
eh\ von Karl Liebknecht. verfaßtes Flugblatt der revolutionären 
Marxisten, das einen beispiellosen Widerhall in den Massen des klassen- 
bewußten Proletariats fand und wesentlich zur Konsolidierung der 
Opposition beitrug. Es lautet: 

Der Hauptfeind steht im eigenen Land! 

Was seit 10 Monaten, seit dem Angriff Österreichs auf Serbien, täglich zu 
erwarten war, ist eingetroffen: Der Krieg mit Italien ist da. 

Die. Volksmassen der kriegführenden Länder haben begonnen, sich aus den 
amtlichen Lügennetzen zu befreien. Die Einsicht in die Ursachen und Zwecke des 
Weltkrieges, in die unmittelbare Verantwortlichkeit für seinen Ausbruch, hat sich 
auch im deutschen Volk verbreitet. Der Irrwahn heiliger Kriegsziele ist mehr und 
mehr gewichen, die Kriegsbegeisterung geschwunden, derWUlezum schleu- 
nig e n Frieden mächtig emporgewachsen, allenthalben — auch in der Armee. 

Eine schwere Sorge für die deutschen und österreichischen Imperialisten, die 
sich vergeblich nach Rettung umsahen. Sie scheint ihnen jetzt gekommen. Italiens 
Eingreifen in den Krieg soll ihnen die willkommene Gelegenheit bieten, neuen 
Taumel des Völkerhasses zu entfachen, den Friedenswillen zu ersticken, die Spur 
ihrer eigenen Schuld zu verwischen. Sie spekulieren auf die Vergeßlichkeit des 
deutschen- Volkes, auf seine nur allzu oft erprobte Langmut. 

Würde der saubere Plan glücken, das Ergebnis zehnmonatiger blutiger Er- 
fahrung wäre zunichte, das internationale Proletariat stände wiederum entwaffnet 
da, völlig ausgeschaltet als selbständiger politischer Faktor. 

Der Plan muß zuschanden* werden — sofern der dem inter- 
nationalen Sozialismus treugebliebene Teil des deutschen Proletariats seiner 
geschichtlichen Sendung in dieser ungeheuren Zeit eingedenk und würdig bleibt. 

Die Feinde des Volkes rechnen mit der Vergeßlichkeit der Massen — wir 
setzen dieser Spekulation entgegen die Losung: 

Alles lernen, nichts -vergessen! 
Nichts vergessen! 

Wir haben erlebt, daß bei Kriegsausbruch die Massen von den herrschenden 
Klassen mit lockenden Melodien für den kapitalistischen Kriegszweck eingefangen 
wurden. Wir haben erlebt, wie die schillernden Seifenblasen der Demagogie zer- 
platzten, die Narrenträume des August verflogen, wie statt des Glücks Elend und 
•Jammer über, das Volk kamen; wie die Tränen der Kriegs witwen und Kriegs- 
waisen zu Strömen anschwollen; wie die Erhaltung der Dreiklassenschmach, die 
verstockte Heiligsprechung der Viereinigkeit: Halbabsolutismus — Junkerschaft — - 
Militarismus — Polizeiwillkür zur bitteren Wahrheit wurde* 

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Durch die Erfahrung sind wir gewarnt — alles lernen, nichts vergessen! 

Widerwärtig sind die Tiraden, mit denen der italienische Imperialismus seine 
Raubpolitik verbrämt; widerwärtig ist jene römische Tragikomödie, in der auch 
die landläufig gewordene Frage des Burgfriedens, nicht fehlt. Noch widerwärtiger 
ist jedoch, daß wir in alledem nur in einem Spiegel die deutschen und öster- 
reichischen Methoden vom Juli und August 1914 wiedererkennen. 

Jede Brandmarkung verdienen die italienischen Kriegshetzer. Aber sie. sind 
nichts als die Abbilder der deutschen und österreichischen Kriegshetzer, jener 
Hauptschuldigen am Kriegsausbruch. GleicheBrüder, gleiche Kappen! 

Wem hat das deutsche VolR die neue Heimsuchung zu 
danken? Von wem hat es Rechenschaft zu lordern für die neuen Opfer- 
Hekatomben, die sich türmen werden? 

Es bleibt dabei: das österreichische Lfltimatum an Serbien vom 23. Juli 1914 
war die Brandfackel, die die Welt entzündete, wenn auch der Brand erst spät 
auf Italien übergriff., 

Es bleibt dabei: dieses Ultimatum war das Signal für die Neuverteilung der 
Welt und rief mit Notwendigkeit alle kapitalistischen Raubstaaten auf den Plan. 

Es bleibt dabei, dieses Ultimatum rollte die Frage der Vorherrschaft auf dem 
Balkan, in Kleinasien und im ganzen Mittelmeer und damit auch alle Gegensätze 
zwischen Österreich-Deutschland und Italien mit einem Schlage auf. 

Wenn sich die deutschen und österreichischen Imperialisten jetzt hinter dem 
Busch der italienischen Raubpolitik, hinter der Kulisse der italienischen Treu- ' 
losigkeit zu verstecken suchen, wenn sie die Toga der moralischen Enirüstung, der 
gekränkten Unschuld umwerfen, während sie doch in Rom nur eben ihres- 
gleichen gefunden haben, so verdienen sie die Lauge des grausamsten Hohns. 

Nicht zu vergessen gilt'es, wie mit dem deutschen Volke gerade 
in der i t a 1 i e n i s,c h e n- F r a g e g'e s p i e lt worden ist, gespielt von den sehr 
ehrenwerten deutschen Patrioten. 

Seit je war der Dreibundvertrag mit Italien eine Farce — euch hat man 
darüber getäuscht! 

Stets galt Italien dem Kundigen für den Kriegsfall als sicherer Gegner Öster- 
reichs und Deutschlands — euch hat man es als einen sicheren Bundesgenossen 
vorgegaukelt. 

Im Dreibundvertrag, bei dessen Abschluß und Erneuerung niemand euch be- 
fragte, lag ein gut Teil von Deutschlands weltpolitischem Schicksal beschlossen -+ 
bis zum heutigen Tage ist aus diesem Vertrage nicht ein Buchstabe mitgeteilt. 

Das österreichische Ultimatum an Serbien, mit dem eine kleine Clique die 
Menschheit überrumpelte, war der Bruch des Bündnisvertrags zwischen* Österreich 
und Italien — ■ euch hat man davon nichts gesagt. 

Dieses Ultimatum ist gegen den ausdrücklichen Widerspruch Italiens ergangen 

— euch hat man das verschwiegen. 

Am 4. Mai dieses Jahres schon war von Italien das Bündnis mit Österreich 
aufgelöst — bis zum 18. Mai hat m a n* d i e s e entscheidende Tat- 
sache dem österreichischen und deutschen Volke vorent- 
halten, /ja, der Wahrheit zum Trotz geradewegs amtlich abgeleugnet 

— ein Gegenstück zu jener geflissentlichen Düpierung des deutschen Volkes und 

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des deutschen Reichstags über das deutsche Ultimatum an Belgien vom 
2. August 1914. 

Auf die Verhandlungen Deutschlands jwd Österreichs mit Italien, von denen 
das Eingreifen Italiens abhing, gab man euch keinen Einfluß. . . . Als Unmündige 
wurdet ihr in dieser Lebensfrage behandelt, während die Kriegspartei, während die 
Scheindiplomatie, während eine Handvoll Leute in Berlin und Wien um das 
Schicksal Deutschlands würfelte. 

Durch die Torpedierung der Lusitania wurde nicht nur die Macht der eng- 
lischen, französischen und russischen Kriegsparteien gefestigt, ein schwerer Konflikt 
mit den Vereinigten Staaten heraufbeschworen, das ganze neutrale Ausland zu 
leidenschaftlicher Empörung gegen Deutschland aufgebracht, sondern auch der 
italienischen Kriegspartei gerade in der kritischen, Zeit 
ihr verhängnisvolles Werk erleichtert — auch dazu hat das deutsche 
Volk schweigen müssen; die eiserne Faust des Belagerungszustandes drückte ihm 
die Ourgel zu. 

Im März dieses Jahres schon konnte der Friede an- 
gebahnt werden — die Hand war von England geboten — 
die Profitgier der deutschen Imperialisten wies sie zurück. 
Hintertrieben wurden aussichtsreiche Friedensbemühungen durch die deutschen 
Interessenten an kolonialen Eroberungen großen Stils, an der Annexion Belgiens 
und Französisch-Lothringens, durch die Kapitalisten der großen deutschen Schiff- 
' fahrtsgesellschaften, durch die Scharfmacher der deutschen Schwerindustrie. 

Auch das hat man dem deutschen Volke verheimlicht. Auch da hat man 
es nicht zu Rate gezogen. 

Wem hat, so fragen wir, das deutsche Volk die Fortsetzung des grauen- 
vollen Krieges, wem Italiens Eingreifen zu danken?' Wem anders als den ver- 
antwortlichen Unverantwortlichen im eigenen Lande? 

Alles lernen, nichts vergessen! 

Der italienische Abklatsch der deutschen Ereignisse vom Sommer vorigen 
Jahres kann Denkenden kein Sporn zu neuem Kriegstaumel sein, 
nur ein neuer Anstoß zur Verscheuchung jener Hoffnungsirrwische von einer 
Morgenröte politischer und sozialer Gerechtigkeit, nur ein neues Licht zur Er- 
hellung der politischen Verantwortlichkeiten, zur Enthüllung der ganzen Gemein- 
gefährlichkeit jener österreichischen und deutschen 
Kriegstreiber, nur ein neuer Anklageakt gegen sie. 

Lernen und nicht vergessen! aber gilt es auch vor allem, welch helden- 
mütigen Kampf unsere italienischen Genossen gegen den 
Krieg gekämpft haben und noch kämpfen. Kämpfen in der Presse, in Versamm- 
lungen, in Straßenkundgebungen, kämpfen mit revolutionärer Kraft und 
Kühnheit, trotzend mit Leib und Leben dem wütenden Anprall der obrig- 
keitlich aufgepeitschten nationalistischen Wogen. Ihrem Kampf gelten Unsere be- 
geisterten Glückwünsche. Laßt ihren Geist unser Vorbild sein! Sorgt, daß 
er das Vorbild der Internationale werde! 

Wäre er es seit jenen Augusttagen gewesen, es stünde besser in der Welt. 
£s stünde besser um das internationale Proletariat. 

Aber kein „Zuspät" kennt entschlossener Kampfeswille! 

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Abgewirtschaftet hat die unsinnige Parole des „Durchhaltens", die nur immer 
tiefer in den Mahlstrom der Vöflcerzerfleischung führt Internationaler 
proletarischer Klassenkampf gegen internationale impe- 
rialistische Völkerzerf leischung heißt das sozialistische Gebot der 
Stunde. 

Der ^iauptfeind jedes Volkes steht im eigenen Land! 
Der Hauptfeind des deutschen Volkes steht in Deutsch- 
land: der deutsche Imperialismus, die deutsche Kriegs- 
partei, die deutsche Geheimdiplomatie. Diesen Feind im eigenen 
Lande gilt es für das deutsche Volk zu bekämpfen, zu bekämpfen im politischen 
Kampf, zusammenwirkend mit dem Proletariat der anderen Länder, dessen Kampf 
gegen seine einheimischen Imperialisten geht. 

Wir wissen uns eins mit dem deutschen Volk — nichts gemein haben wir 
mit den deutschen Tirpitzen und Falkenhayns, mit der deutschen Regierung der 
politischen Unterdrückung, der sozialen Knechtung. Nichts für diese! Alles für 
das deutsche Volk! Alles für das internationale Proletariat, um 
des deutschen Proletariats, um der geknechteten Mensch- 
heit willen. 

Die Feinde der Arbeiterklasse rechnen auf die Vergeßlichkeit der Massen — 
sorgt, daß sie sich gründlich verrechnen! Sie spekulieren auf die Langmut der 
Massen — wir aber erheben den stürmischen Ruf: 

„Wie lange noch wollen die Glückspieler des 
Imperialismus die Geduld des Volkes miß- 
brauchen! Genug und übergenug der Metzelei! Nieder 
mit den Kriegshetzern diesseits und jenseits der Grenze! 
Ein Ende dem Völkermord!" 
Proletarier aller Länder, folgt dem heroischen Beispiel eurer italienischen 
Brüder! Vereinigt euch zum internationalen Klassenkampf 
gegen die Verschwörungen der Geheimdiplomatie, gegen den Imperialismus, gegen 
den Krieg, für einen Frieden im sozialistischen Geist. 
Der Hauptfeind steht im eigenen Land! 



Bekannt ist ferner das sogenannte „Unterschriften-Flugblatt vom 
9. Juni 1915", ein von Liebknecht, Duncker u. a. als „Offener Brief" 
an den Vorstand der sozialdemokratischen Partei Deutschlands und an 
den Vorstand der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion verfaßter 
Protest gegen eine imperialistisch-annexionistische Gewerkschaftskund- 
gebung, der, von etwa tausend Funktionären aus dem Reich unter- 
schrieben, in vielen Tausenden von Exemplaren illegal verbreitet wurde. 

Der weitere Verlauf des Jahres 1915 brachte wenig Neues und 
Bemerkenswertes an unterirdischer Literatur. Vom 5. bis 8. September 
1915 tagte die erste Zimmerwalder internationale Konferenz. Das von ihr 
erlassene Manifest fand in Deutschland — wie in den anderen beteiligten 
Ländern — weite Verbreitung. Doch der Sozialpatriotismus hatte schon 
.zu breite Schichten erfaßt, als daß man hätte erwarten können, von 

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Zimmerwald-Kienthal aus werde eine neue wirksame sozialistische Inter- 
nationale die durch Schützengräben voneinander getrennten Genossen 
der verschiedenen Lander zum gemeinsamen erfolgreichen Vorgehen 
gegen den Sozialimperialismus und Sozialpatriotismus vereinigen können. 

Der „Klassenkampf gegen den Krieg" mußte von anderer Seite 
geführt werden: von der oppositionellen Bewegimg im Inland. 

Zur kurzen Orientierung über die Entwicklung der Opposition und 
ihrer Tätigkeit seien noch folgende Feststellungen erlaubt, die zum Ver- 
ständnis der später angeführten unterirdischen Literatur nötig sind: 

Am 18. März 1915 fand eine Sitzung der sozialdemokratischen 
Reichstagsfraktion statt, auf der das Dreizehnmilliardenbudget — 
worunter 10 Milliarden neuer Kriegskredite veranschlagt waren— zur 
Beratung stand. Die Bewilligung der Kriegskredite wurde in der Fraktion 
mit 77 gegen 23 Stimmen, die des ganzen Budgets mit 69 gegen 30 
Stimmen beschlossen. Diesmal blieb Karl Liebknecht nicht allein, als im 
Plenum über die Bewilligung des Budgets abgestimmt wurde. Otto 
Rühle schloß sich ihm an, während ein großer Teil derer, die in der 
Fraktionssitzung gegen die Kredite gestimmt hatten, es vorzog, vor der 
Abstimmung den Sitzungssaal zu verlassen. R ü h 1 e s Kreditverweigerung 
ist allerdings nicht als revolutionäre Aktion gegen den Krieg zu buchen. 
Wie er in seinem am 20. März 1915 an den Fraktionsvorstand gerich- 
teten Brief schreibt, versteht er sich nur deshalb zur Ablehnung der 
Kriegskredite, weil sie ein Teil des Budgets sind und er sich durch die 
Parteitagsbeschlüsse zur Ablehnung der gesamten Etats für verpflichtet 
erachte. Als im August 1915 die 4. Kriegskreditvorlage zur Beratimg 
stand, war Liebknecht wieder die einzige ungebrochene Säule des inter- 
nationalen Sozialismus im deutschen Parlament. Erst im Dezember 1915 — 
bei der fünften Kreditvorlage — entschloß sich die inzwischen auf 21 an- 
gewachsene Opposition, diesmal im Plenum gegen die Kriegskredite zu 
stimmen. Das Flugblatt, das zur Motivierung ihrer Aktion von den 
Kreditverweigerern herausgegeben wurde, ist die erste Kundgebung der 
späteren „Sozialdemokratischen Arbeitsgemeinschaft". Wie die grund- 
sätzliche Opposition um Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg, über die 
Aktion der Dezembermänner urteilte, geht aus den sogenannten „Spar- 
takusbriefen" hervor, in denen Anfang 1916 eine lebhafte Polemik gegen 
den Opportunismus der Fraktionsminderheit geführt wurde. 

Die Spartakusbriefe tauchten unter dem Titel „Politische Briefe" und mit 
der Pseudonymen Unterschrift „Spartacus" im Januar 191 6 auf und erschienen 
in Abständen von ein bis drei Wochen bis Dezember 1916. Sie wurden 
mit Schreibmaschine geschrieben und hektographiert; die Technik ihrer 
illegalen Verbreitung scheint sehr gut organisiert gewesen zu sein; denn 
bald waren die „Spartakusbriefe" selbst in kleinen Provinzstädten in 

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allen Teilen des Reiches bekannt. Wir bringen hier zunächst den Leit- 
artikel „Die Dezembermänner von 1915" aus dem ersten Spartaküsbritf 
(Politische Briefe Nr. la) vom 27. Januar 1916 und den program- 
matischen Artikel „Die Lebensfrage des Sozialismus", sowie die auch in 
der Juniusbroschüre abgedruckten und in besonderen Flugblättern ver- 
breiteten „Leitsätze" aus dem dritten Spartakusbrief (Politische Briefe 
Nr. 2) vom 3. Februar 1916, die von Rosa Luxemburg verfaßt und am 
Neujahrstag 1916 auf der ersten in der Wohnung Karl Liebknechts ab- 
gehaltenen geheimen Reichskonferenz der „Gruppe Internationale" als 
Basis für die weitere Tätigkeit einstimmig angenommen worden waren. 

Die Dezember-Männer von 1915. 

Nach anderthalb Kriegsjahren wuchs am 21. Dezember 1915, bei der fünften 
Milliarden-Vorlage, das .Häuflein dfr Kreditverweigerer auf zwanzig. Heißt das 
Erlösung? Die Situation kann verwirren. Ziehen wir scharfe Linien. 

Erlösung könnte sein eine Fraktionsminderheit, die einig über das Wesen von 
Sozialismus und Imperialismus, einig über die Aufgaben des Proletariats gegen 
Imperialismus und Krieg, einig über die Kampfmethoden, einig im Kampfwillen 
eine aktionsfähige, zielklar, konsequent und rücksichtslos vorwärtsdrängende Gemein- 
schaft bildete, eine Fraktionsminderheit, die entschlossen wäre, den außerparlamen- 
tarischen, Burgfrieden auf Schritt und Tritt mit allen Mitteln in zäher öffentlicher 
Fronde gegen die Fraktionsmehrheit zu zerstören, den Klassenkampf gegen Krieg, 
Regierung und herrschende Gesellschaftsordnung rastlos zu* führen, eine Fraktions- 
minderheit, die keine revolutionären Kräfte hemmen, sondern unter Entfesselung der 
kühnsten Initiative immer neue revolutionäre Kräfte schaffen würde. 

Messen wir an diesem Maße die Männer vom 21. Dezember und ihre 
Leistungen! , 

Sind sie einig in der Grundauffassung? Mit niditen! Wer sind. sie? Wenige 
Vertreter des grundsätzlichen Internationalismus, die die Verwirrungsphrase von 
der Vaterlandsverteidigung schlechthin ablehnen, neben allerhand Erdberungs- 
gegnern, die dieser Phrase anhängen, die bei jeder Gelegenheit ihr „wahrhaft 
patriotisches" Herz öffentlich ausstellen, aber nach Jahr und Tag das Haar der 
Annexionspolitik in der Suppe der imperialistischen „Vaterlandsverteidigung" ent- 
deckt haben; und neben diversen „Sicherungs"-gläubigen, die im Vertrauen auf 
Hindenburg und Falkenhayn leben und meinen, Deutschland habe genug gesiegt, 
Feinde und Verfechter der Politik des 4. August — Feuer und Wasser neben- 
einander! Auch Verfechter des Vergeltungsprinzips, denen die diplomatische „Auf- 
hebung des Seebeuterechts" — just im Augenblick der Zerstampfung alles Völker- 
rechts — Wundersalbe gegen Rasereien der Kriegsbarbarei und Schlüssel zum 
Paradies des Völkerfriedens oder doch zu seinem Vorhof scheint. 

Prinzipielle Einmütigkeit ist die erste Voraussetzung aller ernsthaften Aktions- 
fähigkeit. Den Dezembermännern fehlt diese Voraussetzung. 

Sind sie einig in der Haltung der Fraktionsmehrheit? Mit nichten! Nur 
wenige sind gewillt, den unerbittlichen öffentlichen Widerstand und die unerbittliche 

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öffentliche Offensive gegen sie zum dauernden Prinzip ihres Handelns zu machen. 
Die Mehrzahl wagt sich nicht über den ,,Diszipttnbruch" in der Kreditfrage 
hinaus, sucht ihr „Disziplingewissen" advokatorisch zu betäuben, schwört, die 
Parteieinheit zu schirmen, preist ihren spätgeborenen Radikalismus als das beste 
Öl zur Beruhigung der aufsässigen Massen und tröstet sich und die Fraktions- 
mehrheit mit der Erwartung baldiger Erneuerung treuer Waffenbrüderschaft. 
Und die Festigkeit, die Zuverlässigkeit der Dezember-Bekehrten, die von der 
Massenstimmung in die Opposition geweht sind? Dieser politische Flugsand 
müßte erst 1 zu Stein erhärten, ehe auf ihn zu bauen wäre. 

Einmütige Bereitschaft zu entschlossenem revolutionärem Handeln ist die 
zweite Voraussetzung für die einzige Leistung, die heute vor dem Sozialismus 
legitimiert, für den internationalen revolutionären Klassenkampf gegen Krieg und 
Imperialismus. Den Dezember-Männern fehlt auch diese Voraussetzung. 

Die Minderheit vom 21. Dezember, die unter dem Segen Kautskys erstand, 
war schon an diesem Tage keine Gemeinschaft, nur eine für den Einzelfall zusam- 
mengewürfelte Schar verschiedenartiger Elemente, eine Schar von widersprechenden 
Auffassungen in Theorie und Taktik, von so verschiedenem Grade der Energie 
und Festigkeit, daß sie von vornherein zur gemeinsamen Durchführung einer 
folgerichtigen sozialistischen Politik unfähig war, ein Konglomerat, das, wenn es 
die fortgeschrittensten Elemente in ihrer freien Initiative binden und hemmen würde, 
ein böser Schaden wäre. r 

Ist aber der 2L Dezember 1915 selbst nicht eine schlagende Widerlegung 
dieser These? Mit nichten! Er trägt alle Schwächen jener „Gemeinschaft". 
Gewiß, die öffentliche Abstimmung gegen die Kredite war ein Schritt voran. Gewiß, 
daß nun auch die Achtzehn durch das Fegefeuer des „Disziplinbruchs" gingen, als 
sie im Plenum des Reichstags handelten und redeten, war nicht ohne. Wenn es auch 
siebzehn Monate zu spät kam. Aber der Inhalt der Erklärung zeigt sofort die 
peinliche Halbheit der Leistung. Sie vermeidet eine schroffe Stellungnahme gegen 
Fraktionsmehrheit und selbst gegen Regierung und bürgerliche Parteien: man 
wollte nicht das öffentliche Schauspiel heftiger Szenen zwischen Fraktionsgenossen 
und — um Himmelswillen! — auch keine Empörung der Bürgerlichen. Man 
war artig und vornehm, wie sich's im Zeitalter des Weltkrieges und des Belage- 
rungszustandes für wohlerzogene Sozialdemokraten ziemt; Burgfrieden immerhin! 
Mit Blitz und Donner hätte die Erklärung dreinfahren sollen — sie trug den 
gedämpften Ton, den gemäßigten Geist „besonnener" Staatsmännerei. 

In allen Stellungen ist dk Opposition gegen den Krieg schwach und ver- 
loren; nur auf einem Standpunkt steht sie unanfechtbar, unverwundbar. Und 
dieser Standpunkt ist: Anerkennung der internationalen Interessengemeinschaft der 
Arbeiterklasse, ihres internationalen Interessengegensatzes gegen die kapitalistische 
Gesellschaftsordnung und der Notwendigkeit des internationalen Klassenkampfes 
als der souveränen Bestimmungsgründe für die sozialistische Taktik im Frieden 
und im Kriege; daraus hergeleitet: grundsätzliche Kampfstellung gegen den 
Imperialismus als die höchste Phase der kapitalistischen Gesellschaftsordnung, und 
gegen Krieg und „Burgfrieden" als intensivste Lebensäußerungen des Imperialis- 
mus, als Verneinungen der internationalen Solidarität und des Klassenkampfes. 

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Jede Politik, die den grundsätzlichen Internationalismus verwirft und ihre 
Stellung zu Krieg und Burgfrieden nicht nach dem geschichtlichen Wesen des 
Kriegs, der Regierungen und der bestehenden Gesellschaftsordnung bestimmt, jede 
Politik, die der Verwirrungsphrase von der Landesverteidigung folgt und die Unter- 
stützung oder Bekämpfung der Regierungen und des Krieges von der jeweiligen 
militärischen Lage oder irgendwelchen Kriegsziel-Kundgebungen abhängig macht, 
unterscheidet sich von der ,,Mehrheits"-Politik des Regierungsoffiziösentums 
sans phrase nur durch geringere Folgerichtigkeit. Jedes Zugeständnis an sie 
bedeutet Kapitulation vor der Mehrheitspolitik. 

Die Erklärung vom 21. Dezember weicht einer Stellungnahme zu jenem 
Grundprinzip jämmerlich aus. Sie bietet einen Satz des Mißtrauens gegen die 
Gesamtpolitik der kapitalistischen Regierung; und sofern diese freilich sehr sanft- 
mütige und vorsichtige Phrase der Ablehnungs-Erklärung unmittelbar vorangeht, 
möcht's leidlich scheinen. Sie unterläßt aber jede geschichtliche Charakterisierung 
des Krieges, vermeidet selbst das Wort Imperialismus, erwähnt die Eroberungs- 
pläne, als seien sie erst in kürzlichen Regierungskundgebungen offenbart, und 
bringt schließlich die Wendung: „Unsere Landesgrenzen und unsere Unabhängig- 
keit sind gesichert, uns droht kein Einbruch feindlicher Heere". Diese Wendung 
ist absichtlich zweideutig gehalten; sie soll nach ihrer Entstehungsgeschichte die 
„Sicherung der Landesgrenzen" nicht als Motiv für die Kreditablehnung bezeichnen, 
sondern nur als Tatsache feststellen; sie soll demagogische Einwendungen ab- 
schneiden und etwa besagen: „Selbst dieses Motiv — wo immer es gehegt wurde 
— ist für Deutschland bei seiner günstigen militärischen Lage erledigt". Sie 
drückt das jedoch — eine Konzession an die „Sicherungs"gläubigen! — so 
undeutlich aus und knüpft so deutlich an eines der bedenklichsten Schlagworte aus 
der Erklärung vom 4. August 1914 an, daß sie in hohem Maße gefährlich ist. 
Es gilt von der Erklärung, was einer der Zwanzig noch am 21. Dezember den 
anderen Neunzehn schrieb: 

„Sie grenzt an eine Anerkennung der Politik des 4. August 1914; sie enthält 
Wendungen, die der französischen Fraktionsmehrheit ein Argument zur Fort- 
setzung ihrer bisherigen Kriegspolitik bieten, der französischen Minderheit Schwie- 
rigkeiten machen, und — bei Umschwung der Kriegslage — den Umfall der 
deutschen Fraktionsminderheit vorbereiten können; sie ist nur schwer mit dem 
Zimmerwalder Beschluß in Einklang zu bringen." 

Und es gilt weiter von der ganzen Aktion des 21. Dezember, was am 
Schlüsse dieses Briefes gesagt ist: 

„So erfreulich und wertvoll die heutige Abstimmung der Zwanzig und die 
Tatsache der Abgabe einer Erklärung im Plenum ist, sie wird — zumal bei dem 
Inhalt der Erklärung — ihre Bedeutung erst durch die weitere 
Politikjiieser Genossen erhalten. Nur wenn sie durch diese Politik 
als Kundgebung des entschlossenen Willens zur Aufnahme 
des Klassenkampfes, zur grundsätzlichen Zerstörung des parla- 
mentarischen Burgfriedens gekennzeichnet wird, wird sie mehr sein 
als eine „schöne Geste". Eine konsequente unerbittliche Opposition im Reichstag 
usw. gegen den Willen der Fraktionsmehrheit, ist das „Gebot der Stunde", dieser 
Stunde. 

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Versagen hier die Zwanzig, so verdammen sie sich selbst zur Ohnmacht, 
ihre Ohnmacht wird offenbar, ihr aufkeimender Einfluß auf die Massen geht zum 
Teufel, und Fraktionsmehrheit wie Regierung werden in Zukunft parlamenta- 
risch stärker sein als vor cjem 21. Dezember 1915.* 

Wie aber steht es mit der Erfüllung dieses Postulats? Hat die spätere Politik 
der Dezember-^länner ihrer Aktion den Stempel aufgeprägt, der ihr erst Wert 
verliehen hätte? Danach ist heute das Urteil zu fällen. Bereits in der ersten 
Fraktionssitzung nach der Dezember-„Tat" wehte ein sentimentales Mailüfterl 
statt des Konfliktorkans, den die Lage erforderte; ein Landregen rann statt des 
stürmenden Wolkenbruchs. Die Minderheit spielte mit dem Gedanken des Aus- 
schlusses aus der Fraktion, im Ernst dachte kaum einer daran. Das Strafgericht 
gegen die neuen Disziplinbrecher wurde zu einem Kusch-Kusch, zu einem aus- 
sichtsreichen Drohen mit dem Bakel gegen künftige gröbere „Ausschreitungen" 
der Minderheit. Der Wille zu diszipliniertem Zusammenwirken auf allen Gebieten 
außerhalb der Kreditfrage, die Hoffnung baldiger fleckenloser Eintracht, verklärte 
die Stimmung bei Mehrheit und Minderheit. \ 

Bereits am 20. Dezember hatten die Dezember-Männer ihre historische Arbeit 
begonnen mit einem Versuch zur Unterbindung der freien Initiative ihrer ent- 
schlossensten Elemente, zur Dämpfung der gesamten Opposition auf den flauen 
Ton ihrer unsichersten Kantonisten. Daß der Versuch mißglückte, war nicht ihr 
Verdienst. Unter dem Zeichen dieser Dämpfung stand die Tätigkeit der Geyer 
und Genossen während der Januar-Tagung des Reichstags, in der die Probe der 
Zuverlässigkeit und Energie abgelegt werden mußte. Soviel Sitzungstage, 
soviel verpaßte Gelegenheiten! Man unterstützte die Anfragenaktion nicht, son- 
dern bekämpfte sie mit kleinlichen Gründen engbrüstiger Rechnungsträgerei. Man 
regte sich nicht zur energischen Abwehr der unausgesetzten brutalen Unterdrückung 
eines Einzelnen im Reichstag, auch nicht zum pflichtgemäßen Kampf gegen den 
schnöden Geschäftsordnungsbruch, der die politische Freiheit der Anfragen eska- 
motierte; man ermöglichte, ja deckte damit diese Vergewaltigungen geradewegs. 
Man ermöglichte und deckte damit auch den Ausschluß dieses Einzelnen aus der 
Fraktion, gegen den man nur papierne Proteste fand. Aber allem setzte die Krone 
auf, was am 15. Januar geschah. Bei dem infamen und heuchlerischen Völker- 
verhetzungsmanöver, zu dem der Reichstag den Baralong-Fall mißbrauchte, ergriff 
zwar einer der Dezember-Männer — Ledebour — das Wort, aber ohne eine Silbe 
der Brandmarkung gegen die Hetzkumpanei und ihre sauberen Zwecke unter kaum 
gedämpfter Zustimmung zu dem verächtlichen Entrüstungschorus, unter Inschutz- 
nahme der • deutschen Kriegführung gegen jede Aufrollung des Sündenregisters, 
unter prinzipieller Anerkennung des Vergeltungsprinzips, und nur unter so schüch- 
ternen Vorbehalten, daß ihm von der reaktionärsten bürgerlichen Presse wohl- 
verdientes Lob zuteil ward. Und als der Abgeordnete Oertel die Einmütigkeit des 
gesamten Reichstags in der Empörung über den — auch noch unbewiesenen — 
„Baralong-Mord" und die englische Note feststellen wollte und ein Einzelner diesen 
sauberen Plan durch ein schneidendes „Nein" durchkreuzte, konnte der Abgeord- 
nete Oertel ihn unter dem brüllenden Beifall des Reichstags als den einzigen 
Dissidenten verhöhnen, ohne daß von denen um Geyer auch nur einer Wider- 
spruch erhoben hätte. Und bei der Rede Noskes, die das Niederträchtigste an 

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Roheit und Verrat am Sozialismus enthielt, ' was je dem Munde eines „Sozial- 
demokraten" entfloß, blieb der Protest eines Einzelnen ebenso einsam wie das 
gegen Oertel geschleuderte „Nein". 

Heißt der 21. Dezember Erlösung? Nein. Er war bestenfalls Verheißung, 
eine Verheißung, die nicht erfüllt worden ist. Er konnte sein eine Überschreitung 
des Rubikon, aber keine Schlacht auf den pharsalischen Gefilden ist ihm gefolgt. 
Und keine wird ihm folgen, ehe nicht ein Märzsturm des Massenunwillens die 
Dünste der Opportunitätspolitik zerfegt und das morsche Geäst und Gestrüpp der 
Halbheit, das die Bahn noch versperrt, erbarmungslos niederbricht. 

Die Lebensfrage des Sozialismus. 

Nicht von außen, sondern von innen brach die August-Katastrophe über die 
proletarische ■ Klassenbewegung; nicht als Zufälligkeit, sondern als notwendiges 
Ergebnis des Zustandes, in dem sie sich beim Kriegsausbruch befand. 

Voraussetzung aller politischen Macht ist Aktionskraft, Voraussetzung aller 
Aktionskraft ist Einheitlichkeit des Willens, und deren Voraussetzung wiederum: 
Einmütigkeit über Ziel und Mittel der Aktion. Diese Voraussetzungen bestanden 
in den sozialistischen Parteien für die Bedürfnisse des Alltags, sie fehlten fast 
überall . für die letzten großen Fragen. In Staat und Wirtschaft, in der inneren 
und äußeren Politik drängte es vor dem Krieg auch in Deutschland, und dort vor 
allem, zu großen Entscheidungen. Die deutsche Sozialdemokratie wich ihnen aus; 
sie fühlte sich schwach, und sie war um so schwächer, je mehr sie ihre Gebrechen 
unter dem pomphaften Mantel gewaltiger Worte und Zahlen verdeckte. Auch 
die Internationale wich aus: ein halb Dutzend Male ergoß sie sich in Bannflüchen 
gegen den drohenden Weltbrand; nicht einmal ward von ihr die Grundfrage ein- 
deutig gestellt, eindeutig beantwortet; nicht einmal faßte sie ein klares A k t i o n s - 
Programm gegen den Krieg; und auch sie vermochte es nicht über sich, ihre 
Mängel schonungslos zu enthüllen und so den einzigen Weg zur Kraft zu be- 
schreiten. 

Diese innere Unwahrhaftigkeit der offiziellen sozialistischen Politik führte zu 
dem ungeheuerlichen Ausmaß der Enttäuschung vom August 1914, der Enttäu- 
schung, die gerade, weil sie nur eine Aufklärung war, die Internationale um so 
rettungsloser dem Gespött überlieferte. Sie hatte jenen Fehler der politischen 
Rechnung veranlaßt, der bis zum August 1914 die proletarische Bewegung falsch 
einstellte und die dann einsetzende Verwirrung um so heilloser gestaltete. Und die 
Schwäche der Bewegung selbst war, wechselwirkend und in gegenseitiger Stei- 
gerung, dieser inneren Unwahrhaftigkeit, dem von Wort und Zahl genährten 
Machtwahn, der unter der Flagge der „Einigkeit" betriebenen Vertuschungspolitik 
mit zu danken. Sie hinderten die prinzipielle und taktische Durchbildung des 
Proletariats, seine ernsthafte Vorbereitung zu schlagfertiger Aktion im entschei- 
denden Augenblick, halfen die Massen in den Instanzenkäfig sperren, setzten ohn- 
mächtige Ekstase statt Tatkraft, klappernde Routine statt freier Initiative. 

Der Krieg legte die Krankheit und die Krankheitsherde bloß. Aus der Ent- 
täuschung ward in immer weiteren Kreisen der Drang nach erbarmungsloser Aus- 
rottung des Krebsschadens geboren. Immer Weitere Kreise erkannten, daß Ver- 

3 Unterirdische Literatur 33 



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' tuschung der Gegensätze und Einigkeitstrug der Übel größte sind und die Partei 
des internationalen und revolutionären Sozialismus, um ihre geschichtliche Aufgabe 
zu lösen, im Sozialismus, im Internationalismus und in der revolutionären Aktion 
nicht nur zum Schein, sondern in Wahrheit übereinstimmen muß. 

Aber schon beginnt ein neues Wort neue Nebel zu verbreiten: „Opposition". 
Schon beginnt in der .„Opposition" das aliböse Spiel der „Sammlung**: „Einheit, 
Einheit über alles"; zwar nicht in der Gesamtpartei, aber in der — „Opposition". 

Was heißt „Opposition"? — Ein neuer Götze statt des eben gestürzten? 

Was heißt „Sammlung"? — Eine neue Unwahrheit statt der eben zerfetzten? 

Was weißt „Einheit"? — Eine neue lähmende „Disziplin" statt der eben 
durchbrochenen? 

Dreimal nein! 

Ja, wenn die „Opposition" eine Gemeinschaft des Geistes und des Willens 
wäre, einig in Prinzip und Taktik, aktionsfähig und aktionsbereit! Aber sie ist 
es nicht. Gemeinsame Arbeit, soweit Übereinstimmung herrscht — ja. Sammlung 
ohne Klärung, ohne Übereinstimmung? — nein! Sammlung zur Unterwerfung 
rücksichtsloser Entschlossenheit unter die Botmäßigkeit vorsichtiger Rechnungs- 
trägerei? — Nein! Heute, unter der Militärdiktatur und dem Burgfrieden, in den 
Tagen der Götterdämmerung und Sintflut weniger als je. — Sammlung bis zu den 
Anhängern der Politik des 4. August, die sich heute von ungefähr zur „Oppo- 
sition" rechnen? — was da hieße: Sammlung auf dem Boden dieser Politik? 
— nein! Auch nicht Zusammenschluß auf jener mittleren Linie, auf jener breiten 
und krummen Kompromißstraße des „marxistischen Zentrums*'. Keine andere 
Sammlung als auf der schnurgeraden Bahn, die die Grundsätze des internationalen 
revolutionären Sozialismus weisen, und von der nicht um Fußes Breite abgewichen 
werden darf, soll nicht die Zukunft eine noch traurigere Kopie der traurigen 
Vergangenheit und Gegenwart sein. 

Nicht „Einheit**, sondern Klarheit über alles. Keine milde Duldsamkeit — 
auch nicht in der „Opposition** — , sondern ätzende Kritik bis in die letzte Faser, 
peinliche Abrechnung auf Heller und Pfennig. Durch unerbittliche Aufdeckung 
und Austragung der Differenzen zur prinzipiellen und taktischen Einmütigkeit, und 
damit zur Aktionsfähigkeit und damit zur Einheit, so geht der Weg. Nicht den 
Beginn des Gärungsprozesses, den die sozialistischen Parteien und auch noch die 
„Opposition" durchläuft, erst seinen Abschluß darf die „Einheit** bilden. Und die 
reinigende Auseinandersetzung wird auch in der ^Opposition" fortzusetzen sein, 
bis der Internationalismus, bis der absolute Vorrang des internationalen Klassen- 
kampfes als leitendes Prinzip der proletarischen Bewegung anerkannt und in revo- 
lutionärer Aktionsbereitschaft Fleisch und Bein geworden ist. 

Oder soll an der Schwelle der neuen Internationale neue Vertuschung, neue 
Grenzverwischung stehen? Soll sie den „ärgsten, ältesten der Flüche" erben, an 
dem die alte Internationale zugrunde ging? 

Dann lieber gleich zurück zum alten Sumpf, er ist nicht tiefer als der neue. 

Der Selbstverständigung, der Klärung, dem Kampfe für den unbedingten Inter- 
nationalismus sollen diese Briefe dienen. 

Aufgabe des ersten war, wichtige Gegensätze innerhalb der „Opposition' 
aufzuzeigen und damit die Legitimation für unser Vorhaben zu erbringen. 

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Die folgenden Leitsätze sind eine Zusammenfassung der wesentlichen Gesichts- 
punkte, von de/ien wir unsere Aufgäbe Jaetrachten. 

Eine größere Anzahl von Genossen aus allen Teilen 
Deutschlands hat die folgenden Leitsätze angenommen, 
die eine Anwendung desErfurter Programms auf diegegen- 
wärtigen Probleme des internationalen Sozialismus dar- 
stellen. 

1. Der Weltkrieg hat die Resultate der vierzigjährigen Arbeit des europäischen 
Sozialismus zunichte gemacht, indem er die Bedeutung der revolutionären 
Arbeiterklasse als eines politischen Machtfaktors und das moralische Prestige 
des Sozialismus vernichtet, die proletarische Internationale gesprengt, ihre 
Sektionen zum Brudermord gegeneinander geführt und die Wünsche und Hoff- 
nungen der Volksmassen in den wichtigsten Ländern der kapitalistischen Ent- 
wicklung an das Schiff des Imperialismus gekettet hat. 

2. Durch die Zustimmung zu den Kriegskrediten und die Proklamation des 
Burgfriedens haben die offiziellen Führer der sozialistischen Parteien in 
Deutschland, Frankreich und England (mit Ausnahme der Unabhängigen 
Arbeiterpartei) dem Imperialismus den Rücken gestärkt, die Volksmassen zum 
geduldigen Ertragen des Elends und der Schrecken des Krieges veranlaßt 
und so zur zügellosen Entfesselung der imperialistischen Raserei, zur Ver- 
längerung des Gemetzels und zur Vermehrung seiner Opfer beigetragen, die 
Verantwortung für den Krieg und seine Folgen mitübernommen. 

3. Diese Taktik der offiziellen Parteiinstanzen der kriegführenden Länder, in 
allererster Linie in Deutschland,, dem bisherigen führenden Lande der Inter- 
nationale, bedeutet einen Verrat an den elementarsten Grundsätzen des inter- 
nationalen Sozialismus, an den Lebensinteressen der Arbeiterklasse, an allen 
demokratischen Interessen der Völker. Dadurch ist die sozialistische Politik 
auch in jenen Ländern zur Ohnmacht verurteilt worden, wo die Parteiführer 
ihren Pflichten treu geblieben sind: in Rußland, Serbien, Italien und — mit 
einer Ausnahme — Bulgarien. 

4. Indem die offizielle Sozialdemokratie der führenden Länder den Klassen- 
kampf im Kriege preisgab und auf die Zeit nach dem Kriege verschob, hat 
sie den herrschenden Klassen in allen Ländern Frist gewährt, ihre Positionen 
auf Kosten des Proletariats wirtschaftlich, politisch und moralisch ungeheuer 
zu stärken. 

5. Der Weltkrieg dient weder der nationalen Verteidigung, noch den wirtschaft- 
lichen oder politischen Interessen irgendwelcher Volksmassen, er ist lediglich 
eine Ausgeburt imperialistischer Rivalitäten zwischen den kapitalistischen 
Klassen verschiedener Länder um die Weltherrschaft und das Monopol jn der 
Aussaugung und Unterdrückung der noch nicht vom Kapital beherrschten 
Gebiete. In der Ära dieses entfesselten Imperialismus kann es keine nationalen 
Kriege mehr geben. Die nationalen Interessen dienen nur als Täuschungs- 
mittel, um die arbeitenden Volksmassen ihrem Todfeind, dem Imperialismus, 
dienstbar zu machen. 

6. Aus der Politik der imperialistischen Staaten und aus dem imperialistischen 
Kriege kann für keine unterdrückte Nation Freiheit und Unabhängigkeit her- 

3 * ' 35 



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vorsprießen. Die kleinen Nationen, deren herrschende Klassen Anhängsel 
und Mitschuldige ihrer Klas5engenossen in den Großstaaten sind, bilden nur 
Schachfiguren in dem imperialistischen Spiel der Großmächte und werden 
ebenso wie deren arbeitende Massen während des Krieges als Werk- 
- zeug mißbraucht, um nach dem Kriege den kapitalistischen Interessen geopfert 
zu werden. 

7. Der heutige Weltkrieg bedeutet unter diesen Umständen bei jeder Niederlage 
und bei jedem Sieg eine Niederlage des Sozialismus und der Demokratie. 
Er treibt, bei jedem Ausgang — • ausgenommen die revolutionäre Intervention 
des internationalen Proletariats — - zur Stärkung des Militarismus, der inter- 
nationalen Gegensätze, der weltwirtschaftlichen Rivalitäten. Er steigert die 
kapitalistische Ausbeutung und die innerpolitische Reaktion, schwächt die 
öffentliche Kontrolle und drückt die Parlamente zu immer gehorsameren Werk- 
zeugen des Militarismus herab. Der heutige Weltkrieg entwickelt so zugleich 
alle Voraussetzungen neuer Kriege. 

8. Der Weltfriede kann nicht gesichert werden durch utopische oder im Grunde 
reaktionäre Pläne wie internationale Schiedsgerichte kapitalistischer Diplomaten, 
diplomatische Abmachungen über „Abrüstung", „Freiheit der, Meere", „Ab- 
schaffung des Seebeüterechts", „europäische Staatenbünde", „mitteleuropäische 
Zollvereine", nationale Pufferstaaten und dergleichen. Imperialismus, Mili- 
tarismus und Kriege sind nicht zu beseitigen oder einzudämmen, solange die 
kapitalistischen Klassen unbestritten ihre Klassenherrschaft ausüben. Das 
einzige Mittel, ihnen erfolgreich Widerstand zu leisten, und die einzige Siche- 
rung des Weltfriedens ist die politische Aktionsfähigkeit und der revolutionäre 
Wille des internationalen Proletariats, seine Macht in die Wagschale zu 
werfen. 

9. Der Imperialismus als letzte Lebensphase und höchste Entfaltung der poli- 
tischen Weltherrschaft des Kapitals ist der gemeinsame Todfeind des Proletariats 
aller Länder. Aber er teilt auch mit den früheren Phasen des Kapitalismus 
das Schicksal, die Kräfte seines Todfeindes in demselben Umfange zu stärken, 
wie er sich selbst entfaltet. Er beschleunigt die Konzentration des Kapitals, 
die Zermürbung des Mittelstandes, die Vermehrung des Proletariats, weckt 
den wachsenden Widerstand der Massen und führt so zur intensiven Ver- 
schärfung der Klassengegensätze. Gegen den Imperialismus muß der prole- 
tarische Klassenkampf im Frieden wie im Krieg in erster Reihe konzentriert 
werden.. Der Kampf gegen ihn ist für das internationale Proletariat zugleich 
der Kampf um die poütische Macht im Staate, die entscheidende Auseinander- 
setzung zwischen Sozialismus und Kapitalismus. Das sozialistische Endziel 
wird von dem internationalen Proletariat nur verwirklicht, indem es gegen 
den Imperialismus auf der ganzen Linie Front macht und die Losung: 
„Krieg dem Kriege" unter Aufbietung der vollen Kraft und des äußeren 
Opfermutes zur Richtschnur seiner praktischen Politik erhebt. 

. 10. Zu jdiesem Zweck richtet sich die Hauptaufgabe des Sozialismus heute darauf, 
das Proletariat aller Länder zu einer lebendigen revolutionären Macht zusam- 
menzufassen, es durch eine starke internationale Organisation mit einheitlicher 
Auffassung seiner Interessen und Aufgaben, mit einheitlicher Taktik und 

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politischer Aktionsfähigkeit im Frieden wie im Kriege zu dem entscheidenden 
Faktor des politischen Lebens zu machen, wozu es durch die Geschichte be- 
rufen ist. 

11. Die II. Internationale ist durch den Krieg gesprengt, ihre Unzulänglichkeit 
hat sich erwiesen durch ihre Unfähigkeit, einen wirksamen Damm gegen die 
nationale Zersplitterung im Kriege aufzurichten und eine gemeinsame Taktik 
und Aktion des Proletariats in allen Ländern durchzuführen. 

12. Angesichts des Verrats der offiziellen Vertretungen der sozialistischen Par- 
teien der führenden Länder an den Zielen und Interessen der Arbeiterklasse, . 
angesichts ihrer Abschwenkungen vom Boden der proletarischen Internationale 
auf den Boden der bürgerlichen imperialistischen Politik, ist es eine Lebens- 
notwendigkeit für den Sozialismus, eine neue Arbeiter-Internationale zu schaf- 
fen, welche die Leitung und Zusammenfassung des revolutionären Klassen- 
kampfes gegen den Imperialismus in allen Ländern übernimmt. 

Sie muß, um ihre historische Aufgabe zu lösen, auf folgenden Grundlagen 
beruhen: 

1. Der Klassenkampf im Innern der bürgerlichen Staaten gegen die herrschenden 
Klassen und die internationale Solidarität der Proletarier aller Länder sind 
zwei unzertrennliche Lebensregeln der Arbeiterklasse in ihrem welthistorischen 
Befreiungskampfe. Es gibt keinen Sozialismus außerhalb der internationalen 

4 Solidarität des Proletariats, und es gibt keinen Sozialismus außerhalb des 
Klassenkampfes. Das sozialistische Proletariat kann weder im Frieden noch 
im Kriege auf Klassenkampf und auf internationale Solidarität verzichten, 
ohne Selbstmord zu begehen. 

2. Die Klassenaktion des Proletariats aller Länder muß im Frieden wie im 
Kriege auf die Bekämpfung des Imperialismus und Verhinderung der Kriege 
als auf ihr Hauptziel gerichtet werden. Die parlamentarische Aktion, die 
gewerkschaftliche Aktion wie die gesamte Tätigkeit der Arbeiterbewegung 
muß dem Zweck untergeordnet werden, das. Proletariat in jedem Lande aufs 
schärfste der nationalen Bourgeoisie entgegenzustellen, den politischen und 
geistigen Gegensatz zwischen beiden auf Schritt und Tritt hervorzukehren sowie 
gleichzeitig die internationale Zusammengehörigkeit der Proletarier aller 
Länder in den Vordergrund zu schieben und zu betätigen. 

3. In der Internationale liegt der Schwerpunkt der Klassenorganisation des 
Proletariats. Die Internationale entscheidet im Frieden über die Taktik der 
nationalen Sektionen in Fragen des Militarismus, der Kolonialpolitik, der 
Handelspolitik, .der Maifeier, ferner über die gesamte im Kriege einzuhaltende 
Taktik, 

4. Die Pflicht zur Ausführung der Beschlüsse der Internationale geht allen anderen 
Organisationspflichten voran. Nationale Sektionen, die ihren Beschlüssen zu- 
widerhandeln, stellen sich außerhalb der Internationale. 

5. In den Kämpfen gegen den Imperialismus und den Krieg kann die entschei- 
dende Macht nur von den kompakten Massen des Proletariats aller .Länder ein- 
gesetzt werden. Das Hauptaugenmerk der Taktik der nationalen Sektionen ist 
somit darauf zu richten, die breiten Massen zur politischen Aktionsfähigkeit 
und zur entschlossenen Initiative zu erziehen, den internationalen Zusammen- 

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hang der Massenaktion zu sichern, die politischen und gewerkschaftlichen 
Organisationen so auszubauen, daß durch ihre Vermittlung jederzeit das 
wasche und tatkräftige Zusammenwirken aller Sektionen gewährleistet uitd der 
Wille der Internationale so- zur Tat der breitesten Arbeitermassen aller 
Länder wird. 
6. Die nächste Aufgabe des Sozialismus ist die geistige Befreiung des Pro- 
letariats von der Vormundschaft der Bourgeoisie, die sich in dem Einfluß 
der nationalistischen Ideologie äußert. Die nationalen ' Sektionen haben ihre 
Agitation in den Parlamenten wie in der Presse dahin zu richten, die über- 
lieferte Phraseologie des Nationalismus als bürgerliches Herrschartsinstrument 
zu denunzieren. Die einzige Verteidigung aller wirklichen nationalen Freiheit 
ist heute der revolutionäre Klassenkampf gegen den Imperialismus. Das Vater- 
land der Proletarier, dessen Verteidigung alles andere untergeordnet werden 
muß, ist die sozialistische Internationale. 

Diese zwölf „Leitsätze" wurden der im Februar 1915 in Bern tagenden 
zweiten internationalen Konferenz zur Beschlußfassung unterbreitet, bei 
der die Spartakus-Opposition als selbständige „Gruppe Internationale", 
die die Gründung der „dritten Internationale" als einen ihrer wichtigsten 
Prc grammpunkte aufstellte, vertreten war. 

Nach den Vorgängen im Reichstag am 24. März 1916, infolge derer 
die achtzehn aus der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion heraus- 
gedrängten Fraktionsmitglieder, die den Notetat im Plenum nicht bewilligt 
hatten, sich zu der „Sozialdemokratischen Arbeitsgemeinschaft'' zusammen- 
schlössen, erschien von der Spartakusgruppe das bekannte Flugblatt „Die 
Lehre des 24. März", das wir nachstehend im Wortlaut wiedergeben: 



Die Lehre des 24. März. 

3. In der Internationale liegt der Schwerpunkt der 
Klassenorganisation des Proletariats .... 

4. Die Pflicht zur Ausführung der Beschlüsse der 
Internationale geht allen ;anderen Organisations- 
pflichten voran .... 

(Leitsätze.) 

Parteigenossen und Genossinnen! 
Die Vorgänge im Reichstag am 24. März, die zur Ausscheidung von 18 Ab- 
geordneten aus der offiziellen sozialdemokratischen Fraktion geführt haben, sind 
ein grelles Symptom für die Unhaltbarkeit der Politik, die von den. Parteifnstanzen 
seit dem 4. August 1914 eingeschlagen worden ist. Man kann den Genossen 
Haase, Ledebour und ihren Freunden alles nachsagen, nur nicht Mangel an Lang- 
mut und Übermaß an Entschlossenheit, Schärfe und Konsequenz. Diese 18 Ge- 
nossen hatten fast zwei Jahre lang geduldig das Joch der Fraktionsmehrheit er- 
tragen. Sie ließen es zu, daß die Fraktion im Namen der deutschen Arbeiterklasse 

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viermal für die Kriegskredite stimmte, ohne einen anderen Protest gegen diesen 
unerhörten Verrat am Sozialismus zu wagen, als das Hinauslaufen aus dem 
Sitzungssaal, d. h. die eigene Ausschaltung in der Stunde der wichtigsten, histo- 
rischen Entscheidungen. Als sie sich endlich bei der vierzigsten Milliarde am 
21. Dezember 1915 dazu aufrafften, im Reichstag gegen die Kredite zu stimmen, 
beeilten sie sich, ihrer Ablehnung eine begründende Erklärung zu geben, die im 
Hinweis auf die gesicherten Landesgrenzen Deutschlands eine Konzession an den 
grundsätzlichen Standpunkt -der Mehrheit und einen Stoß gegen die internationale 
Solidarität mit den französischen, belgischen, russischen und serbischen Genossen ' 
darstellt. Sie haben in der berühmten Baralong-Affäre durch den Mund des Ge- 
nossen Ledebour der Noskeschen Vergeltungspolitik grundsätzlich zugestimmt und 
darin sogar die Kriegshetzer um Oertel befriedigt. Sie haben, dem Gebot und der. 
Auffassung der Mehrheit gehorsam, bis jetzt nicht ein einziges Mal von der un- 
schätzbaren Waffe der kleinen Anfragen Gebrauch gemacht, um den imperialistischen 
Regierungsblock zu beunruhigen, die öffentliche Meinung aufzupeitschen und die 
Arbeitermassen zum Kampf aufzustacheln. Ja, sie haben sogar die Fraktions- 
mehrheit unterstützt, als sie, gemeinsam mit den bürgerlichen Parteien, Karl Lieb- 
knecht die Waffe der kleinen Anfragen aus der Hand schlagen wollte. Sie haben 
endlich ruhig geduldet, daß Karl Liebknecht und mit ihm Otto Rühle genau in 
derselben Weise aus der Fraktion hinausgedrängt wurden, wie jetzt Haase und 
Ledebour und Genossen; sie blieben trotzdem ruhig weiter in der offiziellen Frak- 
tion, ohne sich mit Liebknecht und Rühle zu solidarisieren. Und noch in der 
letzten Stunde haben sie in den „Losen Blättern" in der für den Kampf um den 
Frieden hochwichtigen Steuerfrage ein Programm aufgestellt, das mit demjenigen 
der Fraktionsmehrheit grundsätzlich übereinstimmt: Statt der Regierung des Be- 
lagerungszustandes und des Völkermordes jede Steuer grundsätzlich zu verweigern, 
wollen sie Arm, in Arm mit der Fraktionsmehrheit direkte Steuern bewilligen! 
Die 18 Genossen hatten also während bald zwei Jahren und bis zuletzt im 
Schöße der Fraktion wahrlich im eigentlichen Sinne nicht eine Opposition, sondern 
bloß den Schatten einer Opposition gebildet! Und was zeigt sich heute? Es 
zeigt sich, daß im Schöße der sogenannten sozialdemokratischen Fraktion nicht 
einmal für die schüchternste, zaghafteste, blasseste Opposition, nicht einmal für 
den Schatten einer Opposition Platz" ist! Eherne Logik der Dinge erteilt hier den 
Genossen eine herbe Lektion, aus der zu lernen dringende Pflicht ist für jeden 
denkenden Arbeiter. Die Vorgänge des 24. März zeigen, daß Bescheidenheit, 
Duldsamkeit, Langmut, Fügsamkeit den Parteiverrätern gegenüber zu gar nichts 
anderem führt, als zur Verschleppung und Verzögerung des Gesundungsprozesses 
der Partei. Die 18 um Haase und Ledebour, die sich aus Angst vor den 
demagogischen Schlagworten Disziplin und Einigkeit selbst zwei Jahre lang zu einem 
Schattendasein voller Widersprüche und Zweideutigkeiten verurteilt hatten, sind 
doch schließlich genau in dieselbe Lage geraten, in die Liebknecht durch kon- 
sequente und mannhafte Vertretung der Parteigrundsätze schon viel früher ge- 
kommen ist. Alles Abrücken von Liebknecht, alles Zurückweichen vor Entschei- 
dungen hat sie schließlich nicht bewahrt vor der Alternative: entweder mit den 
Verrätern am Sozialismus und an der Internationale zu Mitschuldigen des Ver- 
rats zu werden, oder sich von der Diktatur der Verräter frei zu machen, um sich 

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wenigstens die Möglichkeit zu verschaffen, sozialdemokratische Politik zu treiben, 
Arbeiterinteressen zu vertreten. Um diese Wahl, um dieses erbarmungslose 
„Entweder" — „Oder" den offiziellen Parteiinstanzen gegenüber kommt niemand 
herum, der die Partei und den Sozialismus aus der jetzigen Schmach retten will. 
Der 24. März, die Bildung der sozialdemokratischen „Arbeitsgemeinschaft" ist 
von hier aus betrachtet der Bankrott der kleinen Schritte und der 
Politik des Ausweichens vor Entscheidungen, der Politik der Schwächlichkeiten, 
Halbheiten und Konzessionen an die Rechte. Der 24. März hat faustdick bewiesen, 
daß diese Politik weder Spaltungen, noch öffentliche, scharfe Auseinandersetzungen 
im Schöße der Partei verhütet. Dieselbe Trennung von dem sozialimperialistischen 
Klüngel der Fraktion wäre schon viel früher unvermeidlich gewesen, wenn Haase 
und Ledebour eine konsequente grundsätzliche Opposition gegen die Partei Ver- 
räter gewagt hätten. Hätten alle, die sich Opposition nennen, von Anfang an 
rücksichtslos und konsequent gehandelt, dann wäre der schmerzhafte Prozeß der 
Gesundung der Partei um ein Beträchtliches abgekürzt, die Aufklärung und Samm- 
lung der proletarischen Massen erleichtert, der internationale Zusammenschluß der 
Sozialdemokratie und damit die Beendigung des Völkermordens beschleunigt 
worden. 

Parteigenossen und Genossinnen! Es ist das oberste Gebot der Pflicht gegen- 
über unseren historischen Aufgaben, wenigstens aus den eigenen Fehlern zu lernen. 
Der ungeheure Jammer, den der ruchldse Krieg aufhäuft, der moralische Zusam- 
menbruch der Partei und der Internationale, die uns das höchste waren, .-all dies 
sollte wenigstens den einen Gewinn erzeugen: daß die Massen der aufgeklärten 
Arbeiterschaft lernen, ihre Geschicke in die eigene Hand zu nehmen, ihre Führer 
in die Bahn des revolutionären Klassenkampfes zu zwingen und voran zu treiben. 

• Die Erfahrungen der 18 Abgeordneten im Reichstag haben endgültig bewiesen, 
daß die Politik der Schwächlichkeiten und Halbheiten zu nichts führt, daß die 
Partei nur durch eine energische, grundsätzliche Politik gerettet werden kann. 
Seid auf der Hut, Genossen und Genossinnen, seid auf der Wacht, damit von 
nun an eure Interessen so wahrgenommen und vertreten werden, wie es ganzen 
Männern gebührt. Aus geduldigen Männern werden nicht in 24 Stunden Löwen. 
Abgeordnete, die fast zwei Jahre lang den grundsätzlichen Grenzstrich zwischen 
sich und der verräterischen Fraktionsmehrheit nicht zu ziehen vermocht hatten, 
werden nicht durch die bloße Tatsache der Trennung von jener Mehrheit zu 
revolutionären Kämpfern. Die „sozialdemokratische Arbeitsgemeinschaft" glaubt 
sich noch jetzt mehr vor der Rechten für ihr Dasein entschuldigen zu müssen, 
anstatt jene Rechte offen des Verrats an der Partei anzuklagen. Diese neue Frak- 
tion scheint bestrebt, zu sein, der Welt zu beweisen, daß sie kein Wässerlein in 
der Partei trüben will, statt zur sichtbaren Fahne der Rebellion gegen die Diktatur 
der verräterischen. Parteiinstanzen zu werden. Genossen und Genossinnen, steift 
dieser zaghaften 'Minderheit den Rücken, treibt sie vorwärts. Stellt den Haase- 
Ledebour stets die Forderung: 

1. daß sie in Zukunft alle Forderungen auf Kriegskredite ohne Rücksicht auf 
die militärische Situation unter grundsätzlicher sozialistischer Begründung ab- 
lehnen; 

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2. daß sie der Regierung des Belagerungszuslandes und des Weltkrieges 
jegliche wie immer geartete Steuern verweigern; 

3. daß sie die kleinen Anfragen und sämtliche Mittel der parlamentarischen 
Geschäftsordnung zur ständigen Bekämpfung der imperialistischen Parteien, zur 
Aufrüttelung der Volksmassen ausnutzen. Nur unter eurem energischen unauf- 
hörlichen Druck kann die neue Spaltung in der Fraktion der Ehrenrettung des 
internationalen Sozialismus dienen. 

Zugleich aber, Genossen und Genossinnen, auf zum Kampf auf der ganzen 
Linie gegen die Fraktionsmehrheit und den Parteivorstand, die nicht die leiseste 
Opposition gegen ihre Politik des Verrats am Sozialismus dulden, wollen! Diese 
Fraktionsmehrheit und diese Vorstandsmehrheit sind heute nur noch Handlanger 
der bürgerlichen Imperialisten, nur noch eine Filiale der Heydebrand und Ge- 
nossen. Wie diese Kriegshetzer und ihre Regierung uns durch den Belagerungs- 
zustand mundtot machen wollen, um auf unseren Rücken ihre kapitalistischen Ge- 
schäfte zu besorgen, so wollen die Scheidemann, Heine, David und Genossen 
ihre Mandate und ihre Ämter ausnützen, um alle widerstrebenden Elemente, 
alle sozialistische Opposition innerhalb der Partei zu erdrosseln. Parteigenossen 
und Genossinnen! Die Partei, das sind nicht Funktionäre, Abgeordnete oder 
Redakteure, die Partei, das sind die Massen der organisierten Proletarier, das ist 
der Geist des sozialistischen Klassenkampfes. Die Partei seid Ihr! Drum frisch ans 
Werk, um die Partei zurückzuerobern, die von einem Klüngel von Verrätern 
in hohen Ämtern zu einem Anhängsel des bürgerlichen Imperialismus gemacht 
worden ist. Laßt euch den Staatsstreich der Verräter vom 24.. März nicht gefallen. 
Erklärt laut, daß ihr die Fraktionsmehrheit der David-Heine-Noske nicht mehr als 
sozialdemokratische Vertretung anerkennt, fordert laut von den Verrätern die 
Niederlegung ihrer verwirkten Mandate. 

Hört auf, eure Parteigelder an diesen Parteivorstand abführen zu lassen, denn 
er gebraucht eure sauer verdienten Groschen zur Förderung einer Politik, zur 
Herausgabe von Schriften, die euch zum geduldigen Kanonenfutter des Imperialis- 
mus machen wollen, die zur Verlängerung des Völkermordes dienen. Die Orga- 
nisationen müssen sich entschließen, die Parteigelder dem Parteivorstand der 
Ebert-Scheidemann zu sperren, welche die Volksgroschen dem Mojqch des Welt- 
krieges und der Regierung der Hungersnot und des Belagerungszustandes be- 
willigen. 

Der Belagerungszustand im Reich wie der Belagerungszustand in der Partei 
kann nur überwunden werden, wenn die aufgeklärten Massen der Proletarier und 
Proletarierinnen sich dazu aufraffen, ihren Willen tatkräftig kundzutun und durch- 
zusetzen. Der 24. März hat bewiesen, daß. unter der Diktatur der jetzigen Partei- 
instanzen nicht die schwächste Regung einer sozialistischen Politik möglich ist. 
Er hat zugleich bewiesen, daß der Weg der Halbheiten und der Fügsamkeit jenen 
Instanzen gegenüber der längste und beschwerlichste Weg ist, an dessen Ende 
eine klare Scheidung und Entscheidung doch unvermeidlich wird. Zeigt, daß ihr 
wißtj was ihr wollt, und daß ihr entschlossen seid, euren Willen in Taten um- 
zusetzen. Die Organisation, die Disziplin — sie sollen dazu dienen, euren Willen, 
den Willen der Massen zur Tat zu schmieden, nicht dazu, euch zum Werkzeug 

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des Willens einer kleinen Minderheit von Funktionären und Abgeordneten zu 
machen. Drum voran auf der ganzen Linie zu dem doppelten, doch einigen Ziel: 

Zurückeroberung der Partei für den grundsätzlichen Klassenkampf! 

Beendigung des Völkermords durch Wiederherstellung der proletarischen 
Internationale L 



Von nun an folgen die Flugblätter in immer kürzeren Abständen. 
Wir bringen hier aus der Fülle der unterirdischen Propagandaliteratur 
das in vielen Tausenden von Exemplaren verbreitete Flugblatt „Auf zur 
Maifeier!", das ebenfalls von der Spartakusgruppe ausgegeben wurde. 



Auf. zur Maifeier. 

3. In der Internationale liegt der Schwerpunkt der 
Klassenorganisation des Proletariats .... 

4. Die Pflicht der Ausfahrung der Beschlösse der 
Internationale geht allen anderen Organisaüons- 
pflichten voran .... 

(Leitsätze/) 

Genossen und Genossinnen! 

Zum zweiten Male steigt der Tag des 1. Mai über dem Blutmeer der Massen- 
metzelei auf. Zum zweiten Male findet der Weltfeiertag der Arbeit die proletarische 
Internationale in Trümmer geschlagen, während die Kämpferscharen des völker- 
befreienden Sozialismus als widerstandsloses Kanonenfutter des Imperialismus ein- 
ander abschlachten. / 

Die sozialistische Internationale liegt seit zwei Jahren danieder, und was 
haben die Arbeiter aller Länder, was haben die Völker gewonnen? Millionen von 
Männern haben bereits ihr Leben gelassen auf Geheiß der Bourgeoisie, Millionen 
sind für Lebenszeit zu elenden Krüppeln geschlagen. Millionen von Frauen sind 
zu Witwen, ihre Kinder zu Waisen gemacht, in Millionen Familien sind unstill- 
bares Leid und Trauer eingezogen. Nicht genug! Not und Elend; Teuerung 
und Hungersnot herrschen in Deutschland, Frankreich, Rußland, Belgien, Polen 
und Serbien, die von dem Vampyr des deutschen Militarismus bis aufs Blut 
und bis aufs Mark der Knochen ausgesogen werden, gleichen großen Friedhöfen 
und Trümmerhaufen. Die ganze Welt, die vielgerühmte europäische Kultur, gehen 
zugrunde in der entfesselten . Anarchie des Weltkrieges. 

Und zu wessen Nutz und Frommen, zu welchem Zwecke all diese Schrecken 
und Bestialitäten? Damit die ostelbischen Junker und die mit ihnen versippten 
kapitalistischen Profitmacher durch Unterjochung und Ausbeutung neuer Länder 
ihre Taschen füllen können. Damit die Scharfmacher von der schweren Industrie, 
die Heereslieferanten von den . blutigen Leichenfeldern goldene Ernten in ihre 
Scheunen schleppen. Damit Börsenjobber mit Kriegsanleihen Wuchergeschäfte 
treiben. Damit Lebensmittelspekulanten sich auf Kosten des hungernden Volkes 
mästen. Damit der Militarismus, die Monarchie, die schwärzeste Reaktion in 
Deutschland zur nie dagewesenen Macht, zur ungeteilten Herrschaft emporsteigen! 

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Um ihre stärksten Feinde stark und übermütig zu machen, läßt sich die 
Arbeiterklasse wie eine Herde Schafe zur Schlachtbank' treiben. Und die blutige 
Orgie findet gar kein Ende, ja, sie dehnt sich immer weiter aus! Morgen viel- 
leicht wird sich der Völkermord auf neue Länder und Weltteile erstrecken. Die 
deutschen Kriegshetzer treiben mit Macht zum Krieg nfit den Vereinigten Staaten. 
Morgen vielleicht sollen wir das Mordeisen gegen neue Bruderscharen: gegen die 
Brust unserer amerikanischen Arbeits- und Kampfgenossen zücken! 

Arbeiter! Parteigenossen! Ihr Frauen des Volkes! Wie lange wollt ihr dem 
Spuk der Hölle ruhig und gelassen* zuselien? Wie lange wollt ihr stumm dem 
Verbrechen der Menschenmetzelei, die Not und den Hunger ertragen? Bedenkt, 
so lange sich das Volk nicht rührt, um seinen Willen kundzutun, wird der Völker- 
mord nicht aufhören. Oder aber, er hört erst dann auf, wenn alle Länder an den 
Bettelstab gebracht, wenn alle Völker zugrunde gerichtet sind, wenn von der so- 
genannten Kultur nicht ein Stein auf dem anderen geblieben ist. Die Reichen 
können noch lange den „Krieg durchhalten". Sie leiden keinen Hunger, sie haben 
üppige Vorräte eingehamstert, sie machen ja die schönsten Geschäfte bei der 
Metzelei, sie stärken ihre politische Herrschaft durch den Selbstmord der Arbeiter- 
klasse. Aber wir, aber das arbeitende Volk aller Länder, wollen wir noch länger 
mit eigenen Händen unsere Ketten fester schmieden? 

Arbeiter, Parteigenossen! Genug des Brudermords! Der erste Mai kommt als 
Mahner, er pocht an eure Herzen, an euer Gewissen. Der Verrat am Sozialismus, 4 
an der internationalen Solidarität der Arbeiter hat die Völker ins Verderben des 
Weltkrieges gestürzt. Nur die Rückkehr zum Evangelium des völkerbefreienden 
Sozialismus, zur proletarischen Internationale kann die Völker, die Kultur, die 
Arbeitersache aus dem Abgrund retten. Zeigt am 1. Mai, daß dieses Evangelium 
in euren Herzen und Hirnen lebt. Beweist den herrschenden Klassen, daß die 
Internationale, daß der Sozialismus nicht tot sind, daß sie mit neuer Kraft, wie 
Phönix aus der Asche emporsteigen! Die proletarische Internationale kann nicht 
in Brüssel, im Haag oder Bern durch ein paar Dutzend Leute wieder aufgerichtet 
werden, sie kann nur aus der Tat der Millionen auferstehen. Sie kann nur hier 
in Deutschland wie drüben in Frankreich, in England, in Rußland auferstehen, 
wenn die Massen der Arbeiter allenthalben selbst die. Fahne des Klassenkampfes 
ergreifen und ihre Stimme mit Donnergewalt gegen den Völkermord erschallen 
lassen. 

Arbeiter, Parteigenossen, und ihr Frauen des Volkes! Laßt diesen zweiten 
Maifeiertag des Weltkrieges nicht vorübergehen, ohne ihn zur Kundgebung des 
internationalen Sozialismus, zum Protest gegen die imperialistische Metzelei zu 
gestalten. Am 1. Mai reichen wir über alle Grenzsperren und Schlachtfelder 
hinweg die Bruderhand dem Volke in Frankreich, in Belgien, in Rußland, in 
England, in Serbien, in der ganzen Welt! Am 1. Mai rufen wir vieltausend- 
stimmig: 

Fort mit dem ruchlosen Verbrechen des Völkermordes! Nieder mit seinen 
verantwortlichen Machern, Hetzern und Nutznießern! Unsere Feinde sind nicht 
das französische, russische oder englische Volk, das sind die deutschen Junker, 
die deutschen Kapitalisten und ihr geschäftsführender Ausschuß: die deutsche Re- 
gierung! Auf zum Kampfe gegen diese Todfeinde jeglicher Freiheit, zum Kampfe um 

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alles, was das Wohl und die Zukunft der Arbeitersache, der Menschheit und der 
Kultur bedeutet. 

Schluß mit dem Kriege! Wir wollen den Frieden! 

Hoch der Sozialismus! Hoch die Arbeiterinternationale! 

Proletarier aller Länder vereinigt euch! 



Diesem Flugblatt beigefügt war ein kleiner Handzettel folgenden 
Wortlauts: 

Zum 1. Mai. Abends 8 Uhr. 
Wer gegen den Krieg ist, erscheine am 1.. Mai, abends 8 Uhr, Potsdamer 
Platz (Berlin). 

Brot! Freiheit! Frieden! 



Der nächste Spartakusbrief (Politische Briefe Nr. 6) vom 15. Mai 
1916 bringt einen Bericht der Maifeier, der erkennen läßt, wie tiefgehend 
die Wirkung der revolutionären Flugblattpropaganda der Spartakus- 
leute war, 

Die Maifeier. 

Die Anhänger der entschiedenen Opposition waren sich klar, daß diesmal 
alles daran gesetzt werden müsse, um eine Maifeier zustande zu bringen. Völliges 
Schweigen, völlige Untätigkeit der Massen am Tage der internationalen Weltfeier 
der. Arbeit wäre eine Schmach gewesen, ein Zeichen, daß die Opposition in Wirk- 
lichkeit ebensowenig existiert und zu bedeuten hat, wie die offizielle Partei. Da 
schickt man Emissäre in den Haag, nach der Schweiz, um dort die Internationale 
wiederherzustellen und hier in Deutschland, in Berlin, wo es zu zeigen gilt, ob der 
Gedanke der internationalen Solidarität in den Massen lebt, da sollte kein Finger 
gerührt werden, um eine Demonstration zustande zu bringen, um gegen den fort- 
gesetzten Völkermord zu protestieren? Kein Genosse, der seine Opposition gegen 
die offiziellen Parteiinstanzen und ihre leitenden Parteiverderber ernst nimmt, 
konnte einen Augenblick schwanken, was seine Pflicht war. Ebenso klar war es, 
daß die Maifeier eine Sache darstellt, die über allen Unterschieden der Oppo- 
sitionstaktik steht und allen sich zur Opposition zählenden Elementen gemeinsam 
ist. Wir haben uns auch an die sogenannte Ledebour-Gruppe gewandt und sie 
aufgefordert, mit gemeinsamen Kräften in Berlin eine Maidemonstration zustande 
zu bringen. Zur Antwort bekamen wir eine runde Absage. Zum Teil aus klein- 
lichen Prioritätsrücksichten: es wurde uns als arge Sünde angekreidet, daß das 
Maiflugblatt bereits geschrieben war, anstatt froh zu sein, daß wenigstens andere 
bei der vorgerückten Zeit die allernotwendigsten Vorbereitungen getroffen hatten! 
Sodann aber und als. Hauptgrund der. Absage galt das Argument: es fehlt jede 
Stimmung in den Massen, es werde nichts zustande kommen, wir machen uns nur 
lächerlich. Es blieb uns nichts übrig, als auf eigene Faust die Maidemonstration vor-r 
zubereiten, so gut oder schlecht wir es konnten: den Vorwurf, das geringste 
unterlassen zu haben, was Bewegung in die Massen bringen, was Lebenszeichen . 

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der Oppositions- und Kampfstimmung nach dem Auslände tragen und dort neuen 
Kampf und Mut anfachen konnte, . diesen Vorwurf durften wir vor uns selbst 
nicht verdienen. Die Agitation wurde mit Handzetteln und Flugblättern intensiv 
betrieben, und siehe da, am 1. Mai kam eine imposante Demonstration in Berlin 
zustande! Den üblichen verlogenen Polizeiberichten zum Trotz waren die Angst 
der Polizei und ihre Vorbereitungen außerordentlich groß. Der Potsdamer Platz 
und seine Zugänge waren schon um sieben Uhr mit Schutzleuten zu Fuß und zu 
Pferde überfüllt. Um acht Uhr pünktlich sammelte sich am Platz eine so dkhte 
Menge demonstrierender Arbeiter, unter denen Jugendliche und Frauen sehr zahlreich 
vertreten waren, daß die üblichen Scharmützel mit der Polizei alsbald begannen. 
Die „Blauen" und namentlich ihre Offiziere wurden bald von äußerster Ner- 
vosität befallen und fingen an, die Masse mit Fäusten hin und her zu stoßen. 

In diesem Moment, an der Spitze der Masse, mitten auf dem Potsdamer Platz 
erscholl die laute, sonore Stimme Karl Liebknechts: „Nieder mit dem Krieg! Nieder 
mit der Regierung!" Sofort bemächtigte sich seiner ein ganzer Knäuel Polizisten, 
die ihn durch einen Kordon von der Menge trennten und auf die Wache am Pots- 
damer Bahnhof abführten. Hinter dem Verhafteten erscholl der Ruf: „Hoch Lieb- 
knecht!", worauf sich die Polizisten in die Menge stürzten und zu neuen Ver- 
haftungen schritten. Nach der Abführung Karl Liebknechts begann die Polizei, an- 
gefeuert durch ihre Offiziere, die sich am brutalsten benahmen, die Menschen- 
massen in die Seitenstraßen abzuschieben. So formierten sich drei große Züge 
von Demonstranten, in der Köthener Straße, in der Linkstraße und in der König- 
grätzer Straße, die sich unter fortwährenden Zusammenstößen mit der Polizei lang- 
sam vorwärts wälzten. Rufe: Nieder mit dem Kriege! Es lebe der Frieden! 
Es lebe die Internationale! erschallten das eine Mal über das andere und wurden 
vieltausendstimmig wiederholt. Am lautesten aber wurde immer wieder der Ruf: 
Hoch Liebknecht! von den Massen aufgegriffen. Die Kunde von seiner Verhaftung 
verbreitete sich rasch unter den Demonstranten. Tausende hatten ihn an der Spitze 
der Demonstration gesehen und seine laute anfeuernde Stimme gehört. Die Er- 
bitterung und der Schmerz um den geliebten Führer, den man in den Fängen der 
Polizeischergen wußte, erfüllte aller Herzen, war auf aller Lippen. Namentlich 
Frauen klagten laut weinend und brachen in Verwünschungen gegen die Polizei, 
gegen den Krieg, gegen die Regierung aus. Bis 10 Uhr dauerte die Demon- 
stration, wobei die Menge immer wieder durch die Seitenstraßen aus den drei 
Hauptzügen wieder zusammenzuströmen suchte, aber durch die wimmelnden, 
springenden und dreinhauenden Polizisten daran immer wieder verhindert wurde. 
Abwechselnd mit revolutionären Ruten wurden Lieder laut: die Arbeiter- 
marseillaise, der Sozialistenmarsch. Erst gegen einhalb elf Uhr, stellenweise noch 
später, verlief sich allmählich die Masse der Demonstranten, die von ausgezeich- 
neter Stimmung beseelt waren. Die Anzahl der Demonstranten wird nach mäßiger 
Schätzung auf zehntausend gerechnet. 

Welchen Schreck die Demonstration der Regierung eingejagt hatte, beweist 
der Umstand, daß die ganze Stadtgegend um den Potsdamer Platz noch bis 
Mitternacht förmlich von berittener Polizei überschwemmt war, und in der Wache 
.am Potsdamer Fernbahnhof, wo das Hauptkommando etabliert war, nervöses Hin- 

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und Herrennen der Patrouillen, Instruktionen und Rapporte bis fast ein Uhr 
nachts kein Ende nahmen. 

So muß die Maifeierdemonstration in Berlin als vollauf gelungen bezeichnet 
werden. Freilich ist sie durch einen ungeheuren Preis erkauft: durch den Verlust 
Karl Liebknechts, der auf jeden Fall von seinem Posten, wo er unersetzlich ist, 
für die nächste Zeit entfernt, aus unserer Mitte entrissen ist. Schon wirkt der 
deutsche Reichstag wie ein verächtlicher Hundestall, nachdem der einzige Mann 
fehlt, der mit der ganzen Kraft und Würde den internationalen Sozialismus, grund- 
sätzliche »Politik und männliche * Charakterfestigkeit vertrat. Aber wie immer hat 
auch dieses große Opfer den unschätzbaren Wert der moralischen Wirkung. Karl 
Liebknecht hat gezeigt, daß man an der Spitze der Massen sein ganzes Ich in 
die Schanze schlägt, um einen Schritt wirklicher revolutionärer Bewegung zu er- 
streiten. Er hat gezeigt, wo der Platz des echten Führers der Massen ist, welche 
Gefahren ihm auch persönlich drohen mögen. Wo waren die anderen „Führer", 
die sich auch zur „Opposition" zählen? Sie hatten sich Von der Maifeier aus- 
geschaltet, sie lehnten die Mitwirkung an der Demonstration ab, sie lähmten ihre 
eigenen Anhänger unter den Arbeitern durch schwächliche Bedenken, durch Mangel 
an Mut und Initiative/ 

Es hat sich wieder gezeigt, daß sie die Stimmung der Massen unterschätzen 
und die eigene Indolenz für diejenige der Massen ausgaben. Aber eine große 
Anzahl von Arbeitern, die hinter der Gruppe Ledebour stehen, harten brav und 
treu die Demonstration und die Agitation dafür mitgemacht, von dem richtigen 
proletarischen Klasseninstinkt geleitet, der die große Sache über die kleinen Be- 
denke» der Konventikel . stellt. Der schlagende Unterschied im Verhalten Lieb- 
knechts und „der anderen" am 1. Mai, sowie der ganze ermunternde Verlauf der 
wohlgelungenen Demonstration wird sicher als heilsame Lehre auf die wohl- 
meinenden Genossen wirken, die sich immer noch einbilden, es seien bloß per- 
sönliche Lappalien oder Rechthabereien, was unsere entschiedene Opposition von 
der Richtung der Arbeitsgemeinschaft trennt. 

In Dresden, Pirna und Jena haben gleichfalls Demonstrationen am 1. Mai 
stattgefunden. Einzelheiten darüber teilen wir im nächsten Spartakus-Brief mit. 

In Hanau ist am 1. Mai von der gesamten Mitgliederversammlung der Partei 
die folgende Resolution angenommen worden: 

Die Versammlung bekämpft ganz entschieden die Fraktions- und Parteivor- 
standspolitik, die in direktem Widerspruch zur Völkersolidarität, Völkerverbrüde- 
rung und des Maigedankens steht. 

Die Versammelten geloben zu den alten Gründsätzen treu zusammenzustehen 
und die alte Fahne des Sozialismus rein zu halten. Um dies herbeizuführen, unter- 
stützen die Hanauer Genossen die grundsätzliche Politik und Haltung der Genossen 
Liebknecht und Rühle und bringen ihnen die vollsten Sympathien entgegen. Auch 
begrüßen wir das Ausscheiden der jetzigen Arbeitsgemeinschaft aus der alten 
Fraktion und fordern auch von ihr, daß sie in grundsätzlicher sozialdemokratischer 
Politik in Zukunft alle Kriegskredite ablehnen. 



In demselben Spartakusbrief ist das folgende Schreiben Karl Lieb- 
knechts an den Reichstagspräsidenten zum Abdruck gebracht: 



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Die letzte parlamentarische Aktion Karl Liebknechts. 

Karl Liebknecht hat zwei Tage vor seiner Verhaftung auf dem Potsdamer 
Platz folgenden Protest an den Reichstagspräsidenten geschickt. 

Berlin, den 28. April 1916. . .\ 

Herr Präsident! 

Der Reichstag ist bis zum 2. Mai vertagt. Nach Zdtiingsmeldungen besteht 
die Absicht, die Plenarsitzungen noch später beginnen zu lassen. 

Ich erhebe dagegen Widerspruch und fordere die unverzügliche Zusammen- 
berufung des Plenums. 

Der amerikanische Konflikt und damit die Frage einer weiteren Ausdehnung, 
Verschärfung und Verlängerung des Krieges, befindet sich im kritischsten Augen- 
blick. Die Regierung ist im Begriff, auch diese Lebensfrage des deutschen Volkes 
in der Dunkelkammer der Geheimdiplomatie zu entscheiden, während die 
Masse der Bevölkerung den Strick des Belagerungszustandes um den Hals 
trägt. Wiederum sind die Einflüsse der imperialistischen Kriegs-Interessenten 
und Scharfmacher am. Werk, dieser Masse neue furchtbare Leiden und Opfer 
aufzubürden. 

Die deutsche Regierung, die an das amerikanische Volk appelliert, muß 
genötigt werden, auch die Masse des deutschen Volkes zu hören und nach ihrem 
Willen zu handeln; nach ihrem Willen, der auf unbedingte friedliche Beilegung 
des Konflikts, auf sofortige Einstellung des unheilvollen U-Boot-Handelskrieges, 
auf sofortigen Eintritt in Friedensverhandlungen auf Grundlage des Verzichts auf 
Annektionen aller Art dringt. 

So sehr die Mehrheit des Reichstages nur eine Schutztruppe des Imperialis- 
mus und eine Kulisse der Militärdiktatur darstellt, und so gewaltig sie auch — 
selbst die russische Duma weit übertrumpfend — selbst einen Belagerungszustand 
ohnegleichen zur Unterdrückung jeder ernsten oppositionellen Regung etabliert 
hat, ich erachte es doch für meine Pflicht, zu verlangen: 

Daß in einer sofortigen Plenarverhandlung des Reichstages die Regierung 
der Öffentlichkeit das gesamte Material über den Konflikt unterbreitet und ihre 
Auffassung und Absicht darlegt; und zugleich Gelegenheit dazu geben wird, auf 
die endliche sofortige Aufhebung des Belagerungszustandes zu dringen, damit 
die Masse des deutschen Volkes bei der Entscheidung des Konfliktes ihr Ge- 
wicht in die Wagschale werfen kann. 

Ergebenst 
gez. Karl Liebknecht. 



Der Brief ist unter dem Titel „Die letzte parlamentarische Aktion Karl 
Liebknechts" veröffentlicht; dann — wie der Leser aus dem Bericht über 
die Demonstration am 1. Mai bereits erfahren hat — wurde Liebknecht 
wegen seiner Beteiligung an der Demonstration durch Verteilen von 
Flugblättern und Handzetteln, durch Ansprachen und Rufe „Nieder mit 
dem Krieg ! Nieder mit der Regierung !" auf dem Potsdamer Platz sistiert 
und in Untersuchungshaft gebracht. Zwei Tage nach seiner Verhaftung 

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schrieb er den folgenden grundsätzlich wichtigen Brief an das Kgl. Kom- 
mandanturgericht, der von seinen Anhängern als Flugblatt verbreitet 
wurde: 

Des Genossen Dr. Karl Liebknecht Brief an das 
Kommandanturgericht. 

Berlin, den 3. Mai 1916. 
An das Königliche Kommandanturgericht 

Berlin. 

In der Untersuchungssache gegen micfi bedürfen die Protokolle über meine 
Aussagen folgende Verdeutlichung: 

1. Die deutsche Regierung ist nach ihrem gesellschaftlichen und geschicht- 
lichen Wesen ein Instrument zur Unterdrückung und Ausbeutung der arbeitenden 
Massen; sie dient im Innern und nach außen den Interessen des Junkertums, 
des Kapitalismus und des Imperialismus. 

Sie ist die rücksichtslose Vertreterin weltpolitischer Ausdehnung, die 
stärkste Treiberin des Wettrüstens und damit einer der wichtigsten Exponenten 
bei Herausbildung der Ursachen des jetzigen Kriegs. 

Sie hat diesen Krieg in Gemeinschaft mit der österreichischen Regierung 
angezettelt und sich so mit der Hauptverantwortung für seinen unmittelbaren Aus- 
bruch belastet. 

Sie hat den Krieg unter Irreführung der Volkmassen und selbst des Reichs- 
tags (vgl. u. a. Verschweigung des Ultimatums an Belgien, Aufmachung des 
deutschen Weißbuches, Ausmerzung der Zarendepesche vom 29. Juli 1914 usw.) 
in Szene gesetzt und sucht mit verwerflichen Mitteln, die Kriegsstimmung im 
Volke zu erhalten. 

Sie führt den Krieg nach Methoden, die, selbst von dem bisher üblichen 
Niveau betrachtet, ungeheuerlich sind. Überfall auf Belgien und Luxemburg, 
Giftgase — inzwischen bei allen Kriegführenden gebräuchlich geworden — vgl. 
aber die alles überbietenden Zeppelinbomben, die alles Lebende, ob Kombattant 
oder Nichtkombattant, im weiten Umkreise vernichten sollen, Unterseeboot- 
Handelskrieg, Torpedierung der Lusitania usw., Geisel- und Kontributionssystem, 
besonders im Anfang in Belgien, planmäßiges Einfangen der ukrainischen, 
georgischen, ostseeprovinzlichen, polnischen, irischen, mohammedanischen usw. 
Kriegsgefangenen in den deutschen Gefangenenlagern zum landesverräterischen 
Kriegsdienst und zu landesverräterischer Spionage für die Mittelmächte — Ver- 
trag des Unterstaatssekretärs Zimmermann mit Sir Roger Casement vom De- 
zember 1914 über Formierung, Ausrüstung und Ausbildung der aus gefangenen 
britischen Soldaten bestehenden „irischen Brigade" in den deutschen Gefangenen- 
lagern; Versuche, in Deutschland befindliche Zivilisten feindlicher Staatsangehörig- 
keit unter Bedrohung mit Zwangsinternierung zum landesverräterischen Kriegs- 
dienst zu pressen usw.: „Not kennt kein Gebot!") 

Sie hat durch den Belagerungszustand die politische Rechtlosigkeit und wirt- 
schaftliche Ausbeutung der Volksmasse gewaltig gesteigert; sie verweigert alle 

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ernsten politischen und sozialen Reformen, während sie durch Redewendungen 
über angebliche Gleichachtung alkr Parteien, über angebliche Abkehr von poli- 
tischer und sozialer Ausnahmebehandlung, über angebliche „Neuorientierung" 
u. dgl. diese Volksmasse für ihre imperialistische Kriegspolitik gefügig zu er- 
halten sucht. >' 

Sie hat in der wirtschaftlichen Versorgung der Bevölkerung während des 
Krieges aus agrarischen lind kapitalistischen Rücksichten gründlich versagt und 
so einer empörenden Volksauswucherung und Not die Wege geebnet. 

Sie hält auch heute noch an ihren Kriegszielen der Eroberung fest und 
bildet damit das Haupthindernis für- sofortige Friedensverhandlungen, auf Grund* 
läge des Verzichts auf Annexionen und Vergewaltigung aller Art. Sie erstickt 
durch die — zudem rechtswidrige — Aufrechterhaltung des Belagerungs- 
zustandes (Zensur usw.) die öffentliche Kenntnis unbequemer Tatsachen und die 
sozialistische Kritik ihrer Maßnahmen. Sie enthüllt damit ihr System schein- 
barer Gesetzlichkeit und vorgespiegelter Volkstümlichkeit als ein System wirklicher 
Gewalt, echter Volksfeindlichkeit und des bösen Gewissens gegenüber den 
Massen. 

Der Ruf „Nieder mit der Regierung!" soll diese gesamte Politik der Re- 
gierung als verderblich für die Massen der Bevölkerung brandmarken. 

Er soll weiter besagen, daß schroffster Kampf, Klassenkampf gegen die Re- 
gierung, die Pflicht jedes Vertreters proletarischer Interessen ist 

2. Der jetzige Krieg ist kein Krieg zur Verteidigung nationaler Unver- 
sehrtheit oder zur Befreiung unterdrückter Völker oder zur Wohlfahrt der 
Massen. 

Er bedeutet vom Standpunkt des Proletariats nur die äußerste Konzen- 
tration und Steigerung der politischen Unterdrückung, der wirtschaftlichen Aus- 
saugung, der militaristischen Abschlachtung von Leib und Leben der Arbeiter- 
klasse zum kapitalistischen und absolutistischen Vorteil. 

Darauf gibt es nur eine Antwort der Arbeiterklasse aller Länder: ver- 
schärften Kampf, internationalen Klassenkampf gegen die kapitalistischen Re- 
gierungen und die herrschenden Klassen aller Länder, für die Beseitigung jeder 
Unterdrückung und Ausbeutung, für die Beendigung des Krieges durch einen 
Frieden im sozialistischen Geist. In diesem Klassenkampf liegt für den So- 
zialisten, dessen Vaterland die Internationale ist, die Verteidigung alles dessen 
eingeschlossen, was er als Sozialist zu verteidigen hat. 

Der Ruf „Nieder mit dem Krieg! 4 * soll zum Ausdruck bringen, daß ich dem 
jetzigen Kriege nach seinem geschichtlichen Wesen, nach seinen allgemeinen 
gesellschaftlichen, Ursachen und der besonderen Form seiner Entstehung, nach 
der Art, w i e und nach den Zielen, für die er geführt wird, in grundsätzlicher 
Verurteilung und Feindschaft gegenüberstehe, und daß es die Pflicht jedes Ver- 
treters* proletarischer Interessen ist, am internationalen Klassenkampf für seine 
Beendigung teilzunehmen. 

3. Ich bin als Sozialist grundsätzlicher Gegner wie dieses Krieges, so des 
bestehenden Militärsystems, und habe den Kampf gegen den Militarismus stets 
als eine besonders bedeutsame Aufgabe, als eine Lebensfrage für die Arbeiter- 
klasse nach Kräften unterstützt (vgl meine Schrift: Militarismus und Anti- 

4 Unterirdische Literatur 4Q 



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militarismus 1907, die internationalen Jugendkonferenzen zu Stuttgart 1907 und 
Kopenhagen 1910). Der Krieg gebietet, den antimilitaristischen Kampf mit ver- 
doppelter Anstrengung zu führen. 

4. Der 1. Mai ist seit 1889 der Kundgebung und Propaganda für die großen 
Grundgedanken des Sozialismus, gegen jede Ausbeutung, Unterdrückung und 
Vergewaltigung geweiht, der Propaganda für die Zusammengehörigkeit der 
Arbeiter aller Länder, die durch den Krieg nicht aufgehoben, sondern verstärkt 
ist,, gegen ihre brudermörderische Zerfleischung, für den Frieden, gegen den 
Krieg. * 

Während des Krieges ist diese Kundgebung und Propaganda eine doppelt 
heilige Pflicht jedes Sozialisten. 

5. Die von mir vertretene Politik ist in dem Beschluß des internationalen 
sozialistischen Kongresses zu Stuttgart (1907) vorgezeichnet, der die Sozialisten 
aller Länder, nachdem sie den Krieg nicht verhindert haben, verpflichtet, mit 
allen Mitteln auf seine schnelle Beendigung hinzuwirken und die durch ihn 
geschaffenen Verhältnisse auszunutzen, um die Beseitigung der kapitalistischen 
(Gesellschaftsordnung zu beschleunigen. 

Sie ist bis zur letzten Konsequenz international gemeint. Sie statuiert die 
gleiche Pflicht, die ich mit andern in Deutschland der Regierung und den 
herrschenden Klassen gegenüber erfülle, für die Sozialisten der übrigen krieg- 
führenden Staaten, ihren Regierungen und herrschenden Klassen gegenüber. 

Sie wirkt international, indem sie in wechselseitiger Anfeuerung von Land 
zu Land den internationalen Klassenkampf gegen den Krieg fördert. 

Ich habe mit andern diese Politik seit Kriegsbeginn, wo immer ich ver- 
mochte, in aller öffentlichkeit verfochten und betätigt und bin dazu, soweit es 
möglich war, auch mit meinen Gesinnungsfreunden in anderen 'Ländern in Ver- 
bindung getreten. (Zum Beispiel Reise nach Belgien und Holland, September 
1914, Weihnachtsbrief 1914 an den Labour-Leader, London, Schweizer Zusam- 
menkünfte, an denen persönlich teilzunehmen ich leider durch höhere Gewalt ver- 
hindert war usw.) 

6. Diese Politik ist nicht nur die meinige, an der ich festhalten werde, koste 
es, was es wolle, sondern die Politik eines stets zunehmenden Teils der Be- 
völkerung in Deutschland und den anderen kriegführenden und neutralen Staaten. 
Sie wird bald, wie ich hoffe, und wofür ich weiter zu arbeiten entschlossen bin, 
die Politik der Arbeiterklasse aller Länder sein, die dann die Macht besitzen 
wind, den imperialistischen Willen der heute^herrschenden Klassen zu brechen 
und zum Wohle der Allgemeinheit die Beziehungen und Zustände der Völker 
nach ihrem Willen zu gestalten. 

Armierungssoldat Dr. Karl Liebknecht. 



Trotz des unsagbar schweren Schlages, den die revolutionäre Be- 
wegung dadurch erlitt, daß ihr der geliebte Führer entrissen wurde, 
machte die oppositionelle Bewegung der Spartakusleute dank ihrer 
rührigen Agitation durch illegale Flugblätter große Fortschritte. Im 
Juni erschienen eine Reihe von Flugblättern, aus denen wir die beiden 

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im folgenden wiedergegebenen für die Beurteilung der politischen und 
wirtschaftlichen Situation jener Zeit charakteristischen herausgreifen 
wollen: 

Arbeiter und Arbeiterinnen! 

Der imperialistische Weltkrieg, den die verblendete Profitgier der herrschen- 
den Klassen aller Länder heraufbeschworen hat, nimmt immer entsetzlichere 
Formen an. 

Draußen ein grauenvoller Völkermord, 
der jeden Schimmer menschlicher Gesittung abgestreift hat und Millionen blühen- 
der Menschenleben dahinrafft, ohne daß ihnen ein tröstender Gedanke die Sterbe- 
stunde erhellt! 

Drinnen ein System der Unterdrückung, 
wie es Deutschland seit den Tagen jener Karlsbader Beschlüsse nicht gekannt hat, 
auf denen seit 100 Jahren der Fluch der Nation lastet! 

Eine Zensur, die an launenhafter Willkür die vormärzliche Zensur weitaus 
ülperbietet, knebelt jedes freie Wort. Die Vereins- und Versammlungsfreiheit ist 
selbst in der kümmerlichsten Gestalt, die sie in Deutschland gewonnen hatte, zum 
Kinderspott geworden. Hunderte von deutschen Staatsbürgern liegen gefangen, 
ohne daß sie Wochen- und monatelang auch nur erfahren, wessen sie angeklagt 
sind. Die Spitzel haben goldenere Tage, als selbst in den Zeiten des Sozialisten- 
gesetzes. v 

Und während so die dunkelsten Erinnerungen der deutschen Vergangenheit 
heraufbeschworen werden, feiert dieselbe moderne Profitgier, die den Weltkrieg 
entzündet hat, auch im Innern Deutschlands ihre unheimlichen Feste: Ein 

schamloser Lebensmittelwucher 

macht das bleiche Gespenst des Hungers zum täglichen Gast in jeder Arbeiter- 
familie. Die vielberühmte Bureaukratie, die sich vor dem Kriege, anmaßte, den 
„beschränkten Untertanenverstand" am Gängelbande zu führen, erweist sich unfähig, 
dem Treiben der Wucherer zu steuern. Wenn aber je einmal einer dieser Schufte 
vor die gerichtlichen Schranken gerät, so kommt er mit Strafen davon, die die 
Volksmassen nur als Höhn auf ihre bittere Not empfinden. 

Wehe aber denen, die sich gegen die empörenden Zustände, die der Welt- 
krieg geschaffen hat, in Schrift oder Wort aufzulehnen wagen. Sie werden in 
„Schutzhaft" genommen, wie sich die russische Methode in Deutschland 
nennt, und verschwinden ohne Urteil und Recht hinter den schwedischen Gar- 
dinen. Oder sie verfallen einer 

drakonischen Justiz, 

wie Karl Liebknecht, der sich in wenigen Tagen vor dem Militärgericht 
wegen seiner eifrigen und uneigennützigen Propaganda für den Völkerfrieden zu 
verantworten haben wird. 

Was ihm bevorsteht, verrät hinlänglich die amtliche, durch das Wolffsche 
Telegraphenbureau am 9. Juni verbreitete Notiz, wonach Liebkriecht auf Grund 
des § 89 des Strafgesetzbuches wegen versuchten Kriegsverrats angeklagt sein 

4 * , * 51' 



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sollte. Nach diesem Paragraphen könnte im günstigsten Falle auf einen Tag 
Festungshaft, also eine sehr gelinde Strafe, erkannt werden. Tatsächlich enthält die 
amtliche Notiz eine wissentliche Unwahrheit, um das öffentliche Urteil zu betören. 
Karl Liebknecht ist auf Grund des § 57 des Mflitärstrafgesetzes angeklagt, der 
eine 

Mindeststrafe von zehn Jahren Zuchthaus 
androht, und im günstigsten Falle^ wenn nur auf den versuchten Kriegsverrat 
erkannt wird, immer noch den vierten Teil dieser Strafe vorsieht, also zweieinhalb 
Jahre Zuchthaus! 

Als im Jahre 1805 der deutsche, Buchhändler Palm eine Schrift gegen die 
französische Fremdherrschaft herausgab, ließ ihn der Eroberer Napoleon vor ein 
Kriegsgericht stellen und erschießen. Die brutale Tat empörte selbst die ver- 
schrumpftesten Philisterherzen. Aber was will der Fall Palm gegenüber dem 
Fall Liebknecht sagen? Heute will die deutsche Regierung einen 

deutschen Reichstagsabgeordneten 
wegen seiner Propaganda für den Völkerfrieden, deren lautere Beweggründe 
auch die gehässigsten Gegner Liebknechts nicht zu bestreiten wagen, 

in das graue Kleid des Zuchthäuslers stecken, 
ihn einer geistig und körperlich zerrüttenden Strafe mit all ihren entehrenden 
Folgen unterwerfen, ihn unfähig machen, seinen Beruf zu versehen und die 
Ehrenämter, die ihm das Vertrauen des Volkes verliehen hat. Aber was gilt das 
alles in den Tagen des imperialistischen Weltkrieges? Die Massen beginnen zu 
murren, und so rnuß ein Exempel statuiert werden. 

"Wohlan denn, Arbeiter und Arbeiterinnen, erhebt Eure Stimmen 
gegen den drohenden Justizmord! Vergeßt nicht, daß der Fall Liebknecht 
Euer eigner Fall ist, daß der Schlag, der ihn trifft, auch Euch treffen 
soll. . Erinnert Euch des Wortes, das Euch Euer Dichter zugerufen hat: 

Deiner Dränger Schar erblaßt, 

Wenn du, müde deiner Last, 

In die Ecke lehnst den Pflug, 

Wenn du rufst: es ist genug! 
Dieser Ruf ist heute Euer Programm , und wenn Ihr danach 
handelt, kann Euch auf die Dauer keine Macht der Welt widerstehen. 
Nieder mit dem Belagerungszustand! Nieder mit dem Krieg! 

Hunger ! 

3. In der Internationale liegt der Schwerpunkt der 
Klassenorganisation des Proletariats .... 
» 4. Die Pflicht zur Ausführung der Beschlüsse der 

Internationale geht allen anderen Organisations- 
pflichten voran .... 

(Leitsätze.) 

Was kommen mußte, ist eingetreten: Der Hunger! 

In Leipzig, in Berlin, in Charlottenburg, in Braunschweig, in Mägdeburg, 

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in Koblenz und Osnabrück, an vielen anderen Orten gibt es Krawalle der 
hungernden Menge vor den Läden mit Lebensmitteln. Und die Regierung des 
Belagerungszustandes hat auf den Hungerschrei der Massen nur die Antwort: 
Verschärften Belagerungszustand, Polizeisäbel und Militärpatrouillen. 

Herr von Bethmann-Hollweg klagt England des Verbrechens an, den 
Hunger in Deutschland verschuldet zu haben, und die Kriegsdurchhalter und 
Regierungszuhälter schwätzen es nach. Indessen die deutsche Regierung hätte 
wissen müssen, daß es so kommen mußte: Der Krieg gegen Rußland, Frankreich 
und England mußte zur Absperrung Deutschlands führen. Es war auch stets 
Brauch unter den edlen Brüdern im Kriege, einander wirtschaftlichen Schaden 
zuzufügen, die Zufuhr von Lebensmitteln abzusperren. Der Krieg, der Völker- 
mord ist das Verbrechen, der Aushungerungsplan nur eine Folge dieses Ver- 
brechens. 

Die bösen Feinde haben uns „eingekreist", plärren die Kriegsmacher. Warum 
habt ihr eine Politik gemacht, die zur Einkreisung führte? ist die einfachste 
Gegenfrage. Jede imperialistische Raubpolitik ist ein Verbrechen, und eine solche 
Politik trieben alle Staaten. Die deutsche Regierung aber betrieb eine impe- 
rialistische Politik, bei der sie alle Staaten* anrempelte, mit allen in Konflikt 
kam und schließlich, nur noch . mit dem österreichischen Staatskadaver und der 
rettungslos bankrotten Türkei verbündet, gewaltsam den Weltkrieg anzettelte. 

Auf das Verbrechen der Anzettelung des Weltkrieges wurde ein weiteres ge- 
häuft: die (Regierung tat nichts, um dieser Hungersnot zu begegnen. Warum geschah 
nichts? Weil den Regierungssippen, den Kapitalisten, Junkern, Lebensmittet- 
vvucherern der Hunger der Massen nicht wehe tut, sondern zur Bereicherung dient. ' 
Weil, wenn man von Anfang an den Kampf gegen Hunger und Not durch ernst- 
hafte Maßnahmen aufgenommen hätte, den verblendeten Massen der furchtbare 
Ernst der Lage klar geworden wäre. Dann wäre aber die Kriegsbegeisterung 
alsbald verraucht. 

Deshalb hat man die Volksmassen mit Siegestrkimphgeheul betäubt und sie . 
gleichzeitig den agrarischen und kapitalistischen Lebensmittelwucherern ausgeliefert. 

Mit dem Geschrei vom „Durchhalten", bei denen die Scheidemänner und 
Konsorten der Regierung ihre Dienste leisteten, hat man versucht, die Massen 
um jede Besinnung zu bringen. Die herrschenden Klassen wollten ihre wahn- 
sinnigen Annektionsgelüste nicht preisgeben, und man belog das Volk, indem man. 
ihm vorredete: wenn wir durchhalten, wird Deutschland den Frieden diktieren 
und die ganze Welt beherrschen. * ■ 

Man. hat uns vorgelogen: die deutschen Ü-Boote werden Englands Zufuhr 
abschneiden, England werde um Frieden winseln, und damit werde der Krieg 
beendet. — Märchen für Kinder sind das. Der U-Bootkrieg hetzt Deutschland 
neue Feinde auf den Hals; aber an eine Abschneidung der Zufuhren Englands 
ist nie und nimmer zu denken, auch wenn Deutschland zehnmal mehr U-Boote hätte. 

Dann hat man uns vorgemacht: der Vorstoß nach dem Balkan werde Deutsch- 
land Luft schaffen, Lebensmittel in Hülle und Fülle werde man aus der Türkei 
erhalten. — Man log bewußt, denn alle Einsichtigen wissen, daß die Türkei 
nichts liefern kann, daß in Konstantinopel und den Küstenstädten Kleinasiens 
Mangel herrscht, daß die türkische Regierung ihre Armee nicht mehr nähren kann. 

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Jetzt vertröstet man uns auf die kommende Ernte: alle Not werde ein Ende 
haben, wenn die neue Frucht da ist. — Auch das ist bewußter Schwindel. Die 
einfache Rechnung sagt: in zweiundzwanzig Kriegsmonaten wurden zwei Ernten 
verzehrt, außerdem die großen Vorräte an • Viehfutter, Zucker und anderen Pro- 
dukten, die zu Kriegsbeginn im Lande lagerten; ferner alles, was in den besetzten 
Gebieten, in Belgien, in Nordfrankreich, Polen, Litauen, Kurland, Serbien an 
Lebensmitteln „requiriert" wurde; schließlich noch das, was aus Holland und den 
skandinavischen Ländern eingeführt werden konnte. Jetzt gibt es nichts mehr. Die 
besetzten Gebiete sind kahl gefressen, die Menschen sterben bereits Hungers in 
Polen und in Serbien. Die neutralen Staaten sperren die Ausfuhr hermetisch ab, 
weil sie selbst Mangel leiden. Die einheimische Ernte kann nicht viel liefern, denn 
die Felder wurden aus Mangel an Arbeitskräften, an Dünger und Saatgut schlecht 
bestellt. Die Viehstände sind gering. r 

Ein „Lebensmitteldiktator" soll für gute Verteilung sorgen: Zu spät! Die 
Lebensmittelwucherer haben ihr Werk vollbracht. Packt Irtan sie jetzt an der 
Gurgel, so hilft's nichts. Es gibt nicht mehr so viel zu „verteilen", daß man das 
Volk satt machen kann. 

Das ist die nackte Wahrheit. » 

Man hat das Volk in den Krieg gehetzt, bei dem die Zufuhr abgeschnitten 
wurde, kapitalistische Verbrecher haben unter Duldung der Regierung das übrige 
getan. 

Was soll werden? , 

Man kann noch ein halbes Jahr, vielleicht ein ganzes Jahr Krieg führen, 
indem man die Menschen langsam verhungern läßt. Dann wird aber die künftige 
Generation geopfert. Zu den furchtbaren Opfern an Toten und Krüppeln der 
Schlachtfelder kommen weitere Opfer an Kindern und Frauen, die infolge des 
Mangels dem Siechtum verfallen. 

Und auch dann gibt es noch kein Ende, denn dieser Krieg kann nicht mehr 
mit Waffengewalt entschieden werden, wenn er auch noch ein Jahr oder zwei 
dauert. Der deutsche Militarismus steckt nach allen seinen „Siegen" in der Sack- 
gasse. Wenn jetzt der Krieg fortdauert, so ist es einzig allein, weil die Volks- 
massen sich die Infamie geduldig gefallen lassen. 

Männer und Frauen des arbeitenden Volkes, wir alle tragen die Verantwortung. 

Entweder verharren die arbeitenden Massen in stumpfsinnigem Gleichmut — 
dann ist die Folge langes Siechtum und elendes Verderben; oder das Proletariat 
rafft sich auf, verweigert dieser Regierung und diesen herrschenden Klassen die 
Dienste und erzwingt den Frieden. 

Es gibt keine Wahl. Es gilt die Tat. Rafft euch auf, ihr Männer und Frauen! 
Gebt euren Willen kund, laßt eure Stimme erschallen: 

NiedermitdemKriege! 

Hoch die internationale Solidarität des Proletariats! 



Das „Hunger !"-Flugblatt war eins der am weitesten in ganz Deutsch- 
land verbreiteten. Große „Hungerdemonstrationen" in allen Teilen 
Deutschlands waren die Folge der wirkungsvollen Agitation. Nebenher 

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spielen Flugblätter gegen den U-Bootkrieg und gegen die Steuerpolitik 
eine gewisse Rolle und — kurz vor dem Liebknechtprozeß — ein Flug- 
blatt „Was ist mit Liebknecht?", von dem wir hier den letzten Abschnitt 
bringen wollen: 

/ 

Was ist mit LiebKnecht?? 

Arbeiter, Parteigenossen, ihr Frauen des Volkes! Werdet ihr 

euch von dieser infamen Mache einfangen lassen? Wollt ihr den Meuchelmord 
an eurem treuesten Führer dulden?! 

Liebknecht kämpfte für uns alle. Er hat sich für das Proletariat, für den inter- 
nationalen Sozialismus geopfert. Er hat gezeigt, daß man auch in Deutschland 
für seine sozialistische Oberzeugung mit dem ganzen Menschen einsteht. Lieb- 
knecht ist. jederzeit bereit, den letzten Blutstropfen für die Befreiung der Arbeiter- 
klasse hinzugeben. 

Werdet ihr ihn jetzt ruhig der Rache der Kapitalisten, der Junker, der Krupp- 
sippe, der Militärkamarilla überlassen? 

Arbeiter! Liebknechts Sache ist eure Sache. In Liebknecht will* man euch 
treffen, euch meucheln, euch zum Verstummen bringen, damit der Völkermord 
ungehindiert weitergeht. In Liebknecht soll die Auflehnung des deutschen Prole- 
tariats gegen das Verbrechen des Krieges niedergestampft werden. Werdet ihr das 
dulden? Nein und tausendmal nein! 

Der saubere Plan des Justizmordes hinter den Kulissen, im stillen Kämmer- 
lein, soll zuschanden werden! Erhebt eure Stimme! Zeigt, daß hinter Liebknecht 
Hunderttausende, Millionen stehen, die ebenso fühlen und denken wie er. Die 
Schergen sollen versuchen, Liebknecht zu verurteilen! Sie sollen es wagen! Das 
Urteil wird im Reich und in den Schützengräben ein solches Echo wecken, daß 
den Kriegsmachern Hören und Sehen vergeht! 

Aus Millionen Kehlen soll ihnen der Ruf Liebknechts in die Ohren gellen: 
Nieder mit dem Kriege! «Nieder mit der Regierung! 



Liebknecht wurde in erster Instanz zu 2y 2 Jahren Zuchthaus ver- 
urteilt. Als das Urteil bekannt wurde, erschien am 6. Juli 1916 das 
bekannte Flugblatt: „234 Jahre Zuchthaus", das wir nachstehend unter 
Weglassung des mittleren Teils, der nur lokales Interesse für Berlin hat, 
wiedergeben : 

* 

2Vi Jahre Zuchthaus ! 

Arbeiter! • Parteigenossen! 

Der Streich ist gefallen! Zu 2% Jahren Zuchthaus haben sie unseren Karl 
Liebknecht verurteilt. Weil er rief: Nieder mit dem Kriege! stecken ihn die Kriegs- 
knechte in die Zuchthausjacke. Weil er für die Verbrüderung der Völker am 
1. Mai demonstrierte, soll er im Hause der Verworfenen schmachten. Weil er 
für das Volk um Brot und Freiheit kämpfte, haben sie ihn in Ketten geschlagen. 

i 

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Genossen! werden wir das Schandurteil ruhig hinnehmen? 
Werden wir uns den blutigen .Faustschlag ins Gesicht gefallen lassen? 
Arbeiter! Ihr Frauen des Volkes!, 
Heraus aus den Betrieben! 
Ein machtvoller Proteststreik im ganzen Reich zeige der Säbeldiktatur, daß 
das deutsche Volk aufgehört hat, sich wie ein hund zu ducken. Wir haben 
satt den Völkermord und seine Greuel! Wir haben satt die Not, den. Hunger 
und das Halseisen des Belagerungszustandes. Die Herrschenden sollen erfahren, 
daß hinter Liebknecht Hunderttausende, Millionen stehen, die ebenso wie er rufen: 
Nieder mit dem Kriege! 

Wie ein Donner soll dieser Ruf im ganzen Reich einschlagen und in die 
Schützengräben rollen. Wir wollen dann sehen, ob ' die Schergen es wagen 
werden, bei ihrem Schandurteil festzuhalten. Noch einmal: Ihr Arbeitsm/inner und 
Frauen, heraus zum Proteststreik! 

Hoch der Zuchthäusler Liebknecht! 
Nieder mit dem Kriege! 



Ihr hemmt uns 
doch ihr zwingt uns nicht! 
Die deutsche Arbeiterschaft ist erwacht! Der Stein ist ins Rollen gekommen. 
Mit .diesem ersten Proteststreik ist der Kampf nicht zu Ende. Arbeiter, haltet 
euch bereit zum neuen Handeln! Der Polizeiknüppel kann euch von der Straße 
wegjagen, aber keine Macht der Erde kann Euch zwingen, in die- Betriebe zu 
gehen! 

^ Hoch Liebknecht! Nieder mit dem Kriege! 



Nachdem die zweite Instanz am 23. August das Urteil noch wesent- 
lich verschärft hatte, wurde in Berlin folgender« zum Proteststreik auf- 
rufende Handzettel massenhaft verbreitet: 

Arbeiter! Klassengenossen! 

Karl Liebknecht, der mutige und rücksichtslose Vorkämpfer für die 
Befreiung der Arbeiter, für Frieden und Menschlichkeit, ist am 23. August zu 
4 Jahren 1 Monat Zuchthaus und zu 6 Jahren Ehrverlust verurteilt 
worden. 

Dieses Schand- und Bluturteil ist eine maßlose Herausforderung, ein Faust- 
schlag ins . Gesicht der deutschen Arbeiterklasse. 

Auf zum Kampf! Auf zum Profest! Legt die Arbeit nieder, verlaßt die Werk- 
stätten und Fabriken! 

Mann der Arbeit aufgewacht! 
Und erkenne deine Macht! 
Alle Räder stehen still, 
Wenn dein starker Arm es will. 
f 

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Hoch Liebknecht! Nieder mit dem Völkermord! 
Friede, Freiheit, Brot! 

(Von Donnerstag, den 31. August an, die Arbeit einstellen!) x 



Die Schlußszene aus dem Prozeß gegen Liebknecht beim Ober- 
militärgericht ist, obgleich die Verhandlungen hinter geschlossenen Türen 
stattfanden, doch an die Öffentlichkeit gekommen. Die seit September 1916 
gedruckt erscheinende illegale Zeitschrift „Spartakus" bringt in ihrer Nr. 3 
(Dezember 1916) unter der Überschrift „Ich zweifle .nicht", die Antwort, 
die Karl Liebknecht nach der Verkündung de& Straf urteils seinen 
Richtern gab. • 



„Ich zweifle nicht!" 



(Schlußwort des Anklagevertreters und des Angeklagten Gen. Karl Liebknecht 
in der Verhandlung vor dem Obermilitärgericht am 23. August 1916.) 

Der Anklagevertreter räumt ein, daß der Angeklagte sich vornehm verhalten 

und aus idealen Motiven gehandelt habe, aus einer Weltanschauung* die ihm, dem 

Anklagevertreter, naturlich weltenfern liege. Aber er habe für seine idealen Zwecke 

Mittel angewendet, die er als ehrlos bezeichnen müsse; verwerflich $ei die 

Behauptung, daß der Krieg von den Mittelmächten im Interesse einer Handvoll 

Junker und Kapitalisten inszeniert sei. Er beantragt sechs Jahre sechs Monate 

Zuchthaus und Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte auf die Dauere von zehn 

Jahren. 

•> 

Angeklagter: Ich wiederhole zunächst mein Verlangen, daß meine Erklä- 
rungen nur genau in der von mir vorgetragenen und vorgelegten schriftlichen 
Form in das Urteil aufgenommen werden. Sie und ich, wir gehören zwei ver- < 
schiedenen Welten an und sprechen zwei verschiedene Zungen. Ich verwahre 
mich dagegen, daß Sie, der Sie meine Sprache nicht verstehen, der Sie dem 
Lager meiner Feinde, angehören, meine Worte nach Ihrem Sinne gestalten. 

Der Anklagevertreter hat die von mir angewandten Mittel, hat meine Be- 
hauptungen über das geschichtliche Wesen und die Entstehung des Krieges ver- 
werflich genannt. Wie soll ich das bezeichnen, da er die Akten kennt und weiß, 
welcher Überfluß an Tatsachen und Gründen mir zur Seite steht, und da gerade 
er mit -dem Gferichtsherrn meinen Beweisantrag über die Vorgeschichte des 
Krieges abgelehnt hat! Ich -versage mir jetzt und hier jedes weitere Wort dazu; 
denn dieses Gericht ist für mich nicht das geeignete Forum. Aber die - Verant- 
wortlichen, jene Brandstifter in Berlin und Wien, sie werden noch zur Rechen- 
schaft gezogen werden, daß ihnen Hören und Sehen yergeht. 

Der Verhahdlungsleiter zeigt die Absicht, den Angeklagten zu unterbrechen. 

Angeklagter: „Zuchthaus!" „Verlust der Ehrenrechte!" Nun wohl! Ihre Ehre 
ist nicht meine Ehre! Aber ich sage Ihnen, kein General trug je eine Uniform 
mit so viel Ehre, wie ich den Zuchthauskittel tragen werde. — 

Ich bin hier um anzuklagen, nicht, um mich zu verteidigen!. 

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Nicht Burgfrieden, sondern Burgkrieg ist für mich die Losung! — Nieder mit 
dem Krieg! Nieder mit der Regierung! 

Der Anklagevertreter beklagt sich erregt über die Angriffe, die der Angeklagte 
gegen ihn gerichtet habe, und berurt sich darauf, wie das Volk über den An- 
geklagten urteile. 

Angeklagter: Man vergegenwärtige sich: der Anklagevertreter schilt mich 
ehrlos, beantragt sechs Jahre und einige Monate Zuchthaus und zehn Jahre Ehr- 
verlust! Ich gebe ihm einige Worte nur allzu berechtigter Kritik, und er, der 
mir sechs Jahre Zuchthaus und zehn Jahre Ehrverlust — eine Kleinigkeit! — 
zudenkt, gerät aus dem Häuschen! Der Anklagevertreter hat das Volk gegen mich 
aufgerufen. Ei, tun Sie das doch nicht bloß in Worten, nicht bloß in zehnfach 
' verriegelter Verhandlung, die sich vor dem Volke versteckt. Nehmen Sie doch dem 
Volke die Knebel und Handschellen des Belagerungszustandes ab! Rufen Sie doch 
das Volk zusammen, hier und wo Sie wollen; und die Soldaten im Felde, wo 
Sie wollen! Und lassen Sie uns vor die Versammelten treten, vor ihr Gericht — 
auf der einen Seite Sie alle, der ganze Gerichtshof, der Anklagevertreter und auch 
die Herren da drüben vom Generalstab, Kriegsministerium und Kriegspresseamf 
und wen Sie sonst wollen. Auf der anderen Seite ich ganz allein oder einer 
meiner Freunde. Wo die Masse des Volkes stehen wird, wenn der Vorhang des 
Truges von seinen Augen gerissen sein wird, ob bei Ihnen oder bei mir - ich 
zweifle nicht! 



Vom 14. bis 30. April 1916 hatte inzwischen die zweite Zimmer- 
walder sozialistische Konferenz in Kienthal stattgefunden, ohne allerdings 
in Deutschland mit allzu regem Interesse verfolgt zu werden, obgleich 
außer der neuen Fraktion der „Arbeitsgemeinschaft" auch die anderen 
oppositionellen Gruppen durch Delegierte auf ihr vertreten waren. Das 
von dem französischen Linkssozialisten Brizon formulierte zweite Zim- 
merwalder Manifest wurde in allen kriegführenden Landern während 
des ganzen Sommers illegal verbreitet. Es hat folgenden Wortlaut: 

" An die getretenen, und hingemordeten VölKer! 

Proletarier aller Länder vereinigt euch! 

Zwei Jahre Weltkrieg! Zwei Jahre Verwüstung! Zwei. Jahre blutiger Opfer 
und toller Reaktion. 

Wer trägt die Verantwortlichkeit dafür? Wer steht hinter denen, die die 
Brandfackel in das Purverfaß geschleudert hahen? Wer hat längst den Krieg 
gewollt und ihn vorbereitet? 

Das sind die herrschenden Klassen! 

Als wir, die Sozialisten der kriegführenden und neutralen Länder, im September 
1915, trotz des blutigen Kampfes einander die Hand reichten und uns mitten 
in dem Ansturm der entfachten Kriegsleidenschaften in Zimmerwald einigten, 
sagten wir in unserm Manifest: 

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„Die herrschenden Gewalten der kapitalistischen Gesellschaft, in deren Händen 
das Geschick der Völker ruhte, die monarchistischen wie die republikanischen Re- 
gierungen, die Geheimdiplomatie, die mächtigen Unternehmerorganisationen, die 
bürgerlichen Parteien, die kapitalistische Presse, die Kirche — sie alle tragen das 
volle Gewicht der Verantwortung für diesen Krieg, welcher aus der sie nährenden 
und von ihnen geschützten Gesellschaftsordnung entstanden ist und für ihre Inter- 
essen geführt wird." 

„Jede Nation,'— sägte Jaures wenige Tage vor seinem Tode — sandte man 
mit der Brandfackel auf die Straßen Europas." Nachdem der Krieg Millionen 
ins Grab gebracht, Millionen Familien in Kummer und Elend gestürzt, Millionen 
zu Witwen und Waisen gemacht, Trümmer auf Trümmer gehäuft und unersetz- 
bare Kulturgüter zerstört hat, ist er in einer Sackgasse gelandet. 

Trotz der Berge von Opfern an allen Fronten keine entscheidenden Resultate! 
Nur um diese zu erlangen, müßten die Regierungen neue Millionen von Men- 
schenleben opfern. 

Es gibt nicht Sieger, noch Besiegte, oder besser*— alle sind besiegt, alle 
ersticken in Blut, sind ruiniert und «erschöpft — das ist das Ergebnis , dieses 
schreckenvollen Krieges. So haben sich die fanatischen Träume der herrschenden 
Klassen über die imperialistische Weltherrschaft nicht erfüllt. 

Und wieder zeigte es sich, daß nur diejenigen Sozialisten den Interessen der 
Völker dienten, die trotz aller Verleumdung gegen den nationalistischen Wahnsinn 
auftraten und sofortigen Frieden ohne Annektionen verlangten. 

Darum einigen wir uns unter der Kampflosung: Nieder mit dem Krieg! 
Es lebe der Friede! 

Fabrik- und Landarbeiter! 

Die Regierungen, die imperialistischen Cliquen und ihre Presse sagen, daß man 
den Krieg bis zum Ende führen muß, um die unterdrückten Völker zu befreien. 
Von allen Betrugsmitteln,- die man während des Krieges in Umlauf gesetzt hat, 
ist dies das plumpste Mittel. Das wahre Ziel dieses allgemeinen Schlachtens ist 
für die einen, das zu sichern, was sie im Verlauf von Jahrhunderten, in zahl- 
losen Kriegen zusammengescharrt haben; die anderen wollen eine neue Teilung 
der Welt, um ihren Besitz zu vergrößern, sie wollen neue Gebiete annektieren, 
Völker zerteilen, sie zu einfachen Sklaven erniedrigen. Eure Regierungen und 
ihre Presse sagen euch auch, daß man den Krieg fortsetzen muß, um den Mili- 
tarismus zu vernichten. 

Laßt euch nicht betrügen: der Militarismus der einen oder anderen Nation 
kann nur von ihr selbst beseitigt werden, und er muß in allen Ländern beseitigt 
werden. Eure Regierungen und ihre Presse sagen euch auch, daß man den 
Krieg fortführen muß, um ihn zum letzten zu machen. 

Auch das ist Betrug. Niemals hat der Krieg Kriege beseitigt. Umgekehrt, 
er erzeugt das Verlangen nach Revanche — Gewalttat gebiert Gewalttat. ' 

So werden nach jedem Opfer unsere Quäler von euch neue Opfer verlangen, 
und aus diesem Krieg können ^uch auch die bürgerlichen Pazifisten nicht heraus- 
bringen. • ' 

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Es gibt nur ein einziges Mittel, in der Zukunft Kriege zu verhindern. Das 
ist die Eroberung der politischen Macht und die Beseitigung des kapitalistischen 
Eigentums durch die Arbeiterklasse. 

Ein „dauerhafter Friede" wird die Frucht des Sieges des Sozialismus sein. 

Proletarier! 

Wer predigt den Krieg „bis zum Ende", bis zum- „Siege"? Die Urheber 
des Krieges, di^ käufliche Presse, die Kriegslieferanten und alle die, die sich am 
Kriege bereichern. Die Sozialpatrioten, die die bürgerlichen Kriegslosungen wieder- 
holen, die Reaktionäre, die im Innern sich freuen, daß auf den Schlachtfeldern 
die zugrunde gehen, die gestern noch eine drohende Gefahr für die Privilegien 
der herrschenden Klassen waren; die Sozialisten, Gewerkschaftler und alle die, 
die den Samen des Sozialismus in Stadt und Land gesät haben. 

Das sind die Anhänger der Politik des Krieges bis zum Ende! Sie be- 
herrschen den staatlichen Machtapparat, sie befehlen der Lügenpresse, die die 
Völker, verhetzt, sie genießen das Recht auf freie Agitation für die Fortsetzung 
des Krieges und der Verwüstungen. 

Die Opfer seid ihr. Ihr habt das Recht zu hungern und zu schweigen, Tfür 
euch sind die Ketten des Belagerungszustandes, der Zensor und die Totenluft 
des Gefängnisses. 

Ihr, das Volk, die arbeitenden Massen, ihr seid die Opfer, und dabei ist der 
Krieg nicht euer Krieg. 

In den Schützengräben, in der Schwarmlinie liegt ihr, die Arbeitenden von 
Stadt und Land. 

Hinter der Front seht ihr die Reichen mit ihren Schützlingen, die sich in 
Sicherheit zu bringen wissen. 

Für sie ist der Krieg — der Tod anderer! 

Obschon sie den Klassenkampf gegen euch in noch viel schärferer Form als 
vorher führen, predigen sie den „Burgfrieden"., Erbarmungslos beuten sie eure 
Not, euer Elend aus, und versuchen gleichzeitig euch zu veranlassen, Verrat an 
eurer Klasse zu üben und aus euch eure beste Kraft, die Hoffnung auf den 
Sozialismus herauszureißen. Klarer als zur Friedenszeit hebt sich während des 
Krieges die soziale Ungerechtigkeit und die Klassenherrschaft hervor. 

Zur Friedenszeit nimmt das kapitalistische System dem Arbeiter jede Lebens- 
freude, zur Kriegszeit nimmt sie ihm alles, auch das Leben. 

Genug des Mordens, genug der Leiden! 

Genug der Verwüstungen. 

Auf euch Arbeiter werden jetzt und später die aufgetürmten Ruinen zusammen- 
stürzen. 

Hunderte von Millionen werden jetzt dem Kriegsgotte geopfert, sie gehen 
damit der Volkswohlfährt, Kulturzwecken und sozialen Reformen verloren, welche 
euer Schicksal erleichtern, die Volksbildung vermehren und die Armut verringern 
könnten. Aber morgen werden sie neue Steuerlasten auf eure Schultern bürden. 
Ist noch nicht genug der Arbeitskraft, an Geld, an Menschenleben verloren 
gegangen? 

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Erhebt euch zum Kampfe um den sofortigen Frieden ohne jede Eroberung, 

Mögen in allen kriegführenden Ländern die arbeitenden Männer und Frauen 
aufstehen gegen den Krieg und seine Folgen; gegen Not und Entbehrung, gegen 
Arbeitslosigkeit und Teuerung! Mögen sie die Stimme erheben für die Wieder- 
herstellung der ihnen geraubten bürgerlichen Freiheiten, für soziale Gesetzgebung, 
für die Forderungen der arbeitenden Klassen in Stadt und Land. 

Mögen die Proletarier der neutralen Länder den Sozialisten der kriegführenden 
Länder in ihrem schweren Kampfe helfen und mit allen Mitteln der weiteren Aus- 
breitung des Krieges entgegenwirken. 

Mögen die Sozialisten aller Länder nach den internationalen Beschlüssen han- 
deln, die dahin lauten, daß es die Pflicht der Arbeiterklasse ist, alle Anstrengungen 
zu machen, um den Krieg so bald als möglich zu beenden. 

Übt den stärksten Druck auf eure Abgeordneten aus, auf eure Parlamente, 
auf eure Regierungen. \ 

Verlangt von den Vertretern der sozialistischen Parteien sofortige Abkehr von 
der Unterstützung der fcriegspölitik der Regierungen. Verlangt von den 
sozialistischen Abgeordneten, daß sie von jetzt ab gegen alle Kriegskredite stimmen. 

Helft mit allen Mitteln, die ihr zur Verfügung habt, zur schnellsten Been- 
digung des Menschenmordens. 

Verlangt das sofortige Ende des Krieges. Erhebt euch zum Kampfe, getretene 
und hingemordete Völker. 

Wagt! Denkt daran, daß ihr die Mehrheit seid, und wenn ihr wollt, könnt 
ihr stark sein. 

Laßt nur die Regierurigen gewahr werden, daß der Widerwille gegen den 
Krieg und die Sehnsucht -nach der Erlösung durch den Sozialismus in allen Ländern 
zunimmt. * . 

Es naht die Stunde des Völkerfriedens. 

Nieder mit dem Krieg! 

Es lebe der Friede, der sofortige Friede ohne Eroberungen! 

Es lebe der internationale Sozialismus! 

Die zweite Zimmerwalder sozialistische Konferenz. 



Die Zeit der Resolutionen und papiernen Proteste war für Deutsch- 
land schon vorüber. Man verlangte nad\ Taten. Die durch die Erfah- 
rungen des Krieges revolutionierten Massen begannen, sich ihrer Macht 
bewußt zu werden und gingen zu gewaltigen Demonstrationsstreiks auf 
die Straße. Während des ganzen Sommers tauchen in allen größeren 
Städten Deutschlands immer neue Flugblätter auf, die die Massen zu 
Streiks aufrufen. Ende Juni kulminierte die große Ausstandsbewegung 
in dem Massenstreik der Berliner und Braunschweiger Munitionsarbeiter. 
Eine gute Übersicht über die wirtschaftliche und politische Situation im 
Sommer 1916 gibt der Artikel „Rückblick und Ausblick" in Nr. 8 der 
»Politischen Briefe" vom. 12. August 1916, den wir nachstehend, etwas 
gekürzt, zum Abdruck bringen. 

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RücKblicK und AusblicK. 

In der furchtbaren Atmosphäre des politischen und moralischen Verfalls, der 
sich der deutschen Sozialdemokratie seit Ausbruch des Krieges bemächtigt hat, 
bilden die letzten drei Monate des zweiten Kriegsjahrs einen gewissen erfreu- 
lichen „Wendepunkt". Die Arbeitermassen fangen anscheinend an, aus der Er- 
starrung allmählich zu erwachen. Sie zeigen durch häufig aufeinanderfolgende 
Regungen des Protestes, daß sie sich mit der Rolle des militärischen Kanonen- 
futters für die herrschende Reaktion nicht mehr zufrieden geben, wozu sie von der 
offiziellen Führerschaft der Partei und der Gewerkschaften verurteilt worden sind. 

Den Beginn der aktiven Umkehr der. Massen zur Politik des Sozialismus 
bildet diesmal — bezeichnenderweise. — der 1. Mai. In Berlin hat die Mai- 
demonstration auf dem Potsdamer Platz, die trotz aller äußeren und inneren 
Widerstände zu einem achtunggebietenden Erfolg geführt hatte, zum erstenmal 
nach längerer Zeit wieder mit dem Mißmut und der Gedrücktheit aufgeräumt, 
die sich seit der letzten mißlungenen Demonstration im Dezember 1915 zwar 
nicht. der Arbeiterschaft, aber der führenden Kreise der Berliner Partei bemächtigt 
hatte. Jene für die „Sumpfrichtung" der Opposition überhaupt bezeichnende 
Unterschätzung des in den Massen lebenden Geistes, die meist nichts anderes ist, 
als Ausdruck des eigenen Widerstrebens vor jeder entschlossenen Initiative, wurde 
am wirksamsten durch die Tatsache der Maidemonstration widerlegt. Diese De- 
monstration ist ihrerseits durch ihr Nachspiel: den Liebknechtprozeß zum 
Ausgangspunkt und Ansporn für die folgenden Kundgebungen im Mai und 
Juni geworden, wie sie dadurch zweifellos auch auf die Internationale belebend 
und aufrüttelnd gewirkt hat. So hat sich einigermaßen das schwere Opfer bezahlt 
gemacht, das sie in der Person Karl Liebknechts der Bewegung gekostet hat. 

Die Maifeier, die auch im Reich aus der Initiative derselben oppositionellen 
Richtung hervorgegangen ist, wie die Berliner Demonstration, hat in anderen 
Städten zu noch schöneren Resultaten geführt. An deri 1. Mai schließt sich der 
tapfere und siegreiche Kampf der Braunschweiger Jugend gegen den Spar- 
zwang — ein Kampf, vor dem die allgewaltige Militärdiktatur die Waffen strecken 
mußte und der seinerseits, einen Monat später, die Magdeburger Jugend 
zu einer ebenso tapferen und ebenso siegreichen Abwehr des Sparzwangs angeregt, 
wie auf die Jugendbewegung im ganzen Reiche vorbildlich eingewirkt hat. 

In Hanau wurde die Maifeier zum Ausgangspunkt mehrtägiger Massen- 
demonstration der Frauen, die gegen Hunger, Lebensmittelwucher und Völker- 
mord stürmischen öffentlichen Protest einlegten und den bürgerlichen Stadtvätern 
nicht gelinden Schreck einjagten. 

Die Hungerkrawalle ziehen sich durch den Mai und Juni fast in ununter- 
brochener Kette als handgreiflicher Beweis, daß die Erbitterung der Massen bereits 
als Elementarerscheinung an die Oberfläche tritt und für die aufrüttelnde Agitation 
der sozialistischen Elemente der Partei den günstigen Boden bereitet, diese 
Agitation aber auch zur unabweisbaren Pflicht macht. In Leipzig war schon 
Mitte Mai als Antwort auf massenhafte Hungerkrawalle der verschärfte Belage- 
rungszustand verhängt, und unser braves Heer nahm „siegreich" von den Straßen 
und Plätzen Besitz. 

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In Kiel führte die Not der Massen Mitte Juni zum Proteststreik und zur 
Straßendemonstration der Arbeiter der Kaiserlichen Werften. Ende Juni rückte in 
München unser ruhmreiches Heer gegen revoltierende Massen aus. In Magde- 
burg, Braunschweig, Osnabrück, Jena, Hannover — allenthalben gab es größere 
oder geringere Krawalle, die zum mindesten zeigten, daß das Volk anfing, 
seine Lammsgeduld und Hundedemut zu verlieren. 

Die im Juni und Juli fleißig verbreiteten Flugblätter („Hundepolitik", 
„Hunger", „Steuerpolitik", „Was ist mit Liebknecht?", -„Der U-Hootkrieg") nährten 
die Kampfstimmung der Masse und gaben ihr klare politische Parolen 

Den Höhepunkt dieser steigenden Woge des Kampfes bildet der Massen- 
streik der Munitionsbranche in Berlin am 28.— 30. Juni, der zirka 
55000 Arbeiter auf die Straße führte, und der am 27. und 28. Juni wunderbar 
durchgeführte Massenstreik in Braunschwqig, gleichfalls hauptsäch- 
lich in den Munitionsfabriken; beide als Protest gegen die Verurteilung Lieb- 
knechts und gegen den Krieg. 

Zum ersten Male hatten wir also in Deutschland einen politischen Massen- 
streik erlebt. Wurde es nicht jahrzehntelang von Gewerkschaftsbeamten, von Partei- 
führern als Hirngespinst, als „russische Methode", als „Revolutionsromantik", als 
„Anarchosozialismus" verschrien, wenn man sagte, die deutschen Arbeiter müßten 
früher oder später genau so zur Waffe politischer Massenstreiks greifen wie 
die Arbeiter aller anderen Länder, wenn sie ihrer Aktiori den nötigen Nachdruck 
verleihen wollen? Und vollends im Kriege! War es nicht als heller Wahnsinn, 
als der Gipfel des Aberwitzes hingestellt, „mitten im Kriege" an einen politischen 
Massenstreik zu denken? Wurde nicht der brave verstorbene Keir Hardie auf 
dem Kopenhagener Internationalen Kongreß von den Deutschen mit mitleidigem 
Achselzucken wegen seiner Marotte belächelt, als er für den Fall des Weltkrieges 
den Streik in den Munitionsbranchen auch nur in Erwägung ziehen wollte? 
Und nun ist das Unmögliche, das Hirnverbrannte, die „russische Revolutions- 
romantik" am 27. und 28. Juni in Deutschland Tatsache geworden. Was der 
preußische Wahlrechtskampf, was die schreiendsten Urteile der Klassenjustiz in 
der Art des Löbtauer Prozesses, was alle Attentate auf das Koalitionsrecht 
nicht hatten zustande bringen körinen, das hat der Weltkrieg und der Lieb- 
knechtsche Prozeß fertig gebracht. 

Und wie einfach, wie freiwillig, mit welcher Selbstverständlichkeit haben 
die Metallarbeiter Berlins und Braunschweigs es als ihre proletarische Pflicht 
betrachtet, durch demonstrative. Arbeitsverweigerung gegen das Schandurteil und 
gegen den Krieg zu protestieren. Die felsenfesten Theorien äer Gewerkschafts- 
beamten, ihre jahrzehntelange Dressur, wo sind sie? Im Nu zerstoben vor dem 
ruhigen Entschluß von 55000 Proletariern. Die Berliner und die Braunschweiger 
Metallarbeiter haben dem ganzen deutschen Proletariat vorbildlich gezeigt, wie 
man über die korrumpierende „Führerschaft" der Cohen und der Scheidemann 
im entscheidenden Moment zur Tagesordnung übergeht. Sie haben zugleich der 
Regierung gezeigt, daß sie nicht länger als willenlose Sklaven ihre Arbeitskraft 
für die Zwecke des Imperialismus mißbrauchen lassen. Der Vorstoß in der 
Berliner und Braunschweiger Munitionsbranche wird auch zweifellos im Ausland. 

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auf die proletarischen Massen aufmunternd und zum Kampf wider den Völker- 
mord anfeuernd gewirkt haben. 

Das Datum des 28. Juni kann sicher zum Wendepunkt in der inneren Ge- 
schichte des Krieges und der Rolle des deutschen Proletariats im Krieg werden — 
wofern das Beispiel der Metallarbeiter Berlins und Braunschweigs in den anderen 
Industrien und Städten würdige Nachahmung findet Als Anfang der Protest- 
bewegung, als erstes kräftiges Zeichen der Selbstbesinnung der Massen war der 
Streik des 28. höchst bedeutsam. Aber man darf sich darüber nicht täuschen, 
daß es doch nur ein Anfang, ein kleiner Anfang war und daß die Bewegung 
im dritten Kriegsjahr noch ganz anders breit, mächtig, zäh einsetzen muß, um 
als ernster Friedensfaktor endlich dem imperialistischen Kriegswagen in die 
Speichen zu fallen und dem Sozialismus in Deutschland wieder eine Stätte zu 
erobern. Das Schelmenstück, das sich der Parteivorstand und die General- 
kommission der Gewerkschaften mit ihrem Aufruf gegen die „anonymen Hetzer" 
und gegen den Proteststreik wieder als* Handlanger der Säbeldiktatur — wahr- 
scheinlich unter deren Diktat — geleistet haben, ist eine neue Mahnung, daß der 
Augiasstall der Partei wie des' imperialistischen Staates nur durch die schärfsten 
und entschlossensten Kundgebungen des Massenwillens ausgefegt werden kann. 

Vor allem muß man sich heute vor Augen halten, was die sogenannten 
Führer unserer Bewegung- stets zu vergessen pflegten, daß eine revolutionäre 
Bewegung, die nicht energisch vorwärts schreitet, sondern auf einmal erreichtem 
Fleck längere Zeit auf den Lorbeeren ruht, in Wirklichkeit zurückschreitet. 
Der am 28. Juni genommene Anlauf muß im dritten Kriegsjahr zu viel aus- 
gedehnteren Akitonen führen, und dazu ist eiserne Energie, Entschlossen- 
heit und kühne Initiative nötig. | 

Diejenigen weisen Rechenmeister, die bei jeder politischen Initiative erst eine 
genaue Kostenrechnung verlangen, ob sich auch die möglichen Opfer sofort auf 
Heller und Pfennig bezahlt machen, und die beispielsweise über den „Leichtsinn" 
Liebknechts mit gerührtem Augenaufschlag seufzten, zeigen auch hier, daß ihnen 
die wirklichen inneren Zusammenhänge einer revolutionären Bewegung verborgen 
sind. In Zeiten der allgemeinen politischen Kirchhofsruhe bleiben die helden- 
mütigsten Opfer einzelner zunächst unsichtbar und ohne jedes Echo. Und doch 
auch solche anscheinend „zwecklose" Opfer und Wagnisse sind in der Gesämt- 
rechnung einer großen gerichtlichen Bewegung ein unentbehrlicher Posten. Wo 
wäre heute die russische Arbeiterbewegung, wo hätte die große Revolution des 
Zarenreiches den gewaltigen Vorrat an Kampfenergie, politischer Reife und Ziel- 
klarheit in den Massen vorgefunden, wenn nicht Jahrzehntelang vorher der Weg der 
sozialistischen Aufklärungsarbeit mit zahlreichen persönlichen Wagnissen «und 
„zwecklosen" Opfern besät worden wäre! . . . Auch jetzt noch wandern russische 
Sozialisten hundertweise ins Gefängnis, in die Verbannung, ins Zuchthaus, ohne 
jedes Aufsehen, ohne daß sich die Welt auch nur die Mühe gibt, ihre vertrackten 
Namen zu erfahren, — wie wenn die Russen andere Menschen wären als wir, 
eigens für Zuchthaus und Gefängnis erschaffen! 

Heute haben wir in Deutschland — in dem Deutschland der Säbeldiktatur 
und des Belagerungszustands — russische Zustände, und ohne russischen Helden- 

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mut, ohne russische Opfer kann der Freiheit und dem Sozialismus nun einmal 
nicht Bahn gebrochen werden. Ehe die deutsche .Arbeitermasse nicht die korrum- 
pierende Schule der offiziellen sozialdemokratischen Führer abgestreift hat, ehe 
sie nicht gelernt hat, daß man nicht bloß auf Befehl des Feldwebels und im 
Interesse des kapitalistischen Profits, sondern auch aus eigenem freien Entschluß 
und für die eigene Klassenbefreiung Haut und Leben in die Schanze schlagen kann, 
bleiben alle Beschwörungen der Sozialistischen Internationale und ihre Formeln 
eitel Schall und Rauch. 

In solchen Zuständen, wie die heutigen in Deutschland, muß aber auch nach 
allen Gesetzen . der historischen Erfahrung jede kühne Initiative und jedes ehrliche 
Beispiel segensreiche Nachwirkung ausüben. Und wenn die schönen Anfänge vom 
28. Juni keinen weiteren Nachhall finden, wenn die Zuchthausjacke Liebknechts 
nicht im dritten Jahr der blutigen imperialistischen Orgie zur brennenden Fackel 
wird, die Millionen endlich zum entschlossenen Kampf gegen den Wahnwitz ent- 
flammt, so wird das allerdings eine untilgbare Schmach sein — aber nicht für 
Liebknecht, sondern für das deutsche Proletariat. 



In demselben Spartakusbrief (Politische Briefe Nr. 8) vom 12. August 
1916 ist die Streikresolution der Braunschweiger Munitionsarbeiter vom 
28. Juni 1916 veröffentlicht. Sie lautet: 

StreiKresolution der Braunschweiger Arbeiter. 

Die heute, den 28. Juni 1916 im „Wilhelmsblick" versammelten ausständigen 
Arbeiter Braunschweigs erklären: Die Braunschweiger Arbeiterschaft hat 
die Arbeit niedergelegt, um gegen die Verhaftung und gegen das gerichtliche Ver- 
fahren, das den Genossen Karl Liebknecht mit Zuchthausstrafe bedroht, 
zu protestieren. Durch die Arbeitsniederlegung sollte sogleich dem tapferen Ge- 
nossen Liebknecht, der durch Wort und Tat dem Volke seine Treue bewiesen 
und der unermüdlich für die Beendigung dieses Weltkrieges gewirkt hat, die 
Sympathie der Braunschweiger Arbeiterschaft zum Ausdruck 
gebracht werden. 

Nachdem dieser Zweck erreicht ist, ' erklärt die Braunschweiger Arbeiter- 
schaft, die Arbeit am Donnerstag, den 29. Juni früh wieder aufzunehmen. 

Die versammelten Arbeiter erklärten jedoch, daß sie erwarten, daß bei und 
nach Wiederaufnahme der Arbeit keineMaßregelungen und Einberufungen 
reklamierter Arbeiter stattfinden und daß alle Beziehungen in den Betrieben 
dieselben bleiben wie vor dem Ausstande. 

Des weiteren erklären die Braunschweiger Arbeiter, daß sie erbittert sind 
über die Unfreiheit, die der Belagerungszustand schafft, über die Aus- 
wucherung des Volkes, über die Beschränkungen, die ihrem Blatt, dem 
Volksfreund, durch die erneute Verhängung der Vorzensur auferlegt worden 
sind. 

Die Braunschweiger Arbeiterschalt leidet mit ihren Familien schwer unter 
der überaus mangelhaften Versorgung mit Lebensmitteln aller 

3 Unterirdische Literatur g5 



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Art, besonders mit Fleisch und Fett und Kartoffeln. Diese fehlerhafte und mangel- 
hafte Versorgung schädigt schwer die Gesundheit und die Arbeitskraft des Volkes! 
Hier muß Abhilfe geschaffen werden. 

Die Braunschweiger Arbeiterschaft protestiert ferner gegen die ihrer Meinung 
nach nutzlose Verlängerung des Krieges, in dem das ganze Volk 
kapitalistischen Interessen geopfert wird. Ein sofortiger Friede ist möglich, wenn 
die Regierung auf alle Annexionen Verzicht leistet und unverklausuliert ihren 
Friedenswillen bekundet. Die Braunschweiger Arbeiterschaft fordert die Regie- 
rung auf, alles zu tun, was den Krieg beendigen und den Frieden herbeiführen 
kann. 

Nimmt die Braunschweiger Arbeiterschaft die Arbeit wieder auf, s6 erwartet 
sie, daß allen Forderungen und Wünschen, die sie geäußert hat, von den leitenden 
Behörden und Instanzen Rechnung getragen wird. Sollte dem nicht so sein, so 
behält sich die Braunschweiger Arbeiterschaft vor, von 
allen ihr zustehenden Rechten zu gegebener Zeit Gebrauch 
zumachen. 

Die Vorgänge in Groß-Berlin sind bekannt: Am Dienstag, den 27., abends 
8 Uhr eine große Demonstration auf dem Potsdamer Platz. Große Absperrungen 
der ganzen Umgegend. Polizei geht brutal vor. Militärwachen halten passierende 
Soldaten an. Um 10 Uhr abends Fortsetzung der Demonstration auf dem Alexander- 
platz, in unmittelbarer Nähe des Polizeipräsidiums. Berittene Polizei reitet in die 
Menge, schlägt Passanten nieder, schleppt Verhaftete zwischen den Pferdeü. Trotz- 
dem immer wieder Hochrufe und Gesang, bis gegen K12 Uhr. Viele Verhaf- 
tungen; bis heute sind noch etwa 50 Personen in Schutzhaft. Viele kamen wie 
üblich aus der Haft sofort in die Garnison. 

Am Mittwoch, den 28. vormittags beginnt der Streik. Beteiligt . sind rund 
55 000 Arbeiter aus großen und mittleren Betrieben der Metallindustrie (Munitions- 
industrie). Der Beschluß zum Streik wird erst nach Beginn der Arbeit gefaßt. 
Eine Deputation aus jeder Fabrik kündigt die Absicht der Betriebsleitung an. 
Dann in geschlossenem Zuge, singend und rufend, zur Lehrter Straße, wo die 
Versammlung stattfinden soll. Da die Straße gesperrt, durchziehen die Arbeiter 
in Trupps das nördliche Stadtviertel. Das Ziel, Linden- und Wilhelmstraße, 
wird teilweise erreicht. Polizei nimmt neue Verhaftungen vor. Am Donnerstag 
den 29. Juni wird die Arbeit wieder aufgenommen; doch legen dafür neue Fabriken 
in den nördlichen Vororten die Arbeit still. Vormittags große Demonstrationen 
dieser Arbeiter am Kaiser-Wilhelm-Platz in Schöneberg. Stimmung glänzend; auch 
viele Arbeiterinnen haben sich beteiligt. Polizei, Partei und Gewerkschaften waren 
völlig überrascht und leisteten unfreiwillige Anerkennung. Seither sucht die Polizei 
noch „Rädelsführer". 

Unterstützt wird sie dabei durch die Lumpen des „Hamburger Echo", der 
„Chemnitzer Volksstimme", der „Korrespondenz Stampfer" und vieler anderer 
Mehrheitsblätter, die erst kürzlich wieder die Polizei scharf gemacht haben, auf 
Flugblattverbreitungen und sonstige „landesverräterische" Umtriebe zu achten. So 
unterstützen jene „Genossen" die Arbeit der Spitzel, die seit dem Streikprotest vor 
den Fabriken lauern und in den Fabriksälen in der Maske von Arbeitskollegen 

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ihren unsauberen Achtgroschen-Diensien nachgehen. Auch die Geduld mit diesem 
Gesindel, das die Interessen einer demokratischen und sozialistischen Partei zu ver- 
treten vorgibt, ist nicht unendlich. Schon ist in einzelnen Versammlungen solchen 
„parteigenössischen" Denunzianten das Maul mit derber Arbeiterfaust geschlossen 
worden, und der Boykott „parteigenössischer" Denunziantenblätter macht erfreuliche 
Fortschritte. 



Am 20. September 1916 tauchte, da die hektographierten „Politischen 
Briefe" dem Lesebedürfnis der Spartakus-Anhänger nicht mehr genügen 
konnten, die erste .Nummer 'der schon erwähnten in hohen Auflagen 
illegal gedruckten und geheim verbreiteten Zeitschrift „Spartakus" auf, 
die von Leo Jogiches redigiert wurde und in unregelmäßigen Zwischen- 
räumen bis zum Beginn der Novemberrevolution 1918 erschienen ist. 
Wir entnehmen ihrer zweiten Nummer (5. November 1916) den letzten 
Teil des Artikels „Nicht die alte Leier, sondern das neue Schwert", 
den Liebknecht in der Untersuchungshaft geschrieben und unter großen 
Schwierigkeiten herauszuschmuggeln verstanden hatte. 

Nicht die alte Leier, sondern das neue Schwert. 

. . . Um was geht es in diesen Tagen? Kein Augenzwinkern hilft darüber hinweg 
— um alles! Um Sein oder Nichtsein des Proletariats als politischer Faktor! Um 
den Besitz der gesellschaftlichen Macht! Um die Macht über Krieg und Frieden l 
Um die Schicksale der sozialen Revolution selbst! 

Wir stehen vor der Wahl: Kampf oder schimpfliche Kapitulation. Ein Drittes 
gibt es nicht. Wer dem Kampf ausweicht, kapituliert. Wer vom Kampf redet 
und ihn nicht wagt, höhnt den bitteren Ernst der Zeit, indem er ihn mit faden 
Grimassen nachäfft. Der ist nicht für uns, der ist wider uns. 

Nicht in Sitzungen und Konferenzen fällt die Entscheidung, sondern in den 
Fabriken, auf den Straßen, im Heere. Dem Proletarier lebt nur ein Erlöser: 
das Proletariat selbst. 

Das Parlament kann ihm kein Erlöser sein — trotz aller „Vorwärts"-Brunst 
am wenigsten das erbärmlichste aller Parlamente, der deutsche Reichstag. 

Und doch kann es der revolutionären Bewegung wichtige Hilfe leisten. 
Aber nicht als Gesetzefabrik, nicht als Schwatztheater und Gebetsmühle einer 
parlamentarischen „Opposition", sondern indem es vom Klassenkämpfer, der 
sein parlamentarisches Mandat nur für diesen Zweck erworben hat, zur revo- 
lutionären Tribüne verwandelt wird, von der er den Feuerbrand in das Gebälk 
der herrschenden Ordnung und den Schlachtruf in die Massen schleudert. 

Keine Worte, die nur Worte sind! Ein Ruf, ein Kampfschrei allein, der 
die öffentlichkeit aufscheucht, das Proletariat alarmiert, ist schon Gewinn. Die 
schönste Rede dagegen, die das Meer der sozialen Leidenschaften nicht aufwühlt und 
sich ängstlich scheut, auch nur ein Geschäftsordnungswässerlein zu trüben, ist von 
Übel. Und mag sie von radikalsten Worten und prinzipiellsten Darlegungen wim- 
meln: sie bleibt ein Irrlicht über dem Sumpf. 



5* 



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Die Männer von der Arbeitsgemeinschaft wollen den parlamentarischen 
Status quo, die alte Leier. 

Ihre ganze Tätigkeit im Reichstag legt davon Zeugnis ab. Auch die eben 
verflossene Tagung — und nicht nur der 28. September, wo die Haasesche 
„Stimme der Vernunft" erschallte und Ledebours Vision der weltparlamentarischen 
Menschheitserlösung aufstieg, sondern nicht minder die Schutzhaftdebatte — der 
parlamentarische „Erfolg** — der Arbeitsgemeinschaft. Drttmann bewegte sich im 
Grunde genommen trotz des radikalen Kleides auf dem Boden des hergebrachten 
parlamentarischen Kretinismus. Statt den Reichstag anzuklagen, rief er ihn um 
Hilfe an. Statt durch Art und Richtung seiner Angriffe .den Kriegsblock von 
Westarp bis David und die ganze bürgerliche Welt zum • Geständnis der Wahr- 
heit, nämlich ihrer Spießgesellschaft mit der Säbeldiktatur, und zur Solidarisierung 
mit ihr zu zwingen, erwarb er den Segen Paasches, Scheidemanns und der ganzen 
bürgerlichen Welt. Die Beseitigung der „Mißstände" wurde zu einer „gemein- 
samen Angelegenheit aller Parteien". Das Volk kann ruhig schlafen — der Reichs- 
tag wacht; die Sache ist in besten Händen. 

Der Antrag auf Liebknechts Enthaftung bestätigt noch schlagender unser 
Urteil. Schaut, hinter die trutzigen Helmvisiere der Kämpen. Nur in einem Sinne 
konnte diese Parlamentsaktion ernste Bedeutung gewinnen: wenn sie im Geiste 
unserer eingekerkerten und verschickten Freunde zu einem Hilfsmittel der außer- 
parlamentarischen Massenaktion gestaltet wurde. 

• Gerade das tat die Haase-Schar nicht. Dreimal hatte sie schon die „wilden 
Streiks** geleugnet. Und mit hölzernen Kindersäbeln statt mit stählernen Flammen- 
schwertern zog sie in die Bahn. 

Die außerparlamentarische Tatenlosigkeit der Arbeitsgemeinschaft trägt ihr 
gerüttelt Maß von Mitschuld, wie an den Opfern der Schutzhaft, so an dem 
Geschick Liebknechts. Parlamentarische Reden können diese Schuld nicht sühnen. 
Stadthagens Rede wurde zur pathetischen Deklamation an den Reichstag, statt 
den Reichstag neben der Militärjustiz und der Regierung an den Pranger zu 
stellen und zum Fenster hinaus an die Massen zu appellieren, wie es Rühle später im 
Namen Liebknechts tat. 

Ohne klare Grundsätze, ohne politische Orientierung, ohne Kraft und den 
Willen zur vollen Ausnutzung der parlamentärischen Möglfchkeiten ist die Arbeits- 
gemeinschaft im Reichstag vollends und grundsätzlich zur Unfruchtbarkeit ver- 
dammt, da ihr der Mutterboden des außerparlamentarischen Kampfes fehlt. 

Wohin wir blicken, wortgefälliges Nichtstun, das sich von dem offenen und 
bewußten Referierungsoffiziösentum der Scheidemänner, durch noch größere Ge- 
fährlichkeit unterscheidet, soweit das Proletariat das parlamentarische Schatten- 
spiel für ernsten Klassenkampf nimmt und auf Hilfe vom Reichstagshimmel hofft. 
und harrt. 

Welcher Sozialist das Parlament heute nicht in den Dienst der Massenaktion 
stellt, macht es zur plappernden Spinnstube oder schlimmerem. Welcher Sozialist 
es heute nicht benutzt, um das Vertrauen, die Hoffnung der Arbeiterklasse, wie 
auf Regierung, Partei- und Gewerkschaftsinstanzen, so auch auf den Reichstag 
und auch auf die parlamentarischen Scheinaktionen der sozialistischen Abgeord- 
neten der Opposition systematisch und in der Wurzel auszurotten, ist ein Irre- 

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führer, kein Führer des Proletariats. Und welcher sozialistische Abgeordnete heute, 
da der Belagerungszustand alle anderen Tribünen verschlossen hat, im Parlament 
diese heiligsten Pflichten nicht erfüllt, er mag sich drehen und wenden wie er 
will, er macht sich zum Mitschuldigen des Belagerungszustandes. 
Fort mit dem alten Geleier — wir brauchen das neue Schwert! . 



Vom 21. bis 23. September 1916 tagte die Reichskonferenz der 
Deutschen Sozialdemokratischen Partei, auf der eine Genossin der Gruppe 
.Internationale" folgende nach stenographischen Aufzeichnungen nieder- 
geschriebene Rede hielt: 

ReichsKonferenz der SozialdemoKratie. 

21. 22., 23. September 1916. 
Parteigenossen und Parteigenossinnen! Wenn die Gruppe „Internationale" 
mich beauftragt hat, hier das Wort zu ergreifen, so geschah das, weil wir uns 
nicht nur im schroffsten Gegensatz zu der Politik der Mehrheit befinden, sondern 
weil wir auch gegenüber der Arbeitsgemeinschaft in wesentlichen Punkten uns 
kritisch verhalten. Es gilt dies vor allem für unsere Stellungnahme zur Inter- 
nationale und zur Vaterlandsverteidigüng. Die Arbeitsgemeinschaft und ihre 
Anhängerschaft, soweit wenigstens sich ihre Stellungnahme nicht in der Ablehnung 
der Kriegskredite erschöpft, trachtet danach, die Partei etwa wieder auf den Stand- 
punkt zurückzubringen, den sie vor dem 4. August einnahm, den Stand der Inter- 
nationale so wieder herzustellen, unsere sogenannte „altbewährte" und „sieg- 
gekrönte" Taktik von vor dem Kriege wieder aufzunehmen. Obwohl gerade der 
4. August doch wohl am deutlichsten bewiesen hat, daß diese Taktik sich nicht 
bewährt hat, daß sie uns nicht zum Sieg, sondern geradezu zu einer vernichtenden 
Niederlage gefuhrt hat, gerade da, wo sie hätte ihre Probe ablegen müssen. 
Nach unserer Anschauung ist die zweite Internationale am 4. August 1914 unheilbar 
zusammengebrochen. Sie mußte zusammenbrechen, denn sie war trotz aller schönen 
Reden und Beschlüsse auf internationalen Kongressen kein organisches 
Ganzes, sondern nur ein lockeres 'Gefüge, ohne inneren Halt Die nationalen 
Parteien waren autonom; besonders die deutsche Partei wollte sich durch feste 
internationale Abmachungen nie in ihrer Aktionsfreiheit beschränken lassen. Am 
Unannehmbar der deutschen Delegation scheiterten alle Versuche, der Internationale 
zu wirklicher Macht zu verhelfen. Die Internationale, die wir erstreben, soll über 
den nationalen Parteien stehen. Sie muß der Ziel- und Angelpunkt der proleta- 
rischen Klassenorganisation sein. Sie soll entscheiden über alle Fragen, die eine 
Bedeutung über die Grenzen des Landes hinaus haben, , zum Beispiel über die 
Fragen des Militarismus und Marinismus, über die Kolonialpolitik, vor allem aber 
über die im Falle eines Krieges einzuschlagende Taktik. Wir wollen die Inter- 
nationale nach dem Kriege auf einer sicheren Grundlage aufbauen und sie zu 
einem positiven Machtfaktor machen. Dazu ist aber vor allem notwendig, daß 
der internationale Gedanke — neben dem Gedanken des Klassenkampfes — das 
A und O unserer Aufklärungs- und Erziehungsarbeit hn Lande werde, damit der 
letzte, Parteigenosse im letzten Dorfe fühlt und erkennt, daß die Proletarier jenseits 
unserer Grenzen unsere Brüder, unsere Klassengenossen sind, daß sie uns näher 

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stehen und daß wir ihnen mehr verpflichtet sind als den herrschenden Klassen 
des eigenen Landes. Wir stellen die Ideologie des Internationalismus der Ideologie 
des Nationalismus gegenüber, vor der die Partei am 4. August kapituliert hat. 
Auch organisatorisch denken wir uns die neue Internationale nicht als ein loses 
Gefüge autonomer Parteien mit irgendeinem Bureau in Brüssel oder im Haag, 
wo die Genossen zusammenkommen, um internationale Fragen unverbindlich zu 
diskutieren. Wir denken sie uns nicht so, wie eine Veröffentlichung der Arbeits- 
gemeinschaft es uns vorwirft, als einen kommandierenden Generalstab, der über 
den Wolken thront und die Scharen des internationalen Proletariats von oben 
herab kommandiert. Wir denken uns die organisatorische Verbindung vielmehr als 
eine viel engere, als eine dauernde Organisation, die mit entscheidenden Macht- 
befugnissen ausgerüstet ist und die das sein kann, weil sie auf dem internationalen 
Bewußtsein der Massen in allen kapitalistischen Ländern beruht und weil ihre Be- 
schlüsse deshalb auch für die Sozialdemokratie in allen diesen Ländern bindend 
sind. Wir verlangen gewissermaßen, daß der bisherige Staatenbund umgewandelt 
wird in einen Bundesstaat. Aus dieser Stellungnahme zur Internationale und 
aus unserer Einsicht in den imperialistischen Charakter des Krieges ergibt sich auch 
unsere Stellung zur Landesverteidigung. Bekanntlich wird jeder Krieg durch das 
Feldgeschrei eröffnet: Das Vaterland ist in Gefahr! Es ist dies eben ein vortreff-* 
liches Mittel, die unaufgeklärten Massen zu täuschen. War dieser Wort von dem 
gefährdeten Vaterland schon bei früheren Kriegen meist ein bewußter Schwindel, 
wieviel mehr ist er das im Zeitalter des Imperialismus, wenn es sich um die 
Verhältnisse der großen führenden imperialistischen Staaten handelt. Zwischen 
den großen imperialistischen Staaten gibt es überhaupt keine Verteidigungskriege 
mehr, und die Behauptung, daß sman in den Krieg zieht, um seine Landesgrenzen, 
seine nationale Unabhängigkeit zu wahren, ist heute glatter Volksbetrug. Wenn 
ein Seeräuberschiff über ein anderes herfällt, um ihm seinen .Raub abzujagen, so 
werden wir auch nicht von gerechter Verteidigung des anderen reden. Die 
imperialistischen Staaten schauen immer nach Erweiterung, nach Raub aus. Ihre 
Kriege sind von vornherein Eroberungskriege. Da macht es durchaus keinen 
Unterschied, auf wessen Gebiet der Krieg äusgefochten' wird. Wenn Krieg ist, 
so muß er doch irgendwo äusgefochten werden. Wo er äusgefochten wird, das 
ist eine Frage des Kriegsglücks; aber es ist nicht die Grundlage für die Be- 
urteilung des Krieges durch uns. Für mein Gefühl als Mensch und Sozialist 
ist es ebenso schmerzlich und empörend, wenn französische, belgische und rus- 
sische Proletarier hingemordet werden, als Wenn es die deutschen Proletarier sind. 
Volk ist in Not — Brüder schlägt man hier tot! Dieses Wort gilt für den inter- 
nationalen Sozialisten, wo immer der Krieg ist. Deshalb können wir unsere Stel- 
lung zum Krieg und die Bewilligung der Kriegskredite nicht abhängig machen 
von der jeweiligen Kriegslage, wie es die Arbeitsgemeinschaft in ihrer Erklärung 
am 21. Dezember und wie es maßgebende Genossen in verschiedenen Referaten 
getan haben. Wenn wir heute so daständen wie Frankreich, wenn große Teile 
. Deutschlands von feindlichen Truppen besetzt wären, wer weiß, ob wir dann 
überhaupt eine Sozialdemokratische Arbeitsgemeinschaft hätten. Ich wiederhole, 
wir machen unsere Stellung zum Kriege nicht abhängig von der jeweiligen 
Kriegslage. 

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Von diesem Standpunkt aus ließe sich ja niemals ein einheitliches Vorgehen 
des internationalen Proletariats gegen den Krieg erzielen. Es müßten bei jedem 
Krieg immer die Sozialdemokraten des einen Landes eine entgegengesetzte Politik 
treiben wie die des andern Landes, je nachdem die Heere ihrer Länder mit 
verschiedenem Glück fechten. Das bedeutet eine Bankerotterklärung für jede 
internationale Politik des Proletariats überhaupt Ein Mitglied der Arbeitsgemein- 
schaft hat deshalb uns gegenüber den Ausdruck „Verteidigungsnihilismus" ge- 
braucht. Dieser Ausdruck ist durchaus unzutreffend. Wir stehen auf dem Boden 
der Stuttgarter Resolution, die es uns zur Aufgabe macht, nachdem wir den 
Krieg . nicht haben verhindern können, — nicht etwa das Vaterland zu ver- 
teidigen — , sondern mit allen Mitteln auf die schnelle Beendigung des Krieges 
hinzuarbeiten, und die durch ihn herbeigeführte politische und wirtschaftliche 
Krisis auszunutzen, um die Beseitigung der kapitalistischen Gesellschaftsordnung 
zu beschleunigen. Soweit die Sozialisten innerhalb ihres Landes zur Macht ge- 
langen, werden sie diese errungene Machtposition natürlich auch gegen von 
außen eindrängende Feinde zu verteidigen haben, genau so wie die Revolutionäre 
der französischen Revolution ihre bürgerliche Freiheit gegen das feudale Europa 
verteidigt haben, genau so wie die Kommunekämpfer von 1871 ihre Kommune 
gegen die preußischen Truppen verteidigt haben. 

Ich sehe davon ab, die weiteren Differenzpunkte zwischen uns und der Arbeits- 
gemeinschaft hier zu erörtern. So unsere abweichende Stellung in der Steuerfrage, in 
der U-Bootfrage, zur Friedenspetition des Parteivorstandes. Zur Steuerfrage nur 
soviel, daß wir die Mittel zum Kriege verweigern, ganz gleich, ob sie indirekt 
aus dem schmalen Beutel der großen Masse oder direkt aus den Taschen der 
Besitzenden entnommen werden, es sind immer die Mittel zum Krieg. Wenn 
wir hier ganz kurz die uns von der Arbeitsgemeinschaft trennenden Linien ziehen, 
so nicht, um uns hier in eine Polemik mit ihr zu vertiefen, sondern um zu zeigen, 
wie notwendig unser besonderes Vorgehen ist, um die Legende zu beseitigen, 
als bestünde eine geschlossene Opposition. Wir werden getrennt marschieren, 
aber wir werden gemeinsame Gegner vereint schlagen, und heute kommt es uns 
mehr auf das gemeinsame. Schlagen an. 

Wir haben auch unserseits abzurechnen mit dem Parteivorstand, mit der so- 
genannten Mehrheit. Nicht mit den Sozialimperialisten. Mit den Kofi), Lensch, 
Cohen, Heine, Heilmann usw. setzen wir uns hier nicht auseinander, auch nicht 
mit Leuten, die die Arbeitermarseillaise nach der Melodie „Deutschland, Deutsch- 
land, über alles!" singen, wie Konrad Haenisch, denn daß diese Leute nicht mehr 
auf dem Boden des Parteiprogramms und der Parteitagsbeschiüsst stehen, das 
ist nachgerade allen Genossen im Lande draußen klar. Darüber sind 
sie sich auch selber klar. Um sie in der Partei zu halten, müßte 
das Parteiprogramm von Grund auf umgeändert werden. Wir könnten 
auch ein verkürztes Verfahren einführen und könnten .einfach das national- 
liberale Parteiprogramm, mit einer Reihe von sozialistischen Floskeln versehen, 
hier annehmen. Solange unser jetziges Parteiprogramm besteht, stehen diese 
Sozialimperialisten und ihr Anhang außerhalb des Rahmens der Partei. Zwischen 
ihnen und uns gibt es keinen gemeinsamen Boden. Sie gehören schon lange ins 
bürgerliche Lager; sie sind Eindringlinge im Hause des Sozialismus, und wenn 

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der Tag der Abrechnung gekommen ist, dann werden die, die auf dem Boden des 
Parteiprogramms, der Parteitradition und der Parteitagsbeschlüsse stehen, von 
ihrem Hausrecht jenen Eindringlingen gegenüber Gebrauch machen; diese Leute 
sind innerhalb des Tempels der sozialistischen Ideen, der sozialistischen Welt- 
anschauung Tempelschänder. Wir haben es heute vor allem zu tun mit jenen 
Genossen, die unter der Behauptung, daß sie völlig auf dem Boden von Pro- 
gramm und Statut stehen, Programm und Statut mit Füßen treten, mit denen, 
die die Worte „Internationalismus", .„Parteieinheit" und „Parteidisziplin" miß- 
brauchen, um auf diese Weise die Genossen im Lande bewußt irre zu führen. 
Die Genossen vom Parteivorstand und der offiziellen Fraktion, die angesichts des 
unzweideutigen imperialistischen Charakters des Krieges noch das Durchhalten 
verfechten und die Kredite bewilligen, die trotz der offenen Annexionserklärungen 
der Regierung diese Regierung unterstützen und verteidigen, haben kein Recht, 
davon zu reden, daß sie die Wiederanknüpfung der internationalen Beziehungen 
anstreben und für den Frieden arbeiten. Erste Vorbedingung für die Wieder- 
anknüpfung der internationalen Beziehungen sind nicht Vorwürfe gegenüber den 
Parteien der anderen Länder, sondern das Kehren vor der eigenen Tür, die 
Abkehr von der Politik des vierten August. Wenn man auf der einen Seite zum 
Durchhalten auffordert und die Kriegskredite bewilligt, dann ist es nichts als Sand 
in die Augen der Massen, wenn man zugleich mit Friedenspetitionen hausieren 
geht. Es kommt darauf hinaus, die Massen durch eine Scheinaktion von wirk- 
samen Aktionen abzuhalten. Wenn man das tut, hat man auch weiter kein Recht, 
darüber zu klagen, daß die Jugendblüte und die Manneskraft des Proletariats 
draußen noch immer in die Massengräber sinkt oder zu Krüppeln geschlagen wird, 
denn man hat sich ja an der Verlängerung des Krieges durch diese ganze Stellung- 
nahme mitschuldig gemacht. Der Parteivorstand und sein Anhang haben in den 
ergreifendsten Tönen von der Einheit der Partei und ihrer Wahrung geredet. 
Gewiß ist die Einheit der Partei ein hohes Gut, aber sie kann nicht, wie etwa 
die Einheit im Heere durch Unterordnung unter irgendeine diktatorische Gewalt und 
sei es die des Parteivorstandes oder der Reichstagsfraktion erzielt werden. Die 
Einheit der Partei beruht auf der Einheit der Grundsätze. Das Fundament unserer 
Grundsätze aber ist der internationale Gedanke und der Gedanke des Klassen- 
kampfes. Wenn der Parteivorstand und die Reichstagsfraktion dies Fundament durch 
ihre Kriegspolitik und die Politik des Burgfriedens untergraben, dann muß die 
Organisation der Auflösung und der Zerrüttung anheimfallen. Man wirft uns 
vor, daß wir die Partei spalten und zerrütten. Ach, Parteigenossen, der Partei- 
vorstand hat diese Arbeit bereits so gründlich besorgt, „daß uns zu tun fast 
nichts mehr übrig bleibt." ... 

Parteivorstand und Fraktion treten auch auf als wahre Verfechter der Partei- 
disziplin. Man fragt sich, wie Leute, die am 4. August und seitdem jeden Tag, 
gewissermaßen jede Stunde, dem Parteiprogramm und den Parteitagsbeschlüssen 
ins Gesicht schlagen, noch von Disziplin sprechen, auf Disziplin pochen können. 
Gibt es denn nur eine Disziplin gegenüber der Form und nicht auch pes^n- 
über dem Inhalt, nur gegenüber dem Wort, und nicht auch gegenüber dem Geist? 
Leuten gegenüber, die den Geist des internationalen Sozialismus verraten, die die 
Parteivergangenheit verleugnen, Parteibeschlüsse brechen, solchen Instanzen gegen- 

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über ist Aufruhr die erste Pflicht, ist Disziplin ein Verbrechen. Wir fordern 
alle die, die auf dem Boden des Klassenkampfes und auf dem Boden des inter- 
nationalen Sozialismus stehen, auf, sich von dem Geschrei jener Zionswächter 
über Verletzung der Parteieinheit und Disziplin nicht kopfscheu machen zu lassen, 
sondern die Einheit der Grundsätze zu wahren, gegenüber unserer Weltanschauung 
Disziplin zu üben. Das heißt aber zugleich, der Politik der Parteiinstanzen 
offen die Gefolgschaft aufkündigen. Mit der Politik der Halbheit brechen und die 
Illusion: aufgegeben, als ob die rein parlamentarische Frage der Kreditbewilligung 
und Kreditablehnung das A und O wäre. Das heißt vielmehr, die Massen auf- 
zurufen zum machtvollen Kampf gegen den Imperialismus und gegen den Krieg. 
Seien wir uns doch über eins klar: wenn der Krieg zu Ende geht, wie er an- 
gefangen hat, ohne das Zutun des Proletariats, als ein Geschenk von oben, als 
ein Resultat diplomatischer Verhandlungen, dann bedeutet ein solcher Friede die 
Besiegelung der Niederlage, die der Sozialismus im Kriege davongetragen hat. 
Ganz anders ist es, wenn dieser Friede erkämpft wird unter Anwendung aller 
Machtmittel des Proletariats. Dann wird ein solcher Friede den Sieg des 
Sozialismus vorbereiten und die Internationale zu einer Macht gestalten, die eine 
Wiederholung solch entsetzlichen Vöflcermordens für alle Zeiten verhindert. 



Aus den Wintermonaten 1916 ist nicht viel ^Bemerkenswertes an 
unterirdischer Literatur zu buchen. Ein Flugblatt der Internationalen 
sozialistischen Kommission in Bern, die von Zeit zu Zeit Manifeste 
und Flugblätter verbreitet hatte, fand in Deutschland, wo es nach Ab- 
lehnung des Friedensangebots der Zentralmächte durch die Entente ver- 
trieben wurde, einen wohlvprbereiteten Boden. Wir geben es nachstehend 
im Wortlaut wieder: 

Internationale sozialistische Kommision zu Bern. 

An die Arbeiterklasse! ■ 

Der' dritte Winterfeldzug ist zur Tatsache geworden. Zweieinhalb Jahre 
ununterbrochenen Mordens, zweieinhalb Jahre beispielloser Zerstörung und Ver- 
wüstung genügen noch nicht, um die Bestie zu sättigen, die im August 1914, 
nach jahrelanger systematischer Vorbereitung durch die Machthaber aller kapita- 
listischer Staaten entfesselt wurde. Neue Blutströme sollen fließen, noch grau- 
samere und raffiniertere Methoden der Menschenschlächterei ersonnen und an- 
gewendet, noch schwerere Opfer dargebracht werden, bis zur völligen Erschöp- 
fung und Verarmung Europas. 

Wozu? Wofür? 

In den Manifesten von Zimmerwald und Kienthal sind die Triebkräfte dieser 
wahnsinnigen Selbstzerfleischung gekennzeichnet worden: die Habsucht und die 
Ländergier der kapitalistischen Klassen, ihr imperialistischer Heißhunger, ihr ver- 
brecherisches Streben, das Maß der Ausbeutung in den eigenen wie in den 
fremden von ihnen unterjochten Ländern zu steigern und neue Quellen der Be- 
reicherung zu erschließen. 

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Diese Wahrheit, die keine diplomatische Lüge, keine staatsmännische Rabulistik, 
kein chauvinistischer Wortschwall jener würdelosen Sozialisten von gestern zu 
verdunkeln vermag, hat ihre neue Bestätigung in den Ereignissen der letzten 
Monate und jüngsten Tage gefunden. 

Rumänien, das man angeblich emporheben wollte zu nationalem Ruhm und 
Ansehen, in Wirklichkeit wie alle Kleinstaaten eine bloße Schachfigur im Spiel der 
imperialistischen Mächte liegt — Belgien, Serbien, Montenegro gleich — zerfetzt am 
Boden, — dasselbe Schicksal, das morgen Griechenland und andern noch zur 
Stunde neutralen Staaten wartet. Das Possenspiel mit der „Befreiung" Polens, ein 
Land, selbst unter der zaristischen Knute nicht schlimmer leidend als unter den 
fluchwürdigen Segnungen des austrogermanischen „Befreiers" — dieses elende 
Possenspiel beweist, wie wenig der militärische Sieger an etwas anderes als an 
Raub und schrankenlose Plünderung denkt. Die Deportationen belgischer und 
polnischer Proletarier zum Arbeitszwang fern von der Heimat, die Verwandlung 
aller kriegführenden Staaten in Nationalzuchthäuser, der weiße Schrecken, der 
gegen alle geschleudert wird, die aufrechten Sinnes die Vernunft gegen die 
Weiterführung dieses scheußlichen Gemetzels aufrufen, die Überfüllung der Kerker 
mit den Besten und Wägsten aus den Vorderreihen der kämpfenden Arbeiterschaft 
— das alles sind ebensoviel Anklagen gegen die herrschenden Klassen und 
ihre infamen Kriegslügen wie Zeugen dafür, daß diesem Kriege wie seinen Vor- 
läufern, die niedersten* aus nackter Raff- und Habgier entsprungenen Motive 
zugrunde liegen. 

Heute steht dieser Krieg in einer tiefen Krise. „Keine Sieger, keine Be- 
siegten, oder vielmehr alles Besiegte, das heißt alle verblutend, alle ruiniert, alle 
erschöpft." In denjägenen Fußangeln gefangen, gemeistert vom Kriege, nicht um- 
gekehrt ihn meisternd, führen die leitenden Staatsmänner der im Kriege stehenden 
Länder ein Komödiantenspiel des Friedens auf. Wie sie im Frieden freventlich mit 
der Kriegsfackel spielten, so schänden sie im Kriege den erlösenden Gedanken 
des Friedens. . 

Die Zentralmächte haben ihren Gegnern Friedensverhandlungen angeboten. 
Aber wie? Indem sie bis zu den Zähnen bewaffnet dastehen, den letzten Mann 
in das Joch des Mordhandwerks gepreßt, auf ihre „Siege" pochend,' schlagen 
sie die Aufnahme von. Friedensverhandlungen vor. In Wirklichkeit ein tolles 
Narrenspiel, um das eigene Volk hinters Licht zu führen und bei der sicheren 
Ablehnung des Vorschlages von neuem die Schmutzwelle des nationalen Hasses 
und des Chauvinismus* hervorzurufen. 

Die Antwort, die von der Gegenseite erfolgte, ist des Vorschlags der Zentral- 
mächte würdig. Die Garde des Blutzaren fühlt sich in dem furchtbaren Blutbad 
wohl und heimisch; die Pogromisten erquicken sich an dem allgemeinen euro- 
päischen Pogrom. Um ihre Macht über Konstantinopel, über die Meerengen 
und über Preußisch-Polen auszudehnen, sind sie bereit, Europas Jugend bis auf 
den letzten Mann zu opfern, wie sie sich zur Aufrechterhaltung der Herrschaff 
über cüe unterdrückten Völker Rußlands, vor keiner Schandtat gescheut haben. 

Der Verräter Briand sucht durch Phrasen von Haß und Niedertracht Frank- 
reich darüber hinwegzutäuschen, daß es tatsächlich verblutete und durch die 
Fortführung des Krieges, als Opfer seiner koalierten Mächte, vollends dem 

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Untergang geweiht ist. Der größte Demagoge des Jahrhunderts, Lloyd George, 
stellt die bewußt falsche Behauptung auf, daß England, für die „volle Wieder- 
herstellung' 4 der unterdrückten Nationen kämpfe. Hat er, und hat sein Kumpane 
Briand vergessen, daß England und Frankreich durch ihre Diplomatie wie durch. 
ihre Kriegsdiplomatie an die Kriegsziele Rußlands gebunden sind? Vergessen, 
welche Aspirationen der englischen Politik im Orient, in Mesopotamien und 
Klein-Asien vorabgleiten? Und wie steht es mit der Note des amerikanischen 
Präsidenten? Sie kann den geheimen Charakter einer Kriegsnote nicht ab- 
streiten. Wenn Wilson Frieden will, so müßte Amerika die Friedensvermittlung 
mit der rücksichtslosen Unterbindung der eigenen, in die Milliarden gehenden 
Kriegslieferungen einleiten, mit diesem .Ausweis in der Hand als Herold des 
Friedens vor die Völker treten. 

In Tat und Wahrheit wollen die Regierenden den Frieden auch heute nicht: 
die Kriegführenden aus Furcht vor der unvermeidlichen Abrechnung, die diesem 
Schlachten folgen wird; die andern, weil ihnen der Glanz der Kriegsprofite 
höher steht als die heiligsten Rechte und Interessen der Menschheit. Nur eine 
Macht kann sie zum Frieden zwingen: die erwachende Kraft des internationalen 
Proletariats, sein entschlossener Wille, anstatt die Waffe des Kampfes gegen den 
Bruder, sie gegen den Feind im eigenen Land zu richten. 

Noch ist diese Macht nicht groß genug, noch haben die unermeßlichen 
Leiden und rauhen Schläge die Völker nicht zur Besinnung bringen können. Aber 
schon regt es sich in allen Ländern des Erdballes. Kein Land, wo nicht willens- 
starke proletarische Kampfer die Standarte des Sozialismus, der die Freiheit. und 
den Frieden bedeutet, erheben; kein Staat, der diese Kämpfer nicht femt und 
verfolgt und so beweist, daß er das Kommen der einzigen Bewegung ahnt, die 
den wirklichen und dauernden Frieden bringt. 

Diesen Kampf der sozialistischen Minderheiten gegen ihre Regierungen und 
deren sozialpatriotische Söldlinge, gilt es weiter zu führen ohne Rast und Ruh! 
Die Pflicht gegenüber der einen Klasse, gegenüber der Zukunft der Menschheit, 
allen ändern voran! Sie zu erfüllen, muß das unbeugsame Bestreben aller 
Arbeiter sein, in den kriegführenden wie in den neutralen Länern. Jene, indem 
sie alle Kräfte sammeln, um sie in Reih und Glied gegen die herrschende Klasse 
in jedem Lande zu stellen, diese, indem sie den Kampf der Minderheiten mit aller 
Kraft moralisch und finanziell unterstützen. 

Jetzt, wo der Krieg in eine Sackgasse geraten ist, jetzt, wo die heuchlerischen 
Friedensgebärden der Diplomaten, wenn die Massen nicht tatkräftig zu den letzten 
Opfern entschlossen ihren Friedenswillen bekunden, die Überleitung noch zu grauen- 
hafterem Morden bedeuten würden, jetzt, wo Hunger und Not aus ihrer gespenster- 
gleichen Gestalt heraustreten und zur allen fühlbaren Tatsache geworden sind, jetzt 
gilt es, die Stunde zu nützen, mit unverbrüchlicher Treue und Hingabe im Sinne 
des internationalen revolutionären Sozialismus für die schleunige Beendigung des 
Krieges zu wirken, zu kämpfen für die völkerbefreiende Internationale der Arbeit. 
Es lebe der Klassenkampf! 
Es lebe der Friede! 
Hoch die Internationalität der Arbeit! 

Internationale sozialistische Kommission zu Bern. 



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Außerdem muß der Broschüre „Imperialistischer Sozialismus oder 
proletarischer Klassenkampf?" Erwähnung getan werden, die während 
des ganzen Winters 1916/1917 überall in Massen illegal verbreitet wurde 
und viel zur ideologischen Klärung und Revolutionierung der Arbeiter- 
schaft beitrug. Wir müssen uns hier raummangels halber damit be- 
gnügen, sie stark gekürzt wiederzugeben. 



Imperialistischer Sozialismus 
oder proletarischer KlassenKampf ? 

„Solange ich. atmen und schreiben und sprechen 
kann, soll es nicht anders werden. Ich will der 
Todfeind dieser bürgerlichen Gesellschaft und 
dieser Staatsordnung bleiben, um sie in ihren 
Existenzbedingungen zu untergraben, und sie, 
wenn ich kann, beseitigen!" 

Bebel. 

Soll die sozialdemokratische Partei auf ihrem prinzipiellen Klassenkampfstandpunkt 
beharren? Das bedeutet: rücksichtslosen Kampf gegen die kapitalistische Gesellschaft 
und ihr Organ, den Klassenstaat der Herrschenden und Besitzenden, bis zu ihrer 
Überwindung und Beseitigung durch die Macht des Proletariats. Das bedeutet 
weiter: Anpassung der Kampfmethoden und Kampfmittel an dieses Ziel. 

Oder: 

Soll Hand in Hand mit der Erweichung des. Klassenkampfes und der Ver- 
wischung des Endzieles die Politik der sozialdemokratischen Partei hinauslaufen 
auf eine Annäherung an die bürgerlicli-kapitalistische Gesellschaft und den mili- 
taristischen Klassenstaat? 

Und das würde heißen: Vertuschung und. Überbrückung des bestehenden 
fundamentalen Klassengegensatzes und Anpassung der sozialdemokratischen Politik 
an die prinzipienlose Schacherpolitik der bürgerlichen Parteien. 
So und nicht anders steht die Frage ! 

Wir wollen nun an der Hand einer der zur Zeit die Parteidiskussion — 
soweit dies unter dem Zeichen des Burgfriedens und unter der „geistigen" Gewalt- 
herrschaft der Parteünstanzen überhaupt möglich ist — beschäftigenden Streit- 
fragen zeigen, um was es geht und wohin die Reise gehen soll. 

Und dazu wählen wir die Versuche aus, die sozialistischen Ar- 
beiter für die imperialistische Politik einzufangen und den 
theoretischen Nachweis zu führen, daß sich die imperialistische Politik der 
kapitalistischen Bourgeoisie und die sozialistische Klassenkampfpolitik auf einer 
gemeinsamen Linie finden können, weil es sich dabei um gleichlaufende Interessen 
von Kapital und Arbeit handelt. Und an diesem Beispiel .soll der Nachweis 
erbracht werden, wie abgrundtief die erstrebte Neuorientierung der sozialdemo- 
kratischen Politik getrennt, wie wesensverschieden sie von dem ist, was 
bisher als der Kern sozialistischer Theorie und Pra.xis ge- 
golten hat. 

Versuchen wir den herauszuschälen, so ist es einmal der Gedanke des 
Klassenkampfe s, e den die sozialistische Theorie als die . richtunggebende 

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Grundkraft der geschichtlichen Entwicklung aufgezeigt hat, der Entwicklung, die 
durch den Klassenkampf und allein durch ihn auch ü b e r d i e h e u t i g e p r i v a t - 
kapitalistische Wirtschaftsordnung hinausführen wird, Denn da 
mit dem Privatkäpitalismus untrennbar verbunden ist die Tatsache der wirt- 
schaftlichen Ausbeutung derer, die arbeiten, durch die Eigner der Produktionsr 
mittel, so ergibt sich daraus zweierlei: 

Einmal der in diesem System nicht zu überbrückende Gegensatz 
zwischen Besitz und Arbeit und dann — aus diesem unversöhnlichen 
Gegensatz heraus — der Klassenkampf der Ausgebeuteten um die 
Beseitigung der Ausbeutung. Die hat aber zur Voraussetzung die 
Niederzwingung der politischen Macht der heute herrschenden Klassen und des 
als Vertreter ihrer Interessen funktionierenden Klassenstaates. Womit als das 
Kampfesziel der sozialistischen Bewegung gegeben ist: 

Beseitigung der politischen Klassenherrschaft und damit der politischen Knech- 
tung, und Überführung der Produktionsmittel in den Besitz der Gesellschaft. 

Aus der Erkenntnis, aber, daß der imperialistische Kapitalismus in seinen 
Wirkungen und in seinen Absichten der Todfeind des gesamten Proletariats ist, 
war die andere Erkenntnis hervorgegangen, 

daß der proletarische Klassenkampf seine Wucht und seine Entschlossen- 
heit zu allererst gegen den Imperialismus zu richten hat, 

- daß nunmehr der Kampf um die Erringung der politischen Macht 
und der entscheidende Kampf um die Niederringung des Kapitalismus ' 
und die Herbeiführung des Sozialismus geführt werden muß unter der 
Parole des Kampfes gegen den /mperialismus, 

und daß als allerwichtigste Vorbedingung dazu die enge Willens- 
und Kampfesgemeinschaft des Proletariats aller Länder lebendige tatvolle 
Wirklichkeit werden muß. 
Da kam der Weltkrieg, und in seinem ersten Sturme gelang es den herr- 
schenden Mächten, durch Täuschung über die Ursachen, Absichten und Ziele 
des Krieges große Teile der Arbeiterklasse in die Netze ihrer nationalistischen 
Ideologie einzufangen, ihr Klassenbewußtsein zeitweilig zu trüben infolge des 
teilweisen Mangels an prinzipieller sozialistischer Aufklärung speziell über den 
Imperialismus, infolge auch der von den Instanzen vorher betriebenen Taktik der 
Einschläferung des revolutionären Willens und infolge des Verhaltens der führenden 
Körperschaften- bei Ausbruch des Krieges. 

Und während des Krieges sehen wir nun eine Reihe von Genossen am Werkte, 
in. Wort und Schrift den Arbeitern die wirtschaftliche Notwendigkeit 
des Imperialismus, die Interessenharmonie von Arbeit und Kapital bei der 
Verfolgung der imperialistischen Ziele zu predigen, ja das Vorwärtsdringen und 
den Sieg des Sozialismus an den Sieg eines bestimmten „nationalen" 
Kapitalismus zu knüpfen, dabei die Lehren von der Notwendigkeit des Klassen- 
kampfes, der Notwendigkeit der einheitlichen Kampfesfront des internationalen 
Proletariats, der Todfeindschaft zwischen Sozialismus und Imperialismus verächtlich 
als nebensächlich beiseite schiebend. Wobei es gleichgültig ist, ob das geschieht 
unter Umhängung eines marxistisch-sozialistischen Mäntelchens, mit Hilfe dessen 
man den Arbeitern das Gegenteil der ehemals als notwendig erkannten Politik 

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mundgerecht machen will, oder ob es geschieht unter klarer Enthüllung des 
Zieles, das man schon früher mit Hilfe einer opportunistischen Theorie und Praxis 
verfolgt hatte. Aus der sozialistischen Bewegung eine radikale Reformpartei im 
Rahmen des bürgerlichen Klassenstaates und dter kapitalistischen Wirtschaft zu 
machen. 

Beides läuft darauf hinaus, die sozialistische Bewegung unter Verstüm- 
melung des Klassenkampfwillens und Verschiebung der Kampffront zu 
einem für den Kapitalismus vielleicht unbequemen, 
aber ungefährlichen Schwanzstück der heutigen Ge- 
sellschaftsordnung zu machen — • zum Nutzen des 
Kapitalismus und zum Schaden der Arbeiter- 
bewegung. 
Den Imperialismus, aber nicht auch seine Gegentendenz, den sozialistischen 
Klassenkampf, als geschichtliche Notwendigkeit anerkennen, den Arbeitern die 
Unterstützung der imperialistischen Politik anempfehlen, daß heißt nichts anderes als: 
Unter Verzicht auf Klassenkampf und sozialistisches Endziel die kapita- 
listische Gesellschaft, den Klassenstaat mit seinen Klassengegensätzen 
verewigen zu helfen. 

Darüber hilft kein vertuschendes Gerede hinweg! Hier liegt der 
Angelpunkt der ganzen Fragestellung! 
Der Streit um die Stellung zum Imperialismus zeigt uns, daß es ums 
Ganze geht. 
Denn mit ihr ist auch die Stellung zum sozialistischen Be- 
freiungskampfe und Endziel gegeben: 

Man kann nicht als imperialistischer Sozialist an der Stärkung und Siche- 
rung des kapitalistischen Systems mithelfen — und gleichzeitig ernsthaft den 
Sozialismus propagieren! 

Man kann nicht als Imperialismus-Anhänger durch Rüstungsbewilligungen 
an der Verewigung der Kriegsgefahr mithelfen — und diese Gefahr gleich- 
zeitig mit aller Kraft bekämpfen! 

Man kann nicht den imperialistischen Klassenstaat anerkennen, um in 
seinem Rahmen positive Politik zu machen — und gleichzeitig zielbewußt 
an der Überwindung der Klassengegensätze und der kapitalistischen Aus- 
beutung mitarbeiten! 

Man kann nicht die nationalistische Ideologie und Politik des Imperialis- 
mus mit ihrer Völkerverhetzung und Völkervergewaltigung mitmachen — und 
gleichzeitig aufrichtig an der Schaffung eines wirkungsvollen internationalen 
Zusammenschlusses des Proletariats mithelfen! 

Man kann nicht als Imperialismus-Verfechter für versteckte Annexionen 
in Form militärischer Grenzsicherungen und wirtschaftlicher Angliederungen 
sein — und gleichzeitig den Gedanken der Völkerverbrüderung als Leitstern 
der auswärtigen Politik des Sozialismus betfachten! 

Man kann schließlich auch nicht für die Politik des Durchhaltens sein 
— und ernsthaft für den Frieden eintreten! 

Das sind alles unvereinbare Gegensätze, deren Zusammenkoppe- 
lung eine Politik der Schwäche, der Ziellosigkeit und alles in 

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allem eine Politik des Verrates an den Proletarier-Interessen bedeutet. Des 
Verrates allein schon deswegen, weil die Frucht dieses Krieges, möge sein Aus- 
gang sein, wie er wolle, eine Ära verstärkter Rüstungen und .— nach einer 
Spanne der Erholung — vermehrter Kriegsgefahr sein wird, wenn nicht die Arbeiter- 
klasse den Willen und die Macht hat, dem imperialistischen Treiben Einhalt 
zu gebieten. 

Dazu ist aber unfähig eine im national-imperialistischen Fahrwasser segelnde 
Arbeiterpartei, dazu bedarf es eines vom Klassenkampfwillen durchdrungenen, 
seiner Mission als Überwinder des Klassenstaates bewußten und zur Erfüllung 
dieser Aufgaben interaaüonal-geeinigten Proletariats! 

Die Genossen selbst und nicht die Führer werden die 
Entscheidung über die Richtung der künftigen sozialdemo- 
kratischen Politik zu treffen haben! 

Der Weltkrieg selbst mit allen seinen Folgen wird, neben der Erkenntnis des 
Imperialismus die Entscheidung erleichtern: 

daß die Richtlinie künftiger sozialdemokratischer Politik nicht sein wird 
die Selbstentmannung des Proletariats im Dienste des imperialistischen 
Kapitalismus, 

srondexn 
der von dem revolutionären Klassenkampfwillen des internationalen Pro- 
letariats- getragene zielbewußte Kampf gegen den Imperialismus als die 
zwar jüngste, aber der Arbeiterklasse gefährlichste Macht- und Wirt- 
schaftspolitik der kapitalistischen Ausbeuterkaste und des nach ihrem 
Winke handelnden Klassenstaates. 



Der Anfang des neuen Jahres stand unter dem Zeichen der rus- 
sischen Revolution, die bald ihre revolutionären Wellen auch über 
Deutschland ausbreitete. Am 25. Februar 1917 wurden die ersten Un- 
ruhen aus Petrograd gemeldet. Anfang März begannen die Demon- 
strationsstreiks, am 8. März war der Aufstand bereits allgemein. Es 
folgten Straßenkänjpfe in Moskau und Petersburg, die Truppen schlössen 
sich den Revolutionären an, der Zar dankte ab, Arbeiter- und Soldaten- 
räte wurden gebildet. Am 14. März hatte die Revolution ihr ersteh 
Ziel erreicht: den Sturz. des Zaren und den Sieg der bürgerlichen Revo- 
lution, aber schon war es dem russischen Proletariat wie der Arbeiter- 
schaft der ganzen Welt klar, daß mit der Bildung des Kabinetts Miljukow- 
Kerenski noch kein stationärer Zustand erreicht sei, sondern daß diese 
Ereignisse nur das Vorspiel für die proletarische Weltrevolution sein 
konnten. In dieser Zeit, Ende £tärz 1917, wurde in Deutschland folgendes 
Flugblatt in großen Massen verbreitet: 

Der rote SchrecKen. 

Mit dem Sturm auf die Brotläden Petersburgs und anderer Großstädte des 
zarischen Reiches begann die russische Revolution. Militär feuerte auf die Volks- 

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massen, und in gewaltigen Streiks in den industriellen Großbetrieben, Munitions- 
fabriken und Werften, mit neuen Stürmen auf die Lebensmittelgeschäfte pflanzte 
sich die Bewegung fort Die würdige Dum%, ängstlich geworden um die Weiter- 
führung der glänzenden Kriegsgeschäfte; besorgt, daß die Stürme der Massen 
dem heiligen vaterländischen Kriegsprofit den Hals abschneiden könnten, setzte sich 
an die Spitze der Regierung, um sie in andere Bahnen abzuleiten, um sie schließlich 
zu erdrosseln. Die Armee ging teilweise zu ihr über, der Zar wurde abgesetzt, 
die Herren um Miljukow fühlen sich als Herren der Situation. Auf wie lange? 

Nach Brot und Frieden verlangt das Volk, seine entfesselte Gewalt schickt 
sich an, mit den Miljukows aufzuräumen, wie sie den Zaren vom Thron fegte. 

Deutschland ist nicht Rußland. In Deutschland herrscht der „Burgfriede' 4 , 
die „nationale Einmütigkeif', der „geschlossene Wille durchzuhalten bis zum end- 
gültigen Siege" -— und wie die erhabenen Gefüllte sonst noch heißen .mögen, 
deren Existenz uns die Trabanten der heiligen Dreieinigkeit von Militaristen, 
Großkapitalisten und angeblichen Sozialisten täglich verkünden. — 

Aber auch in Deutschland hungert das Volk, auch in Deutschland verlangt 
es dringend, mit jedem Tag dringender, den Frieden! 

Und weil es hungert, und weil es den Frieden verlangt, während der scham- 
loseste Kriegswucher ihm die notwendigsten Lebensmittel verteuert,' die brutalste 
Militärdiktatur ihm die Möglichkeit, seinen politischen Willen zum Ausdruck 
zu bringen, unterbindet, während die Prozentpatrioten eifrig an der Verewigung 
des Krieges arbeiten: 

deshalb ist auch in Deutschland: in Hamburg, Hannover, Halle und anderen 
großen Städten das Volk auf die Straße gegangen und hat sich einen Teil der 
Brotvorräte angeeignet, die eine unfähige und gegen die Not der Massen gleich- 
gültige Verwaltungsmaschinerie ihm vorenthielt. 

Es war ein Auftakt zu dem, was kommen kann und kommen muß; nur. ein 
Menetekel, den Herrschenden aus hungrigen Kehlen zugeschrien, nur ein Notwehr- 
akt gegenüber dem drohenden Hungertod. Noch hat sich das Volk in der Defen- 
sive gehalten, noch hat es sich begnügt, den rein menschlichen Trieb, dem Hunger- 
tode zu entgehen, mit den primitiven Mitteln zu befriedigen, die ihm der 
Augenblick eingab. 

s Wie aber, wenn aus der rein menschlichen Begierde, den Hunger zu stillen, 
der politische und soziale Wille hervorbricht, aus eigner Kraft den Frieden zu 
erzwingen, den eine verbrecherische Kriegspolitik uns vorenthält? 

Wie, wenn die Arbeiterklasse, ihrer politischen und sozialen Stellung in der 
Gesellschaft sich bewußt, in Industriebetrieben, Munitionsfabriken^ und Werften 
die Bewegung fortsetzt und steigert, zu der der Sturm auf die Brotläden den harm- 
losen Auftakt bildet? 

Auch in Deutschland hungert das Volk u£d verlangt den Frieden, und im 
Nachbarreich Rußland herrscht die Revolution und gibt Anschauungsunterricht 
darüber, was die Proletarier wollen müssen und was sie erreichen können. 

Alle konterrevolutionären Mächte geraten in bestürzte Bewegung. Die Panzer- 
plattenpatrioten und Lebensmittelwucherer erzittern um den dreimal heiligen Kriegs- 
profit. Und mit geladenem Gewehr zogen in den Tagen nach dem Hungersturm 
die Militärpatrouillen durch die Straßen. Polizeiabteilungen hielten sich in den 

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Kellern und Stallungen der Villen versteckt, verborgen, um die erhamsterten Vor- 
räte der Dufchhalte-Patrioten vor den hungernden Magen und kräftigen Fäusten 
der Proletarier zu schützen. Die Behörden aber haben festgestellt, daß Fehler 
des Kriegsversorgungsamts schuld gewseen sind an den Brotkrawallen, und sie 
haben sogar die Brotrationen erhöht. 

Wie rasch und wie leicht doch hungrige Magen und kräftige Fauste, wenn 
sie zeigen, daß sie da sind, durch den zum Ausdruck gelangten Willen zur Tat, 
die Erkenntnis unserer erleuchteten Behörden zu steigern vermögen. 

Aber, wenn auch — der Not gehorchend, nicht dem eignen Trieb — Regie- 
rungsbehörden sich belehren lassen; eine Instanz gibt es in Hamburg die unbelehr- 
bar ist, die nicht sehen kann, was geschieht, weil sie nicht- sehen will; diese 
Instanz, durch ihre Unfähigkeit zu erkennen, der Gipfel der Niedertracht, ist 
das „Hamburger Echo", das aus einem von der Arbeiterklasse zur Wahr- 
nehmung ihrere Interessen gegründeten sozialdemokratischen Organ längst zur 
Abflußröhre des Altonaer Generalkommandos geworden ist. Jede selbständige 
Regung der Volksmassen ist diesem sozialdemokratischen Denunziahtenblatt natur- 
gemäß ein Greuel Könnte doch, wenn durch eine Erhebung der Volksmassen die 
festesten Säulen des Staates und der „Ordnung" ins Wanken geraten, auch die 
eigene über alles geliebte Futterkrippe umgestoßen werden. Wurden nicht schon 
häufig, allzu häufig Organe der Arbeiterklasse brutal von der Staatsgewalt unter- 
drückt? Und ihre .Spuren schrecken die „Ästheten" vom Schlage eines Emil 
Krause und die verdatterten Bierbankpatrioten und politischen Kannegießer vom 
\ Schlage eines Stolten. 

Mögen sie tun, was sie nicht lassen können. Mögen sie weiter ihrer Natur 
getreu warnen, beschwören, denunzieren und schweifwedeln, mit. kriechender 
Hundedemut die Geschifte der Militärkamarilla besorgen. Ohne sie" und gegen 
sie werden die Massen der Arbeiterschaft die Bahn beschreiten, die zum Siege 
führt. 

In Rußland fegt der Märzensturm der Revolution den zarischen Unrat und 
hoffentlich bald auch die Kriegsverlängerer, hinweg. 

Und auch in Deutschland ist das Proletariat zum Willen, zur Tat erwacht 
und grüßt die Brüder an der Newa, die das Banner der Internationale aus dem 
Kot der Kriegsgreuef emporgehoben haben, daß es lustig flattert im frühlings- 
schwangeren Märzenwinde, ein leuchtendes Fanal den Proletariern aller Länder. 

Die gesamte illegale Literatur der folgenden Zeit trägt den Ereig- 
nissen in Rußland Rechnung und nutzt die Erfahrungen der russischen 
Revolution für das deutsche Proletariat aus. Klar und deutlich wird es 
: ausgesprochen, daß aus dem „imperialistischen Hexensabbat" kein anderer 
Ausweg möglich sei als „die revolutionäre Erhebung des internationalen 
sozialistischen Proletariats". Wir bringen hier zwei charakteristische Aus- 
züge aus zwei Artikeln: „Ein neues Waterloo des Sozialismus" aus 
' „Spartacus" Nr. 4 (April 1917) und „Eine tragische Posse" aus 
; „Spartacus" Nr. 6 (August 1917), worin die Weltrevolution als der 
einzige Weg zum Frieden bezeichnet wird. ^ k _ ^ 

6 Unterirdische Literatur * /*™ ■ i 







Ein neues Waterloo des Sozialismus. 

. . .. Die große Lehre aus dem Ausgang des deutschen Friedensangebotes und aus 
der heutigen schrankenlosen Ausbreitung und Vertiefung des Todesringens — eine 
Lehre, die zu beherzigen und den Massen klarzumachen, verdammte Pflicht und 
Schuldigkeit der sozialistischen Parteien ist, geht dahin: 

Die kapitalistischen Staaten sind nicht mehr imstande, . aus eigenem Willen 
dem entfesselten, imperialistischen Hexensabbat 'Halt zu gebieten. Der auf die 
Menschheit losgelassene Imperialismus muß vielmehr mit fataler Logik aus eigenem 
Schöße mit jedem Tage nur immer schärfere Gegensätze, immer verzweifeltere 
Kämpfe hervorbringen. Von sich aus vermag die bürgerliche Gesellschaft nur 
noch immer wildere Anarchie, Ruin und Bestialität zu produzieren. 

Nur eine einzige Macht wäre imstande und war durch die Geschichte be- 
rufen, dem rasenden Abrutsch der Gesellschaft in den Abgrund der Anarchie 
und Verwilderung in die Speichen zu fallen: das internationale sozialistische 
Proletariat. Einen anderen Ausweg aus dem Kriege, als die revolutionäre Er- 
hebung des internationalen Proletariats zum Kampfe um die Macht gibt es nicht 
mehr, — es sei denn die völlige Erschöpfung der Gesellschaft, d. h. wirtschaft- 
licher, kultureller, moralischer Zusammenbruch und Agonie nach unabsehbarer 
Dauer des Krieges. 

In diesem Sinne war der jüngste Moment in der Psychologie des Krieges, 
das augenblickliche Zaudern der Kriegführenden und der schwache Versuch, sich 
selbst dem imperialistischen Todesritt zu entziehen, eine neue welthistorische Prohe 
für das Proletariat, — eine Wiederholung des 4, August unter verschärften und er- 
schwerenden Umständen. "Das sozialistische Proletariat hat abermals gänzlich 
versagt, es hat der imperialistischen Bourgeoisie ruhig überlassen, einen Moment 
lang den Frieden aus eigenem Ermessen zu erwägen, um sich dann unter dem 
Zwang der historischen Fatalität noch rasender kopfüber in den Krieg zu stürzen. 
Der jetzige verschärfte und auf die neue Welt so gut wie ausgedehnte Krieg geht 
zum zweitenmal über die internationale Arbeiterklasse als Machtfaktor der Ge- 
schichte zur Tagesordnung über. Es ist das zweife Waterloo des Sozialismus, was 
wir heute erleben. 

Der Roman von Zola: „Die Bestie im Menschen" schließt mit dem erschüttern- 
den Bilde eines Eisenbahnzuges, von dem der Maschinist und der Heizer in 
gegenseitiger tödlicher Umklammerung abgestürzt sind und der nun führerlos 
und hemmungslos in die Nacht hineinrast, zum Entsetzen der in ihm eingeschlosse- 
nen Menschen alle Stationen überspringt und in immer wilderem Tempo der 
schließlichen Katastrophe irgendwo in unbekannter Ferne entgegenstürmt. Ein 
solches Bild bietet gegenwärtig die kapitalistische Gesellschaft dar, nachcUem 
der berufene Maschinist und Heizer — das internationale Proletariat — am 
4. August , abgestürzt ist. 

Sich dies mit aller unnachsichtigen Offenheit und Klarheit zu sagen, ist für die 
Arbeiter selbst der erste Schritt und die erste Vorbedingung der künftigen politischen 
Auferstehung. In Wirklichkeit ist ein derartiges Versagen einer gesellschaftlichen 
Klasse ihren geschichtlichen Aufgaben gegenüber etwas ganz Beispielloses. 

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Das revolutionäre Frankreich war freilich bereits zu drei Vierteln ein Fried- 
hof und ein Bild der Barbarei infolge der langen Herrschaft des mittelalterlichen 
Feudalismus, und doch hat sich alsdann das Bürgertum aufgerafft, um das 
schmachvolle Joch des Mittelalters zu zerschmettern und durch revolutionären Elan 
irisches Leben aus den Ruinen zu erwecken. Das vormärzliche Deutsche Reich war, 
wie sattsam bekannt, schon reichlich weit im Zustand eines verwesenden Kadavers 
vorgeschritten und erstickender Dünste der Zersetzung voll, als die deutsche Bour- 
geoisie doch noch in allerletzter Stunde aus ihren altersschwachen Lenden so etwas 
wie revolutionäre Tatkraft hervorgeholt hatte, um wenigstens einen Anlauf zur Reno- 
vierung der morschen Zustände zu machen. 

Das jüngste Beispiel erleben wir eben in diesen Tagen. Selbst die russische 
Bourgeoisie, dieser letzte Sprößling des kapitalistischen Bürgertums, behaftet mit 
allen Gebrechen der Spätgeburt, geschwächt durch alle Früchte vom Baume der 
historischen Erkenntnis, geschreckt durch alle Erlebnisse ihrer älteren Geschwister 
und noch mit dem Schrecken der eigenen russischen Revolution in den Gliedern, — 
selbst diese Bourgeoisie rafft sich in diesem Augenblick unter schwierigsten Ver- 
hältnissen zu einer Tatkraft auf, um den letzten Rest der revolutionären Aufgäben 
zu vollführen, die dem Bürgertum von der Geschichte gestellt worden sind. 

Nur das internationale und vor allem das deutsche Proletariat versagt bis jetzt 
seinen speziellen Aufgaben gegenüber auf der ganzen Linie, versagt völlig, hart- 
näckig, unbelehrbar und unbeirrt durch alle Fußtritte, Peitschenhiebe, Skorpione 
der Geschichte. 

Dies auszusprechen ist nicht darum nötig, um einem unfruchtbaren Pessi- 
mismus zu verfallen, sondern umgekehrt, um die ganze Größe des entschlossenen 
revolutionären Willens zu ermessen, der erforderlich ist, um alle versäumten Ter- 
mine einzuholen. Mit halben Mitteln, schwächlichen Anläufen und bescheidenen 
Tugenden ist ein so unerhörter weltgeschichtlicher Bankrott nicht wettzumachen. 
Die rücksichtslose Konstatierung diesese Bankrotts ist auch noch darum nötig, 
um diejenigen Elemente der „Opposition", die sich nur nach der Rückkehr in 
den warmen Stall der Parteizustände vor dem Kriege sehnen, endlich mit der 
Nase auf die einfache Frage zu stoßen: 

Wie sehr muß sich das, was als sozialistische Partei und als sozialistische 
Internationale in den letzten Jahren existierte, von dem wirklichen Charakter und 
Beruf dieser Organisationen entfernt haben, um ein derartiges Versagen, des 
ihrem Erziehungswert und ihrer Führerschaft anvertrauten Proletariats zu ermög- 
lichen?! Die russische Bourgeoisie ergreift vorerst entschlossen die Zügel der 
revolutionären Bewegung, was sie aber dazu vorantrieb, ist doch nur die stürmische 
Massenerhebung des Volkes. Ist es nun nicht einigermaßen auffällig, daß das 
russische arbeitende Volk im hundertjährigen Joch eines orientalischen Despotismus 
nicht gelernt hat, so geduldig zu hungern und sich unter die Säbeldiktatur zu 
ducken, wie es das deutsche Proletariat in der 50jährigen Schule der Sozial- 
demokratie gelernt zu haben scheint? . . . Erst wer den Mut und die Ehr- 
lichkeit hat, die ganze Größe und die Niederlage des Sozialismus zu bekennen, 
wird Kraft genug aufbringen, um die sozialistische Partei und die Internationale 
an Kopf und Gliedern umzugestalten, wie es ihre wirklichen historischen Auf- 
gaben erfordern. 



6* 



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Eine tragische Posse. - 

. . . Aber die Beendigung des Krieges ist sowohl auf militärischem, wie auf 
diplomatischem Wege in der heutigen Situation eine hoffnungslose Sache. Die 
hemmungslos immer wilder rotierenden Zahnräder des imperialistischen Welt- 
krieges greifen derart ineinander, daß an eine Stillstehen vor der allgemeinen 
völligen Erschöpfung der kämpfenden Länder gar nicht zu denken ist. Gerade 
die völlige Ausschaltung des einzigen hemmenden, regulierenden, richtung- 
gebenden Faktors, des proletarischen Klassenkampfes seit Ausbruch des Krieges, 
hat das Ausarten der imperialistischen Tendenzen und Gegensätze ins Un- 
gemessene gesteigert. Mit jedem neuen Siege der militärischen Reaktion im Innern 
der kriegführenden und neutralen Staaten, die vom Strudel mitgerissen werden, 
wird der Krieg immer wilder entfacht, seine Beendigung immer weiter hinaus- 
geschoben und zu einem unlösbaren Problem gestaltet. 

Diesem Hexensabbat steht als einziger Friedensfaktor die russische Revolution 
gegenüber, die sofort mit Blitzesschnelle den Weg aus dem Labyrinth der Gegen- 
sätze gezeigt hat: nur der Sturz der Regierungen und der Reaktion kann dem 
Frieden die Bahn brechen. Nur ein radikaler Umschwung in dem sozialen Kräfte- 
verhältnis im Innern der kriegführenden Staaten vermag den imperialistischen 
St. Veitstanz zum Stehen zu bringen. Diese Tatsache spricht seh der russischen 
Revolution so laut, der aus Rußland wehende scharfe Wind läßt den erstickenden 
Gestank der deutschen Reaktion so unerträglich aufsteigen, daß selbst das deutsche 
Bürgertum instinktiv herausgefühlt hat, wo das Schwergewicht der Situation liegt. 
Um aus der Sackgasse des Weltkrieges herauszukommen, ist politischer Umsturz 
absolut unvermeidlich, ist Wegräumung der erdrückenden militaristischen Reaktions- 
berrschaft unumgänglich. Dies ist das Gefühl, aus dem heraus die bürgerlichen Par- 
teien plötzlich zu ihrem Rebellen-Block und zu dem kühnen Programm gekommen 
sind, nach dem der deutsche Reichstag aus einer Strohpuppe, der Regierung auf 
einmal zu ihrem Gebieter, der preußisch-junkerliche Misthaufen zu einem modernen 
Rechtsstaat und das deutsche Bürgertum aus einem Fußschemel des Halbabsolutis- 
mus zum ausschlaggebenden Faktor des politischen Lebens gemacht werden sollte. 

Die Verkoppelüng des Planes innerer Reformen mit der Friedensresolution 
im Programm des Mehrheitsblocks spiegelte recht deutlich und sehr treffend die 
wirkliche Verknüpfung in der Situation: ohne Umsturz kein Frieden! 

Um nichts weniger, als um einen ganzen Umsturz handelte es sich diesmal 
wirklich, so lächerlich dies Ansinnen bei Parteien, wie Zentrum, Fortschrittler, 
Nationalliberale oder Scheidemänner wirken mag. Die Herren fühlten dies selbst 
heraus, sobald sie näher an die Aufgabe auch nur in harmlosen Besprechungen 
in den Fraktionszimmern des Reichstages herantraten. Die Einschränkung des 
deutschen Halbabsolutismus durch eine wirkliche parlamentarische Regierung stieß 
sofort auf den bundesstaatlichen Charakter des Deutschen Reichs wie auf einen 
Prellbock und stoppte schon an diesem ersten Hindernis. So lächerlich wiederum 
dieses Hindernis und die von ihm geäußerte Verlegenheit der Block-Rebellen an sich 
erscheinen mag, so war sie durchaus nicht ohne ernsten Grund. Es war wiederum 
ein vollkommen richtiges Gefühl, das die Mehrheitsparteien sofort erkennen ließ: 
an dem System der deutschen Reaktion läßt sich nicht ein Stück niederreißen, 
ohne daß das ganze Gebäude mitgerissen werde. 

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Der Reichstag läßt sich in der Tat nicht zu einem wirklichen Parlament mit 
politischer Macht umwandeln, wenn nicht die überwiegende Macht des Bundes- 
rats beseitigt wird; diese läßt sich, nicht beseitigen, wenn nicht die mittelalterliche 
Zersplitterung Deutschlands in 24 Väterländer aus dem Wege geräumt wird; und 
die politische Zersplitterung hängt so unzertrennlich mit dem monarchischen Cha- 
rakter der Einzelstaaten, dieser wiederum so innig mit der Vorherrschaft des 
Junkertums zusammen, daß schließlich nur das Dilemma bleibt: entweder fort 
mit dem ganzen Plunder, um einer einzigen deutschen Republik Platz zu machen, 
oder aber — alles muß beim alten bleiben! Die deutsche Reaktion ist seit Bismarcks 
Zeiten ein • so' festgefügter und festverschlungener Mechanismus, daß an ihm nicht 
zu bessern und nicht zu flicken ist. Entweder stürzt alles, oder es darf nicht ein 
Stückchen verrückt werden. 

Und jenes Riesenwerk des politischen Umsturzes . sollten die paar hundert 
lendenlahmen Parlamentarier im Reichstag vollbringen? Den Augiasstall der deut- 
schen Reaktion sollten die Erzberger, Payer und Scheidemännchen mit ihren 
Zylinderbürsten ausmisten, die Hydra der junkerlichen Herrschaft mit ihren Zahn- 
stochern erlegen? 

Wer solches von ihnen erwartete oder es ihnen zumutete, muß von grenzen- 
loser politischer Naivität sein. Die Helden schreckten ja schon vor dem allerersten 
Schritt zurück, der ihrer Rebellion den Schein eines ernstgemeinten politischen Vor- 
stoßes hätte verleihen können: der Verweigerung der gerade geforderten neuen 
Kriegskredite! Und wiederum, so lächerlich der Ausgang der kurzen Farce war, 
so wohlbegründet und begreiflich war diesmal der rasche Rückzug und das Ver- 
stummen der bürgerlichen Block-Parteien. Was sie gleich bei Berührung der 
brenzligen Frage, des bundesstaatlichen Charakters Deutschlands herausfühlten, war 
die unerschütterliche Tatsache, daß es sich diesmal um eine ganze und gründliche 
Arbeit, ' um nichts weniger, als um eine Revolution handelte. Aber Revolutionen 
werden nicht im Parlament gemacht, auch nicht, wenn man eine „Mehrheit" für ein 
„umstürzlerisches" Programm zusammengekoppelt hat. Revolutionen werden nur 
auf der Straße und von arbeitenden Volksmassen gemacht. Kann man den Erz- 
berger, Payer und Fischbeck verdenken, daß sie nicht getan haben, was noch nie 
in d.er Weltgeschichte getan worden ist, daß sie, die Zwerge und Schwächlinge, vor 
einer Aufgabe zurückschreckten, der auch ein parlamentarischer Herkules nicht ge- 
wachsen wäre? Genug und übergenug, daß sie plötzlich die Aufgabe dej histo- 
rischen Stunde, nämlich den politischen Umsturz Deutschlands, als den einzigen 
Weg zum Frieden erkannt und dies in ihrer Weise laut ausgesprochen hatten. 
Diese Aufgabe zu erfüllen sind wahrhaft Zentrum, Nationalliberale und Fort- 
schrittler nicht berufen. Und wenn sie sich mit diesem Anlauf zur Erfüllung dieser 
Aufgabe in einer lächerlichen Farce erschöpft haben, so schließlich doch nur darum, 
weil .diejenigen, die einzig und allein mit jener Aufgabe Ernst machen können — 
die deutschen Arbeiter — liartnäckig vor ihren geschichtlichen Pflichten auskniffen. 

Den kleinen Schwätzern von der Scheidemann-Partei kann natürlich nicht ver- 
dacht werden, daß sie, die bei dem ganzen Schauspiel die Rolle von abwechselnd 
wedelnden und kläffenden Hündchen gespielt haben, jetzt über das einzige „Denk- 
mal" der großen Aktion: die Friedensresolution der Mehrheit als über ein welt- 
historisches Dokument triumphieren, ihre Hirnchen brauchen ja nicht zu begreifen, 

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daß diese Resolution — nachdem der geplante politische Umsturz pleite gemacht 
hat — nichts als eine ausgeblasene Eierschale darstellt. 

Die sozialdemokratische Arbeiterschaft jedoch hat allen Anlaß, aus der kleinen 
lächerlichen Posse große und bitterernste Lehren für sich zu ziehen. Sie hat 
durchaus keinen Anlaß, verächtlich über die Erzberger, Stresemann und Payer zu 
höhnen. Denn die Erzberger, Stresemann und Payer haben doch nur deshalb 
im Reichstag possierliche Bocksprünge ausgeführt, weil die deutschen Proletarier 
vergessen haben, auf der Straße Revolution zu machen. Der Sturm im Glas 
Wasser, der durch den Mehrheitsblock entfacht worden war, ist nur die Kehrseite 
der Haltung des deutschen Proletariats, das zögert, den einzig rettenden großen 
Sturm für politische Freiheit und Frieden zu entfesseln. 

Die parlamentarische Farce der politischen Erneuerung Deutschlands durch 
den Mehrheitsblock schleudert den deutschen Arbeitern abermals ins Gesicht den 
Notschrei der geschichtlichen Stunde, diesmal sogar schon durch den Mund reak- 
tionärer bürgerlicher Parteien: 

Es gibt keinen Weg zum Frieden als die Revolution! 



Inzwischen zeigt die Entwicklung der deutschen revolutionären Be- 
wegung, wie die russischen Ereignisse klärend und revolutionierend auf 
die Massen wirkten. Die revolutionären Elemente konsolidieren sich zu 
Gruppen, die geschlossen in propagandistischen Aktionen nach außen 
hin wirken. Am 31. März 1917 brachte die „Arbeiterpolitik" (2. Jahrgang, 
Nr. 13) einen Aufruf, der die Gründung einer linksradikalen Partei d. h. 
den Zusammenschluß der Gruppe „Internationale" (Spartakusbund), der 
Gruppe „Internationale Sozialisten Deutschlands" (I.S.D.) und der 
„Bremer Linksradikalen" (Gruppe Arbeiterpolitik) fordert, um dem 
sozialistischen Zentrum, der „sozialdemokratischen Arbeitsgemein- 
schaft", geschlossen entgegentreten zu können. Schon wochenlang 
vorher war die Frage der Stellung der • linksradikalen Gruppen 
zu dem bevorstehenden Gründungsparteitag der Arbeitsgemeinschaft in 
den linksradikalen Blättern („Arbeiterpolitik", „Gleichheit", Flugschriften 
der I.S.D. und „Spartacus") diskutiert worden, wobei von allen Seiten 
die Forderung eines Zusammenschlusses aller Linksradikalen und des 
Kampfes gegen das Parteizentrum erhoben wurde. Die Bildung einer 
selbständigen politischen Partei der Linksradikalen scheiterte aber doch, 
da die mächtigste linksradikale Organisation, die Gruppe „Internationale" 
in Artikeln, die einer der Spartakusführer „Gracchus" im Duisburger 
„Kampf" veröffentlichte, die Absicht aussprach, sich zu Ostern 1917 in 
Gotha den Arbeitsgemeinschaftlern als „Spartakusbund" anzuschließen, 
allerdings erst nach Zusicherung gewisser Rechte der Selbständigkeit und 
Bewegungsfreiheit. Die vom 6. bis 9. April 1917 in Gotha tagende Kon- 
ferenz der Arbeitsgemeinschaft führte also zur Gründung der „Unab- 
hängigen sozialdemokratischen Partei Deutschlands" und des ihr orga- 

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nisatorisch angeschlossenen „Spartakusbundes". Die internationalen 
Sozialisten Deutschlands zogen daraufhin in einer Flugschrift Ende 
April 1917 einen scharfen Trennungsstrich zwischen sich und der Gruppe 
„Internationale", und die Bremer und Hamburger Linksrädikalen. erließen 
in Nr. 18 der Arbeiterpolitik (5. Mai 1917) abermals einen Aufruf zur 
Gründung einer linksradikalen Partei mit Ausschluß der zum Zentrum 
abgeschwenkten Gruppe „Internationale", auf den aber erst der 7. Oktober 
1918, an dem auf der Reichskonferenz der Spartakusgruppe in Gotha der 
Zusammenschluß der Linksradikalen, selbstverständlich unabhängig vom 
Zentrum, vollzogen wurde und Ende Dezember 1918 die Gründung der 
Kommunistischen Partei Deutschlands eine endgültige Antwort gab. 

In den folgenden Monaten schlugen die Streikwellen wieder höher. 
Mitte April waren große Streiks in den Industriezentren, die $ich gegen die 
Herabsetzung der Brotration und gegen die Einführung der Hilfsdienst- 
pflicht richteten. Im Sommer wurde — infolge revolutionärer Agitation 
in der A(larine — - zum ersten Male von Matrosen von dem Mittel der 
Gehorsamsverweigerung Gebrauch gemacht. Es wurden politische Todes- 
urteile vollstreckt und schwere Zuchthausstrafen verhängt, Maßnahmen, 
die wieder agitatorisch in der unterirdischen Flugblättliteratur aus- 
genutzt wurden. 

Ende August trat die „sozialistische Jugendbewegung Deutschlands" 
mit einem illegalen Flugblatt an die Öffentlichkeit. Im Einvernehmen mit 
den Jugendgenossen der andern kriegführenden Länder war für den 
2. und 3. September 1917 ein großer Demonstrationsstreik der 
sozialistischen Jugend gegen den Krieg beabsichtigt. Das Flugblatt hat 
folgenden Wortlaut: 

DemonstrationsstreiK. 

Um des schnöden Geldsacks willen ist die Welt in ein schauriges Blutbad 
verwandelt worden. Unter dem trügerischen Schein der Vaterlandsverteidigung 
werden seit 3 Jahren Väter und Brüder zur Schlachtbank geschleppt. Unter Ent- 
behrungen, Not und Leid müssen sie für ein mörderisches Pharisäertum gegen ihre 
eigenen Interessen Blut vergießen. Während das eigne Volk dem Hungertode nahe # 
ist, feiern die Herrschenden hinter den Kulissen bei festlichen Gelagen den profit- 
bringenden Massenmord. Der Drang nach Frieden, die Empörung, der Schrei 
nach Freiheit und Brot wird von den Regierenden nur mit einem heuchlerischen 
Wortschwall beantwortet. Aber das nicht, um endlich einmal dem Wahnsinn ein 
Ende zu bereiten, sondern nur, um das Volk zu beruhigen, es für das im 
kapitalistischen Interesse liegende Durchhalten gefügig zu machen. 

Aber nicht von den Besitzenden, sondern von dem Willen des Volkes hangt es 
ab, die schreckliche Kriegsfurie zu ersticken. Der Zorn über die Millionen bereits 
gefallener und verkrüppelter Mitmenschen, muß den Krieg gegen unsere eigenen 
Volksmörder und Verräter entfachen und die Brandfackel in das tyrannische Ge- 

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bäude brutaler Willkür und Unterjochung zündend werfen. Zu lange schon, Arbeits- 
schwtfstern und -brüder, haben wir unter Murren und Jammern die blutigen Fesseln 
getragen. Drei Jahre hindurch hat man mit kostbarem Menschengut gespielt, in 
der unverantwortlichsten Weise Frauen und Kinder zu Witwen und Waisen 
gemacht. Wo ist dann die deutsche Freiheit, für die sorgenvolle Mütter ihre Söhne 
opfern müssen? Zeigt sie sich darin, daß jede freie Meinung unterdrückt, daß 
Volksvertreter wie Liebknecht, und andere für viele Jahre ins Zuchthaus wandern 
müssen, daß selbst Frauen, wie es in Düsseldorf geschah, bis zu sechs Jahren 
Zuchthaus verurteilt oder auch daß willensfeste jugendliche Arbeiter wegen 
sozialistischer Gesinnung und Betätigung in Fürsorgeanstalten gesteckt werden? 
Der Belagerungszustand ist eine Galgenstätte deutscher Freiheit! 

Am 2. und 3. September ruft die sozialistische Jugend aller Länder ihre 
Klassengenossen zu gewaltigen Kundgebungen gegen das herrschende System 
infamer Entrechtung und schmachvoller Unterdrückung auf. 

Ob alt, ob jung! Männer, Frauen und Mädchen! 
Es gilt die Tat! 

Der internationale Jugendtag muß ein gewaltiger Ansturm des revolutionären 
Arbeiterheeres, des jungen Proletariats, gegen die bestehende kapitalistische Ge- 
sellschaft, die einzig und allein die Millionen grausam Gemorderter zu verant- 
worten hat, sein! Erst der Massenkampf des internationalen Proletariats wird Frei- 
heit und dauernden Frieden bringen! 

Jeder agitiere dafür, daß am 2. und 3. September alle Betriebe ruhen und 
die' streikende Arbeiterschaft sich zu Demonstrationsveranstaltungen versammelt! 

Gegen den Krieg, am 2. und 3. September 1917. 
An euch, Brüder im bunten Rock, ergeht der Mahnruf: 

„Wenn sich das bis zur Verzweiflung getriebene Volk nun endlich einmal zur 
revolutionären Tat aufrafft, den Veraichtungskampf wagt, unerschüttert das Banner 
der Revolution entfacht, dann kämpft mit uns! Widerhandelt den Befehlen! Schießt 
nicht aut Vater und Mutter! auf mutige Kämpfer für die Sache des internationalen 
Proletariats, die auch die eure ist! Werdet selbst Soldaten der Re- 
volution! Die sozialistische Jugendbewegung Deutschlands. 



Ungefähr zu gleicher Zeit, vom 5. bis 12. September 1917, tagte in 
Stockholm die dritte Zimmerwalder internationale Sozialistenkonferenz, 
die das folgende Manifest an die internationale Arbeiterschaft erließ: 

Manifest der dritten Zimmerwalder Internationalen 
SozialistenKonferenz. 

Abgehalten zu Stockholm vom 5. bis 12. September 1917. 
Proletarier aller Länder! 
Dem vierten Kriegswinter mit all seinen Schrecken treiben die Völker wider- 
standslos entgegen. Millionen von Männern wurden hingemordet, Millionen zu 

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Krüppeln geschossen, weitere Millionen werden Tag für Tag zur Schlachtbank 
geführt. Hunger und Elend zermürben die Daheimgebliebenen, Mänper, Frauen 
und Kinder nicht nur in den kriegführenden, sondern auch in den neutralen 
Ländern. Es ist die Selbstvernichtung der Völker als Folge des kapitalistischen 
Wettbewerbs um Herrschaft und Beute. 

Angesichts dieser Greuel und Qualen erhebt sich aus den leidenden Völkern 
immer lauter der Ruf: Herbei mit dem Frieden! Ein Ende dem Völkermord! Aber 
noch immer dämmert die Morgenröte des Friedens nicht herauf. Gedrängt von 
ihren kriegsmüden Völkern, bekennen sich zwar die Machthaber in beiden Lagern 
zum Frieden. Aber hinter diesen feierlichen Beteuerungen ihres Friedenswillens 
verbirgt sich nur mühsam die ungestillte Gier nach Zerschmetterung des Gegners, 
nach Eroberungen und nach neuen Ausbeutungsmöglichkeiten. 

Die kapitalistischen Regierungen befürchten alle, vom Schlachtfeld ohne Beute 
heimkehren zu müssen, beladen nur mit der Milliardenschuld und dem Fluch von 
Millionen Witwen und Waisen. Sie zittern vor dem Tag des Friedens, der ein 
Tag der Abrechnung sein wird. Drum werden sie sich nicht über den Frieden 
verständigen, solange sie noch Über die geringsten Kräfte verfügen und die mindeste 
Aussicht auf Niederringung des Gegners sie lockt. 

Nicht weniger aussichtslos ist die sogenannte Friedens- und Verständigung- 
arbeit der Regierungssozialisten, die dem Proletariat versprochen haben, in Stock- 
holm die Sache des Friedens entscheidend zu fördern. Zwischen den Regierungs- 
sozialisten der beiden Mächtegruppen läßt sich keine Brücke schlagen; sie sind 
ja nur Helfershelfer ihrer heimischen Regierungen. Ihre Handlangerdienste zur 
Aufrechterhaltung des Burgfriedens und zur Unterstützung der imperialistischen 
Kriegspolitik haben sie der Fähigkeit zu einem revolutionären Kampf für die prole- 
tarischen Interessen beraubt. Fähig und berufen dazu sind in allen Ländern allein 
die Proletariermassen, die ihren sozialistischen Idealen treugeblieben sind, oder 
neu für sie gewonnen werden. Gemeinsame Anschauungen und das Bewußtsein 
gemeinsamer Interessen schweißen international gesinnte Proletarier zu einer Ein- 
heit zusammen, die einem gemeinsamen Ziele unwiderstehlich entgegendrängt. Die 
Entwicklung der .Dinge zwingt sie aber auch gebieterisch zur schleunigen Ver- 
wirklichung dieser großen Lebensaufgabe. 

Nur ein Frieden, den das sozialistische Proletariat durch entscheidende 
Massenaktionen erkämpft und gestaltet, kann die Erneuerung des Weltgemetzels 
dauernd verhindern. Ein kapitalistischer Frieden, wie. er auch gestaltet sein möge, 
würde dazu führen, daß in jedem einzelnen Lande die unermeßlichen Kriegs- 
schulden auf die Schultern der arbeitenden Massen abgewälzt werden. Das Prole- 
tariat hat jahrelang mit dem Blut seiner Söhne, mit der Lebenskraft aller Männer 
und Frauen den Krieg genährt. Der Kapitalistenklüngel hat durch leichte Ergat- 
terung von Kriegsprofiten seine Vampyrkräfte gestärkt, ein kapitalistischer Friede 
würde den Ausbeutern die Aussaugung der Volkskraft erleichtern. Um einen 
dauernden Frieden zu sichern, ist es aber auch notwendig, die sämtlichen Staaten 
von Grund auf zu demokratisieren und die Geldsackprivilegien auszumerzen. Eine 
Gewähr gegen die Wiederkehr des Weltkrieges bietet aber nur die Verwirklichung 
der sozialen Republik. 

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Zur Beschleunigung des internationalen proletarischen Kampfes drängen aber 
auch die Zustände in Rußland. Die russischen Freiheitskämpfer hatten in ihrer 
großartigen Revolution mit dem Sturz der Zarenherrschaft einen verheißungsvollen 
ersten Schritt auf dem Wege zur Friedenserringung und Volksbefreiung getan. Aber 
in dem Weltkriege kann nicht das Proletariat eines einzelnen Landes isoliert den 
Frieden erzwingen. Bisher sind die proletarischen Massen in anderen Ländern den 
russischen Brüdern auf dem Befreiungswege nicht gefolgt. Auch das hat dazu 
beigetragen, daß die Reaktion in Rußland drohend ihr Haupt erheben kann. 

Der internationale proletarische Massenkampf für den Frieden bedeutet zu- 
gleich die Rettung der russischen Revolution. Einzelaktionen des Proletariats hat 
es bereits gegeben, bald hier, bald dort. Arbeiter und Arbeiterinnen ließen allen 
Verfolgungen zum Trotz auf den Straßen .den Ruf nach Brot, Frieden und Freiheit 
erschallen. Es führen den proletarischen Kampf die Arbeitermassen, die in der 
Fron des Kriegskapitalismus die Arbeit niederlegen, um ihre einfachen Menschen- 
rechte zu schützen. Und sie unternahmen diese Streiks trotz der Preisgabe des 
Koalitionsrechtes durch die regierungssozialistischen Gewerkschafts- und Partei- 
führer. Das alles sind Anzeichen nicht nur von der Kriegsmüdigkeit der Proletarier 
in den einzelnen Ländern, sondern bereits von ihrer Erkenntnis, daß nur prole- 
tarische Kampfmittel ihnen den Frieden bringen können. 

, Aber auch nur solche Einzelkämpfe, von denen die Proletarier anderer Länder 
gar keine oder verspätete Nachricht erhalten, kann das' ersehnte Ziel nicht erreicht 
werden. Die Stunde hat geschlagen für den Beginn des gemeinsamen Kampfes 
in allen Ländern, zur Herbeiführung des Friedens, für die Völkerbefreiung durch 
das sozialistische Proletariat. Das Mittel dazu ist der gemeinsame 
internationaleMassenstreik. 

Unser Ruf ergeht an die Arbeiterschaft eines jeden Landes. Ihr eigenes Schick- 
sal ist unlöslich verknüpft mit dem Schicksal des Weltproletariats. Die Arbeiter- 
schaft eines Landes, die sich ausschließt von dem gemeinsamen Kampfe oder 
gar ihm in den Rücken fällt, vereitelt den Frieden, verlängert den Krieg und die 
Volksausbeutung und ruiniert ihre eigene Zukunft. Sie begeht Verrat an der gemein- 
samen Sache der Menschheit. Das darf nicht sein! 

Proletarier aller Völker! Euer harrt die schwerste Pflicht. Euch winkt aber 
das erhabenste Ziel, die endgültige Menschheitsbefreiung. 

Arbeiter und Arbeiterinnen! Werbt für die inter- 
nationale proletarische Massenaktion „in jeder Werkstatt, 
woes pocht, in jeder -Hü tte, drin es ächzt!" Der Kampf wird lang 
und schwierig sein. Die herrschenden Klassen werden nicht auf einen Schlag 
weichen, geschweige denn kapitulieren! Je schwieriger der Kampf, um so ent- 
schiedener muß er geführt werden! Es gilt, kämpfend zu siegen, denn längeres 
widerstandsloses Dulden muß dem Proletariat den Untergang bringen. 
Hoch der internationale Klassenkampf gegen den Krieg! 
Hoch der sozialistische Frieden! / 



Ende des Jahres 1917 beansprucht innen r wie außenpolitisch das 
russische Friedensangebot das größte Interesse.' Am 8. November be- 

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schloß der Kongreß der A.- und S.;Räte einen Friedensvorschlag an die 
Mittelmächte, über den dann vom 15. November ab auf der Friedens- 
konferenz von ßrest-Litowsk beraten wurde, die durch den Verrat der 
Mehrheitssozialisten an der proletarischen Revolution zur Vergewaltigung 
des russischeg Volkes führte. 

In einem Artikel „Und nun?" in Nr. 8 des Spartakus (Januar 1918) 
richtet ein deutscher internationaler Sozialist einen Appell an das deutsche 
Proletariat, die Bruderhand des russischen Arbeiters zu ergreifen. Wir 
bringen nachstehend den Schlußsatz dieses Artikels: 

Und nun? 

. . . Das russische Volk, das russische Proletariat will den frieden. Es hat sich 
in ergreifenden Worten an seine Brüder in allen Ländern gewandt. Es will den 
Frieden, den die Völker unter sich schließen. Und was machen die Scheidemänner 
daraus? Schon wetzen sie die Federhalter, um nach Mauscheln und Mogeln und 
Hand m Hand mit Hertling und Kühlmann den Frieden zu schließen, den zu 
schließen sie im November 1916 mit dem Zaren, im Frühjahr 1917 mit Kerenski 
bereit waren. Den Frieden, den Bethmann-Hollweg die Befreiung der Völker 
zwischen Baltik und Pripjet, den Hertling die Selbstbestimmung dieser Völker 
heißt. Den Frieden, der für Deutschland bedeutet: Steigerung der wirtschaftlichen 
Expansion nach Osten, die Möglichkeit, die gesamte Heeresmacht gegen die West- 
mächte zu wenden und dort von neuem die Jagd zu beginnen nach dem vollen 
militärischen Sieg. 

Daß die deutsche Regierung so handelt, ist vom* Standpunkt der Interessen, 
die sie vertritt, verständlich. Daß die Scheidemänner weiterhin die Attrappe 
spielen, hinter der sich die imperialistischen Strömungen und Gelüste verbergen, 
ist nichts Neues mehr. Gefährlich aber ist, wenn auch von anderer Seite die Re- 
gierung immer wieder beschworen wird, sie möchte nun ja die imperialistischen 
Wünsche lassen und sich auf den tugendsamen Weg der Verständigung begeben. 
Das von der deutschen Regierung verlangen, heißt vom Ochsen verlangen, daß er 
Milch gebe. Die deutsche Regierung, wie die jedes anderen kapitalistischen Staates, 
wird imperialistisch sein — oder sie wird nicht sein. 

Die Russen aber, sie müssen handeln. Die Arbeiterklasse hat dort die Macht. 
Sie ist im Innern Siegerin. Sie ruft mit lauter 'Stimme hinaus nach ihren Brüdern 
in der Welt. Und statt der Brüder antwortete ihr der heisere Schakalschrei zünf- 
tiger Diplomaten. Die Stunde ist von höchstem Ernst, von höchster Tragik für 
das russische Proletariat, für" das Proletariat der Welt. Antworten nur die 
Diplomaten. — sollen die Russen dann den Sonderfrieden schließen mit der deut- 
schen Diplomatie, was heißen würde: Fortsetzung des Mordes für die deutschen, 
die französischen, die englischen Proletarier? Sollen sie selber weiter waten, durch 
das Meer von Blut, um, nachdem der eigene Imperialismus gestürzt, den der 
fremden Länder zu besiegen? Zu besiegen, indem man ' weitere Proletarier 
totschlägt? 

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Ein furchtbarer Knoten ist in Rußland geschürzt: das Schwert, das ihn zer- 
hauen soll, liegt nicht in Rußland. 

Die russischen Proletarier haben ihre Hand hinausgestreckt dach ihren Brüdern. 
Soll sie ins Leere greifen? 

Deutsche Proletarier: Was nun? 



Seit dem endgültigen Siege der proletarischen Revolution in Rußland 
am 7. November 1917 setzte eine umfassende bolschewistische Agitation 
ein, die zunächst Mitte Januar in Wien in großen politischen Massen- 
streiks und in Bildung von Arbeiterräten ihren Niederschlag fand und 
am 28. Januar 1918 in Deutschland zu dem ersten großen politischen 
Massenstreik führte. 

Eine Fülle von Flugblättern charakterisieren diese imposante Massen- 
streikbewegung. Wir bringen hier zunächst drei aus den Streiktagen 
Ende Januar: 

Die Stunde der Entscheidung! 

Arbeiter und Arbeiterinnen ! 

In Rußland hat die Stunde der Entscheidung geschlagen. Zum erstenmal in 
der Weltgeschichte wird hier von einer proletarischen Masse der Versuch gemacht, 
die politische Macht im Staate an sich zu reißen. Mit einem Heldenmute sonder- 
gleichen, ohne Opfer zu scheuen, ohne das eigene Herzblut zu sparen, kämpfen 
jetzt die russischen Proletarier, auf das Bauerntum gestützt, um die Aufrechterhal- 
tung und Befestigung einet soeben erlangten Herrschaft im Staat Das Ziel, das 
sie dabei verfolgen, ist ein doppeltes: 

Ein Ende mit dem Völkermord, 

ein Anfang mit der Verwirklichung des Sozialismus. 

Schwierigkeiten, Widerstände, Gefahren türmen sich um sie bergehoch von allen 
Seiten. Im Innern des Landes der grimmige Widerstand der russischen Bourgeoisie 
und des Junkertums, geheime und offene Ränke der Reaktion, Hunger, Not und 
Desorganisation der ganzen Staatsmaschine, draußen aber vor dem Tor deutsche 
Kanonen und deutsche Maschinengewehre, von der Hand deutscher Arbeiter gegen 
das revolutionierende Rußland gerichtet. Während in Petersburg und Moskau 
russische Arbeiter um die höchsten Ziele der Menschheit ringen, halten die deut- 
schen Arbeiter auf Befehl des deutschen Imperialismus die Wacht der Knecht- 
schaft auf russischem Gebiet. 

Über all den Graus und das Toben des Völkermordens hinweg ergeht an das 
Weltproletariat der Ruf der russischen Arbeiter: Nieder mit dem Kriege, sofortigen 
Waffenstillstand und Frieden! Die proletarische Regierung in Petersburg hat an 
alle am Kriege beteiligten Völker einen Aufruf zur sofortigen Einleitung von 
Friedensverhandlungen gerichtet. Die Junkerregierung in Berlin ist auf. diesen Vor- 
schlag eingegangen. Und jetzt werden zwischen Vertretern Rußlands und Deutsch- 
lands Verhandlungen über einen Waffenstillstand gepflogen, dem die Verständigung 
über einen endgültigen Friedensschluß folgen soll. 

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Deutsche Arbeiter und Arbeiterinnen! Auch für das deutsche 
Proletariat schlagt nunmehr die Stunde der Entscheidung! Seid auf der Hut! Denn 
gerade durch, diese Verhandlungen beabsichtigt die deutsche Regierung, dem Volk 
Saud in die Augen zu streuen, das Elend und den Jammer des Völkermordens 
noch zu verlängern und zu verschärfen. 

Zwar trägt die Regierung, seitdem sie die Hoffnung auf einen entschiedenen 
Sieg über die Gegner verloren hat, die Maske der Friedensliebe. Zwar tritt sie 
jetzt sogar als Freundin der russischen Revolutionäre auf, derselben „Verschwörer", 
die sie als Handlangerin des russischen Zarismus jahrzehntelang wie ein Wild 
hetzte, und die sie auch, jetzt — wenn sie nicht in der Klemme wäre — am 
liebsten vor der Mündung ihrer Kanonen sehen würde. Zwar spiegelt die deutsche« 
Regierung, die in ihrem eigenen Hause die fremden Nationen: die Polen, die 
Dänen, die Elsaß-Lothringer in der brutalsten, rohesten- Weise unterdrückt und 
mißhandelt, jetzt vor, das staatliche Selbstbestimmungsrecht der Bevölkerung 
Russisch-Polens, Kurlands und Iithauens aufrichtig anerkennen zu wollen. Aber 
dieser Maske dürfen wir keinen Augenblick Glauben schenken. Das Raubtier 
verleugnet nie seine Natur. Die Regierung und die deutschen Imperialisten ver- 
folgen nur durch neue Mittel ihre alten Ziele. Unter dem Deckmantel des Selbst- 
bestimmungsrechtes der Nationen sollen aus den besetzten russischen Provinzen 
Zwergstaaten geschaffen werden, damit sie — zu einer Scheinexistenz verdammt 
und von den deutschen „Befreiern" wirtschaftlich wie 7 politisch abhängig — später 
bei der ersten günstigen Gelegenheit, nachdem Deutschland und Österreich-Ungarn 
ihre Pranken aus dem Eisen des Weltkrieges befreit haben, von ihnen regelrecht 
verspeist werden können. 

Das Ziel, das die deutsche Regierung verfolgt, ist eine 
verkappte, durch das Selbstbestimmungsrecht nur schlecht 
verschleierte Annexion dieser Gebiete. 

Vor allem aber hofft die deutsche Regierung, das zermürbte, innerlich zer- 
rüttete und geschwächte Rußland 

zu einem Separatfrieden 
zu zwingen, und sie redet dem deutschen Volke ein, — um seine Empörung 
und seinen Kriegsunwiflen zu bezwingen, — daß dieser Teilfriede uns dem all- 
gemeinen Frieden näher bringen werde. 

Arbeiter, diese Behauptung ist Lug und Trug! 
Ein Separatfrieden mit Rußland wird die Kriegsfurie auf den anderen Fronten nur 
noch. mehr entfesseln, der Krieg gegen England, Frankreich, Italien und Amerika 
wird erst recht und mit verdoppelter Kraft losgehen, und das Völkermorden wie 
das Elend des deutschen Volkes werden dann gar kein Ende nehmen. 

In der Brust der deutschen Imperialisten regt sich schon wieder die bereits 
längst erloschene Hoffnung auf einen Sieg über die Weststaaten oder wenigstens 
auf eine gewaltige Verbesserung der deutschen Kriegschancen. Zu diesem Zweck 
muß aher das im Osten von der Vernichtung noch verschont gebliebene deutsche 
Kanonenfutter auf den Schlachtfeldern in Flandern, am Piave, in Palästina in den 
Schlund des Kriegsungeheuers geworfen werden. Und es werden sogar jetzt schon 
gewaltige Truppenmassen vom Osten nach dem Westen dirigiert: eine neue blutige 
Offensive im Westen scheint deutscherseits bereits in Vorbereitung zu sein. 

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. Arbeiter und Arbeiterinnen! An uns liegt es, diese verbreche- 
rischen Pläne des Imperialismus zu durchkreuzen. Unsere Aufgabe ist es, den 
Separatfrieden, den die deutsche Regierung anstrebt, durch unseren Willen, unsere 
Tatkraft, unseren Kampf 

in einen allgemeinen Frieden zu verwandeln. 
Die deutschen Reaktionäre hoffen, die russische Revolution für sich aus- 
zubeuten, mit dem Blute russischer Arbeiter ihre schmutzigen Geschäfte zu machen. 
Der Friede ist eine Lebensfrage für die russische Revolution, die sonst im Chaos, 
im Blutmeer untergehen wird. Aber die russischen Arbeiter allein können auch 
, mit dem größten Heldenmut nicht dem Kriege ein Ende machen und den all- 
gemeinen Frieden herbeiführen. Sie sind sich dessen bewußt und lassen in ihrem 
Aufruf zum sofortigen Waffenstillstand folgenden Notschrei und Mahnruf an das 
deutsche Proletariat ergehen: 

„Wir wenden uns an die arbeitenden Massen in Deutschland, Öster- 
reich-Ungarn, der Türkei und Bulgarien. Wir schlagen , einen Völkerfrieden vor, 
einen loyalen Vertrag, der allen Völkern freie Entwicklung des Wirtschafts- 
lebens und ihrer Kultur sichert. Ein derartiger Frieden ist nur 
erreichbar im gemeinsamen direkten blutigen Kampf 
seitens der revolutionären Massen gegen imperialistische 
Pläne und annexionistische Bestrebunge n." 
Soll dieser Appell an die deutschen Arbeiter spurlos verhallen? Soll Deutschland 
allein in Europa als der letzte Hort der Reaktion stehen? Soll in Deutschland 
fernerhin der Halbabsolutismus, das Junkertum, das Scharfmachertum unumschränkt 
herrschen, während in Rußland das Volk seine Ketten gesprengt hat? Soll in 
Deutschland die Masse weiter das Elend, die Säbeldiktatur mit Sklavengeduld er- 
tragen, nur um Millionäre zu züchten, um das ausbeutende Kapital sich ins Riesen- 
hafte ausdehnen zu sehen, um eine ungeheure Kriegsschuld anwachsen zu lassen, 
die sich später auf die Schultern der Volksmasse abwälzen und sie vollends 
erdrücken wird?! Wie lange noch, soll das grausige Morden weitergehen? Wie 
lange sollen sich die deutschen Proletarier draußen im Felde geduldig und gehor- 
sam abschlachten lassen, während ihre Frauen und Kinder daheim vor Not und 
Entbehrungen zugrunde gehen? 

Der Hunger und das gegenwärtige Massenelend werden nicht aufhören, so- 
lange diejenigen, die ein Interesse am Kriege haben, d. h. die Regierung und die 
bürgerlichen Klassen, am Ruder sind. Die Herrschaft der Reaktion 
un"d der imperialistischen Klassen in Deutschland gilt es 
zu brechen, wenn wir dem Völkermord ein Ende bereiten 
wollen. 

Wenn Rußland, das gestern noch zarisch war, heute eine von sozialistischen 
Arbeitern beherrschte Republik ist, dann ist es auch in Deutschland für andere 
Zustände Zeit. Nur durch Massenkampf, durch Massenauflehnung, durch Massen- 
streiks, die das ganze wirtschaftliche Getriebe und die gesamte Kriegsindustrie 
zum Stillstand bringen, nur durch Revolution und die Erringung der Volks- 
republik in Deutschland durch die Arbeitermasse kann dem Völkermord ein Ziel 
gesetzt und der allgemeine Frieden herbeigerührt werden. Und nur so kann 
auch die russische Revolution gerettet werden. 

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Arbeiter! Rüsten wir uns zu hartnäckigen, entschlossenen Massen- 
aktionen in allernächster Zukunft, wenn wir der heutigen Qual und Pein ein 
Ende bereiten wollen. Die Parole muß lauten: 

Fort mit dem Separatfrieden! 
Hoch der allgemeine Friede! 
Hoch die Republik Deutschland! 
Erst wenn wir, deutsche Arbeiter, den Mut und die Kraft gefunden haben, 
für diese Ziele offen den Kampf zu beginnen, haben wir das Recht, auch von den 
französischen, englischen und italienischen Arbeitern das gleiche zu fordern und 
zu erwarten. Und wir werden nicht lange warten müssen. Mögen nur die 
deutschen Arbeiter dem russischen Beispiel folgen und sich an die Spitze des' 
Kampfes stellen, und der Schlachtruf des internationalen Sozialismus: „Prole- 
tarier aller Länder, vereinigt euch!" wird bald zur Wahrheit und zur Tatsache 
werden. 

Zögert nicht länger, deutsche Arbeiter, und Arbeiterinnen! Die Stunde der 
Entscheidung schlägt für das deutsche Proletariat! Auf zum Kampfe für Frieden, 
Freiheit, Brot! 

Nieder mit dem Krieg! 

Nieder mit der Regierung! 

Hoch der Massenkampf der Arbeiter! 

Hoch der Sozialismus! 

Folgt ihrem Beispiel! 

Die deutschen Arbeiter fangen endlich an, zu erwachen und sich auf sich 
selbst zu besinnen. Noch gibt es wahre Helden im deutschen Proletariat, wenn 
sie auch vorerst vereinzelt auftreten. Aus seinen eigenen Reihen sind sie ver- 
einzelt hervorgegangen. Keine Kommandohelden, die auf Befehl von oben die 
Proletarier anderer Länder abwürgen. Nein, Helden aus eigener selbstwilliger Ent- 
schließung, die für ihre Klasse und für den Sozialismus ihr Leben als Einsätz 
boten: wir meinen 

die revolutionären Matrosen von Wilhelmshaven! 
Freilich: ihr revolutionärer Wille hat noch nicht zum Ziele geführt. Aber der 
deutsche Militarismus wurde doch von ihnen an seinem innersten Mark getroffen. 
Das beweist die furchtbare Rache der militärischen Gewalthaber. Zwei unserer 
Genossen, die Matrosen Reich pi et seh und Cöbes, wurden von einem 
kommandierten Standgericht 

zum Tode verurteilt und erschossen, 
und über etwa 50 Matrosen wurden 

400 Jahre Zuchthaus 
verhängt Doch diese Opfer sind nicht umsonst gebracht. Die rebellischen Ma- 
trosen von Wilhelmshaven haben ihren Klassengenossen ein Signal und ein 
Beispiel gegeben: 

Deutsche Arbeiter, handelt ebenso wie wir, dann wird 
der Menschheit ein sozialistischer Frieden beschieden 

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sein. Aber nur dann, denn ein solcher Frieden kann nur 
erkämpft werden! — das ist ihr schlichtes Testament. 

Die deutsche Arbeiterklasse soll dieses Testament erfüllen; sie soll ebenso 
handeln wie ihre Blutzeugen. 

Unbeirrt gingen unsere Freunde in den Tod und ins Zuchthaus. Ein jeder 
ein Held seiner Klasse, keiner hat gewankt Die Abschiedsworte, die uns einer 
unserer Freunde schickte, bevor er in die Nacht des Zuchthauses von Celle 
untertauchte, mögen dies bezeugen. Ein Mensch spricht hier zum letzten Male 
zu seinen Brüdern, für die er sich geopfert: 

„Werter Genosse! Nunmehr haben auch unsere Marine-Kriegsverratsprozesse 
ihren tragischen ' Abschluß gefunden. Außer den bekannten Matrosen, die bereits 
im Zuchthaus ihre unerhört hohen Zuchthausstrafen verbüßen, und den beiden 
erschossenen Kameraden Reichpietsch und Cöbes müssen nunmehr auch wir auf 
10 Jahre ins Zuchthaus wandern. Sodaß nun insgesamt 400 Jahre Zucht- 
haus durch die Sucht der Kriegsgerichtsräte Dr. Dobring, Lösch usw. ver- 
hängt worden sind. 

Ich trete nun, angesichts meines Abtransportes, an Sie mit folgender Bitte 
heran: Da ich der einzige Ernährer meiner armen Familie auch bis jetzt als 
Soldat war und mit meiner Löhnung sie unterstützte, nun aber, durch das 
verhängnisvolle Urteil auf ein Jahrzehnt hinaus meine Lieben nicht mehr ernähren 
kann, so bitte ich Sie, vielleicht aus Parteimitteln, um eine Unterstützung meiner 
Angehörigen. Seien Sie überzeugt, nie würde ich eine solche Bitte an Sie richten, 
wenn ich nicht gezwungen würde, infolge dieser barbarischen Strafe meine arme 
Mutter vor Elend und Untergang zu retten. Ich gehe vertrauensvoll ins Zuchthaus 
und will da gleich meinen anderen Genossen und. Kameraden hungern und 
schmachten, wenn ich nur das Bewußtsein mit mir nehmen kann, für meine 
Angehörigen hat man dennoch etwas Mitleid übrig. 

Indem ich hoffe, daß Sie meinem Wunsche, hoffentlich nach eingehender 
Prüfung, nachkommen werden und auch für uns Zuchthäusler, die wir für die Sache 
unserer Überzeugung gefallen sind, ein # Erbarmen und Gedenken kennen, zeichne 
ich mit Parteigruß . N, N. 

Zurzeit auf dem Transport nach dem Zuchthaus." 

Dieser schlichte Appell unseres lebendig begrabenen Freundes an das Solida- 
ritätsgefühl seiner Parteigenossen wird nicht ungehört verhallen. Treue gegen 
Treue! Die deutsche Arbeiterklasse wird die Familien ihrer Blutzeugen nicht 
dem Elend überlassen. Nein, es wird auch diese selbst eines Tages aus den 
Zuchthäusern wieder herausholen. 

Dafür zu sorgen, daß dieser Tag nicht allzu ferne ist, 
das ist die Pflicht eines jeden sozialistischen Arbeiters und 
einer jeden sozialistischen Arbeiterin! 

Am Montag, den 28. Januar beginnt der Massenstreik 

Arbeiterinnen! Arbeiter! 
Auf zum Massenstreik! Auf zum Kampf! Soeben hat das österreichisch- 
ungarische Proletariat ein mächtiges Wort gesprochen. Fünf Tage lang ruhte die 

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Arbeit in allen Betrieben in Wien, Budapest usw. im ganzen Reiche. In Wien 
haben die Arbeiter den Straßenbahnverkehr eingestellt, auch der Eisenbahn- 
verkehr wurde zum Teil lahmgelegt, es erschien keine- einzige Zeitung. An vielen 
Orten kam es zu einer offenen Erhebung der Bevölkerung und zum Kampf mit 
der Regierungsmacht In Prag und Budapest wurde die Republik proklamiert. 
In Wien hielten die Arbeiter die Brücken besetzt, um das Eindringen der Polizei 
in die Arbeiterviertel zu verhindern. 

In schlotternder Angst vor der drohenden Revolution war die Zentralregierung 
gezwungen, den nach Muster der russischen Revolution gewählten Wiener Arbeiter- 
rat anzuerkennen und mit ihm zu verhandeln. Sie beeilte sich, Konzessionen zu 
machen, um die Bewegung einzudämmen, wobei ihr natürlich die Regierungs- 
sozialisten und die Gewerkschaftsführer freiwillig Handlangerdienste leisteten. 

Die Aufhebung der Militarisierung der Betriebe, die Aufhebung des Arbeits- 
zwangsgesetzes, die Erfüllung der* Arbeiterforderungen in den Ernährungsfragen, 
gleiches und allgemeines Wahlrecht für Frauen und Männer bei den Gemeinde- 
wahlen, Versprechen, bei den Friedensverhandlungen mit Rußland auf alle 
Annexionsabsichten zu verzichten, — dies sind' die vorläufigen Zugeständnisse. 
Die historische Bedeutung des Arbeiterauf Standes in Österreich-Ungarn liegt aber 
nicht in diesen Zugeständnissen, sondern in der Tatsache der Erhebung selbst. Die 
Bewegung ist zwar, auf halbem Wege stehen geblieben, aber es ist dies der 
erste Schritt, dem andere folgen werden. Die Hilfe der deutschen Arbeiter, unser 
Massenstreik, wird die Flamme der Revolution in der Doppelmonarchie zu neuem, 
mächtigem Brande entfachen! 

Arbeiterinnen und Arbeiter! Was unsere österreichisch-unga- 
rischen Brüder angefangen haben, das müssen wir vollenden! 

Die Entscheidung der Friedensftage liegt bei dem deut- 
schen Proletariat ! 

Unser Massenstreik soll kein kraftloser „Protest" und kein von vornherein auf 
eine bestimmte Frist beschränkter hohler Demonstrationsstreik, sondern ein 
Machtkampf sein. Wir kämpfen solange, bis unsere Mindest- 
forderungen unverkürzt verwirklicht worden sind: Auf- 
hebung des Belagerungszustandes, der Zensur, aller Be- 
schränkungen der Koalitions-, Streik-, Vereins- und Ver- 
sammlungsfreiheit, Freilassung aller politischen Inhaf- 
tierten — dies sind die Bedingungen, die uns notwendig sind, um unseren Kampf 
um die Macht, um die Volksrepublik in Deutschland und einen 
sofortigen allgemeinen Frieden frei zu entfalten. 

Jeder Separatfriede führt nur zur Verlängerung und Verschärfung des 
Völkermordens. Es gilt um jeden Preis den Separatfrieden in einen 
allgemeinen Frieden zu verwandeln. Dies ist unser Ziel. 

Arbeiter! Bevor wir die Betriebe verlassen, müssen wir uns eine frei- 
gewählte Vertretung nach russischem und österreichischem Muster schaffen mit der 
Aufgabe, diesen und die weiteren Kämpfe zu leiten. Jeder Betrieb wähle pro 
tausend beschäftigter Arbeiter je einen Vertrauensmann; Betriebe mit weniger als 
tausend Arbeiter wählen nur einen Vertreter. Die Vertrauensmänner der Betriebe 
müssen an jedem Orte sofort zusammentreten und sich als Arbeiterrat kon- 

1 Unterirdische Literatur Q7 



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stituieren. Außerdem wird iür jeden Betrieb ein leitender Ausschuß gewählt. 
Sorgt dafür, daß die Gewerkschaftsführer, die Regierungssozialisten und andere 
„Durchhalter" unter keinen Umständen in die Vertretungen gewählt werden. Heraus 
mit den Burschen aus den Arbeiterversammlungen! Diese Handlanger und frei- 
willigen Agenten der Regierung, diese Todfeinde des Massenstreiks 
haben unter den kämpfenden Arbeitern nichts zu suchen! Während des Massen- 
streiks im April v. Js. haben die Cohn, die Sehring, die Körsten, die Scheide- 
männer und ihre Presse in heimtückischer Weise der Streikbewegung das Genick 
gebrochen, indem sie die Unklarheit der Masse ausnutzten und den Kampf auf 
falsche Bahnen lenkten. Lassen wir uns nicht durch die Friedensphrasen und 
die Maske der angeblichen Sympathie mit unserm Kampf betören, die diese Ju- 
dasse jetzt nach den österreichischen Vorgängen benutzen werden. Von diesen 
Wölfen im Schafspelz droht der Bewegung eine viel schlimmere Gefahr, als von der 
königlich preußischen und anderweitigen Polizei! 

Und nun, Arbeiter und Arbeiterinnen, auf zum Kampf! Wir haben eine 
mächtige Waffe in der Hand, unsere Klassensolidarität! Machen wir Gebrauch 
von dieser Waffe: Alle für einen, einer für alle! Dann sind wir gegen alle Dro- 
hungen, Maßregelungen und Verfolgungen seitens der Gewaltherrscher gefeit! 

Ein. roher Knecht der Säbeldiktatur, der General Gröner, hat nach dem vor- 
jährigen Aprilstreik jeden streikenden Arbeiter als Hundsfott beschimpft. Zeigen 
wir der Welt, daß die „Hundsfötter" in Deutschend noch etwas zu sagen haben! 
Mann der Arbeit, aufgewacht! 
Und erkenne deine Macht! 
Alle Räder stehen still, 
Wenn dein starker Arm es will! 

Nieder mit dem Krieg! Nieder mit der Regierung! 
Hoch der Massenstreik! 



Das folgende Flugblatt: An die Arbeiterschaft Berlins! vom Februar 
1918 ist, zum erstenmal in Deutschland, vom Aktionsausschuß eines 
„Arbeiterrats" gezeichnet. Arbeiterräte wurden schon zu Beginn des 
Massenstreiks Ende Januar gewählt und waren an der Leitung der 
Streikbewegung bis zu ihrem Abschluß im Februar hervorragend be- 
teiligt. Außer diesem Flugblatt des Arbeiterrats geben wir noch zwei 
Flugblätter wieder, von denen das eine gegen Ende des Streiks, das 
andere nach seinem Abschluß bis in den März hinein überall in vielen 
Tausenden von Exemplaren verbreitet wurde. 

Mitteilungen. An die Arbeiterschaft Berlins! 

Arbeitsbrüder und -Schwestern! In gewaltigen Massen steht das Berliner 
Proletariat jetzt im politischen Massenstreik für einen sofortigen demokratischen 
Frieden. 

Am zweiten Streiktage war die Zahl der Streikenden auf annähernd 400000 
angewachsen, und noch immer schwillt diese Zahl. Aus den größeren Orten des 



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Reichs laufen Nachrichten ein, daß auch dort die Arbeiter in Massen in die Streiks 
eingetreten sind. Überall bricht elementar der Wille der Arbeiter nach Frieden, 
Freiheit und Brot durch. 

In Berlin und Umgegend haben die Behörden entweder die Abhaltung von 
Versammlungen verboten oder die Versammlungen aufgelöst. Der Aktionsaus- 
schuß des Arbeiterrats hat sofort beschlossen, beim Staatssekretär des Innern, 
Herrn Wallraf, dagegen Einspruch zu erheben und dahin zu wirken, daß den 
Streikenden die ungehinderte Ausübung des Versammlungsrechts zugesichert werde. 
Zu diesem Zweck sollten fünf Arbeiterdelegierte und vier Reichstagsabgeordnete 
(Ebert, Haase, Ledebour, Scheidemann) mit ihm verhandeln. Er erklärte jedoch, 
über diese politischen Dinge nur mit den Abgeordneten, nicht auch mit den 
Arbeiterdelegierten verhandeln zu können. Der Aktionsausschuß beschloß darauf, 
zwei Abgeornete und zwei Arbeiterdelegierte zu beauftragen, persönlich zu ant- 
worten, daß die Arbeiterdelegierten zu den Verhandlungen ebenso zugelassen 
werden müßten wie die Abgeordneten. Diese vier Beauftragten wurden im Reichs- 
amt des Innern von einem Ministerialdirektor empfangen, aber nicht zum Staats- 
sekretär, Wallraf zugelassen, der ihnen vielmehr erklären ließ, er müsse darauf 
beharren, über die politischen Fragen nur mit den Abgeordneten verhandeln zu 
können, lediglich in wirtschaftlichen Fragen sei die Regierung zu Verhandlungen 
mit Arbeitern bereit. 

Kollegen und Kolleginnen! 

Die Regierung lehnt ab, mit euren Kollegen aus der Werkstatt zu verhandeln, 
wenn es sicn nicht um ein Stück Brot oder um ein Pfund Kartoffeln handelt, 
sondern um euer und um des ganzen Volkes Geschick. Die Arbeiter werden von 
ihr behandelt, als wären sie politisch unmündige Kinder. Unser Schrei nach Frieden 
soll nicht an die Öffentlichkeit dringen! Wir sollen schweigend weiterarbeiten, 
darben und leiden! 

Kollegen und Kolleginnen! Darauf gibt es nur eine Antwort: Fester und ge- 
schlossener Zusammenhalt! Zehntausende werden sich mit den Streikenden soli- 
darisch erklären. Die Bewegung muß so gewaltigen Umfang annehmen, daß die 
Regierung unserm berechtigten Verlangen nachgibt. 

Laßt euch durch nichts und durch niemanden irre machen, weder durch die 
falschen Berichte der bürgerlichen Presse, noch durch die Einschüchterungsver- 
suche der Behörden. Wir werden euch laufend über den Stand der Dinge infor- 
mieren. Haltet euch nur an diese Informationen! 

Steht fest zusammen! 

Einer für Alle, Alle für Einen! 
Der Aktionsausschuß des Arbeiterrats. 

Hoch der Massenstreik! Auf zum Kampf! 

Arbeiterinnen! Arbeiter! 
Die Kriegsziele der deutschen Regierung liegen nunmehr klar zu Tage. Alle 
Zweifel sind zerstreut,, alle Ableugnungen vergeblich. Bei den Verhandlungen in 
Brest-Litowsk mußte der deutsche Militarismus endlich die Maske lüften. 

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Raub fremder Länder, Unterjochung fremder Völker, gewaltsame Annexionen 
und die Herrschaft des deutschen Säbels in der Welt: das sind die Kriegsziele der 
deutschen Regierung. 

Sie hat sich in Brest-Litowsk geweigert, die deutschen Truppen aus den be- 
setzten Gebieten zurückzuziehen. Nicht genug, daß Polen, Lithauen, Esthland, Liv- 
land jetzt von den deutschen Machthabern ausgeplündert und erdrosselt werden, 
die dortige Bevölkerung soll auch nach Friedensschluß 'durch deutsche Kanonen 
und deutsche Maschinengewehre verhindert werden, eine freie Entscheidung für 
ihr zukünftiges politisches Schicksal und ihre Staatszugehörigkeit zu treffen. Und 
. um die Brutalität durch« Schamlosigkeit noch zu überbieten, verlangten die deutschen 
Vertreter in Brest-Litowsk, daß der Wille der von Deutschland in den besetzten Ge- 
bieten ernannten Beamten, dieser elenden Drahtpuppen in der Hand der Berliner 
Machthaber, bei der Entscheidung der Frage über die Zukunft dieser Ländereien 
als Willensausdruck der betreffenden Nationen gelten soll. So sieht das „Selbst- 
, bestimmungsrecht der Völker" aus, das die deutsche Regierung sich feierlich ver- 
pflichtete anzuerkennen und zu respektieren, und so der „Friede ohne gewaltsame 
Annexionen", den sie vorschützte, zu wollen und anzunehmen! ^ 

Arbeiter! Man will uns einreden, der Separatfriede mit Rußland sei der 
Anfang zum allgemeinen Frieden. Eitle Hoffnung dies und törichte Verblendung 
bei den Gläubigen, bewüßter Volksbetrug seitens der Regierung! Das Gegenteil 
ist die* Wahrheit. Das ganze Streben und Trachten der Regierung ist darauf ge- 
richtet, durch einen Separatfrieden mit Rußland Deckung im Osten zu bekommen, 
um das menschliche Kanonenfutter vom Osten nach dem Westen zu kommandieren 
und alle Kräfte mit doppelter Wucht gegen England^ Frank- 
reich und Italien zu werfen. Jeder Separatfrieden mit Ruß- 
land, auch wenn der deutsche Imperialismus auf die sofortige 
Bergung der russischen Beute, d, h. auf eine offene Annexion 
der russischen Gebiete zunächst verzichten würde, be- 
deutet nur eine ungeheure Verschärfung und Verlängerung 
des Krieges und ist in Wirklichkeit der schwerste Schlag 
gegen d.en Frieden. Zugleich ist er aber der schwerste Schlag gegen die 
kümmerlichen Freiheiten, die wir in Deutschland vor dem Kriege besaßen, denn so- 
wohl die Fortdauer des Krieges, wie ganz besonders der Sieg des deutschen Mili- 
tarismus über die Weststaaten und die Unterjochung fremder Völker führt unab- 
wendbar zur schwärzesten Reaktion, zur Übermacht der Säbelherrschaft, also zur 
politischen Knechtung der Volksmassen im Innern Deutschlands selbst. 

Arbeiter! Jetzt gilt es wirklich, unsere Existenz und die deutsche Freiheit mit 
aller Kraft zu verteidigen. Aber nicht gegen die äußeren Feinde — gegen die 
„Engländer und Franzosen" jenseits der Schützengräben, sondern gegen die „Eng- 
länder und Franzosen" in unserem eignen Hause — gegen die deutschen Junker, 
gegen die deutsche imperalistische Bourgeoisie und die deutsche Regierung gilt es 
zu kämpfen: denn wenn nicht diese Interessenten des Völkermordes wären, so 
hätten wir schon längst einen loyalen demokratischen Frieden mit England und 
Frankreich. 

Die Verhandlungen in Brest-Litowsk haben sogar dqn Blinden und Tauben 
die einfache handgreifliche Wahrheit beigebracht: entweder muß die Re- 

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gierung uniergehen, oder das deutsche Volk ist unabwend- 
bar dem Untergange geweiht. 

Es ist keine Hoffnung, und es gibt keine Mittel, von dieser Regierung und 
von den sie stützenden imperialistischen Klassen den Friedensschluß zu erzwingen. 
Nur der Sturz dieser Regierung, nur die Zerschmetterung der Macht der Bourgeoisie, 
mit anderem Worten: ( 

nur die Volksrevolution und die Volksrepublik in Deutschland würden im- 
stande sein, den allgemeinen Frieden in kürzester Zeit herbeizuführen. Denn vor 
der deutschen Republik würden auch die jetzt von unserem Halbabsolutismus und 
Imperialismus bedrohten Weststaaten unter dem Drude der Arbeiter dieser Länder 
sofort die Waffen strecken müssen. Die proletarische Revolution in Deutschland 
bedeutet die Arbeiterrevolution in der ganzen Welt. 

Daher fort mit dem Separatfrieden 1 . Allgemeiner Frieden und Republik in 
Deutschland! Das ist das Ziel, an das wir unsere Blicke heften, indem wir in den 
Kafnpf treten. 

Deutscher Proletarier! Wir rufen euch zum ersten Waffengang in diesem 
Kampfe auf: s . l 

Rüstet zum allgemeinen Massenstreik in den nächsten Tagen! 

Setzt alles dran, daß die Arbeitsruhe eine allgemeine, eine vollständige wird, 
daß vor allem die Produktion der Mordwerkzeuge in der Munitionsindustrie auf- 
hört. Sorgt dafür, daß aller Verkehr, auch der Verkehr der Eisenbahnen und 
Straßenbahnen eingestellt werden muß und daß auch in den städtischen und den 
anderen öffentlichen Werken die Arbeit ruht. Vor allem aber sorgt dafür, daß die. 
Kunde von dem Massenstreik auch an die Front, auch in die Schützengräben dringt 
und dort einen mächtigen Widerhall findet, daß die Urlauber überall mit den 
Arbeitern gemeinsame Sache machen, die Streikversammlungen besuchen und an 
Straßenaktionen teilnehmen. 

Arbeiter! Es gilt/ zu kämpfen, nicht zu demonstrieren! Keine Schaustellungen 
und hohle Paraden, die jeden Eindruck verfehlen und zu nichts führen! Es handelt 
sich nicht darum, unsern Willen kundzutün, sondern unsern Willen durchzusetzen. 
Die Regierung hat tausendmal bewiesen, daß sie auf den Volkswillen pfeift, wenn 
er nicht durch entschlossene Taten und rücksichtslosen Kampf zum Ausdruck ge- 
bracht wird. 

Die Arbeit soll nichi eher aufgenommen werden, als bis unsere folgenden 
Forderungen erfüllt sind: 

1. Die sofortige Aufhebung des Belagerungszustandes, 
der Zensur und aller sonstigen Beschränkungen der Puesse. 

2. Unbeschränkte Vereins- und Versammlungsfreiheit. 

3. Unbeschränktes Koalitions- und Streikrecht. 

4. Aufhebung des Arbeitszwangsgesetzes. 

5. DieBefreiungallerwegen politischerBetätigungVer- 
urteilter und Inhaftierten und die Niederschlagung aller 
politischen Prozesse. 

Es sind dies Mindestforderungen, deren Erzwingung uns erst die notwendige 
Freiheit verschaffen soll, um den Kampf für den Frieden und die Republik auf der 

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ganzen Linie mit aller Kraft aufzunehmen. Kein Arbeiter soll in das Joch der 
kapitalistischen Fron zurückkehren, solange diese Forderungen nicht erfüllt sind. 
Arbeiter! Fort mit dem Kadawergehorsam, mit der Trägheit, mit allen ego- 
istischen Rücksichten und Bedenken! Ermannen wir uns auf unsere Pflicht, uns 
selbst, unseren Brüdern im Schützengraben und unseren Brüdern jenseits der 
Grenze gegenüber! Wir kämpfen ums Leben, ums Leben der ganzen Mensch- 
heit, die im Blutmeer untergeht. 
Auf zum Massenstreik! 

Mann der Arbeit, aufgewacht! 
Und erkenne deine Macht! 
Alle Räder stehen still, 
Wenn dein starker Arm es will! 
Nieder mit dem Krieg! Nieder mit der Regierung! 
Frieden! Freiheit! Brot! 

Der erste deutsche Massenstreik 

Der erste politische Massenstreik des deutschen Proletariats ist vorüber. Er 
wird tiefe Spuren hinterlassen. Mehr als eine Million Arbeiterinnen und Arbeiter 
haben unerschrocken ihre Persönlichkeit eingesetzt zu großen politischen Zwecken, 
um das Ende des furchtbaren Mordens zu beschleunigen, einen demokratischen 
Frieden aufs rascheste herbeizuführen und der demokratischen Mitwirkung der 
Volksmasse an seiner Gestaltung zum Durchbruch zu verhelfen. 

In Berlin streikten allein mehr als eine halbe Million Arbeiter, ihnen schlössen 
sich die Arbeiter in zahlreichen Industriestädten im Norden und Süden, im Osten 
und Westen an: in Nürnberg und München, Mannheim und Ludwigshafen, ebenso 
wie in Danzig, Kiel, Breslau, in Hamburg, wie in Magdeburg, Halle, Gotha, in 
Dortmund und Bodhum, in Brandenburg, — um bloß die größten Streikzentren 
zu nennen. * 

Nur einen kurzen Demonstrationsstreik von drei Tagen hatte man erwartet, 
doch der Hochmut der Regierung, die es ablehnte, mit streikenden Arbeitern zu 
verhandeln, — die einzige Regierung in ganz Europa, die noch den traurigen* Mut 
zu solcher Sklavenhalter-Politik findet, — fachte die Erbitterung der Berliner Ar- 
beiter zu solch lichterlohen Flammen an, daß sie in stets wachsenden Massen über 
eine ganze Woche lang im Ausstand verharrten. v 

Er bedeutet eine der staunenswertesten und erhebensten Leistungen des deut- 
schen Proletariats, vielleicht ihre größte in der bisherigen Parteigeschichte, wenn 
man die Schwierigkeiten erwägt, unter denen er vor sich ging, hinter denen die des 
Sozialistengesetzes verblassen. Die erste Probe mit dem Massenstreik war abzu- 
legen unter dem Schrecken des Kriegszustandes, bei völliger Unterbindung des 
Vereins- und Versammlungsrechts. Der energischste Teil der Anhänger der Un- 
abhängigen Sozialdemokratie entbehrte in den größten Streikzentren schon seit 
langem jeder eignen Presse. Dabei geht seit Kriegsbeginn durch das deutsche 
Proletariat ein tiefer Riß, der sich bis zur völligen organisatorischen Spaltung 
steigerte. Ein Teil der Sozialisten hegt zur Kriegspolitik des herrschenden Kurses 
vollstes Vertrauen, so daß sie ihn eifrigst unterstützen, während die andern seine« 

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Eroberungsabsichten tiefstes Mißtrauen entgegenbrachten, seine entschiedenste Be- 
kämpfung für ihre unerläßliche Pflicht hielten. 

Zu alledem wurde die Kraft der Streikenden noch beeinträchtigt durch die 
Feindseligkeiten der Gewerkschaften — durch die ofiene Feindseligkeit der Hirsch- 
Dunckerschen und der Christlichen und die noch gefahrlichere, hinter der Maske 
politischer Neutralität versteckte Feindseligkeit der leitenden Bureaukratk der freien 
Gewerkschaften. 

Daß trotz all dieser lähmenden Einflüsse die Bewegung einen so machtvollen 
und begeisterten Charakter annahm und zeitweise die verschiedenen Ströme der 
proletarischen Bewegung in ein gemeinsames Bett drängen, auch die weniger ent- 
schlossenen und mehr zurückhaltenden Elemente mit sich fortreißen konnte, bezeugt 
sinnfällig, welche tiefe Erbitterung sich des. arbeitenden Volkes bemächtigt hat 

Erbitterung darüber, daß immer wieder durch neue Eroberungspläne der Aus- 
weg aus der blutigen Sackgasse endlosen Mordens, verrammelt wurde. 

Erbitterung darüber, daß in diesen entscheidenden Tagen das. deutsche Volk 
völlig geknebelt und auf den Standpunkt der Untertanen des Absolutismus herab- 
gedrückt ist, die stumm zu gehorchen und zu bluten haben. 

Erbitterung darüber, daß der deutsche Reichstag gerade jetzt auf seine Taf jung 
verzichtet und damit das deutsche Volk verrät und seine eigne Selbstentmannung 
vollzieht. 

Endlich Erbitterung über die barbarische Bestrafung derjenigen, die uner- 
schrocken dem Ausdruck gaben, was jeder sozialistische Kämpfer aufs tiefste 
empfindet. 

Was ehedem Rußland war, ist heute Deutschland geworden, — der reaktionärste 
Staat der kapitalistischen Welt. Und wie im zaristischen Rußland der Massen- 
streik das einzigste Mittel der arbeitenden Massen gewesen war, sich im Staate 
geltend zu machen, so ist es heute in Deutschland geworden. 

Daher seine Wucht, die in den Verhältnissen wurzelt, nicht in dem Wollen und 
Wünschen einzelner Personen. Darum bildet er ein warnendes Menetekel für die 
Regierung. Sie hat jetzt zu zeigen, ob sie es versteht, die Zeichen der Zeit zu 
deuten, oder ob sie zu jenen gehört, die die Götter mit Blindheit geschlagen, weil 
sie dem Verderben nicht entrinnen sollen. 

Doch hegen wir keine Illusionen. Sie hat bereits gezeigt, daß sie mit Blindheit 
geschlagen ist, sie hat bereits die Bahn verschärfter Unterdrückung betreten. 

Die deutsche Regierung krönt das Ende des Weltkrieges durch eine Kriegs- 
erklärung an das arbeitende Volk Deutschlands, dessen Unbesiegbarkeit sie in aller 
Welt so oft verkündigt hat. 

•Sie verbot den Delegierten der Arbeiter jede Zusammenkunft. Sie löste die 
Streikleitung auf. Sie ließ, als versucht wurde, auf öffentlichen Plätzen eine Ver- 
ständigung zu erzielen, ihre Polizisten und Gendarmen mit Säbelhieben und Re- 
volverschjissen die Unbewaffneten angreifen. Tote und Verwundete blieben auf den 
Plätzen. Jede Verhandlung mit den Arbeitern selbst wurde von der Regierung 
abgelehnt. Den Straßenmetzeleien vom 31. Januar hat sie am 1. Februar die Ver- 
hängung des verschärften Belagerungszustandes folgen lassen. 

Die außerordentlichen Kriegsgerichte wüten. Viele brave Proletarier haben 
drakonische Strafen erhalten. Ihr Führer Dittmann wurde zu fünf Jahren Festung 

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verurteilt. Der Vertreter der Anklage hatte sogar sechs Jahre Zuchthaus beantragt! 
Dieses politische Schreckensurteil muß die Massen mächtig aufpeitschen. 

Deutsche Proletarier, ihr .werdet beweisen müssen, daß ihr am unbesiegbarsten 
dann seid, wenn ihr für eurs eigne Sache kämpft, die gleichzeitig die Sache der 
ganzen Menschheit ist. 

Wenn ihr heute den Streik abgebrochen habt, ist das keine 
Beendigung des Kampfes. Schon rüstet ihr zu neuen 
KämpfenundzumSieg. 

Im März 1918 entfaltete sich bereits wieder eine lebhafte Agitation für 
Hervorruf ung eines Streiks. Anlaß gab die für den 16. April in Aus- 
sicht gestellte abermalige Herabsetzung der Brotration. Ein Flugblatt 
aus diesen Tagen, das zum Protest „gegen die Volksaushungerung" auf- 
ruft, wollen wir hier wörtlich anführen : 

Auf zum Protest gegen die Volttsaushungerung ! 

i Arbeiter! Genossen! 

Vom 16. April ab soll die Brotration für das bereits hungernde ausgemergelte 
Volk mehr als um ein Viertel gekürzt werden. Während unsere Söhne und Brüder 
in den Schützengräben und auf den Schlachtfeldern gemordet und zu Krüppeln 
geschossen werden, soll das arbeitende Volk am Hungertuche nagen, bis es seine 
Arbeitskraft vollends eingebüßt hat und an Erschöpfung elend zugrunde geht. 

So erheischt es das Interesse der Kapitalisten- und Junkerklasse, das gebietet das 
Interesse des Klüngels, der den Krieg angezettelt und das Unheil über das deutsche 
Volk heraufbeschworen hat. 

Arbeiter! Unsere Brüder, die russischen Proletarier, waren vor vier 
Wochen noch in derselben Lage. Wir wissen aber, was in Rußland eingetreten ist. 
Das arbeitende Volk hat sich dort erhoben und nicht allein die Regelung der Lebens- 
mittelfrage erzwungen. Es hat sich zugleich — was unendlich wichtiger — Frei- 
heiten erobert, von denen der deutsche Arbeiter noch nicht zu träumen wagt. 

Die russischen Arbeiter haben den Zarismus und die demokratische 
Republik gestürzt und haben die Einsetzung einer Volks- 
regierung erkämpf t ! 

Und wir? 
Sollen wir auch weiterhin das alte Elend, die Auswucherung, den Hunger und 
den Völkermord — die Ursache all unser Qual und Pein — geduldig ertragen?! 
Nein! Tausendmal nein! 
Verlaßt die Wer kstätten und Fabriken ! 
Laßt die Arbeit ruhen! 
Mann der Arbeit, aufgewacht! 
Und erkenne deine Macht! 
Alle Räder stehen still, 
Wenn dein starker Arm es will. 
•Nieder mit dem Krieg! Nieder mit der Regierung! 
Friede! Freiheit! Brot! 



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Eine Antwort auf die Ablehnung der Wahlreformvorlage durch den 
preußischen Landtag, auf die Kürzung der Brotration und auf die Er- 
höhung der Steuern waren folgende beiden, von Ende April bis Juni 
massenhaft verbreiteten Flugblätter: 

Weniger Brot, Keine Rechte, neue Steuern ! 

Die Komödie im preußischen Landtag hat das Ende genommen, das zu er- 
warten war: 

Die Wahlreiorm ist abgelehnt! 
Sogar die Regierungsvorlage, dieses schamlose Zerrbild eines gleichen Wahl- 
rechts, ist von den Jimkern mit einem Fußtritt auf die Seite geschoben worden. 

Die Arbeiter sind gut genug, um sich als Kanonenfutter hinmorden zu lassen 
oder in den Munitionsfabriken zu rackern. Die Arbeiterfrauen sind gut genug, um 
mit ihren Kindern „fürs Vaterland", d. h. für die Taschen der Kriegslieferanten 
zu hungern. Aber gleiche Rechte? Darüber haben ehe Kapitalisten und Junker nur 
ein Hohngelächter. 

Das ist der Lohn des deutschen Proletariats, des deutschen Soldaten für seinen 
Kadawergehorsam. Diese Fußtritte der herrschenden Klasse hat er sich reichlich 
\ erdient durch seine Schergendienste gegen die Revolution in Rußland, in der 
Ukraine, in Finnland, in Polen, in den Baltenländern. Der Peitschenknall der Re- 
aktion in Preußen-Deutschland ist der Judaslohn des deutschen Arbeiters dafür, daß 
er die revolutionären Proletarier im russischen Reich und seinen Randländern er- 
drosseln half. Indem die deutschen Soldaten in andere Länder Knechtschaft und 
Ruin tragen, errichten sie für sich selbst in Deutschland ein Joch der Reaktion. 
Indem sie andere Völker in Ketten schlagen, schmieden sie eine Kette für den 
eigenen Hals. Mit jedem neuen „Siege" draußen befestigen sie die Macht der 
Junker und Kapitalisten daheim, und diese schwingen nun ihre neunschwänzige 
Katze der Unterdrückung und Ausbeutung über die deutschen Volksmassen. 

Und die Regierung? 

Sie steckt mit den Volksfeinden unter einer Decke. Sie ist ja nur ihr Geschäfts- 
führer. Sie denkt nicht daran, mit der Wahlreform Ernst zu machen. Sie hat 
ganz andere Gaben für das arbeitende Volk: 

die gekürzte Brotration, 
das ist, was sie uns statt der Volksrechte £ibt! 

Schon bis jetzt mußten sich Arbeiterfamilien, Proletarierkinder mühsam, durch- 
hungern, jetzt sollen sie vollends am Hungertuche nagen. 

Und dazu die 

3 Milliarden indirekte Steuern, 
die in der Hauptsache auf das arbeitende Volk abgewälzt werden! Während 
Junker und Kapitalisten dank dem Kriege Milliardengeschäfte machen und ihre 
Taschen füllen, sollen die Kosten des Krieges der Masse der Armen und Ärmsten 
aufgebürdet werden! 

Und dazu der Krieg ohne Ende und ohne jede Aussicht auf ein baldiges 
Ende. Der deutsche „Sieg", die militärische Entscheidung, die man dem Volke vor- 
gaukelt, sind eitel Schwindel. In diesem Kriege kann nur ein§ erreicht werden: ein 

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völliges Verbluten auf allen Seiten, ein Zusammenbruch, Ruin, Welthunger, Unter- 
gang aller Kultur. Etwas anderes ist nicht zu erwarten, und Jahr um Jahr vergeht 
im Gemetzel. Frühlingsoffensive folgt auf Frühlingsoffensive, Winterfeldzug auf 
Winterfeldzug. Millionen auf Millionen fallen blühende Menschenleben, Leichen- 
hügel wachsen zu Bergen an. In der Heimat immer ärgerer Hunger und Be- 
<irückung der Volksmassen. Und all das wozu? Um einer Handvoll Junker und 
Kapitalisten die Taschen zu füllen und für deutsche Fürsten und Fürstlein in unter- 
jochten Ländern neue Throne zu errichten! 

Deutsche Arbeiter! Wollt ihr diese Schmach, diesen Wahnsinn ohne Ende hin- 
gehen lassen? Rafft euch auf zum Kampf! Es liegt doch einzig und allein an der 
großen Volksmasse, dem Gemetzel ein Ende zu machen — in Deutschland, wie 
auch drüben in Frankreich, in England, wie in Italien. 

Heraus zum Massenkampf um Frieden und Freiheit! Mag es auch Zuchthaus- 
strafen regnen. Besser im Zuchthaus um Freiheit und Sozialismus achmachten, als 
draußen Schergendiensie als Mordknecht zu leisten. Man mag uns, wenn wir für 
den Frieden demonstrieren, mit blauen Bohnen traktieren. Lieber im Kampf um 
Befreiung der Menschheit fallen, als im niederträchtigen Gemetzel im Dienste des 
Imperialismus. Wir haben nichts mehr zu verlieren. 

Arbeiter, Proletarierinnen !* Genug des Kadawergehorsams und der Dienste als 
Gendarmen der Knechtschaft. Jetzt gut es den französischen, englischen, italienischen 
Arbeitern mit dem Beispiel des revolutionären Klassenkampfes voranzugehen, sie 
durch unser Vorgehen mitzureißen, gemeinsam mit ihnen der blutigen Orgie des 
Krieges ein Ende zu machen. 

Unsere Antwort auf die Verhöhnung der preußischen Wahlreform, auf die 
gekürzte Brotration, auf die erhöhten Milliardensteuern, auf die deutsche Schreckens- 
herrschaft in der Ukraine muß sein: 

Massenkampf um den Frieden! 

Unser Ruf ist: 

Es lebe der internationale Sozialismus, die Völkerverbrüderung, die Völkerbefreiung! 
Nieder mit dem Kriege! 
Nieder mit der Reaktion! 

Preußen in der Welt voran! 

Arbeiterinnen ! Arbeiter! 
Für Ströme vergossenen Blutes, für unsägliches Elend und Opfer im Kriege, 
für ungeheure Lasten, die das deutsche Volk nach dem Kriege wird tragen müssen, 
bekam es eine „königliche" Belohnung — die preußische Wahlrechtsvorlage. Die 
bleiche Angst der Machthaber vor der Revolution und die Hoffnung, das er- 
wachende Volk durch das Iied einer „Demokratisierung" wieder einzulullen, haben 
zusammen in der schwarzen Nacht der preußischen Reaktion den Bastard gezeugt, 
um dessen Schicksal gegenwärtig in einer Kommission des Abgeordnetenhauses 
lebhaft gestritten wird. Und gerade jetzt, wo sich immer breitere Schichten des 
Proletariats zum entschlossenen Kampf um Frieden und Freiheit stellen, um die De- 
mokratie in Deutschland durch eigne Kraft zu erringen, ist es ganz besonders an der 

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Zeit, sich ins Gedächtnis zu rufen, welche Freiheit wir als Geschenk aus der Hand 
der jetzigen Machthaber zu gewärtigen haben. 

In Frankreich ist die politische Pressezensur aufgehoben worden. In England 
bekommen alle Männer vom 21. Lebensjahre, Matrosen und Soldaten vom 19. Le- 
bensjahre, Frauen vom 30. Lebensjahre das^ parlamentarische Wahlrecht. In Ruß- 
land herrscht das Proletariat und die größte Freiheit. Aber in Preußen, in dem 
herrlichen Preußen haben wir — eben die Wahlrechtsvoriage! Die Regierungs- 
sozialisten können stolz sein. Ihre schweifwedelnde Politik trägt Früchte, Sie ernten, 
was sie verdient haben: reaktionäre Fußtritte. 

Unter der Maske des „gleichen Wahlrechts" bringt die „Reform" erstens: ein 
Ausnahmegesetz gegen die Arbeiterklasse Preußens durch die politische Entrech- 
tung des .fluktuierenden Elements", das heißt, all jener proletarischen Existenzen, 
die in der Jagd nach Arbeit und Brot gezwungen sind, im Lande hin und her zu 
wandern; 

zweitens: ein besonderes Ausnahmegesetz gegen die Berliner Arbeiterschaft, 
die schon beim Umzug aus einem Bezirk in den andern für ein Jahr ihr Wahl- 
recht verlieren soll; 

dritten^ : ein spezielles Ausnahmegesetz gegen das Industrie-Proletariat durch 
Beibehaltung der infamen alten Wahlkreiseinteilung wie durch teilweise Einführungen 
der Proportionalwahlen ausschließlich zugunsten der reaktionären Parteien; 

viertens: politische Entrechtung der ganzen männlichen Jugend vom 20. bis 
30. Lebensjahre, die gerade jetzt auf allen Schlachtfeldern „für das Vaterland" ver- 
blutet; 

fünftens: völlige Entrechtung der Frauen, die nur zum Schanzen in den Muni- 
tionsfabriken gut sind, nur zu schwersten und gefährlichsten Arbeiten in der Me- 
tallindustrie, die auf den Kutschbock des Lastfuhrwerkes, an den Motor der 
Straßenbahn, in die Polonaisen vor allen Lebensmittelläden und Kohlenkellern, die 
überall taugen, wo es zu schuften, zu hungern, zu dulden, Haut und Knochen zu 
riskieren gilt, — aber ja nicht, wo es politische Rechte gibt! 

sechstens: eine Machtstärkung des Junkertums, dem in dem „renovierten" und 
mit erweiterten Rechten ausgestatteten Herrenhaus ein neues Bollwerk geschaffen 
wird; 

siebentens: eine Stärkung des preußischen Halbabsolutismus durch die Zu- 
sicherung des Rechts an die Krone, nötigenfalls auch ohne parlamentarische Bud- 
getbewilligung, nach dem famosen Vorbild des österreichischen § 14, selbstherrlich 
wirtschaften zu können. 

Und dieses schamlose Machwerk der krassesten Reaktion wird dem deutschen 
Volke präsentiert: 

70 Jahre nach den Barrikadenkämpfen der Märzrevolution, wo für das all- 
gemeine gleiche Wahlrecht Blut geflossen ist; 

nach dreimaligen kaiserlichen Versprechungen und Botschaften; 

nach zahllosen Redeschlachten im Landtag, nach den Massendemonstrationen 
im Jahre 1906 und 1911; 

im Angesicht des revolutionären Rußlands, das im Sturme zum freiesten Staate 
der Welt geworden ist, und 

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nach allen Kriegsopfern unseres „heldenmütigen Volkes" „für das Vater- 
land!" 

Zwei Millionen Gefallene, sechs Millionen Krüppel, über hundert Milliarden 
an Hab und Gut, ungezählte Millionen darbender Frauen, in Hungersnot ver- 
kommener Kinder, — all das „belohnt" — durch ein Übermaß frechster reak- 
tionärster Provokation! Aber dieser schnöde Hohn ist von dem deutschen Prole- 
tarier verdient, vollauf verdient, durch seine lammfromme Geduld und seinen Ka- 
dawergehorsam während des Krieges. 

Wäre die eingebrachte Reformvorlage, pas sie nicht ist: wäre sie wirklich frei- 
heitlich und demokratisch, würde sie allen Männern und Frauen vom 21. Lebens- 
jahr das allgemeine Wahlrecht ohne alle reaktionären Zutaten, und eine gerechte 
Wahlkreiseinteilung bringen, — was würde sie unter den heutigen Umständen, das 
heißt, als parlamentarische Form, als Geschenk der Regierung und deren bürger- 
lichen Parteien, unter dem Belagerungszustand und der Militärdiktatur bedeuten? 
Eine hohle Nuß! Nur hirnlose parlamentarische Schwätzer und gesinnungslose 
Demagogen von der Scheidemannclique, können dem Volk einreden, daß parla- 
mentarische Reformen der sicherste und einzigste Weg zum gelobten Land der poli- 
tischen Freiheit sei, wo Milch und Honig der „Sozialisierung" fließen* Auch die 
schönsten demokratischen Freiheiten des bürgerlichen Staates können an sich ein ge- 
schmeidiges Werkzeug der brutalsten Klassenherrschaft des Kapitals sein. Das be- 
weisen am besten die Vereinigten Staaten Nordamerikas. Nur als Frucht 
eines revolutionären Machtkampfes gegen dieherr sehen- 
den Klassen, nur auf des Schwertes Spitze empfahn, haben 
sie reale Bedeutung, weil sie dann von der Arbeiterklasse 
mit revolutionärem Inhalt gefüllt und nur als Etappe im 
Kampfeumgänzliche Abschaffungder kapitalistischen Aus- 
beutung ausgenutzt werden, wie heute das Beis>piel Ruß- 
lands zeigt. 

Die deutsche Sozialdemokratie- hat es nie gewagt, den Kampf um das Wahl- 
recht zu einem wirklichen, ernsten, revolutionären Massenkampf zu gestalten,, alle 
Machtmittel des Proletariats zu gebrauchen. Sie hat immer die Massen nach den 
ersten schwächlichen Anläufen zurückgepfiffen. Sie hat immer auf einen Schritt 
vorwärts zwei rückwärts gemacht. 

So dürfen heute die vereinigten Reaktionäre dem deutschen Proletariat unge- 
scheut auf der Nase tanzen und es vor aller Welt verhöhnen. 

Was die weiteren Schicksale des Machwerks — die Kommisionsberatungen, 
Verschleppungstricks, Kuhhandel im preußischen Landtag — bringen werden, weiß 
heute kein Mensch. Die Regierungsvorlage wird ja noch von den konservativen 
Junkern und Scharfmachern als ein tollkühner Umsturz wütend bekämpft. Und 
den Konservativen stehen mit halbem Mund und ganzem Herzen die Zentrumsleute 
und die Nationalliberalen bei, dieselben Parteien, mit denen Arm in Arm die 
Scheidemänner im Reichstag ihr Jahrhundert in die Schranken rufen wollen! . . . 

Aber schon diese Vorlage in ihrer gegenwärtigen Gestalt und der Verlauf der 
ersten Lesung im Abgeordnetenhause sind eine Lehre, die dem deutschen Prole- 
tariat wie Posaunenschall in die Ohren gellen müßte: Laßt alle Hoffnung 
fahren! Die Reaktion steht heute in Preußen-Deutschland fester denn je. Jeder 

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weitere Tag des Weltkrieges und der ungestörten Herrschaft der Militärdiktatur 
stärkt nur ihre Macht noch mehr. Da gibts nichts zu reformieren und nichts 
daran herumzuflicken. Entweder bleibt Preußen-Deutschland so wie es ist: ein 
unvergleichliches Juwel der junkerisch-scharhnacherisch-polizeilich-bureaukratisch- 
militärisch-halbabsolutistischen Reaktion, — oder der ganze Plunder muß in Stücke 
gehen, samt dem preußischen Partikularismus, der Monarchie und Säbelherrschaft. 

Nur ein revolutionärer Massenkampf auf der ganzen Linie um eine einige 
deutsche Republik kann die Frage des preußischen Wahlrechts lösen. Heute wie 
vor 70 Jahren liegt klar vor aller Augen, was Marx wie Lassalle dem deutschen 
Proletariat zugerufen und was die Barrikadenkämpfer im Jahre 1848 mit ihrem 
Blut besiegelt haben: die Frage des Fortschritts in Preußen ist nur ein untrenn- 
barer Teil der allgemeinen Frage der politischen Entwicklung Deutschlands. Und 
für beide gibt es heute wie damals % nur eine Lösung: den Hammerschlag der 
Massenrevolution unter dem Rufe: 

Eine einige deutsche Republik! 

Der imperialistische Krieg hat die preußische Wahlreform geboren. Der pro- 
letarische Frieden, geschlossen von der deutschen Arbeiterdemokratie, wird sie be- 
graben mitsamt der ganzen preußischen Reaktion. 

Nun machte die revolutionäre Agitation auch unter den Front- 
soldaten immer größere Fortschritte. Im Juli 1918 e rschien ein in fieber- 
hafter propagandistischer Tätigkeit überall im Inland und an der Front 
zu vielen Tausenden verbreitetes Flugblatt „Kameraden erwacht", dessen 
Einfluß auf das deutsche Heer, deutlich in desorganisierenden Tenden- 
zen, im Nachlassen der Disziplin und Kampf energie sichtbar wurde, um 
so mehr, als gleichzeitig große amerikanische Truppenteile an der West- 
front in Aktion traten. Das Flugblatt lautet: 

Kameraden erwacht! ' 

Vier Jahre wütet nun schon* das grauenhafte Menscheümorden. Alle Kultur, 
alles Leben erstickt in den furchtbaren Flutwellen sinnlos vergossenen Blutes. Die 
Riesengebirge des Himalayagebirges könnten fast in dem entsetzlichen "telutmeer 
versinken. Und noch immer will der Blutrausch nicht verfliegen! Blutrot der Hori- 
zont: es ist, als sieht man die Welt „durch Höhrauch oder durch farbig Glas!" — 

Die Erde scheint nichts weiter als ein riesengroßer Mordplatz! 

Und warum werden täglich zehntausende unserer Brüder, Väter, Söhne und 
Freunde verstümmelt, zerfetzt,' gemordet? Nun, ihr wißt es alle: Alle Schuld an, 
dem rasenden Völkermorden trägt das System der kapitalistischen Ausbeutung der 
Massen durch eine Minderheit von Kapitalsbeherrschern. Es ist die Macht- und 
Geldgier kapitalistischer Herrenmenschen, deren schamlose Gewinnsucht unersätt- 
lich ist, 

Und während die Kapitalisten und Großagrarier das leidende Volk aus- 
wuchern, alle Lebens- und Bedarfsartikel in unerhörter Weise verteuern, halten sich 
die Offiziere in ihrer besonderen Weise schadlos. Gute, reichliche Verpflegung, 
elegante Wohnung, Bekleidung und Beschuhung, dazu hohe Gehälter und Neben- 

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bezüge und Vorrechte aller Art fordern und sichern sie für sich, als wäre es eine 
Selbstverständlichkeit. Daß dabei wir „gemeinen" Soldaten und Unteroffiziere er- 
bärmlich gelöhnt, jammervoll verpflegt und bekleidet werden, meist in elenden 
Quartieren hausen, das finden die „Herren Kameraden" ganz in der Ordnung. 
Denn — „wir sind ein einig Volk von Brüdern". 

Kameraden, ist es Lüge oder Wahrheit, das Wort: 

„Gleiche Löhnung, gleiches Essen 
Und der Krieg war' längst vergessen !"? 

Als der Krieg ausbrach, behauptete die Regierung, es sei ein Verteidigungs- 
krieg. Der Kaiser selbst erklärte feierlich vor aller Welt: „Uns treibt nicht Er- 
oberungssucht". 

Kameraden, was sehen wir jetzt? Man mißbraucht uns zu den wildesten Er- 
oberungspläneh. Blicken wir nach Osten!, Rußland hat der Welt vertrauensvoll 
den Frieden angeboten und forderte in seinem schönen, offenen Friedensprogramm 
das freie Selbstbestimmungsrecht der Völker und Ausschluß von Eroberungen und 
Entschädigungen. 

Was aber tat die deutsche Regierung? Mit niederträchtiger Scheinheiligkeit 
ging sie anfangs auf die russischen Vorschläge ein, um hinterher die unerhörtesten 
Bedingungen zu stellen und von der Regierung des sozialistischen Rußlands ge- 
waltige Gebietsabtretungen zu erpressen. 

Wir sehen weiter, wie seit Monaten die deutsche Heeresleitung das revolu- 
tionäre freie Rußland zu erdrosseln versucht. Livland, Esthland, Finnland, die 
Ukraine werden planmäßig unter die Gewalt preußisch-deutscher Bajonette und 
Maschinengewehre gestellt, und die Grenzen werden täglich weiter nach Zentral- 
rußland hinein verschoben. Alle Freiheiten, die die russische Revolution den Län- 
dern brachte, hat man zerfetzt, zerrissen. Die Gründe des Vorgehens gegenüber 
Rußland? Kameraden, darüber müssen wir uns im klaren sein. Unsere Macht- 
haber wollen kein starkes, freies, sozialistisches Rußland aufkommen lassen. Sie 
fürchten, daß neben einem innerlich und äußerlich freien, entwicklungskräftigen Ruß- 
land das preußische Junkerregiment, das bureaukratisch-kapitalistische Regierungs- 
system auf die Dauer dem deutschen Volke unerträglich werden wird. Es ist die 
Furcht, die schlotternde t Angst vor der Revolution des deutschen Volkes, was unsere 
Machthaber treibt, die russische Freiheit zu fesseln und wenn möglich zu er- 
schlagen. 

Was aber bei aller Gewaltanwendung nicht erreicht wird, das sucht man 
durch verzerrte und lügnerische Meldungen über die inneren Zustände Rußlands 
zu erzielen. Indem man die Revolutionstruppen, $e roten Garden, ajs Räuber- 
und Mörderbanden hinstellt, will man die russischen Revolutionäre bei uns in 
Mißkredit und um jede Achtung und Sympathie bringen. 

Kameraden! Laßt euch darum nicht wie Kinder, die man mit dem schwarzen 
Bock schreckt, vor der Revolution graulich machen! 

Aber eine weitere Frage erhebt sich: „Sollen wir weiter die Henker und 
Bluthunde der Revolution sein? Wollen wir die unsühnbare Ehrlosigkeit auf uns 
laden, Mörder der russischen Freiheit zu sein?" Kein ehrliebender Mann darf 
solchen Schimpf, solche unauslöschliche Schande auf sich laden. Das freie Rußland 
ist die Hoffnung der in Sklavenketten gebannten Welt 

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Doch nicht nur um die russische Sache handelt es sich. Auch um unsere 
eigene Sache geht der Kampf. 

Der preußische Landtag ( in seiner heutigen Zusammensetzung will dem Volke 
kein gleiches, allgemeines Wahlrecht geben! Fünfmal hat er es abgelehnt. Und 
die Regierung? Was tut sie? Nichts! 

Krähen hacken einander die Augen nicht "aus! — 

Aushungerung und schmähliche Bewucherung des Volkes stehen in vollster 
Blüte! Das freie Wahlrecht wird offen, gemeuchelt! Zivildienstpflicht und Militär- 
dienstpflicht schaffen Verhältnisse, die mit Gefängnis und Zuchthaus auf einer 
Stufe stehen! Durch die Zeitungen, die unter den Zensurbefehlen der Generale 
erscheinen, werden wir belogen und betrogen. Jedes freie Wort ist geächtet und 
verboten! • 

Das, Kameraden, ist die preußisch-deutsche Freiheit, für die zu .kämpfen wir 
gezwungen werden! Wollen wir uns weiter zu solchem würdelosen Kampf her- 
geben? Nein, tausendmal nein! 

Um ein schöneres, höheres und edleres Ziel soll unser Kampf gehen! Das 
heilige Ziel unseres Kampfes soll sein: Eine freie und glückliche 
deutsche Republik! — Kameraden, werbt zum baldigen Endkampf um 
dieses hohe herrliche Ziel, in dem das Glück der Welt verankert liegt! 

Kameraden, aufgewacht und erkennet eure Macht! 

Das Bewußtsein, daß die deutsche Revolution nahe bevorsteht und 
die Erkenntnis, daß die Erhebung des deutschen Proletariats allein die 
russische Revolution und damit die proletarische Weltrevolution retten 
könne, bricht sich immer mehr Bahn. In den letzten Nummern der Zeit- 
schrift „Spartakus" findet diese Auffassung in zwei Artikeln Ausdruck: 
„Die russische Tragödie" (Nr. 11, September 1918) und „Der Knoten 
der internationalen Lage" (Nr. 12, Oktober 1918). Wir wollen hier von 
beiden Aufsätzen den letzten Teil wiedergeben: 

Die russische Tragödie. 

. . . Die Bolschewiks haben sicher verschiedene Fehler in ihrer Politik begangen 
und begehen sie vielleicht noch jefct — man nenne uns eine Revolution, in der 
keine Fehler begangen worden sind! Die Vorstellung von einer Revolutionspolitik 
ohne Fehler, obendrein in dieser völlig beispiellosen Situation, ist so abgeschmackt, 
daß sie nur eines deutschen Schulmeisters würdig wäre. Wenn die sogenannten 
Führer des deutschen Sozialismus in einer außergewöhnlichen Situation schon 
vor einer einfachen Reichstagsabstimmung die Köpfe verlieren und ihnen schon dort,, 
wo das einfache ABC des Sozialismus den Weg klar vorzeichnet, das Herz in 
die Hosen rutscht und sie den ganzen Sozialismus wie eine schlechtgelernte 
Lektion vergessen — wie will man, daß eine Partei in einer wahrhaft dornen- 
vollen und unerhörten historischen Situation, in der sie der Welt ganz neue 
Bahnen weisen will, keine Fehler begeht? 

Die fatale Lage jedoch, in der sich die Bolschewiks heute befinden, ist mitsamt 
den meisten ihrer Fehler selbst eine Folge der grundsätzlichen Unlösbarkeit des 

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Problems, vor das sie durch das internationale, in erster Linie durch das deutsche 
Proletariat gestellt worden sind. Die proletarische Diktatur und sozialistische Um- 
wälzung in einem einzigen Lande durchzuführen, da£ von starrer imperialistischer 
Reaktionsherrschaft umgeben und vom blutigsten Weltkriege der Geschichte um- 
tobt ist, das ist eine Quadratur des Zirkels. Jede sozialistische Partei müßte 
an dieser Aufgabe scheitern und zugrunde gehen — ob sie den Willen zum Sieg 
. und den Glauben an den internationalen Sozialismus oder aber den Selbstverzicfit 
zum Leitstern ihrer Politik macht. 

Wir möchten jene flaumenweichen Heulmeier, jene Axelrod, Dan, Grigorjanz 
und wie sie alle heißen, sehen, die jetzt mit Schaum am Munde über die Bol- 
schewiks zetern und im Auslande ihr Leid herumklagen, wobei sie — siehe da! 
— eine mitfühlende Brust bei solchen Helden wie Ströbel, Bernstein und Kautzky 
finden, — wir möchten jene Deutschen an der Bolschewiki Stelle sehen! Ihre 
ganze Besserwisserei würde sich natürlich in eine Allianz mit den Miljukows 
im Innern und mit der Entente nach außen erschöpfen, wozu noch im Innern 
bewußter Verzicht auf alle sozialistischen Reformen und auch nur Anläufen zu 
solchen hinzukäme — von wegen der bewußten Eumuchen-Weisheit, daß Rußland 
ein Agrarland und kapitalistisch noch nicht gar gekocht sei. 

Es ist eben die falsche Logik der objektiven Situation:' jede sozialistische 
Partei, die heute in. Rußland zur Macht gelangt, muß eine falsche Taktik befolgen, 
solange sie als ein Teil der internationalen, proletarischen Armee vom Gros dieser 
Armee im Stich gelassen wird. 

Die Schuld an den Fehlern der Bolschewiki trägt in letzter Linie das inter- 
nationale Proletariat und vor allem die beispiellose beharrliche Niedertracht der 
deutschen Sozialdemokratie, einer Partei, die; im Frieden an der Spitze des Welt- 
proletariats zu marschieren vorgab, alle WelJ zu belehren und zu führen sich an- 
maßte, im eigenen Land mindestens zehn Millionen Anhänger beider Geschlechter 
zählt und nun seit yier Jahren wie die feilen Landsknechte des Mittelalters auf 
Geheiß der herrschenden Klassen den Sozialismus vierundzwanzigmal an jedem 
Tag ans Kreuz schlägt. t 

Die Nachrichten, die heute aus Rußland kommen und die Lage der Bolschewiki 
sind ein erschütternder Appell an den letzten Funken Ehrgefühl in den deutschen 
Arbeiter- und Soldatemnassen. Sie haben die russische Revolution kaltblütig in 
Stücke reißen, umzingeln, aushungern lassen. Mögen sie sie wenigstens noch iii 
zwölfter Stunde vor dem Furchtbarsten retten: vor dem moralischen Selbstmord, 
vor der Allianz mit dem deutschen Imperialismus. 

Es gibt nur eine Lösung der Tragödie, in die Rußland verstrickt ist: der 
Aufstand im Rücken des deutschen Imperialismus, die deutsche Massenerhebung, 
als Signal zur internationalen revolutionären Beendigung des Völkermordes. Die 
Rettung der Ehre der russischen Revolution ist in dieser Schicksalsstunde identisch 
mit der Ehrenrettung des deutschen Proletariats und des internationalen Sozialismus. 

Der Knoten der internationalen Lage. 

. . . Die internationale Lage hat sich allenthalben so zugespitzt, daß der Schlüssel 
zu ihrer Lösung, der Ansatzpunkt, gerade in Deutschland liegt. Der Ausbruch 

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der Revolution in Deutschland würde nicht eine siegreiche Invasion des feind- 
lichen Imperialismus zur Folge haben, sondern der Ausbruch derselben Revolution 
in dessen Rücken: in Frankreich, Italien, England. 

Gerade weil Deutschland bisher der Schinder und Bezwinger der Nationen 
war, gerade weil die deutsche Arbeiterschaft ein halbes Jahrhundert lang die 
geistige Führerin des Weltproletariats war, um dann plötzlich zum Werkzeug 
des völkerknechtenden Imperialismus zu werden, deshalb muß ihre endliche ent- 
schlossene Erhebung den heftigsten Ruck in der gesamten Lage und die tiefste 
moralische Wirkung hervorbringen. 

Nach dem, was wir schon im Laufe des Krieges in Österreich-Ungarn an 
spontanen Massenaktionen erlebt haben, angesichts der jetzigen inneren Krise 
und Gärung in Österreich unterliegt es nicht dem geringsten Zweifel, daß die 
erste Kunde von einer Massenerhebung in Deutschland zum Signal für eine gleiche 
in Österreich-Ungarn werden wird. Die Flamme in Deutschland, Österreich, 
Bulgarien, wahrscheinlich auch Rumänien würde naturgemäß sofort mit der 
russischen Revolution den Kontakt herstellen, und angesichts eines so gewaltigen 
Machtgebietes der proletarischen Revolution v in ganz Mittel- und Ost-Europa 
würden die Westländer sich unmöglich dem allgemeinen Strom der Entwicklung 
entziehen können. 

Eine deutsche Revolution würde somit jetzt unter ganz anderen und unendlich 
günstigeren Bedingungen zu operieren haben als die russische, die allein, isoliert, 
dem noch triumphierenden Imperialismus preisgegeben, sich in seinem Halseisen 
machtlos verbluten müßte. Darum sind alle Hinweise der Nachtwächter vom 
Regierungssozialismus auf das „warnende Exempel" der russischen Revolution 
nichts als die üblichen Flunkereien zur Nasführung der Massen. In Deutschland 
liegt von Anfang, an der Knoten der internationalen Lage; ihn durchhauen kann 
nur das Schwert des deutschen Proletariats. 



Arn 7. Oktober 1918 fand in Gotha die schon erwähnte Reichs- 
konferenz der Spartakusgruppe statt, auf der sie ihren Zusammenschluß 
mit den Linksradikalen vollzog. Ober den Verlauf der Tagung erschien 
ein ausführlicher Bericht nur in der Moskauer „Weltrevolution" Nr. 53 
vom 24. Oktober 1918, die in Deutschland illegal verbreitet wurde. Er 
hat folgenden Wortlaut: 

Reichskonferenz der Spartakusgruppe. 

Wie jetzt bekannt wird, hat am 7. Oktober (1918) eine Konferenz der 
Spartakusgruppe (Gruppe Internationale) stattgefunden. Auf der Konferenz waren 
Vertreter der Spartakusorganisationen aller wichtigen Bezirke und Orte Deutsch- 
lands vertreten, ferner mehrere Ortsgruppen der sogenannten „linksradikalen Be- 
wegung", die bekanntlich der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei nicht 
angehören. Bei der Berichterstattung wurden die Erfahrungen über die Zusammen- 
arbeit mit der Unabhängigen Partei ausgetauscht. Günstige Erfolge sind an keinem 
Orte mit der U.S.P. erzielt worden. 

8 Unterirdische Literatur 113 



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Nur in den Orten, wo sich die Organisationen der U.S.P. in den Händen von 
Spartakusanhängern befinden, sind die Genossen mit dem in Gotha (April 1917) 
vollzogenen Zusammenschluß zufrieden. In allen Orten hat die Gruppe eigene 
Aktionen legaler und illegaler Art unternommen. Die Stellung der Unabhängigen 
zu dem Wilsonschen Friedensprogramm findet die- allerschärfste Kritik der 
Spartakusgruppe, die in dem Wilsonschen Völkerbund nur ein Mittel sieht, die 
aufkeimende Weltrevolution zu ersticken. Ebenso verwirrend wirkt die Agitation 
der Unabhängigen für die Parlamentarisierung, was zu einer Ablenkung von dem 
eigentlichen Ziel der proletarischen Bewegung, nämlich der Herbeiführung der 
Revolution, führt. 

Der Versammlung wurde eine Resolution über die weltpolitische Lage vor- 
gelegt. Diese Resolution lautet: 

I. 

„Der Zusammenbruch des deutschen Imperialismus kennzeichnet den Bankrott 
der deutschen Weltpolitik seit 1890. 

Die deutsche Weltpolitik war der Ausdruck der inneren, ökonomischen und 
politischen Struktur Deutschlands, wie sie sich nach der Niederwerfung der 
deutschen Revolution von 1848 und der Schaffung des deutschen Reiches als 
Bundesstaat der deutschen Fürsten durch preußische Bajonette konsolidiert hatte. 
Die Grundlage der deutschen Reaktion war die Allianz zwischen den Fürsten 
und Junkertum mit dem Finanzkapital, die in den Hochschutzzöllen und der 
Schlagkraft des deutschen Militarismus das Element verbindenden gemeinsamen 
Interesses fand. 

Die Zertrümmerung des deutschen Imperialismus hat die deutsche Verfassung 
und die deutsche Wirtschaftsorganisation aufs tiefste erschüttert und schafft dadurch 
eine revolutionäre Situation, die alle Probleme neu entrollt, die die deutsche 
Bourgeoisie in der Revolution von 1848 nicht zu lösen fähig war. 

II. 

Der Sieg der Entente bedeutet den Sieg des anglo-amerikanischen Welt- 
kapitalismus. Indem Wilson die Völkerbundsidee zum Mittelpunkt seines Friedens- 
programms macfit, verlangt' er die Einordnung des deutschen nationalen Kapitals 
in das weltkapitalistische System der Entente. Der „Völkerbund" ist die Organi- 
sation der Herrschaft der Weltbourgeoisie zum Zweck der „gerechten" Verteilung 
des Weltprofits. 

III. 

In dieser weltpolitischen Situation ist in die Hände des deutschen Proletariats 
die Entscheidung darüber gelegt, ob die proletarische Revolution, die in Ruß- 
land ihren Anfang nahm, durch die Machtentfaltung der Weltbourgeoisie er- 
drosselt werden soll. Seine Stellung kann deshalb nicht zweifelhaft sein: Das 
deutsche Proletariat proklamiert unter Anknüpfung an das revolutionäre Pro- 
gramm der kommunistischen Partei von 1848 die deutsche sozialistische Republik, 
die mit der russischen Sowjetrepublik solidarisch ist, zur Entfesselung des Kampfes 
des Proletariats der Welt gegen die Bourgeoisie der Welt — der proletarischen 
Diktatur gegen den kapitalistischen Völkerbund." 

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Weiter wurde ein Aufruf an die Bevölkerung beschlossen, der folgendermaßen 
tautet: 

„Wir sind in die letzte Periode des Krieges eingetreten. Nach 50 Monaten 
zeigt sich sein Werk so, wie es nach unserer Auffassung sein mußte: auf der 
einen Seite die Masse derjenigen, die diese lange Zeit in den Schützengräben 
vertierten, Leib und Leben, ihr Blut und ihre Gesundheit opferten, um das 
„Vaterland" zu verteidigen, dieweil der Krieg selbst das wenige, was sie vom 
Vaterlande hatten, ihre Familien, ihre wirtschaftliche Existenz vernichtete; auf der 
anderen Seite die Schar derer, die zu Hause in Behaglichkeit sitzen, die Kon- 
junktur des Krieges auszunutzen, um den Proletariern an der Front und deren 
Klassengenossen zu Hause in Kriegslieferungen, mit Lebensmittelwucher das Geld 
aus der Tasche zu stehlen. 

Dieses Resultat des Krieges hat in allen Ländern der Welt, nicht nur die 
objektiven Grundlagen der Revolution verstärkt, sondern den Zeitpunkt des un- 
mittelbaren Beginnens der Revolution herangeführt . 

Für Deutschland kommt ein besonderes hinzu. 

Dieser Krieg, mit der frechsten Lüge der Weltgeschichte — der vom schmäh- 
lichen Überfall — begonnen, stellt endlich nach vierjähriger Häufung von Lüge 
auf Lüge das deutsche Proletariat vor die nackte Tatsache, daß Deutschlands 
Imperialismus politisch und militärisch vernichtend geschlagen ist. 

Das Übermaß dieses Leidens und der schimpfliche Mißbrauch mit der Gut* 
gläubigkeit der Proletarier hat aber in Deutschland bereits über den Zeitpunkt des 
Beginns revolutionärer Kämpfe hinausgeführt. 

Sie haben in der Armee begonnen, massenweise Desertionen, unzählige 
Scharen von Urlaubern, die mit großer Verspätung oder überhaupt nicht an die 
Front zurückkehren, bataülons- und divisionsweises Überlaufen beweisen, daß die 
Soldaten begonnen haben, ihr Joch abzuwerfen, daß die Armee, das wichtigste 
Werkzeug der Reaktion, zerbricht. 

Diese erste Regung der Revolution findet aber schon die Konterrevolution 
auf ihrem Posten. Mit der Einräumung scheinbarer Rechte sucht sie, da die 
Gewaltmittel versagen, die Bewegung einzudämmen. Parlamentarisierung und 
preußisches Wahlrecht sollen das Proletariat geeignet machen, weiter zu dulden 
und so, wenn schon der Raubzug nach außen mißglückt ist, der Bourgeoisie 
die Früchte des Diebstahls am eigenen Volke sichern, und die schwankenden 
Throne Wilhelms IL und der übrigen souveränen Herren Deutschlands stützen. 

In diesem Bestreben haben sie die freundliche Unterstützung jener Sozialisten 
gefunden, deren Geschäft es seit dem 4. August 1914 ist, das Vertrauen, das 
sie aus Friedenszeiten her in den Volksmassen besaßen, der Junker- und Kapita- 
listenbande zur Verfügung zu stellen, damit sie um so , unbesorgter das Volk 
belügen und bestehlen können. Sie, die am 4. August 1914 erklärten, daß sie 
das „Vaterland" — will heißen das Vaterland der Kapitalisten und Junker — 
gegenüber dem äußeren Feinde nicht im Stich lassen, lassen es auch gegenüber dem 
Andrängen der Proletariermassen nicht im Stich. In der Person Scheidemanns 
und Bauers haben sie ihre Agenten in' die Regierung entsandt, um. dort unter 
Führung des Prinzen Max von Baden den Fürsten ihren Thron, und den 
Kapitalisten ihre Kassenschränke zu retten. 



8* 



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Darüber hinaus aber und gemeinsam mit ihren Klassengenossen in den 
„feindlichen" Ländern, die ja in einer ähnlichen Gefahr sich befinden, versuchen 
die deutschen Kapitalisten und Junker ein neues Lügengewebe um das Proletariat 
zu stricken. Sie, die Wilhelm IL, Poincare, Lloyd George, Wilson und alle 
kleineren Götter, die vier Jahre lang ihre Völker abschlachten ließen, verwandeln 
sich auf einmal in die Hohenpriester eines Völkerbundes. Der Sinn der Heuchelei 
ist klar: Geschwächt an Kapital und Kanonenfutter, wie die imperialistischen 
Staaten aus diesem Kriege hervorgehen, sind sie auf eine Reihe von Jahren nicht 
imstande, Kriege zu führen und haben nur eines zu fürchten: Daß der Proletarier 
selbst den Willen zeige, mit eigener Tat die Quelle künftiger Kriege zu verstopfen. 
Um diesen Willen und diese Energie einzuschläfern, erfindet man den „Völker- 
bund", in dem sich in Wirklichkeit nur die Mörder dieses Krieges verbinden und 
der nichts anderes ist, als die heilige Allianz von vor hundert Jahren, in der 
sich gleichfalls die Monarchen verbanden, um den Frieden zu sichern mit dem 
Erfolge, daß das 19. Jahrhundert mit Blut getränkt war, wie keines zuvor." 

In anbetracht dieser Lage überhaupt' und in Deutschland im besonderen er- 
geben sich für das deutsche Proletariat folgende Aufgaben: 

1. Nachdem die Soldaten an der Front unter so viel schwierigen Umständen 
— dem Druck der Kriegsjahre — den revolutionären Kampf begonnen haben, 
ist es Pflicht der Massen zu Hause, den Brüdern an der Front nicht nur nicht 
in den Rücken zu fallen, sondern mit aller Macht den Kampf zu unterstützen 
und aufzunehmen. Es hat dies umsomehr zu geschehen, als es von den parlamen- 
tarischen Vertretern der Arbeiterschaft nach deren Haltung gegenüber dem 
Matrosenstreik im vorigen Jahre und nach deren Haltung in der jetzigen Situation, 
in der sie für Parlamentarismus, Völkerbund und preußisches Wahlrecht schwär- 
men und sich so zu — wenn auch unfreiwilligen — Förderern der Reaktion machen, 
nichts zu erwarten hat. 

Unbekümmert um Gesetze und Verordnungen der kommandierenden Generale, 
muß das Proletariat mit allen Mitteln verlangen: 

1. Unverzügliche Freilassung all derer, die für die Sache des Proletariats in 
den Gefängnissen und Zuchthäusern, sei es in Schutzhaft öder in 
Sfrafhaft schmachten; Befreiung aller Soldaten, die wegen militärischer und 
politischer Verbrechen verurteilt sind. Entlassung aller Soldaten, die aus 
politischen Gründen eingezogen sind öder im Heer zurückgehalten werden; 
Aufhebung aller Beschränkungen, die aus politischen Gründen über Soldaten 
verhängt wurden. . 

2. Die sofortige Aufhebung des Belagerungszustandes. 

3. Sofortige Aufhebung des Hilfsdienstgesetzes. 
Darüber hinaus hat das Proletariat zu fordern: 

N 1. Annullierung sämtlicher Kriegsanleihen ohne jede Entschädigung. 

2. Enteignung des gesamten Bankkapitals, der Bergwerke und Hütten, wesent- 
liche Verkürzung der Arbeitszeit^ Festsetzung von Mindestlöhnen. 

3. Enteignung alles Groß- und Mittelgrundbesitzes, Übergabe der Leitung der 
Produktion an Delegierte der Landarbeiter und Kleinbauern. 

4. Durchgreifende Umgestaltung des Heerwesens, nämlich: 

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a) Verleihung des Vereins- und Versammlungsrechtes an die Soldaten in 
dienstlichen und außerdienstlichen Angelegenheiten. 

b) Aufhebung des Disziplinarstrafrechtes der Vorgesetzten; die Disziplin 
wird durch Soldatendelegierte aufrecht erhalten. 

c) Aufhebung der Kriegsgerichte. 

d) Entfernung von Vorgesetzten auf Mehrheitsbeschluß der ihnen Unter- 
gebenen hin. 

5. Abschaffung der Todes- und Zuchthausstrafe für politische und militärische 
Vergehen. 

6. Obergabe der Lebensmittelverteilung an Vertrauensleute der Arbeiter. 

7. Abschaffung der Einzelstaaten und Dynastien. 

Proletarier, die Erreichung dieser Ziele bedeutet noch nicht die Erreichung 
eures Zieles, sie sind der Prüfstein dafür, ob die Demokratisierung, die die 
herrschenden Klassen und deren Agenten euch vorflunkern, echt ist. Der Kampf 
um die wirkliche Demokratisierung geht nicht um Parlament, Wahlrecht oder 
Abgeordnetenminister und anderen Schwindel; er, gilt den realen Grundlagen aller 
Feinde des Volkes: Besitz an Grund und' Boden und Kapital, Herrschaft über 
die bewaffnete Macht und über die Justiz. 

Das alte Gebäude der Kapitalistenherrschaft ist morsch geworden. 
Proletarier! Nach 50 Monaten des Leidens ist jetzt eure Stunde gekommen. 
Zeigt euch ihrer würdig. Seht auf eure Brüder in Rußland! Seht auf eure 
Brüder an der Front! 

Den Frieden und mit ihm das Brot, das euch die Besitzenden nicht geben 
können, müßt ihr selbst jetzt holen; für euch, für eure Kinder, für eure Brüder 
auf der ganzen Welt! 

Es lebe die soziale Revolution! 
Es lebe der Frieden der Völker! 
Nieder die Regierung! 
Tod dem Kapitalismus! 

Die Gruppe Internationale 

(Spartakus-Gruppe). 
Die Linksradikalen Deutschlands. 
Schließlich wurde beschlossen, die Bildung von Arbeiter- und Soldatenräten 
sofort in allen Orten in Angriff zu nehmen, soweit solche Räte bisher nicht in 
Funktion getreten sind. 

Die Frage der Militäragitation bildete einen besonderen Gegenstand der 
Tagesordnung. Entsprechende Beschlüsse zur Förderung dieser Agitation wurden 
gefaßt. 

Nach einem Referat über die Situation in der Jugendbewegung wurde die 
Form der Zusammenarbeit zwischen den Jugendlichen und Erwachsenen näher 
vereinbart. 

In der Diskussion über die internationale Lage wurde der Tatsache Aus- 
druck gegeben, daß die Bewegung in Deutschland eine wesentliche moralische 
Unterstützung durch die russische Revolution gefunden hat. Es wurde beschlossen, 
den Genossen in Rußland den Ausdruck des Dankes, der Solidarität und brüder- 

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liehen Sympathie zu übermitteln mit dem Versprechen, diese Solidarität nicht 
durch Worte, sondern durch Aktionen, entsprechend dem russischen Vorbild zu 
betätigen. 

Nadi einer Solidaritätserklärung für die immer noch in Haft befindlichen 
Genossen und Genossinnen, insbesondere Liebknecht und Luxemburg, wurde die 
Konferenz geschlossen. 

Im Laufe des Oktober 1918 stand die Unabwendbarkeit des nahe bevor- 
stehenden Zusammenbruchs und der Erhebung des revolutionären Prole- 
tariats bereits allen klar vor Augen. Ein Flugblatt „Der Anfang vom 
Ende", das zu dieser Zeit massenhaft verbreitet wurde, legt davon 
Zeugnis ab. Es heißt: 

Der Anfang vom Ende. 

Der Anfang vom Ende ist da. — Der deutsche Militärstaat wankt. Die 
.Machtkoalition, die der deutsche Militärstaat aufgebaut hat und der er seine 
Siege in den ersten vier Kriegsjahren verdankt, bricht zusammen. Bulgarien hat 
den Sonderfrieden angeboten. Die Türkei und Österreich werden folgen. Was 
dann? Für die deutsche Arbeiterklasse ist das Problem klar und eindeutig vor- 
gezeichnet. Wir müssen die Gunst der Stunde ausnützen. Die äußeren Schwie- 
rigkeiten unserer Ausbeuter und Unterdrücker gilt es auszunützen zum Sturz 
unserer herrschenden Klassen, um an deren Stelle die Herrschaft der deutschen 
Arbeiterklasse aufzurichten, was den siegreichen Beginn der Weltrevolution be- 
deutet. Einen anderen Ausweg aus dem Meer von Blut und Elend gibt es nicht. 
Alle Zeichen der Zeit verweisen uns auf diesen Weg. Im Innern, in der „hohen 
Politik", herrscht Ratlosigkeit. Hertüng und Hintze sind entlassen worden. Neue 
Männer sind in die Regierung einberufen worden, um die alte Politik weiter zu 
treiben, oder doch noch zu retten, was zu retten ist. Wir Arbeiter haben von 
einer neuen bürgerlichen Regierung nicht das geringste zu erwarten; auch jetzt 
nicht, wo diese Regierung durch einige Regierungssozialisten verbrämt und durch 
einige scheindemokratische Zugeständnisse aufgeputzt worden ist. Eine solche 
Hoffnung wäre noch trügerischer als die bereits so schmählich zusammen- 
gebrochenen Hoffnungen auf den militärischen Endsieg und die. Wirkungen durch 
den U-Bootkrieg. 

Däe Befürchtungen, (daß sich die deutsche Arbeiterklasse wieder narren 
läßt, besteht diesmal nicht zu recht. Verlassen und verraten von den hohen 
Politikern und Parteiführern, haben größere Massen, vor allem Soldaten, instinktiv 
den rechten Weg gefunden und bereits beschritten. Die Soldaten weigern sich 
in immer größeren Massen, an die Front zu gehen und für die Aufrechterhaltung 
des sie ausbeutenden und bedrückenden, für den Krieg verantwortlichen Systems 
Betteldienste zu verrichten. Die Arbeiter in der Munitionsindustrie sind gleichfalls 
drauf und dran, sich für diese entscheidenden Kämpfe vorzubereiten. Bis in weite 
Kreise des Bürgertums hinein ist unverkennbar eine Stimmung vorhanden, die 
erfolgversprechend ist. Also nützen wir die Zeit, um uns für diese Kämpfe vor- 
zubereiten! In allen Betrieben, unter den Soldaten an der Front und im Hinter- 

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land, gilt es jetzt zu organisieren. Die spontanen Meuterungen unter den Soldaten 
gilt es mit allen Mitteln zu unterstützen, zum bewaffneten Aufstand überzuleiten, 
den bewaffneten Aufstand zum Kampf um die ganze Macht für die Arbeiter und 
Soldaten auszuweiten und durch Massenstreiks der Arbeiter für uns siegreich zu 
machen. Das ist die Arbeit der allernächsten Tage und Wochen. Wir haben 
nichts zu verlieren, nur alles zu gewinnen. Die unerbetene Hilfe der imperialisti- 
schen Ententestaaten darf kein Hindernis sein. Im Gegenteil, wir werden mit ihren 
imperialistischen Ansprüchen insofern leicht fertig werden, als sie selbst die Re- 
volution im Leibe haben und ihnen von der Arbeiterklasse ihrer Länder das 
gleiche Schicksal bereitet werden wird. 

. Der Beginn der deutschen Revolution ist der Anfang der siegreichen Welt- 
revolution. 

Am 21. Oktober 1918 wurde Karl Liebknecht aus dem Zuchthaus ent- 
lassen. Die Bewaffnung der Arbeiterschaft begann. Matrosen meuterten. 
Der Kaiser wurde zur Verfassungsänderung gezwungen. In Kiel fanden 
Kämpfe aufständischer Matrosen und streikender Arbeiter mit Regie- 
rungsmilitär statt. Überall werden Arbeiter und Soldatenrate gebildet, 
in Hamburg wird der Generalstreik erklärt, Marinearrestanten und poli- 
tische Häftlinge werden befreit. Die sozialdemokratische Partei Deutsch- 
lands stellt am 7. November, nachdem der Kaiser tags zuvor seine Ab- 
dankung verweigert hatte, ein Ultimatum an den Reichskanzler und 
wendet sich mit folgendem Flugblatt an das Volk: 

Arbeiter, Parteigenossen! 

Ein Teil der gestern von uns aufgestellten Forderungen ist von der Re- 
gierung und den Mehrheitsparteien erfüllt worden. Das gleiche Wahlrecht für 
Preußen und alle Bundesstaaten auf der Grundlage der Verhältniswahl soll ohne 
Verzug durch Reichsgesetz eingeführt werden. 

Die sofortige Parlamentarisierung der preußischen Regierung ist gesichert, 
ebenso die Verstärkung des sozialdemokratischen Einflusses in der Regierung. 

Die Einberufungen zum Militär sind rückgängig gemacht. 

Noch nicht erledigt ist die Kaiserfrage. 

Unsere Forderung auf sofortigen Rücktritt des Kaisers und Verzicht des 
Kronprinzen wurde aufgestellt unter der Voraussetzung, daß der Waffenstillstand 
heute mittag abgeschlossen sein würde. Diese Voraussetzung hat sich nicht erfüllt, 
weil die deutsche Delegation infolge, äußerer Hindernisse heute vormittag im 
feindlichen Hauptquartier nicht eintreffen konnte. Der Abschluß des Waffenstill- 
standes würde aber gefährdet durch unseren Austritt aus der Regierung. 

Deshalb haben Parteivorstand und Reichstagsfraktion die gestellte Frist bis 
zum Abschluß des Waffenstillstandes verlängert, um erst das Aufhören des Blut- 
vergießens und die Sicherung des Friedensschlusses herbeizuführen. 

Sonnabend vormittag treten die Vertrauensmänner 
der Arbeiter erneut zusammen. 

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Arbeiter! Parteigenossen! Es handelt sich also nur um einen Aufschub um 
wenige Stunden. 

Eure Kraft und eure Entschlossenheit verträgt diesen Aufschub. 
Berlin, 8. November 1918. 

Der » Vorstand der sozialdemokratischen Partei Deutschlands 
und die Reichstags-Fraktion. 



Am selben Tage kommt bereits die Kunde vom Sieg der Revolution 
in München unter Kurt Eisners. Führung. Die folgenden Ereignisse sind 
zu bekannt und noch zu frisch in aller Gedächtnis, als daß man sie 
alle im einzelnen aufzuführen brauchte. Zum Schluß sei nur noch ein 
flugblatt zitiert, das letzte illegale Pamphlet dieser Epoche, das über die 
Revolution während der ersterf Novemberwoche berichtet und schon den 
ersten Warnungsruf an die Arbeiterschaft richtet, sich die Errungen- 
schaften, ihrer revolutionären Erhebung nicht durch die mit den bürger- 
lichen Parteien paktierenden Mehrheitssozialisten entwinden zu lassen. 
Das Flugblatt hat folgenden Wortlaut: 

Die rote Fahne über Kiel, Hamburg, Lübeck, Bremen. 

Die Volks- und Friedensregierung Scheidemannscher Prägung hält seit sechs 
Wochen das Volk mit ihren Versprechungen hin. Unendlich groß ist dessen 
Geduld. Die militärischen Gewalten haben noch so viel Macht, daß sie auch 
jetzt noch verzweifelte Offensiven wagen. Eine solche Aufgabe war vor kurzem 
der Flotte zugewiesen. Die Schlachtflotte sollte einen großen Vorstoß, gegen Eng- 
land unternehmen. „Siegen oder in Ehren untergehen" war die Losung der Ge- 
schwaderführer. In Wahrheit wäre das ein nutzloses ,Opfer an Menschen und 
Material gewesen. Dank der Wachsamkeit der Mannschaften wurde dieser Plan 
zuüichte gemacht. An der Grenze der deutschen Hoheitsgewässer setzte das 
Maschinenpersonal Kessel und Maschinen außer Betrieb, und eine Abordnung der 
Mannschaften verlangte die Rückkehr. Sie erklärte sich zur Verteidigung im Falle 
eines feindlichen Angriffes bereit, weigerte sich aber, zwecklos dem sicheren Tode 
entgegenzudampfen. Alles Befehlen, Drohen, schließlich auch Bitten half nichts. 
Der Flottenchef sah sich genötigt, die Schiffe wieder nach Wilhelmshaven und 
Kiel zurückzuführen. Dort setzte das übliche Strafgericht ein. Massenverhaftungen 
wurden vorgenommen. Aber die Matrosen hatten sich vom Banne des Kadaver- 
gehorsams befreit. Sie setzten in vielen Fallen die Befreiung ihrer verhafteten 
Kameraden durch. ' ' ♦ 

Sonntag, den 3. November, herrschte in Kiel große Aufregung. Auch die 
Arbeiter sympathisierten mit den Matrosen. Versammlungen fanden statt. Die 
Erregung hielt auch am Montag an. 

Von diesem Tage an floß Blut in den Straßen Kiejs. Fast zur selben Zeit, 
in der die Volksregierung ihre „Proklamationen an das deutsche Volk" richtete, 
streckten die Schüsse der Schergen derselben Regierung eine Anzahl Volksgenossen 

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tot auf das Pflaster nieder und verwundete viele andere. Diese Schüsse bildeten 
den Auftakt zu den weiteren Vorgängen in Kiel. 

Montag mittag erklärte, sich der Gouverneur von Kiel bereit, mit den 
Matrosen zu verhandeln. Die Abordnungen der Matrosen traten zu einer Ver- 
sammlung im Gewerkschaftshause zusammen und stellten ein Programm ihrer 
Wünsche auf. Darunter waren unter anderen folgende: 

Die Anerkennung des inzwischen gebildeten Soldatenrates, bessere Behandlung 
der Mannschaften, Befreiung von der Grußpflicht, Gleichheit der Offiziere und 
Mannschaften in der Verpflegung, Aufhebung des Offizierskasinos, Freigabe der 
wegen .Gehorsamsverweigerung verhaftete Personen, die sich zurzeit in den 
Arrestlokalen befinden, und Straflosigkeit der nicht auf die Schiffe zurückgekehrten 
Mannschaften. V 

Diese Forderungen wurden dem Gouverneur durch eine Abordnung der 
Matrosen überbracht, und alle Forderungen wurden vom Gouverneur gutgeheißen. 
Die Matrosen verpflichteten sich auch zur unbedingten Aufrechterhaltung der 
Ordnung und gestanden zu, daß jedermann, der beim Plündern getroffen würde, 
auf der Stelle standrechtlich zu erschießen sei. 

Inzwischen strömten von den Schiffen zahlreiche Mannschaften in die Stadt 
hinein. Die Matrosen waren vollständig Herren der Schiffe. Eine Anzahl von 
Patrouillen, die zur Aufrechterhaltung der Ordnung aufgeboten war, ging zu den 
Matrosen über oder wurde von ihnen entwaffnet« und mußte sich ihnen an- 
schließen.. In den ersten Nachmittagssfunden kam es in dem Kasernement 
Wik zu einer kurzen Schießerei zwischen einer Kompagnie der Torpedodivision 
und der Werftdivision. Die letzte -wurde von der ersten aufgefordert, sich ihr 
anzuschließen und sie tat es, nachdem die aufständischen Matrosen sich in den 
Besitz der Gewehre und Munitionsvorräte gesetzt hatten. In kurzer Zeit stand 
die Garnison Wik auf seiten der aufständischen Matrosen. 

Eine Stunde später kam es zu einer riesigen Freudenkundgebung. Ein Zug 
von etwa 15—20000 Mann Soldaten zog vom Kasernement Wik am Stations- 
kommandogebäude vorüber nach dem Arrestlokal in der unteren Friedrichstraße. 
Musik ging dem Zug, voran. Die Soldaten trugen zum allergrößten Teil Gewehre. 
Im Zuge befindliche Arbeiter wurden ebenfalls bewaffnet Der riesenhafte Zug 
ging durch den nördlichen Teil der Stadt. Im Zuge wurden zahlreiche rote Fahnen 
getragen. Eine Anzahl von Ordnern trugen weiße Binden und sorgten dafür, . 
daß nirgends Behinderungen eintraten. Die Leute verhielten sich sonst voll- 
ständig ruhig. Vor dem Arrestlokal in der unteren Feldstraße stoppte der Zug. 
Die Gefangenen wurden entlassen und unter großem Jubel von ihren Kameraden 
in Empfang genommen. Auf den Straßen der Stadt verkehrten eine Anzahl Autos, 
die die rote Flagge der Aufständischen führten. Abends gegen 9 Uhr zogen die 
Matrosen einzeln und in Scharen mit umgehängten Gewehren zu ihren Kaserne- 
ments oder nach den Schiffen. Die Leute verhielten sich vollständig ruhig. Montag 
abend beschlossen die Vertrauensleute der Gewerkschaften der großen Betriebe, daß 
Dienstag früh als Sympathiekundgebung für alle Matrosen der Generalstreik be- 
ginnen solle, ausgenommen sind nur die Lebensmittelgeschäfte, sowie die Licht- 
und Wasserwerke. 

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Am Dienstag früh wurde auf allen Fahrzeugen und Maschinen die rote 
Fahne gehißt. Das Linienschiff „König", das im Dock lag und noch die Kriegs- 
flagge führte, wurde vom Lande aus von den Matrosen mit Gewehren beschossen. 
Die Kriegsflagge wurde gesenkt und an ihre Stelle die rote Flagge gesetzt. Die 
ganze Stadt war voller Matrosen. Viele Autos, gefüllt mit bewaffneten Soldaten, 
fuhren durch die Stadt. Die Arbeiter haben den allgemeinen Ausstand begonnen. 
Die Matrosen halten strengste Ordnung. / 

Neben Haußmann und Noske verlangten die Matrosen die Zuziehung der 
Reichstagsabgeordneten Haase und Ledebour. Haase ist sofort nach Kiel abgereist. 
Auf dem Linienschiff „Kaiser" verteidigten die Offiziere mit der Pistole in 
der Hand die Kriegsflagge. Sie .wurden aber durch die Mannschaften bezwungen, 
die dann die Kriegsflagge herunterholten und die rote Fahne hißten. Von den 
Offizieren sind zwei tot, darunter der Kommandant. 

Von vier Infanterie-Kompagnien, die in der Nacht von Montag zu Dienstag 
nach Kiel kamen, haben sich sofort drei der Bewegung angeschlossen; die vierte 
wurde entwaffnet. In den Nachtstunden kamen auch von Wandsbeck Husaren an- 
geritten. Sie wurden aber eine Stunde vor Kiel von den Marinemannschaften mit 
Maschinengewehren empfangen und zur Rückkehr gezwungen. Der Soldatenrat 
hat beschlossen, daß alle Offiziere in ihren bisherigen Stellungen zu verbleiben 
haben, sich aber den Anordnungen des Soldatenrates fügen müssen. 

Der Arbeiter- und Soldatenrat hat einen Aufruf folgenden Inhalts erlassen: 
„Kameraden und Genossen! 
Unsere Schicksalsstunde hat geschlagen. 
Die Macht ist in unsrer Hahd. 
Hört auf uns! Sammelt euch um eure erwählten Führer! 
Keine Unbesonnenheiten! 

Ruhe und eiserne Nerven sind das Gebot der Stunde. 
Zeigt, daß ihr Männer seid, folgt unseren Sicherheitsorganen! 
Plündert und raubt nicht! 

Es ist euer unwürdig und gereicht euch nicht zur Ehre: 
Zum Ziel führt das nicht! 
Zur Unterdrückung dieser Bewegung nach hier entsandte Truppen haben sich 
unserer Bewegung angeschlossen. Alle Arbeiter aller Gewerkschaften sind auf 
unserer Seite. Wir sind unserem Ziele nahe. 

Der Soldaten rat." 
Die königliche Polizei in Kiel hat sich den Anordnungen des Soldatenrates 
gefügt. Auf dem Turm des Königlichen Schlosses mußte die Standarte des Prinzen 
Heinrich niedergeholt werden. 

Die Lebensmittelkontrolle liegt in den Händen des Soldatenrates. An verschie- 
denen Stellen der Stadt wurden Maschinengewehre aufgestellt. So vor dem Bahn- 
hofe, vor dem Gewerkschaftshause und an anderen Stellen. Die Bürger können 
vollständig frei verkehren. Nirgends sind Absperrungen vorgenommen. 

Auch in Hamburg hat der Arbeiter- und Soldatenrat die Gewalt über die 
Stadt. Dort fand am Dienstagabend eine Versammlung statt, in der Abgeordneter 
Dittmann sprach. Unter den vielen Tausenden, die im Versammlungslokale an- 

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wesend waren, befanden' sich viele Matrosen und Soldaten. In der Kaserne in der 
Bundesstraße waren im Laufe des Nachmittags 150 Militärgefangene entwichen, 
von denen einzelne an der Versammlung Dittmanns teilnahmen. 

Am Mittwochmorgen kamen Matrosen aus Kiel sowie Mannschaften der im 
Hamburger Hafen liegenden Flottillen an Land. Sie waren im Besitze von höchstens 
20 Gewehren. Sie zogen von Polizeiwache zu Polizeiwache und entwaffneten dort 
ohne Widerstand die Polizei. Nur langsam und zögernd schlössen sich die Ar- 
beiter der Bewegung an. Die korrumpierende Tätigkeit des „Hamburger Echos" 
trat deutlich in Erscheinung. Schließlich kam es aber doch zu einem Zusammen- 
arbeiten zwischen Arbeitern und Matrosen. Ein Oberst, der Befehl zum Feuern 
gab, ist erschossen worden. Auch Hamburg hat seinen Arbeiter- und Soldatenrat. 

In Bremen waren es ebenfalls die Matrosen, die den Anstoß zur Bewegung 
gaben. Auch hier wurde ein Arbeiter- und Soldatenrat gebildet In den Ka- 
sernen haben die Soldaten die Kommandogewalt in die Hand genommen. Die Ar- 
beiter haben sich bisher noch nicht entschlossen, in den Generalstreik zu treten. 

In Lübeck forderte eine Marineabteilung die Garnison auf, sich den For- 
derungen des Kieler Soldatefirates anzuschließen.. Es wurde sofort ein Soldatenrat 
gebildet, die zur Zeit die Stadt völlig in der Gewalt hat. 

In Brunsbüttel ist ein Geschwader von 4 Linienschiffen gelandet, hat 
die Schleusen zum Nordostseekanal besetzt und auch dort einen Soldatenrat 
eingesetzt. 

So geht die Bewegung unaufhaltsam ihren Gang weiter. Alles Abriegeln 
kann an der elementaren Gewalt der Volksstimmung nichts ändern. Das unehr- 
liche Spiel des Regierungssozialismus, der fortwährend die Arbeiter- und Soldaten- 
räte als Auswüchse des Bolschewismus gebrandmarkt hat, tritt kraß in Er- 
scheinung. Wo er, wie in Hamburg, glaubt, die Bewegung versanden zu können, 
paktiert er auch eine Zeit lang mit den Arbeiter- und Soldatenräten. 

Arbeiter! Soldaten! Laßt euch nicht durch diese Demagogen einfangen! 
Berliner Arbeiter! Jetzt naht eure Stunde! 



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IL 

Die revolutionäre Propaganda vom 

Auslande her. 

Im Gegensatz zu der früh sich bemerkbar machenden kleinen, aber 
rührigen inländischen sozialistischen Opposition in Deutschland, finden 
wir erst in den letzten Kriegsjahren die Einfluß gewinnenden Spuren 
revolutionär vorbereitender Propaganda vom Auslande her. Die Gründe 
für diese Tatsache lagen einmal in der Stimmung in Deutschland zu 
Anfang des Krieges überhaupt, wie dies schon: in der Einleitung zum 
ersten Teil ausgeführt wurde; zum andern in dem- Fehlen einer aktions- 
fähigen und aktionswilligen Organisation, die ihre weltpolitischen Ziele 
etw^ hätte in Deutschland verwirklichen wollen. Es ist ja bekannt, wie 
die sozialistische Internationale sogleich mit Beginn des Krieges zu- 
sammenbrach. Bürgerliche Revolutionäre aber kannte man schon seit 
über einem Menschenalter in Deutschland nicht mehr. Was sich unter 
dieser Flagge von der Schweiz usw. her ganz geringe Geltung zu ver- 
schaffen suchte, war entweder überspannter Partikularismus oder aber 
demokratischer Pazifismus, der sein modernes Kleid mit 48er Reminiszen- 
zen künstlich verbrämte. Allerdings waren geringe Ansätze zu solcher 
Propaganda schon früh, besonders in der Schweiz, für den aufmerksamen 
Beobachter bemerkbar. Einzelne Personen, "die lange im Auslande ge- 
lebt hatten und durch den Krieg zu einem .Domizilwechsel gezwungen 
waren, begannen eine auf Herbeiführung des Völkerfriedens gerichtete, 
literarische Tätigkeit. Ihre Presseäußerungen beschränkten sich aber nicht 
nur auf eine reine Friedenspropaganda. Der natürliche Haß gegen den 
Junkerstaat Preußen führte früh auf den kritischen Weg zur Aufrollung 
der Frage über die Kriegsschuld, was hier gleichbedeutend war, mit der 
Verurteilung der deutschen Regierungsspitze und der deutschen Diplo- 
matie. Natürlich wurden solche Äußerungen oppositioneller Auslands- 
deutscher mit Frohlocken von Regierungskreisen der En- 
tente aufgenommen, "und schon 1915 begann man von dieser Seite aus, 
solche Literatur im eigenen Sinne zu verwerten ; sei es, zur Hebung der 
« Stimmung im eigenen Lande, sei es im Wiederabdruck auf Fliegerabwurf- 
material. Als revolutionär im eigentlichen Sinne 'kann man diese Lite- 
ratur der ersten Jahre aber kaum bezeichnen, und darum kann auf ein 
näheres Eingehen verzichtet werden. Anders geartet war dagegen die 

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Wirkung, die die Preßäußerungen tfon Sozialisten mit streng revolutionä- 
ren Prinzipien auslösten. Eine Anzähl von ihnen war in Deutschland und 
mit deutschen Verhältnissen gut bekannt. Zwar hatten sie nur schwer 
eine direkte Verbindung mit deutschen Genossen aufrecht erhalten 
können, aber die geistige Fühlung blieb dennoch bestehen, stützte man 
sich doch beiderseits auf die bekannten Beschlüsse der Internationale von 
1867 an über „Kriegsursachen", „Militarismus" und „Die Rolle der so- 
zialistischen Parteien im Kriege", deren wichtigste Stellen hier Platz fin- 
den mögep. Jk> sagte man in Stuttgart 1907 und als Fortsetzung dazu 
in Kopenhagen 1910: 

„Kriege zwischen kapitalistischen Staaten sind in der Regel Folgen ihres 
Konkurrenzkampfes auf dem Weltmarkt, denn jeder Staat ist bestrebt, seine Ab* 
satzgebiete sich nicht nur zu sichern, sondern auch neue zu erobern, wobei die 
Unterjochung fremder Völker und Länderraub eine Hauptrolle spielen. 

Diese Kriege ergeben sich weiter aus dem unaufhörlichen Wettrüsten des 
Militarismus, der ein Hauptwerkzeug der bürgerlichen Klassenherrschaft und 
der wirtschaftlichen und politischen Unterjochung der Arbeiterklasse ist. 

Begünstigt werden die Kriege durch die von den Kulturvölkern im Interesse 
der herrschenden Klassen systematisch genährten Vorurteile des einen Volkes 
gegen das andere, um dadurch die Massen des Proletariats von ihren eigenen 
Klassenaufgaben sowie von den Pflichten der* internationalen Klassensolidarität 
abzulenken. 

Kriege liegen also im Wesen des Kapitalismus, sie werden erst aufhören, 
wenn die kapitalistische Wirtschaftsordnung beseitigt ist, oder wenn die Größe 
der durch die militärtechnische Entwicklung erforderlichen Opfer an Manschen 
und Geld und die durch die Rüstungen hervorgerufene Empörung die Völker 
zur Beseitigung dieses Systems treibt." 

„. . . Kriege sind heute die Folge des Kapitalismus, besonders des äußeren 
Konkurrenzkampfes der kapitalistischen Staaten auf dem Weltmarkte, und des 
Militarismus, der ein Hauptwerkzeug der bürgerlichen Klassenherrschaft im 
Innern und der wirtschaftlichen und politischen Unterjochung der Arbeiter- 
klasse ist. Sie werden erst vollständig aufhören, wenn die kapitalistische Wirt- 
schaftsordnung beseitigt ist. Die Arbeiterklasse, welche die Hauptlast der Kriege 
trägt und von deren Folgen am schwersten betroffen wird, hat das größte Inter- 
esse an der Beseitigung des Krieges. Das organisierte sozialistische Proletariat 
aller Länder ist darum der einzige zuverlässige Bürge für den Frieden der 
Welt." 

Diese und andere Beschlüsse der Internationalen blieben also die ge- 
meinsame Aktionsbasis für die Bekenner zum revolutionären Sozialismus. 
Die Äußerungen in der Literatur des Inlandes oder des Auslandes, die in 
diesem sozialistischen Sinne gehalten waren, bieten also prinzipiell keine 
Unterscheidungsmerkmale, darum können wir auch davon absehen, hier 
Proben aus der Literatur des Auslandes wiederzugeben. Es sei nur 

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darauf hingewiesen, daß neuerdings die meisten dieser Schriften im 
Futurus Verlag in München neu aufgelegt wurden*). 

Die Wirkung dieser einzelnen sozialistischen Äußerungen deutscher 
Sprache aus der ersten Kriegszeit (1914—1916) im Auslande erschienen, 
war auf die Masse des deutschen Proletariats sehr gering, denn nur ganz 
vereinzelt gelangten derartige Flugblätter und -schritten in die Hände 
deutscher Arbeiter und noch viel weniger in die von Soldaten. Wichtig 
wurden sie jedoch als Brücke der Verständigung, auf dieser trafen sich 
zuerst die späteren Angehörigen der III. Internationale. 

Wesentlich anders gestalteten sich die Dinge 1917 und 1918. 

Auf beiden Seiten der Kriegführenden begann man die „geistigen 
Waffen" mehr und ix^ehr als Faktor in die Rechnung des gewaltigen 
Völkerringens einzustellen, um mit ihnen das Produkt des Sieges als 
Fazit zu ziehen. Revolutionäre Propaganda wurde sowohl von den Vier- 
bundmächten (in Irland, . Rußland, Indien, Persien, Ägypten) als auch 
von der Ent ente (in Deutschland, Austro-Slawonien, Arabien) in dieser 
2eiTgeEiebeh. Ganz-' oder "Häiböffiziell betätigten sich Regierungsorgane 
und Militärs in dieser Hinsicht. Allerdings direkt re volutio när-soz iali- 
stische Propaganda wurde von den Westmächten Jcaumjjetrieben, wenn 
auch "ihre Ffiegerpublikationeji starkes Gjewicht auf die Verschärfung der 
wirtschaftlichen Gegensätze legten und sogar Reden der U.S.P. repro- 
duziert werden, dagegen spielt in den politischen Flugblättern und 
-schritten die Herbeiführung der Demokratie eine Hauptrolle, ganz ent- 
sprecl^end der'Thraseolögie aus dem Schlagwortregister dieses kapita- 
listischen Kriegskonzerns, nach der die Proben gewählt wurden, die nach- 
stehend aus der Literatur vorgeführt werden. Mit dem Schwinden der 
wirtschaftlichen und militärischen Kräfte in Deutschland fing man auch 
von konservativster Junkerseite in der« Heeresleitung an, mit dem revo- 
lutionären Sozialismus zu liebäugeln. Zwar hatte man auf das Schärfste 
früher abgelehnt, derartigen Gedanken Raum zu geben. Als in praktischer 
Verfolgung eines Marx-Wortes: „Bei einem Kriege nach zwei Fronten 
kann sich Deutschland nur mit den revolutionärsten Mitteln halten", 
der Gedanke an Regierung und Heeresleitung herantrat, der demokra- 
tischen Parole im Ententelager den Sozialismus als Parole entgegenzu- 
setzen, hatte man erklärt „in einem christlich-monarchischen Staate" zu 



*) z. B. Lee Trotzky, Der Krieg und die Internationale. München 1919. 

Hermann Gorter, Der Imperialismus, der Weltkrieg und die Sozialdemokratie. 
München 1919. 

Eine größere Sammlung Kriegsschriften von Lenin, Trotzky und Zinowjew 
erschien in der Grütlibuchhandlung unter dem Titel: Lenin und Trotzky: Krieg 
und Revolution. Zürich 1918. 

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leben. Nachdem jedoch der Frühling 1917 in Rußland zwar eine bürger- 
liche Regierung gebracht hatte, diese aber durchaus keine Neigung zu 
einem Sonderfrieden mit Deutschland zeigte, begrüßte man den Vor- 
schlag eines unter die Kriegsgewinnler gegangenen ehemaligen Bolsche- 
wik mit Freuden, die in der Schweiz weilenden Bolschewisten nach Ruß- 
land zu exportieren. Ja, als diese Sendung im plombierten Waggon durch 
Deutschland und Skandinavien ihren Bestimmungsort glücklich erreicht 
hatte, fand man sich * sogar bereit, die Gefangenenlager russischer 
Heeresangehöriger mit bolschewistischer, d. h. mit revolutionär-soziali- 
stischer Literatur zu versehen. Als dann nach dem Siege des russischen 
Proletariats und dem Diktatfrieden von Brest-Litowsk die sozialistische 
Regierung den Spieß umdrehte, mit ihrer Propaganda für den Völker- 
frieden und die proletarische Weltrevolution und bei der ausgehungerten, 
ausgewucherten und mit Belagerungszustand und Militärdiktatur ge- 
knebelten Masse sich Gehör zu verschaffen suchte, da war man in den 
maßgebenden Kreisen zuerst erstaunt und dann sittlich so entrüstet, daß 
nicht allein die freigiebig verhängte Schutzhaft, sondern auch entehrende 
vielmonatliche Strafen jene „Verbrechen" an Deutschland sühnen helfen 
mußten, deren sich die gleichen maßgebenden Stellen einem andern Lande 
gegenüber ebenso „schuldig" gemacht hatten. Aus diesen Gewissens- 
skrupeln erlöste die auch in Deutschland einsetzende Revolution glück-, 
licherweise die Reichs- und Oberste Heeresleitung. 

Ernst Drahn. 



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A.P. 36. 



BY BAIXOON. 

$n*4 Snftbftflo«. 




Bemerkung: Die Erklärung zu den Abbildungen befindet sich auf der 
letzten Textseite. 



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9 Unterirdische Literatur 



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11*1 fürd?rti ni*i, üai ci |u &i*l P«* 
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<JJ «I (H »tr lirfttar «ttn*. 
Sic -hwr- ton Jtopf abbeigt; 
Den Jtobf nutfant »er Jtrone, 
Sie immer gf an* fcifrf! 
£m Jt»yf , ab er v«0 »Mi leer <D; 
$ie Jtrone, ob 4Mb Ober 8U4! 
3n lange biffen fie fetter, 
Bu fange «Minn fie fred». 



SMIfrtklujtiacSBtrftc, 
Sie f»fb» auf betn aro§en Q3lan 
Unb toartet auf ibjr $•«>»«»« 
Unfc »artet anf itrrn &fea|, 
SXc tat poei triftige «rrnc 
Qn« Mft tfcn nltf)t nrbjr an« 
Dm fssfUinjen bleiben igrrlobien 
Äurj H* ber ^»<b^i*^*nuH# ! 



Staut flr Hl ara» mir blc Spinne, 
IHe »fön«»»- ben 9r«utiaain f "" 

i «r fic and) mitoerfrrebenfe 
3m legten »onwnt brnfft. 
flnf feie paar •n«»<n«6»ri|fT, 
Rrint fk, fontmt ef nin)t metyr an. 
€t* « Ja Nr 6 
Unb tarnt* (• man«™ Kann. 



Sa* id Wt fnfriac flBlto», 
6t»r/t narren* fajon anf bem Ulan. 
Soll Dnartttlb anf Ibre £o*jj4t : 
«Sßo bleibt benn nur meto €<baft> 
3*>r 3Vurfa)en, fir «artet fft>n lange. 
IBJrt Srinriaaml finb im «an»; 
6ie icarfrt auf äffen $U*en 
Unb mint' mit oer roten <$ant! 



9» 



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Die sozialistische Propaganda Sowjet-Rußlands 
in Deutschland. 

Diese sozialistische Propaganda-Literatur, die von russischer Seite 
aus in Deutschland unter Mithilfe konsequenter deutscher Sozialisten ver- 
breitet wurde, ist die Fortsetzung von Zeitungsartikeln, die in der Schweiz 
während der ersten Kriegsjahre erschienen. Zuerst entstand in Stock- 
holm neben Umdruck-Korrespondenzen, der „Prawda" und dem „Bulletin 
der Arbeiter-, Soldaten- und Bauernräte", der „Bote der Russischen Revo- 
lution". Diese Zeitschrift wurde ganz legal, ebenso wie die Korrespon- 
denzen, nach Deutschland versandt und fand hier ihre Verbreitung. Da 
heute ihre Nummern schon sehr selten sind, bringen wir einen Artikel 
aus Nr. 4 vom 6. Oktober. 

Bote der Russischen Revolution. Organ der ausländischen Ver- 
tretung des Zentralkom. der Soc. dem. Arbeiterpartei Rußlands. (Bölschewiki) 
Nr. 4 vom 6. Oktober 1917. 



Manifest der sozialdemoKratischen Arbeiterpartei 

Rußlands. 

An alle Arbeitenden, an alle Arbeiter, Matrosen und 
Soldaten, an alle Bauern Rußlands. 

Genossen! 

Fünf Monate sind vorüber, als das revolutionäre Proletariat und die Armee 
ein Ende der Regierung der Knute und des Prügelstockes bereitet und Nikolaus 
Romanow hinter Schloß und Riegel gebracht haben. Der Arbeiter hat die Fessel 
des Polizeiregimes abgestreift. Der Soldat wurde ein freier Bürger. Inmitten der 
Weltbarbarei und Vertierung ertönte scharf die Stimme der russischen Revolution: 
Friede und Brüderlichkeit unter den Völkern! 

An der Spitze der revolutionären Kämpfer marschierte das Proletariat. Von 
dem ersten Tag der Revolution an verstand es, daß der Sieg der russischen Revo- 
lution, des Friedens, der Freiheit die gegenseitige Unterstützung der Arbeiter aller 
Länder, den internationalen Aufstand der versklavten, verblutenden Proletarier 
Europas erfordert. Drum lautete sein Kampfruf: „Es lebe die internationale Re- 
volution! 

Das internationale Kapital antwortete auf diesen Ruf mit der Verschwörung 
gegen die russische Revolution. Sie droht mit der Entfachung des revolutionären 
Weltbrandes, mit der Unterwühlung und Zertrümmerung der Herrschaft des Ka- 
pifalismus, mit der Entthronung des goldenen Kalbes. Vor den internationalen 
Börsenwölfen, den Bankkönigen stand die Aufgabe auf, koste es, was es wolle, die 
russische Revolution zu erdrosseln, sie zu entwaffnen, das rebellische Proletariat 
zu enthaupten, seine Partei auszurotten. 

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Die russischen Eroberungspolitiker gingen ein Bündnis mit ihnen ein, ver- 
banden sich geheim mit ihnen. Vom ersten Tage der Revolution schloß die russische 
Finanz und ihre Partei — die sog. Partei der Volksfreiheit — ein Abkommen mit 
den Räubern des westeuropäischen Imperialismus. Die russische Bourgeoisie hatte 
nichts gegen die Entthronung des zarischen Selbstherrschers, dessen Herrschaft 
selbst die Weiterführung des Krieges dank den Diebereien und der Unfähigkeit 
der Minister unmöglich machte. Aber die weitere Entwicklung der Revolution 
bedrohte sie mit furchtbaren Schrecken: die Revolution würde den Bauern den 
Grund und Boden geben, das Kapital an die Kandarre nehmen, die Arbeiter be- 
waffnen, der Eroberungspolitik ein Ende bereiten. Die „verbündeten" Finanz- 
könige schwuren die Hand aiif den alten schmutzigen Geheimverträgen des Zaris- 
mus, Treue der allgemeinen Sache der Eroberungen, der Erdrosselung der russi- 
schen Revolution. Der Eintritt Amerikas in den Krieg verlieh neue Kraft den 
verbündeten Imperialisten. Sie kannten viel zu gut den Wert dieser „großen De- 
mokratie", die ihre Sozialisten auf dem elektrischen Stuhl hinrichtet, mit Waffen 
in der Hand die kleinen Völker niederwirft, mit beispielslosem Zynismus ihre 
Diplomaten über ewigen Frieden schwatzen läßt. Die amerikanischen Milliardäre, 
die ihre Keller mit Gold gefüllt haben, das gemünzt ist aus dem Blute der auf 
allen Schlachtfeldern Europas sterbenden Soldaten. Sie gaben ihre Waffen, ihre 
Dollars, Spione und Diplomaten her, um nicht nur ihre deutschen Konkurrenten 
ira Raub niederzuwerfen, sondern um der russischen Revolution noch stärker 
die Schlinge am Halse zusammenzuziehen. Die russische Bourgeoisie erwies sich 
verbunden mit dem Kapital Europas und Amerikas durch die Gemeinsamkeit der 
Ziele, wie vermittels der goldenen Schlinge, deren Ende sich in den Händen der 
Bankiers von London und Neuyork befinden. So wurde' der kapitalistische Block 
gegen die russische Revolution gebildet. 

Das Kleinbürgertum Rußlands, die Oberschicht der Bauern, ein Teil der durch 
das Kapital betrogenen Arbeiter und armen Bauern sahen die Gefahr des kapi- 
talistischen Komplotts nicht, sie wollten sie nicht sehen. Ihre Parteien, die Men- 
schewiks und Sozialisten-Revolutionäre, die die Mehrheit in den Sowjets hatten, 
gingen im Gefolge der Bourgeoisie. Sie stellten sich auf den Standpunkt der 
Verteidigung. Sie wußten nicht, daß die Bourgeoisie aller Länder die Arbeiter 
mit diesem Worte betrügt, daß sie von Verteidigung spricht und an den Angriff 
denkt. Sie entschlossen sich nicht, die Macht selbst in die Hände zu nehmen und 
vertrauten sie der Bourgeoisie an. Sie begrüßten aufs herzlichste die sozialpatrio- 
tischen Agenten des westeuropäischen und amerikanischen Kapitals, diese Be- 
trüger und Vergifter des Volkes. Mit jedem Tag verfingen sie sich mehr in den 
Fangnetzen, die ihnen vom internationalen Kapital gestellt wurden. 

Nur das revolutionäre Proletariat und seine Partei, unterstützt durch das 
ärmere Bauerntum, schlugen Alarm. Die Partei des proletarischen Sozialismus, 
die Partei der internationalen Revolution riß konsequent und unentwegt die 
lügnerischen Masken der Friedensliebe vom Gesicht der imperialistischen Räuber. 
Sie deckte alle Schliche der Bourgeoisie auf, kritisierte die Feigheit, Unentschlossen- 
heit, Hilflosigkeit der menschewikisch-sozialrevolutionären Taktik. Sie forderte mit 
Ausdauer den Übergang der vollen Gewalt an die Demokratie, den Bruch mit den 
Kapitalisten aller Länder, die Veröffentlichung aller dem Volke vorenthaltenen Ge- 

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heimverträge. Sie forderte den Übergang des Grund und Bodens an die Bauern, 
die Arbeiterkontrolle der Fabriken, den allgemeinen Frieden, durch die Völker 
selbst geschlossen. „Brot, Freiheit und Frieden" — diese Losungen standen auf 
ihrem roten Banner. 

Im Lande, das durch einen dreijährigen Krieg weißgeblutet ist, wuchs wie 
eine Lawine eine niemals vorher gesehene wirtschaftliche und finanzielle Krise. 
Der Hammer des Krieges zerschlug und zerpulverte die letzten Produkte der 
Volksarbeit. Das Land wurde immer mehr einem Paralytiker ähnlich. Die Ver- 
nichtung der Produktionskräfte, die barbarische Raubwirtschaft führte immer 
schneller zum Krach. Der Krieg saugte, wie ein großer Vampir alle Kräfte 
des Landes aus. Es fehlte an Brot, an Heizmitteln, an Rohstoffen. Das Gespenst 
des Hungers begann herumzugehen in den Städten, den Quartieren der armen 
Leute. Das Land stand am Abgrund der Vernichtung. 

Das Kapital stößt bewußt das Land in diesen Abgrund. 

Die große Bourgeoisie verschärfte die Krise, steigerte die Anarchie, indem sie 
Fabriken schloß, die Produktion desorganisierte. Die vereinigten Syndikatsherrn 
schrien immerfort: Vaterland, Vaterlandsliebe! sie verleumdeten die revolutionären 
Arbeiter und gleichzeitig störten sie die Produktion, nach einem auf ihren ge- 
heimen Konferenzen ausgearbeiteten Plan, um ein Chaos zu erzeugen: dann könnten 
sie die Schuld auf die Arbeiter abwälzen und die Gewalt in ihre gierigen Hände 
nehmen. Auf den Ruinen des durch die Konvulsionen des Krieges geschüttelten 
Landes, auf den Ruinen einer ungeheuren Anzahl vollkommen vernichteter kleiner 
Unternehmer, führten die Hyänen des Großkapitals, das an den Kriegslieferungen, 
an der Spekulation mit dem Brot der hungernden Massen fabelhafte Profite einge- 
heimst hat, ihre schamlosen Attacken gegen die Arbeiterklasse. In den Massen 
wuchs die Unzufriedenheit und die Empörung gegen die Kapitalisten und ihre 
Minister. Man hörte schon den Schritt der Millionenarmee der Arbeit. 

Es wurde ihr mit der Politik der Offensive geantwortet. Das vereinigte Kapital 
der Verbündeten sammelte alle seine Kräfte zum Sturm auf die russische Revo- 
lution. Die englischen und amerikanischen Kapitalisten, die als Kreditgeber zu 
Herren des russischen Lebens wurden, vereinigten sich mit ihren russischen 
Lakaien, um die unvorbereitete russische Armee in den Kampf zu jagen. Es ging 
ihnen nicht um das Resultat des Kampfes. Wichtig war für sie der Bruch des 
Waffenstillstandes, der Wiederbeginn des Kampfes, die Wiederherstellung der Macht 
der Kommandierenden, die Wiederanspannung der ermüdeten Armee an den Wagen 
des Krieges. Der Domier der Geschütze sollte das Waffengeklirr des Klassen- 
kampfes und der Revolution übertönen. 

Die Menschewiks und die Sozialrevolutionäre hießen die Politik der Offen- 
sive gut und lieferten dadurch sich und die Revolution aus. Durch ununterbrochene 
Techtelmechtel mit den Imperialisten, durch jedes Fehlen der Entschiedenheit ihnen 
gegenüber, wurden sie Geißel der imperialistischen Räuber. Mit ihren eigenen 
Händen haben sie die Gewalt der militaristischen konterrevoulutionären Clique 
ausgeliefert. Jetzt werfen die triumphierenden Herrn der Demokratie den Hand- 
schuh zu, sie proklamieren offen den „Krieg bis zu Ende", d. h., den Krieg ohne 
Ende, bis zum Moment, wo die Keller der Morgans das Gold nicht mehr fassen 
können, wo der blutige Tau gänzlich die Felder der zerquälten Erde durchtränkt. 

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Die Bourgeoisie hat vorübergehend ihr Ziel erreicht. Wo sind die stolzen Auf- 
rufe zur Verbrüderung aller Nationen. Wo sind die fahnen der Weltrevolution. 
Die Menschewiks und Sozialrevolutionäre haben sie durch Aufrufe zur Fortsetzung 
der Schlächterei ersetzt. Die Diener der Bourgeoisie haben die revolutionären 
Fahnen und Aufrufe zerrissen, bespuckt, sie haben sie ausgeliefert den Helden der 
Offensive, damit sie von ihnen in den Kot getreten werden. 

Das Proletariat und die Vorderreihen der Armee antworteten auf diese Politik 
mit wachsender Empörung. Sie brach stürmisch und spontan aus in Straßen- 
demonstrationen der Arbeiter und Soldaten, als die Kadettenminister auf eine ge- 
heime Nachricht von dem Zusammenbruch der Offensive hin aus der Regierung 
flohen, um die ganze Verantwortung ihren sozialistischen Lakaien aufzubürden. 
Die Tage des 16. — 18, Juli stellten die Führer des kleinbürgerlichen Sozialismus 
der Sowjetmacht vor die große historische Frage: mit dem Proletariat gegen die 
Konterrevolution oder mit der Konterrevolution gegen das Proletariat? In diesen 
Tagen mußte man sich entscheiden, klar und bestimmt. Und die „Sozialistischen" 
Minister entschieden sich: gegen die Arbeiter und Soldaten, die auf ihr Banner: 
„Alle Macht den Sowjets!" geschrieben haben, requirierten die Sowjetführer, 
Bändigungstruppen. In ein Bündnis mit der Konterrevolution verstrickt, unter- 
stützten sie sie und richteten die Gewehre gegen die Arbeiterbataillone, gegen die 
Blüte der Revolution, gegen die Partei des Proletariats. Auf dem Posten blieb 
nur unsere Partei, die Partei des Proletariats. Nur sie verließ in dieser Stunde 
der Todesgefahr für die Freiheit die Arbeiterviertel nicht. Nur sie suchte, ohne die 
Massen zu verlassen, ihrer Bewegung einen friedlichen Charakter zu verleihen. 
Das war ihre revolutionäre Pflicht. Dies forderte ihre revolutionäre Ehre. 

Die Menschewiks und Sozialrevolutionäre haben auf Geheiß der Bourgeoisie 
die Revolution entwaffnet. Damit bewaffneten sie die Konterrevolution. 

Die Bourgeoisie überließ ihnen die schmutzige Arbeit der Niederwerfung und 
Zähmung. Mit ihrer schweigenden Erlaubnis wurden die Bluthunde der nieder- 
trächtigen bürgerlichen Verleumdung gegen die ruhmreichen Führer unserer Partei 
losgelassen. Sie sind es, die den ehrlosen Handel mit den Köpfen der proletarischen 
Führer getrieben haben, einen nach dem anderen der tobenden Bourgeoisie aus- 
liefernd. Sie waren es, die das Herz der Revolution, dessen Schlag die ganze 
Welt belauschte, die Petrograd den Fahnenjunkern und Kosaken auslieferten. Mit 
ihrer Zustimmung wurde die „Prawda" zerstört und begann der Kreuzzug gegen 
den linken Flügel der Revolution. 

Die Julitage haben eine neue Karte der Revolutionsgeschichte eröffnet. Zum 
erstenmal hat die Konterrevolution — wenn auch vorübergehend — einen Sieg 
erfochten und die Macht ging auf die Bourgeoisie und den Generalstab über. Bi 
zu diesem Moment hatten die Sowjets eine große Macht. Hinter ihnen standen 
die bewaffneten Arbeiter- und Soldatenmassen, das freie Volk. Indem sie die Ar- 
beiter entwaffnet, die revolutionären Regimenter zerpulverten, Kosaken nach Petro- 
grad zusammengezogen haben, haben sich die Sozialpatrioten selbst an Händen und 
Füßen gebunden, sich in eine Zugabe zur bürgerlichen Regierung verwandelt. 
Den „sozialistischen" Ministern wurde der Mund gestopft. Sie wurden von ihren 
bürgerlichen Kollegen an die Leine genommen. Man gebraucht sie nur, wenn es 

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nötig ist, das Volk zu zähmen. Man bespuckt sie, wenn sie versuchen zu prote- 
stieren. Nachdem sie die Gewalt den Konterrevolutionären ausgeliefert, die Revo- 
lution verraten haben, begannen die Führer des Kleinbürgertums, die Menschewiks 
und Sozial-Revolutionäre alle Maßregeln der konterrevolutionären Regierung zu 
unterzeichnen. Die rote Fahne der Freiheit ist heruntergeholt. Die Niederschießung 
von Soldaten, Arbeitern, die Zensur, die Mobilmachung der alten zarischen Gesetze 
gegen politische Verbrechen, die verleumderischen Machenschaften der Ochrana, alle 
diese Kampfmittel des zarischen Regimes werden durch die neue Regierung in 
Bewegung gesetzt: sie arretiert die Revolutionäre, während sie die zarischen 
Minister und Provokateure freilaßt, sie verschiebt die konstituierende Versammlung 
und beruft die konterrevolutionäre „Moskauer Beratung*', die Beratung der Herren 
der Industrie und des Handels ein. 

Nachdem sie ihre Position im Lande befestigt hat, ging die Konterrevolution 
zu den alten Regierungsmethoden in allen anderen Fragen über. Gegen die 
Ukrainer wird nicht nur vermittels der Dekrete, sondern auch der Kürassiere 
gekämpft. Der finnische Landtag wird aufgelöst, und die Regierung bedroht mit 
bewaffneter Hand dasselbe Selbstbestimmungsrecht, das sie feierlich, in offiziellen 
Kundgebungen verkündete. Selbst gegen die Zusammenkunft der gemäßigten „So- 
zialisten" in Stockholm wird seitens der Regierungsagenten intrigiert. Die Formel 
„der Friede ohne Annexionen" wurde in den Schrank geschlossen, und an ihrer 
Stelle erschien von neuem die miljukow-gutschkowsche Losung: „Kampf bis zum 
vollen Siege". 

Kerenski verkündet die „Niederwerfung der Bolschewiks" und sendet im 
Namen des russischen Volkes Begrüßungstelegramme an den englischen König, 
den nahen Verwandten Wilhelms von Hohenzollern und Nikolaus Romanow. Die 
Losung der Revolution: „Friede den Hütten, Krieg den Palästen!" wurde ersetzt 
durch eine andere: „Friede den Palästen, Krieg den Hütten!" Aber die Konter- 
revolution feiert zu früh ihren Sieg. Mit Blei kann man die Hungernden nicht 
sättigen. Mit der Nagaika kann man die Tränen der Witwen und Waisen nicht 
stillen. Der Galgen kann das Meer der Leiden nicht trocknen. Bajonette können 
das Volk nicht beruhigen. Der Befehl der Generalität wird den Zerfall der In- 
dustrie nicht aufhalten. Die unterirdischen Kräfte der Geschichte arbeiten. In 
den Tiefen der Volksmasse wächst die Unzufriedenheit. Die Bauern rufen nach 
Grund und Boden, die Arbeiter nach Brot. Alle verlangen den Frieden. Über 
allen Ländern sammeln sich die Wolken des Sturmes. In England haben die Ar- 
beiter schon den Kampf um die Bändigung des Kapitals begonnen. In Frank- 
reich agitieren die Soldaten für Frieden und Revolution. In Deutschland gärt es, 
die Streikwelle steigt. In Amerika geht die Regierung schon zum Niederschießen 
der Sozialisten, die den Kampf gegen den Krieg beginnen, über. Schon beginnen 
die geheimen Beratungen der Finanzleute aller Länder über die Kampfesmittel gegen 
den nahenden Sturm. Sie hören schon die Schritte der Revolution, sie sehen 
ihr Nahen. 

In diesen Kampf tritt unsere Partei mit flatternden Fahnen. Sie hat sie fest 
in ihren Fäusten gehalten. Sie hat sie nicht gesenkt vor den Verrätern der Revo- 
lution und den Dienern des Kapitals. Sie wird sie auch weiterhin hochhalten im 

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Kampfe für den Sozialismus und die Verbrüderung der Völker. Denn sie weiß, 
daß ein neuer Sturm kommen und die letzte Stunde der alten Gesellschaft schlagen 
wird. Kampfesgenossen! rüstet zu neuen Kämpfen. Tapfer, entschieden, ruhig, 
ohne sich provozieren zu lassen, sammelt Kräfte; ordnet die Sturmkolonnen. Her 
zu den Bannern der Partei, ihr Proletarier und Soldaten! Her unter unsere Banner 
ihr Mühseligen vom Dorfe! 

Es lebe der Bund der Arbeiter und des Dorfelends! 

Nieder mit der Konterrevolution wk} ihrer Moskauer Beratung! 

Es lebe die internationale proletarische Revolution! 

Es lebe der Sozialismus! 

Es lebe die sozialdemokratische Partei der Bolschewiks! 
Der sechste Parteitag der Bolschewiks, auf dem 240000 
Mitglieder vertreten waren. # 

26. August 1917. 



Diese Kundgebung und Publikationen ähnlicher Art konnten in 
Deutschland Megal durch Post und Buchhandel gehen. 

Erst als der November 1917 der Revolution des russischen Prole-^ 
tariats den Sieg brachte, die Friedensverhandlungen in Brest-Litowsk be- 
gannen, trat ein Umschwung deutscherseits ein. Schon der Aufruf des 
Rats der Deputierten und Soldaten: „An die Völker der ganzen Welt" 
konnte nicht mehr öffentlich in Deutschland verbreitet werden. Der Text 
des Telegramms sei nachstehend mitgeteilt. 7 

An die VölKer der ganzen Welt. 

Genossen, Proletarier und Arbeiter aller Länder! Wir, die russischen Ar- 
beiter und Soldaten, vereinigt im Petrogarder Rat der Deputierten der Arbeiter 
und Soldaten, senden euch unseren feurigen Gruß und verkünden euch das große 
Ereignis: Die russische Demokratie hat den jahrhundertelangen Despotismus des 
Zaren in den Staub getreten und tritt ein in eure Familie als vollberechtigtes Glied 
und als gewaltige Macht im Kampf für unsere gemeinsame Befreiung. Unser Sieg 
ist ein großer Sieg der Freiheit und der Demokratie der ganzen Welt. Die Haupt- 
stütze der Reaktion in der VC^elt und der „Gendarm Europas" existiert nicht mehr. 
Möge die Erde auf seinem Grabe liegen, schwer wie Granit! Es lebe die Freiheit! 
Es lebe die internationale Solidarität des Proletariats und sein Kampf um den 
endgültigen Sieg! 

Unser Werk ist noch nicht vollendet, noch sind die Schatten der alten Ordnung 
nicht verscheucht, und nicht wenige Feinde sammeln ihre Kräfte gegen die russische 
Revolution. Nichtsdestoweniger haben wir Ungeheures erreicht. Die Völker Ruß- 
lands werden ihren Willen aussprechen in der konstituierenden Versammlung, die 
in der allernächsten Zeit auf Grund des allgemeinen, direkten und geheimen Stimm- 
rechts einberufen wird, und schon jetzt kann man mit Bestimmtheit sagen, daß in 
Rußland die demokratische Republik triumphieren wird. Das russische Volk ist 

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im Besitz voller politischer Freiheit und jetzt kann es sein machtvolles Wort 
sprechen, selbst sich bestimmend, im Innern des Landes so gut wie bezüglich seiner 
äußeren Politik. Wir wenden uns an alle Völker, die durch diesen einzigartigen 
furchtbaren Krieg vernichtet und ruiniert werden und verkünden, daß die Zeit 
gekommen ist, einen entscheidenden Kampf mit den agressiven Tendenzen der Re- 
gierungen aller Länder zu beginnen. Die Stunde ist da, die Entscheidung über 
Krieg und Frieden in die eigenen Hände zu nehmen« 

Im Bewußtsein ihrer revolutionärer! Macht erklärt die russische Demokratie, 
daß sie mit allen Mitteln die imperialistische Politik seiner herrschenden Klassen 
bekämpfen wird, und sie ruft die Völker Europas zu gemeinsamem, entschiedenen 
Auftreten im Interesse des Friedens auf. 

Des weiteren wenden wir uns an unsere Brüder, die Proletarier der österreich- 
deutschen Koalition, vor allem an die Proletarier «Deutschlands. Von den ersten 
Tagen des Krieges an suchte man euch zu überzeugen, daß ihr, indem ihr die 
Waffen erhebt gegen das autokratisch regierte Rußland, die Kultur Europas gegen 
asiatische Barbarei verteidigt. Viele von euch sahen darin eine Rechtfertigung 
dessen, daß sie den Krieg unterstützten. Jetzt gibt es auch diese Rechtfertigung 
nicht mehr. Das demokratische Rußland kann keine Gefahr für die Freiheit und 
Zivilisation bedeuten. 

Wir werden unsere eigene Freiheit gegen jegliche reaktionären Angriffe — 
mögen sie von innen oder von außen erfolgen — mannhaft verteidigen. Die 
russische Revolution' wird sich nicht vor den Bajonetten der Eroberer zurück- 
ziehen und wird sich nicht von einer fremden Militärmacht zermalmen lassen. 
Aber wir rufen euch dazu auf: Werfet von euch das Joch eurer halbautomatischen 
Regierung, wie das russische Volk die Selbstherrschaft des Zaren abgeschüttelt 
hat; weigert euch, weiterhin zu dienen als Werkzeug der Eroberung und Verge- 
waltigung einer agrarisch-imperialistischen Clique, und lasset uns in vereinter, 
gemeinsamer Anstrengung das fürchterliche Blutbad, das die Menschheit schändet, 
beenden. — 

Arbeiter aller Länder! Wir reichen euch brüderlich die Hand über Berge von 
Leichen, über Ströme von Blut und Tränen, über die rauchenden Trümmer von 
Städten und Dörfern, über verlorene Schätze der Kultur. Wir rufen euch auf zur 
Wiederherstellung und Befestigung der internationalen Einheit. Sie ist das Pfand 
unserer kommenden Siege und der vollen Befreiung der Menschheit. Proletarier 
aller Länder vereinigt euch! • 

Der Rat der Deputierten und Soldaten. 
Genossen! 

Wir bitten euch, auf unseren Aufruf zu antworten. Zeigt nicht dieses Manifest 
und gebt es nicht euren Offizieren ab. Verbreitet es unter euren Kameraden- 
Artilleristen. . 

Auf anderen Punkten der Front sind wir schon in Verbindung mit euren 
Kameraden getreten. 

Es lebe der allgemeine Frieden. 

DasSoldaten-Komitee. 



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Von nun ab setzte an der Ostfront eine großzügige Frontpropa- 
ganda ein. Von Mitte Dezember 1917 an tauchten eine Reihe Periodica 
auf, zuerst, als größtes und einflußreichstes Blatt in Petersburg erscheinend : 
„Der Völkerfriede" für die Nordfront. Trotzky, Lenin, Joffe schrieben da- 
für Artikel, und aus der sozialistischen Auslandspresse finden Nach- 
drucke ihren Weg durch sie in die deutschen Linien. Diesem Blatte ent- 
sprechend erschienen für die Mittelfront „Der Stern" in Minsk und für die 
rumänische Front: Die „Kriegswoche". Als Beispiel der Art des so den 
deutschen Soldaten zugänglich gemachten Materials sei die Obersetzung 
eines holländischen Gedichts vorgeführt. 

Der Völkerfriede. 
Organ der internationalen Abteilung des Zentralkomitees der Arbeiter-, Soldaten- 

und Bauerndelegiertenräte. 

Zur unentgeltlichen Verbreitung unter deutschen Brüdern bestimmt. 
Erscheint täglich unter der Redaktion Karl Radeks. 

Nr. 9. St. Petersburg, den 3. Januar 1918. 



An Lenin. 

Von A. van Collem. 

(Aus dem Holländischen übersetzt von P. Endt.) 

Entnommen aus dem „Volksrecht", Züricher Parteiblatt (21. Dezember 1917. Nr. 299.) 

Jetzt weiß ich es: die Schönheit wird erreicht. 
Jetzt weiß ich, daß der Dämmernebel weicht. 
Der Proletar erkennt des Lebens Sinn: 
Aus deinem Worte schwoll die Tat, Lenin! 

So sicher als der Baum im freien Feld, 
So hell und klar in seiner neuen Welt, 
So wie der Kämpe steht, der Kamerad, 
Steht sie im Morgenleuchten: deine Tat! 

Bald bringe sie der Börse, die sich bangt, 
Zerstörung! — Auch dem Harnisch, der da prangt 
Um des Proleten ringende Gestalt. 
Sie stürzen! Und mit ihnen die Gewalt. 

Zerstört sei — lichterloh — dort die Kanzlei 
Der Diplomaten; die Soldaterei, 
Die Munition und das Kanonenzeug. 
Die Menschen werden Brüder: freuet euch! 

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Und Alt-Europa, der entlarvte Schuft; 
Von deiner Blendlaterne heimgesucht, 
Erfaßt ein Todesschrecken, weil er weiß: 
Die Menschheit führt er auf dem toten Gleis. 

Was will der Diplomat mit seinem Wort? 
Nur Raserei, Gemetzel, Meuchelmord! 
Heuchlerisch flüstern sie von Staat zu Staat. 
Aus ihrer Friedensbotschaft stinkt Verrat. 

Mein Land ist schwach . . . klein unserer Kämpfer Front. 

Mein' Sehnsucht gilt dir, Steppenhorizont 

Der Russen, diese breite Ewigkeit. 

Mein Land ist klein, voll stiller Heimlichkeit. 

Trotzdem! . . . Auch wir, wir stehn zum Kampf bereit. 
Kriegshölle hier, — und dort die neue Zeit. 
Hört, hört! Wie es im Meere mächtig braust: 
Los von dem Krieg! Es ballt sich jede Faust. 

Wir hassen die Gewalt, doch wenn es muß, 
.Geben wir auch dir, Gewalt, den Bruderkuß. 
Im letzten Atemzug wird man dir gleich, 
Russischer Bruder, in dem roten Reich. 

Zwischendurch versäumte man russischerseits auch nicht, während 
der Friedensverhandlungen den Standpunkt des russischen Proletariats 
durch „Fliegerzettel" zum Audruck zu bringen. Hier einige Proben: 

Offizielles Telegramm der russischen VolKsregierung. 

Die russische Volksregierung versendet durch Funkspruch folgendes Tele- 
gramm (in deutscher Sprache): 

Tsarskoie-Selo, den 6. Februar 1918, 12 Uhr. 
Allen! Allen! 

Brüder! Durch die spitzen Drahtverhaue, durch die dreifachen Schlagbäume 
der Kriegszensur ist zu uns die Kunde gedrungen von dem ruhmvollen Kampfe, 
den ihr gegen den deutsch-österreichischen und somit auch gegen den inter- 
nationalen Imperialismus unternommen habt. Mit unbeschreiblicher Begeisterung 
haben die Arbeiter und Soldaten Petrograds diese Kunde vernommen, die in den 
Herzen aller Proletarier einen noch nie dagewesenen Enthusiasmus entfacht hat. 
In dem Momente, als in Brest-Litöwsk die Vertreter der deutsch-österreichischen 
Großgrundbesitzer und Kapitalisten im Begriffe waren, den Strick am Halse des 
unglücklichen leidenden Polens zuzuziehen, in dem Momente, als verschiedene 
Hoffmanns, Kühlmanns und Hindenburgs das Messer gegen die Freiheit Kurlands 
und Lithauens gezückt haben, in diesem Moment habt ihr, unsere Brüder und 

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Kampfgenossen, in Wien, Berlin, Hamburg, Kiel, Nürnberg, Leipzig und einer 
Reihe anderer Städte eure Stimme erhoben. 

Mit euren Streiks und Demonstrationen, mit der Schaffung von Ausschüssen 
der Arbeiter- und Soldatendeputierten habt ihr gezeigt, daß die Klasse der Ar- 
beiter Deutschlands und Österreichs den Bedrückern und Henkern nicht erlauben 
wird, die sozialistische Sowjetrepublik zu einem Annexions- und Vergewaltigungs- 
frieden zu zwingen. Im Läufe von dreieinhalb Jahren des Räuberkrieges haben die 
Imperialisten mit Feuer und Eisen die Blüte* der Arbeiterklasse vernichtet zum 
Ruhme eines kleinen Haufens von Magnaten des Finanzkapitals. Jetzt endlich 
ist die Stunde der Abrechnung gekommen. Öer Nebel, 'welcher bei Beginn des 
Krieges die Augen eines Teils der Arbeiterschaft getrübt hatte, zerfließt. Jedem 
Arbeiter wurde klar,^ daß von der „Verteidigungdes Vater- 
landes" in diesem räuberischen Kriege keine Rede sein 
kann. Die Masken sind heruntergerissen. Die wirklichen Ziele der impe- 
rialistischen Regierungen sind endgültig entlarvt: sie wollen Bagdad, Riga und 
Warschau an sich reißen oder ihren räuberischen Appetit auf Kosten der afrika- 
nischen Kolonien befriedigen. "Vor diese unleugbare, in ihrer ganzen Blöße 
dastehenden Tatsache sind nun die Arbeiter aller Länder gestellt. Einen Aus- 
weg gib£ nur die internationale sozialistische Revolution. Wir, d. h. alle arbeitenden 
Massen, müssen entweder den Krieg fortsetzen und unser Leben opfern für Ziele, 
welche von einem kleinen Haufen Kapitalisten uns vorgeschrieben werden, oder 
unter den Trümmern der bürgerlichen Herrschaft auch dieses Häuflein Kapitalisten 
begraben, um uns herauszureißen aus dem Feuerreifen des imperialistischen 
Schlachtens und mutig und entschlossen, ohne Besinnen, zum Sozialismus über- 
zugehen. 

Indem ihr, Genossen, eure Ausschüsse der Arbeiterdeputierten geschaffen, habt 
ihr euren Weg gewählt. Das Los ist gefallen. Was auch für Schwierigkeiten 
noch zu überwältigen sind, welcher Art die Zickzacklinien auch noch sein werden, 
welche vielleicht unvermeidlich sind, der Weg ist gewählt, und es gibt keine 
Kraft, welche euch von diesem Wege ablenken könnte. 

Wir erinnern uns dessen, was nicht weit zurückliegt. Es vergingen Monate, 
lange, qualvolle Kriegsmonate. Gespannt wartete wir auf die Stimme der 
deutschen und österreichischen Arbeiter, unserer älteren Brüder und Lehrer. 
Endlich ist diese Stimme laut geworden und erschallt in der ganzen Welt. Wir 
kennen die Schwierigkeiten, die sich euch auf eurem Wege entgegenstellen. Wir 
wußten, daß die deutsche Bourgeoisie noch über eine große Widerstandskraft 
verfügt. Aber wir verloren nicht einen Augenblick den Glauben an die öster- 
reichische und deutsche Arbeiterklasse. Wir wußten, daß die Seuche des Sozial- 
patriotismus vorübergehend sein werde. Wir glauben fest daran: der revolutionäre 
Sozialismus wird auch in der Österreichisch-deutschen Arbeiterbewegung den Sieg 
davontragen. 

Wir erinnern uns der prophetischen Worte eures Genossen Karl Liebknecht, 
welcher im Jahre 1915 in. seiner Kundgebung an die Konferenz in Zimmerwald 
die Losung gegeben hat:* „Kein Burgfrieden, sondern Klassenkampf, das ist 
die Parole unserer Tage!" Voll Dankbarkeit lauschten wir den Worten Karl 

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Liebknechts, welcher im Reichstag den deutschen Soldaten zurief: „Wendet eure 
Waffe gegen die eigenen Agrarier und Kapitalisten!" Eure Führer Karl Lieb- 
knecht und Friedrich Adler sind die liebsten Helden der russischen Revolution 
geworden. Je dunkler die Nacht, desto klarer leuchten die Sterne. Je schwieriger 
die Lage der Arbeiterinternationale war, desto heller glänzten die Namen Friedrich 
Adlers und Karl Liebknechts, dieser Ruhmvollsten unter den Ruhmvollen: Unser 
Petrograder Sowjet hat keinen größeren Enthusiasmus «gesehen als heute in dem 
Momente, als wir Karl Liebknecht und Friedrich Adler ein- 
stimmig zu Ehrenpräsidenten unseres Sowjets erwählt 
haben. 

Brüder! Hört uns zu und schaut auf den schweren und dornenvollen Weg, 
der hinter uns liegt. Im Laufe der ersten Monate der Revolution waren unsere 
Sowjets in den Klauen des Sozialpatriotismus. Nur nach .bitterer Erfahrung und 
einer ganzen Reihe von Fehlern befreiten sich unsere Sowjets von dem Irrtum 
der Verteidigungspartei, der der russischen und internationalen Revolution teuer 
zu stehen gekommen ist. 

Genossen! Wiederholt unsere bitteren Erfahrungen nicht noch einmal; dazu 
ist der gegenwärtige Moment zu ernst und die Verantwortung zu schwer, die jetzt 
auf der deutsch*österreichischen Arbeiterbewegung liegt. Als lebendige Ver- 
wirklichung dessen, was die Arbeiterklasse nicht tun soll, 
steht der Sozialpatriotismus vor uns, der nicht nur völlig 
Bankerott gemacht hat und demoralisiert ist, sondern. auch 
von dem besten Teil des Weltproletariats abgelehnt wird. 
Der Bürgerkrieg geht in Rußland seinem Ende zu, bei völligem Siege der Sozial- 
revolution. In Finnland steht diese vor ihrer siegreichen Vollendung. In Öster- 
reich und Deutschland sind Ausschüsse der Arbeiterdelegierten gebildet worden. 
Das „rote Gespenst" des Kommunismus zeigt sich in ganz Europa. Die Stunde 
der sozialistischen Revolution ist gekommen; wir müssen jetzt bereit sein, alles 
dahinzuopfern für den Sieg des Sozialismus. Den Sozialisten unserer Generation 
ist das große Glück zugefallen, an dem Entscheidungskampfe teilzunehmen. 
Nicht in Brest-Litowsk werden jetzt die Friedensverhand- 
lungenentschieden, sondern, auf den Straßen Berlins und 
Wiens und anderer deutsch-österreichischer Städte, sowie 
innerhalb der Wände der Wiener und Berliner Ausschüsse der Arbeiterdelegierten. 

Brüder! Wir glauben fest daran, daß von eurer Seite aus alles geschehen 
wird, um die Friedensverhandlungen, die von der russischen Arbeiter- und 
Bauernregierung mit der Regierung Kühlmanns begonnen worden sind, als Ver- 
handlungen der russischen Arbeiter- und Bauernregierung mitderdeutschen 
Regierung Karl Liebknechts enden zu lassen. Alles Beste und 
Heldenhafte im Weltproletariat lauscht in atemloser Spannung auf euch, Genossen 
und Mitglieder der Wiener und Berliner Arbeiterausschüsse und der Arbeiter- 
delegierten. Euer Sieg wird den Sieg des Proletariats vollständig und unwider- 
ruflich machen, denn zwei siegreiche Revolutionen in Rußland wie in Deutsch- 
land müssen unbezwinglich sein. Die Sowjets sind die 'neue Organisation, welche 
von der Sozialrevolution in allen Ländern in den Vordergrund gerückt worden ist. 

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Sowjets liegen im Keim der Arbeiterbewegung Frankreichs, Italiens und Eng- 
lands. Eine neue Zeit fordert auch immer ein neues Gewand für die neuen 
Ereignisse. Sowjets, so lautet das neue' Wort, das die Arbeiterrevolution aus- 
gesprochen hat. Der internationale Kongreß der Sowjets heißt das Werk, das die 
Geschichte in den Vordergrund gerückt hat Ihr, Genossen, haltet das Schicksal v <v *. 
dieses zukünftigen Kongresses in euren Händen. Die internationale RevokiJ^ir T ■".. } ''*i> *•■■ 
pocht an die Tore, und klar" und deutlich vernehmen wir alle schon das Öpubi^ ; ; 
•reläute des Kapitalismus. » !''** 

Es kbe die internationale und sozialistische Revolution! Es leben die Sowjets 
der Arbeiter- und Soldatendelegierten Europas in der ganzen Welt! 



An das sozialistische Proletariat Deutschlands. 

Soldaten, Arbeiter, Arbeiterinnen. 

In Rußland hat das Proletariat die politische Macht ergriffen, die Arbeiter 
und Soldaten haben über die Regierung der Generäle, der Junker und Kapitalisten 
gesiegt. Noch niemals ist dem Proletariat eine so große Aufgabe zugewiesen, wie 
in diesem Augenblick. 

Als Gegner des Kapitalismus und aller imperialistischen Bestrebungen hat 
die proletarische Regierung Rußlands einen allgemeinen Waffenstillstand, zum 
Zwecke eines auf dem Selbstbestimmungsrecht aller Völker beruhenden Friedens 
angeboten, der auf allen Seiten Annexionen jeder Art, offene und verschleierte, 
ausschließt. 

Ihr aber lebt noch unter der Fuchtel der Junkerregierung, die, um fremde 
Länder zu erobern, mit Hilfe des Belagerungszustandes, euch zu hungernden 
Sklaven gemacht hat und euch ausbeutet bis zum letzten Blutstropfen. 

Soldaten, Arbeiter, Arbeiterinnen. 

An euch richtet sich der Ruf des roten Rußlands. Ihr, denen in die Augen 
das Gespenst des vierten Winterfeldzuges schaut, ihr, nach deren Söhnen, Vätern 
und Brüdern es die eisige Hand ausstreckt, ihr habt jetzt das Wort. 

Um eure Leibesinteressen, um euer Blut geht es. Wenn ihr euch uns. nicht 
anschließt, dann werden die Junker und Kapitalisten euch so lange von einem 
Kriegsfeld aufs andere schleppen, bis ihr verblutet. Schließt euch 
der russischen Revolutionan! Nicht zu Sympathiekundgebungen, zum 
Kampf rufen wir euch auf. 

Steht auf! 

Geht auf die Straße! 

Laßt die Fabriken stehen! 

Es darf keinen vierten Winterfeldzug mehr geben, es 
darf kein Schuß mehr fallen! 

Fordert die Befreiung der eingekerkerten Genossen, die das Vertrauen des 
Internationalen Proletariats genießen, damit sie an der Friedensarbeit teilnehmen 
können. 

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Traut keinen Friedensphrasen. Beurteilt die Regierung danach, ob sie 
sofortigen Waffenstillstand auf allen Fronten, ob sie sofortige Friedensver- 
handlungen anerkennt, ob sie sich zum Frieden ohne Annexionen und Kontri- 
butionen auf Grund des Selbstbestimmungsrechts aller Völker bekannt. 

Bildet" überall Arbeiter- und Soldatenräte, als Organe eures Kampfes um 
den Frieden. 

Es lebe der sofortige Waffenstillstand! Kein Schuß 
falle mehr. 

Zu den Friedensverhandlungen! 

Rückt aus zum Kampfe um den Frieden, vom freien Willen der 
Völker geschlossen! 

Die ausländische Kommission des Zentralkomitees der Bolschewiki. 

Telegramm der russischen VolKsregierung. 

Kurz bevor di£ russische Volksregierung durch die von 
deutschen Junkern geführte Armee zum Friedensschluß ge- 
zwungen wurde, richtete sie an das deutsche Volk, an die 
deutschen Soldaten, an das deutsche Proletariat, in deut- 
scher Sprache folgenden Funkspruch: 

Tsarskoie-Selo, den 14. Februar 1918. 

Rußland erklärt den Krieg mit dem deutschen, österreichischen, bulgarischen 
und türkischen 'Volke für beendet. Die Würfel sind gefallen! Die Junker und 
Kapitalisten der Zentralmächte wollen keinen Frieden mit der proletarischen Re- 
gierung schließen. In den wiederaufgenommenen Verhandlungen, die auf Wunsch 
v. Kühlmanns für drei Tage unterbrochen wurden, stellte es sich mit unleugbarer 
Deutlichkeit heraus, daß der Imperialismus der Zentralmächte die von ihm er- 
beuteten Völker um keinen Preis freigeben will. Die russische Revolution, die auf 
ihrem Banner und anderem das freie Selbstbestimmungsrecht der Völker trägt, 
kann nicht einen Frieden, der dies Recht schmählich mit Füßen tritt, unterzeichnen. 
Die Imperialisten der Zentralmächte verlangen aber die sofortige Unterzeichnung 
eines Friedens, der 'alle in Frage kommenden Völkerschaften vollständig preisgibt. 
Das war eine Herausforderung der russischen Revolution, ein Schlag ins Gesicht 
dem Proletariat der ganzen Welt. Die russische Delegation in Brest-Litowsk 
nahm die Herausforderung an, sie kann und will sich nicht vor dem Imperialismus 
beugen, und im Namen der russischen Revolution und des Proletariats der ganzen 
Welt gab sie den Imperialisten am 10. Februar in Brest-Litowsk folgende Antwort: 
der Krieg mit dem deutschen, österreichischen, bulgarischen und türkischen Volke 
ist für uns beendet. An dem Kriege, in dem das betrogene und betörte Proletariat 
der ganzen Welt seine Klassengenossen auf Geheiß seiner Imperialisten totschlug, 
nimmt das russische Proletariat nicht mehr teil. 

Genossen! Das Unvermeidliche ist geschehen. 

Der Imperialismus warf in dem Augenblick, wo seine Vertreter einsahen, 
daß die russische Revolution beim Proletariat der ganzen Welt einen mächtigen 
Widerhall fand, der russischen Revolution den Fehdehandschuh hin und' erklärte 
hiermit auch euch den Krieg bis aufs Messer. Die Verhaftungen eurer Führer, die 

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Militarisation derjenigen Fabriken, in denen die Arbeiter energischer die Inter- 
essen ihrer Klasse vertreten, alles das ist nur der Anfang des Unterdrückungs- 
feldzugs der Kapitalisten gegen euch. Der Kapitalismus gedenkt euch zu Henkern 
der russischen Revolution zu machen, denn nur durch eure Hände konnte er hoffen, 
die russischen revolutionären Arbeiter, Bauern und Soldaten den russischen 
Kapitalisten wieder untertänig zu machen und die rote Garde zu ersetzen durch 
Schutzleute, Söldlinge der Junker und Kapitalisten; nach ihnen sehnen sich die 
unterdrückten russischen Kapitalisten, wobei sie voll Hoffnung die Augen auf den 
Nachbar, den deutschen Imperialismus, richten. Dieser eilt ihnen denn auch gern 
zu Hilfe, um der verhaßten russischen Revolution und damit auch der begin- 
nenden Weltrevolution ein Ende zu machen. Schmach und Schande denjenigen, 
die die Hände gegen die russische Revolution zu erheben bereit sind. Fester müßt 
ihr jetzt eure Reihen schließen, um gemeinsam mit der russischen Revolution 
für den Sozialismus zu kämpfen. Es darf keine Minute verloren gehen; der 
| Kampf muß sofort aufgenommen werden. 

! Deutsche Arbeiter und Soldaten! Durch die Schuld der Imperialisten ist es 

I nicht zum Friedensschluß gekommen. Wir wissen, daß ihr uns als Feiglinge 

betrachtet hättet, wenn wir die beleidigenden Friedensbedingungen eurer Unter- 

j drücker angenommen hätten. Wir haben sie zurückgewiesen. Aber gleichzeitig 

liefern wir euch den Beweis, daß es unser sehnlichster und aufrichtigster Wunsch 

I ist, den Frieden zu erlangen. Das russische Heer wird demobilisiert, trotzdem 

i der Friedensvertrag mit den Junkern und Kapitalisten nicht unterzeichnet werden 

'konnte. Diese Herren wollen lieber gegen die russische Revolution kämpfen, als 

Frieden schließen. Wir aber wollen nicht mehr unsere Brüder und Genossen 

morden. Genug des Blutes ist geflossen, rufen wir, und wir vertrauen auf eure 

Unterstützung. 

Wir vertrauen darauf, daß ihr nicht einen Schritt mehr gegen das russische 
Volk unternehmen und euch nicht zu Henkern der russischen Revolution ernie- 
drigen werdet. Durch die Demobilisation der Armee schließen wir mit euch 
tatsächlich den Frieden, und werden später, gemeinsam mit euch die Bedingungen 
ausarbeiten, die allen Völkern die ersehnte Freiheit garantieren. Wir erwarten, 
daß ihr die Situation nicht ausnützen werdet, um euch mit erneuter Macht auf 
eure französischen, englischen, belgischen, amerikanischen und serbischen Brüder 
zu stürzen. Eine Niederlage des Proletariats dieser Länder durch eure Hand 
würde nur die bereits ins Schwanken geratene Position aller Regierungen be- 
festigen. Wir schließen nicht deshalb an der Ostfront über die Köpfe eurer 
herrschenden Klassen hinweg mit euch Frieden, damit ihr gehorsam an der West- 
front das Morden fortsetzt. — Durch die Demobilisation der russischen Armee 
muß auch den ärgsten Zweiflern jedes Mißtrauen gegenüber der russischen 
Revolution schwinden. Aber euren Junkern und Kapitalisten gegenüber, die soeben 
ihre Unfähigkeit, die von ihnen entfesselten Kriegsstürme zum Schweigen zu 
bringen, bewiesen haben, hat sich eure Macht verdoppelt. Ihr braucht nicht 
fürder in Verteidigungsstellung an der Ostgrenze zu stehen, sondern könnt dem 
Feind im eigenen Land eure Macht fühlen lassen. Die jetzt in Rußland in 
Bildung begriffene rote Armee ist kein Instrument des Bruderkrieges, sondern 
das Heer des Klassenkampfes, das nicht gegen euch kämpfen wird, sondern allen 

10 Unterirdische Literatur J45 



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Revolutionären, die seine Hilfe anrufen, zur Seite steht. Die Interessen der rus- 
sischen Revolution und die Interessen des zentraleuropäischen Proletariats, wie 
auch des Proletariats aller Länder sind die gleichen. Aber gebt euch nicht dazu 
her, Ketten zu schmieden für das Proletariat anderer Länder; mit solchen Ketten 
würdet ihr nur selbst gefesselt werden. 

Glaubt nur, das Proletariat der anderen Länder wird im Kampf gegen die 
Unterdrücker an eurer Seite stehen und nicht über euch herfallen, wie man euch 
vorschwatzt. Euer mächtiger Proteststreik rief sofort ein starkes Echo in allen 
anderen Ländern hervor; vergeßt dieses nicht und baut auf die Solidarität der 
Arbeiterschaft. Das Schicksal der Revolution, des erlösenden Friedens und des 
Sozialismus ist in eurer Hand. Wir sind fest überzeugt, daß ihr das euch von 
der russischen Revolution geschenkte Vertrauen rechtfertigen und die historische 
Mission des Proletariats, d. h. den Sturz des Kapitalismus erfüllen werdet. 

Keinen Schuß mehr gegen das Proletariat! Auf zum 
Kampfe gegen die Junker und Kapitalisten! E* lebe der 
ewige Friedender Völker! Es lebe der yölkererlösende 
Sozialismus. 

Im Auftrage der russischen Volksregierung allen Völkern übermittelt. 



Im Laufe des Jahres 1918 erhielt diese propagandistische Tätigkeit 
ihre Erweiterung dadurch, daß das deutsche Inland und die deutschen 
Gefangenen in Rußland in ihren Kreis einbezogen wurden. Es handelt 
sich hierbei immer um Material das Aufklärung bringen will über die 
durch die proletarische Revolution in Rußland gezeitigten Verhältnisse, 
woran sich gewöhnlich eine Nutzanwendung auf Deutschland schließt. 
In Moskau hatte man zu diesem Zweck eine deutsche Propaganda- 
Zentrale geschaffen, die von ihrem Domizil im Dresdner Hof aus mit 
Flugblättern, Broschüren und der Zeitschrift „Die Weltrevolution" ihre 
Tätigkeit entfaltete. Diese Stelle nannte sich: „Deutsche Gruppe der 
russischen kommunistischen Partei (Bolschewiki). Man brachte u. a. 
hier heraus neben der „Weltrevolution", von der mir einige fünfzig 
Nummern vorgelegen haben, Paul Lafargue: Zum Reich des Sozialismus 
(übersetzt von B. Bartels). Marx-Engels: Das kommunistische Manifest 
(mit einer Vorrede vom Juli 1918 von der Redaktion der „Weltrevolution" 
und einem Schlagwortregister als Anhang). Die „Zimmerwalder Mani- 
feste", von L. Trotzky: Was ist ein Friedensprogramm, und Kolontei: 
Wem nützt der Krieg? Zu diesen Publikationen möge der folgend 
reproduzierte Artikel die Illustration liefern. 

Welt-Revolution. 

Herausgegeben von der deutschen Gruppe der russischen kommunistischen Partei 
Nr. 49. Moskau, den 10. Oktober 1918. 

146 



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Der Krieg und der internationale Bolschewismus. 

(Rede des Genossen Karl Radek.) 

Bei kolossalem Andrang von Arbeitermassen fand in der von nun an histo- 
rischen Fabrik Michelsohn (wo Lenin verwunde^ wurde. D. R.) ein Meeting statt, 
auf welchem Genosse Radek ein£ glänzende Rede hielt, in welcher er ausführ- 
lichen Bericht über die politische Lage erstattete: 

Als im Jahre 1914 verfluchten Angedenkens Deutschland das deutsche Volk 
in den Krieg warf, zogen die deutschen Arbeiter, ohne ein Wort des Protestes, 
zur Schlachtbank. ^Die IL Internationale starb. Die Bourgeoisie der ganzen Welt 
konnte tirumphierend ihren Sieg feiern; ihr schien es, der Krieg habe der Ar- 
beiterklasse einen tödlichein Schlag versetzt. Und als in diesen für die Arbeiter- 
schaft verhängnisvollen Tagen eine kleine Handyoll Sozialisten erklärte, es kommt 
die Stunde, wo die Arbeiterschaft Rechenschaft für das vergossene Blut, für all die . 
Greuel und das Elend fordern wird, da schaute man auf diese Leute wie auf 
Irrsinnige. Als ich zufällig mit Gen. Lenin zusammentraf, klagte er, es sei ihm 
nicht bei einer einzigen* Zeitung gelungen, seine Thesen zu veröffentlichen und zu 
erklären, daß die Stunde kommen wird, wo die Sklaven für ihre ewigen Rechte sich 
erheben werden. Heute, 4 Jahre darauf, lebt der stärkste aller Imperialismen, der 
deutsche, seine letzten Tage. Als wir vor zwei Tagen, auf Antrag des 
Gen. Lenin die Resolution annahmen, der ganzen Welt offen zu erklären, daß wir 
bereit sind, der siegenden deutschen Revolution bald zu Hilfe zu eilen (stürm. 
Applaus), haben wir nicht gezögert. Heute ist der Vertreter der deutschen Re- 
gierung so tief gesunken, daß er nicht ein einziges Wort des Protestes gegen 
unsere Erklärung verloren hat. 

Niemals hat der tiefe Glaube an den Sozialismus, dieser unerschütterliche 
Glaube, sich so bestätigt, wie gerade jetzt. 

Worauf gründen sich unsere Hoffnungen? Die Kapitalisten haben die Arbeiter, 
der ganzen Welt auf die Schlachtbank geworfen, die Kapitalisten haben die gehor- 
same Masse genommen und gesagt: „Deine Arbeit, dein Schweiß ist uns zu 
wenig, wir wollen dein Blut trinken!" Und ohne zu murren, starb der Arbeiter 
für die ihm fremden kapitalistischen Interessen. Vor einem Protest hielt ihn seine 
wirtschaftliche Lage zurück: er kam nach Hause und hörte die steten Klagen von 
Frau und Kindern, er war gezwungen, ihnen Genüge zu tun, indem er dem 
Kapitalisten seine Arbeitskraft verkaufte. Indessen schaut jetzt auf die ganze Welt: 
In den reichsten Ländern gibt es nichts zu essen. Die Kapitalisten sprechen 
gleichsam: „Wenn ihr Brot wollt, so schreitet über meine Leiche." 

Nicht Brot, nicht Frieden, nicht Ruhe kann eintreten, solange Gold und 
Kapitalien m den Händen der Kapitalisten sich befinden. 

Alle unsere Prophezeiungen sind in Erfüllung gegangen, jedoch nicht alle mit 
einem Male. Seit Beginn des Krieges haben die Kapitalisten aller Länder ihren 
Arbeitern mit dem Einfall der Feinde gedroht^ dank dem sie ihre armseligen Rechte 
verlieren würden. 

Seit Anbeginn des Krieges hat der deutsche Imperialismus glänzende Erfolge 
zu verzeichnen gehabt. Gerade deswegen hat er siegen können, weil er aus den 

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deutschen Arbeitern alles für den Krieg herauspreßte. Mit Organisation, mit Drill 
hat der deutsche Imperialismus die ganze Weit besiegt, und in erster Linie das 
zur Hälfte bäuerliche Rußland. Die deutsche Regierung hat Rußland auch in 
Brest-Litowsk besiegt. Wir hatten damals keine Armee zur Verfügung, — sie war 
in die Dörfer auseinander gelaufen, fortgerissen durch das ihr zufallende Land. 
Und wir waren gezwungen, was man von uns« verlangte, zu unterschreiben. 

. Die deutsche Armee steht vor ihrer Vernichtung. Der österreichischen, türki- 
schen, ist eine neue Kraft, eine neue Nebenbuhlerin entstanden, die immer frische 
Armeen entsandte, während Deutschland schon drei Kriegsjahre hinter sich hatte. 
Der deutsche Imperialismus ist von den eisernen Armen des amerikanischen 
Kapitals umspannt. Die deutsche Armee ist ins Wanken geraten, noch mehr 
jedoch die deutsche Bourgeoisie, sie fleht die Regierung 'an, den Krieg zu enden. 

Die deutsche Armee steht vor ihrr Vernichtung. Die österreichische, türkische, 
bulgarische Armee sind Bauern- Armeen. Während des Krieges sagte uns unser 
bulgarischer Genosse Kirtoff in Stockholm: „Unser Bauer wird genau so nach 
Hause gehen, wie es der russische getan hat." Das ist auch wörtlich 
so eingetroffen. Wo die Offiziere sie zurückhalten wollten, wurden sie nieder- 
gemetzelt. 

In Österreich lebt die Regierung ihre letzten Tage. Sie appelliert an die 
Bourgeoisie, beruft das Parlament ein und sagt: „Bourgeois aller Länder, ver- 
einigt euch!" Doch können sie sich nicht vereinigen — die Tschechen, die 
Kroaten, die Ungarn. 

Kaiser Wilhelm hat kapituliert, ihm ist einstweilen die Krone geblieben. 
In seinem panischen Schrecken beschloß er, einen Köder zu zeigen: die Macht 
dem Parlament zu übergeben. Doch die Könige des Stahls, des Eisens und Blutes 
glauben nicht, daß das Parlament die Massen zurückhalten wird, und beteiligen 
sich nicht an der Regierung. Im Laufe einer Woche versammeln sich die 
Hbammen um das neugeborene Kind und stellen Programme zusammen. An die 
Spitze der Regierung wird die Kandidatur des Prinzen Max von Baden gestellt 
Der Führer der deutschen Verräter — Scheidemann, der jetzt nicht einmal in 
seinem eigenen Wahlkreis erscheinen kann, damit man ihn nicht auspfeife 
(stürmischer Applaus), der Henker, die verächtlichste Figur unter der deutschen 
Arbeiterschaft, — der soll jetzt die Volksmassen zurückhalten! . . . v 

Bei seiner Abreise aus Moskau bemerkte Helfferich ironisch, unsere Re- 
gierung sei ja nur zeitweilig. Ich sagte ihm: „Sie brauchen sich deswegen nicht 
besonders zu beunruhigen. Wir sind Schüler des großen Lehrers, unseres, des 
deutschen Gelehrten, Karl Marx, der uns lehrte, „daß alles zeitweilig 
ist". Die deutsche Regierung hat das jetzt an ihrem eigenen Leibe erfahren 
(Applaus). 

Wenn Zeretelli, die Kerenskis, die Tschernows, die ehemaligen Revolutionäre, 
das Vertrauen der Massen in acht Monaten eingebüßt haben, sq wird mit Herrn 
Scheidemann der deutsche Arbeiter in acht Wochen fertig. Was kann die neue 
Regierung geben? Brot wird sie nicht geben, denn sie hat keines. 

Wir haben den Arbeitern Deutschlands öffentlich von der Tribüne des Zentral- 
Exekutivkomitees erklärt, sobald* ihr die Macht nehmt, werden wir euch Brot geben, 

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mögen wir auch selbst hungern. Die Regierung verheißt Freiheit. Und doch 
hat diese Regierung der Verräter der Arbeiterklasse nicht gewagt, die Befreiung 
Karl Liebknechts zu fordern. Und die Arbeiterklasse wird den verachteten Scheide- 
mann fragen: „Kain, wo ist dein Bruder Abel?" (Stürmischer Applaus.) 

Wir stehen am Vorabend einer deutschen und österreichischen Revolution, am 
Vorabend des Aufstandes unseres älteren Führers, des deutschen Proletariats, das 
in seinem Sieg das internationale Proletariat zum Sieg führen wird. 

Und jetzt, wo die Stunde des Sjeges der deutschen Arbeiter naht, müssen 
die Arbeiter Rußlands wissen, was sie zu tun haben. 

Der Führer der (russischen) Sozialverräter, Dan, erklärt jetzt, sie würden sich 
für die Räteregierung aussprechen, wenn wir Deutschland den Krieg erklären 
würden. Das würde jedoch eine Vereitelung der deutschen Revolution bedeuten. 
Wir erinnern uns sehr wohl daran, daß nichts die deutsche Revolution so auf- 
gehalten hat, wie die Juni-Offensive Kerenskis. Und wenn wir Wilhelm 
helfen wollten, dann würden wir jetzt Deutschland den 
Krieg erklären. 

Wir sagen den deutschen Arbeitern: „In deiner Wohnung liegt ein stinkender 
Leichnam, nimm ihn und wirf ihn in den Fluß!" 

Wir haben gestern vor aller Welt erklärt, daß wir eine Armee von drei 
Millionen Mann bilden werden. Und das wird geschehen. Es wird ein eiserner 
Brotvorrat geschaffen werden. Den aufständischen deutschen Arbeitern werden wir 
mit allem helfen. 

Gleichzeitig werden wir erbarmungslos mit den „Bundesgenossen" kämpfen. 
Wir sagen: „Wenn ihr eure Unterdrücker besiegen werdet, wenn* die Imperialisten 
die Arbeiterevolution erwürgen wollen, werden wir mit euch ein Bündnis schließen, 
welches wir mit den Imperialisten eurer Länder nicht schließen wollten. Von 
der Wolga bis zum Rhein wird eine einzige rote Front der 
Proletarierrevolution sein. (Stürmischer Applaus.) 

Proportionen dem deutschen Rückzug wird der Brester Vergewaltigungs- 
frieden liquidiert werden. Und am Tage der völligen Liquidierung dieses Friedens 
wird das rote Banner der Revolution gehißt werden. 

Gestern wurde von der Tribüne des Zentral-Exekutiv-Komitees der Brief des 
Vorsitzenden des Volkskommissarenrates verlesen, worin es heißt, die deutsche 
Regierung sei gestorben. 

Wenn die deutsche Regierung etwa protestieren wollte, so werden wir ihr 
sagen: „Wir agitieren ja nicht, wir nennen nur die Dinge beim richtigen Namen. 
Das Ungetüm, das mit großer Verspätung geboren wird, ist zur Vernichtung ver- 
dammt, und es wird ihm der Kopf abgenommen werden müssen, selbst wenn 
dieser Kopf eine Krone tragen sollte"*). 

Wenn die türkische Regierung Baku nicht zurückgibt, so besteht der Brester 
Frieden in bezug auf die Türkei nicht mehr, und wir werden zusammen mit 



*) Das Ungetüm = das neue deutsche Koalitionsministerium. Der Kopf mit 
der Krone = der neue Reichskanzler Prinz Max von Baden. (D. Red.) 



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den werktätigen Massen Armeniens gegen die Türkei kämpfen.. Jetzt räumer 
die Türken Baku. (Applaus.) 

In der Ukraine hat es Genosse Rakowsky**) verstanden, die Verhandlungen 
in eine Agitation für das Räterußland zu verwandeln. Mit der russischen Konter- 
revolution in Kiew haben wir keinen Frieden zustande bringen können. Die 
deutsche Regierung aber ist gezwungen, die deutschen Truppen aus der Ukraine 
fortzuführen. Und möglicherweise kann in der Ukraine vom schwarzen Meer aus 
eine englische Invasion stattfinden, und wir müssen dann der aufständischen Räte 
Ukraine zu Hilfe eilen und mit dem Gewehr in der Faust den Brester Frieden 
liquidieren. Wir werden diesen Winter noch ukrainisches Brot essen, und nicht 
allein wirj sondern auch die Arbeiter Deutschlands und Österreichs. (Stürmischer 
Applaus.) Der Brester Frieden stirbt. Wir müssen alle unsere Kräfte anspannen 
Wir sind jetzt nicht „Moskowien oder Sovdepien" (das heißt, wir dürfen jetzt 
keine Lokalpatrioten sein. D. Red.) sondern die Avantgarde der Weltrevolution im 
buchstäblichen Sinne des Wortes. Jetzt handelt es sich um die Befreiung des 
Proletariats der ganzen Welt. Es kommt der Moment, wo es keine Sklaven und 
Sklavenbesitzer geben wird. Es naht die Welt, wo alle arbeiten, denken, und Leid 
und Freud gemeinsam ertragen werden. Es naht die Welt, die die Menschheit 
aus der Knechtschaft befreien wird, die im Blute geboren wird. 

Alle müssen Schwerter schmieden. Alle an die Staatsarbeit! Alle müssen 
Soldaten 'der Proletarierrevolution sein. Die Befreiung der Arbeiterklasse kann 
nur eine Sache der Arbeiterklasse selbst sein. Nicht die Gewählten allein sollen 
Arbeite r'deputierte sein, sondern jeder Arbeiter muß Arbeiterdeputierter, 
muß Vertreter der Arbeiterklasse sein. 

Auf euch sieht jetzt die ganze Welt. Wir wollen siegen und wir werden siegen. 

In euren Händen ist jetzt das Schicksal der Arbeiterbewegung. In euren 
Händen — die rote Fahne und auf dieser Fahne die Worte: „Befreiung der 
Arbeiterklasse, in Fabriken und Werkstätten". Mit der Büchse in der Hand, fest- 
haltend diese Fahne und mit dieser Fahne werdet ihr siegen! 



Das, in Deutschland verbreitete Material kam naturgemäß erst später 
d. h. vom Juli an und besonders in den letzten Monaten vor der 
deutschen Revolution zur Zirkulation. Der Ursprung dieser Druck- 
sachen ist, wie die ganze Herstellungsweise bekundet, im Auslande zu 
suchen, so für das Folioblatt in Skandinavien und, wie Papier und 
Satz zeigen, obgleich Zürich als Verlagsort angegeben ist, für die Bro- 
schüren in Rußland. Es stellt an Umfang, klarer und packender Schreib- 
weise entschieden alles in den Schatten, was bisher vom Auslande und in 
Deutschland in dieser Hinsicht geleistet wurde. Seiner Bedeutung ent- 
sprechend, seien breite Stellen davon nachstehend zitiert. 



**) Rakowsky — Tührer der rumänischen rev. Soz.-Dem. war von der 
Rätegewalt zu den Friedensverhandlungen nach der Ukraine delegiert. 

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Thesen über die sozialistische Revolution und die 
Aufgaben des Proletariats während seiner Diktatur 

in Rußland. 

I. Theoretische Einleitung. 

1. Die wichtigste Frage für die sozialistische Revolution ist die Frage des 
Verhaltens der Kommunisten (rsp. der revolutionären Sozialdemokraten) zum 
imperialistischen R a u b s t a a t. Alk anderen Fragen, z. B. die Frage über die 
„Vaterlandsverteidigung" — sind sekundärer Natur. (Vaterlandsverteidigung ist 
nichts anderes, als Verteidigung — oder besser gesagt — Erweiterung der Grenzen 
des Raubstaates.) 

2. Der Staat, nach Marx* Lehre, ist eine Unterdrückungsorganisation der 
herrschenden Klassen. Von jetzt ab müssen wir drei Grundfragen über den 
Staat stellen: a) über den Staat in der „Zukunftsgesellschaft", b) über den Staat 
während der proletarischen Diktatur und c) Über den imperialistischen Raubstaat, 
d. h. über die staatliche Organisation des Finanzkapitals. 

3. Der Staat in der kommunistischen Gesellschaft existiert nicht 
(„stirbt ab", wie Engels sagte), denn es gibt Iceine herrschende Klasse mehr und 
folglich keine Organisation der betreffenden Klasse. Das „Wesen" des Staates 
besteht nicht in der Zentralisation an und für sich, sondern in der sozialen, 
gesellschaftlichen Unterdrückungsfunktion, ebenso wie das „Wesen" des Kapitals 
nicht in der Funktion der Produktionsmittel besteht, sondern in den bestimmten 
Verhältnissen der Menschen zueinander. Mit der Vernichtung dieser Funktion 
ist auch das volle Absterben des Staates gegeben. 

4. Zwischen dem Kommunismus und dem Imperialismus liegt die dauernde 
Epoche der proletarischen Diktatur. Der Staat existiert hier als p r o 1 e - 

• t a r i s c h e Organisation. Das ist auch eine Unterdrückungsorganisation, aber 
gegen die Bourgeoisie und ihre Helfer. Die Unterdrückungsfunktion ist hier ge- 
geben, aber der Klassen sinn dieses Staates ist eine Antithese zum impe- 
rialistischen Raubstaat. 

5. Der imperialistische Raubstaat (der Staat des Finanzkapitals) 
verwirklicht die potenzierte Kraft des Kapitalismus. Er unterscheidet sich von den 
anderen staatlichen Formen des Kapitals dadurch, daß er die Verallgemeinerung 
und Konsolidierung fast aller bürgerlichen Organisationen darstellt: (die wich- 
tigsten Organisationen der Ausbeutung — Trusts, Syndikate usw. — werden vom 
Staate aufgesogen („der Staatskapitalismus"). Der imperialistische Staat ist nicht 
eine, sondern die Organisation des Finanzkapitals. Wegen besonderer Ver- 
hältnisse in Rußland war diese Form nur im Keime gegeben. 

II. Die Eroberung der politischen Macht seitens des Proletariats. 

6. Die offizielle Sozialdemokratie und der „ounowisierte" (?) 
„Marxismus" (!), als Ideologie dieser Partei, haben die Lehre von Marx über die 
Eroberung der Macht vollständig prostituiert. Aber auch die Zentrumsleute, mit 
Kautsky an der Spitze, stehen in dieser Hinsicht nicht weit von den jetzigen 
sozialdemokratischen Henkern der sozialistischen Revolution. Ihrer Ansicht nach 

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ist die politische Gewalt, der Staat, ein selbständiges Objekt, das aus den Händen 
der Bourgeoisie in die Hände des Proletariats übergeht: zuerst war — so 
meinen sie — der staatliche Apparat in den Händen des Kapitals, dann ist 
derselbe Apparat zum Proletariat übergegangen. Mit dieser Illusion ist einer- 
seits der parlamentarische Kretinismus, andererseits die heilige Furcht, das „Vater- 
land" zu schädigen, aufs engste verbunden. 

7. In der Wirklichkeit, der auch die Marxsche Theorie vollkommen entspricht, 
kann die Eroberung der politischen Macht seitens des Proletariats sich nur in der 
Form der Zerstörung („Sprengung", wie Engels sagte) des bürgerlichen Staates 
(resp. Vaterlandes) vollziehen und in der Organisierung eines neuen 
Apparates, nämlich des proletarischen Staates. Einige Elemente 
des alten Staates können natürlich ausgenutzt werden. Die anderen verschwinden 
dabei ganz. Konkret gesagt: die sozialistische Revolution kann nicht siegen, 
ohne' den Sieg über die bewaffneten Kräfte des Imperialismus davongetragen 
zu haben — und das bedeutet die Zerstörung der „vaterländischen" militärischen 
Kraft; die sozialistische Revolution zerstört vollständig das Polizeiwesen, das 
Spitzeltum, die bürgerlichen Gerichte, teilweise auch die ökonomischen Orga- 
nisationen, deren Konstruktion ganz spezifisch ist. Nur so — und keineswegs 
anders — ist die sozialistische Revolution denkbar. Wer aber den Unter- 
drückungs-Raubapparat der Bourgeoisie schont, darf von keiner Revolution teden. 

8. Mit dieser Auffassung der Machteroberung sind auch die bestimmten 
Kampfesmethoden verbunden, nämlich die Massenaktionen des Proletariats. Jetzt 
ist es ganz klar, daß diese Methode nur durch die Gewaltstreiks und als logische 
Folgerung durch den bewaffneten Aufstand realisiert werden kann. Vorüber- 
gehende Desorganisation, die dabei entsteht, ist die Vorbedingung weiterei 
organischer Arbeit auf neuer Basis. 

In Rußland wurden Marx' Anschauungen praktisch verwirklicht durch den 
von den Bolschewiki (Kommunisten) geführten Novemberaufstand. Der bürgerliche 
Staat ist verloren gegangen: Polizei, Gendarmerie, Spitzeltum, staatliche, 
kirchliche Organisationen, bürgerliche Gerichte — alles ist vernichtet worden. 
Die frühere militärische Organisation ging auch notwendigerweise 
zugrunde. Es wird alles auf neue« Basis geschaffen, die der neuen Klasse und 
den neuen Aufgaben entspricht. 

III. Die Form der proletarischen Diktatur — die Sowjetrepublik 

9. Bisher lehrte man die Notwendigkeit der proletarischen Diktatur, 
ohne die Form dieser Diktatur untersucht zu haben. Die russische 
sozialistsiche Revolution hat - diese Form entdeckt — es ist die Form 
der Sowjet-Republik, als Form der dauernden Diktatur des Proletariats 
und (in Rußland) der ärmeren Schicht des Bauerntums. Dabei ist es 
wichtig, folgendes -zu bemerken: hier ist die Rede nicht von einer vorüber- 
gehenden Erscheinung im engeren Sinne des Wortes, sondern von der Staats- 
form während einer ganzen historischen Epoche. Es gilt hier gerade eine neue 
Staatsfrorm zu organisieren, was nicht zu verwechseln ist mit einigen be- 
stimmten Maßnahmen gegen die Bourgeoisie: die Maßnahmen sind nur Funktionen 

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der besonderen staatlichen Organisation, die den riesigen Aufgaben und Kämpfen 
angepaßt sein muß. 

10. Der Sinn der proletarischen Diktatur besteht also im sozusagen perma- 
nenten Kriegszustand gegen die Bourgeoisie. Es ist also ganz klar, daß alle, die 
über „Gewalttaten", der Kommunisten schreien, vollkommen vergessen, was eigent- 
lich Diktatur heißt. Die Revolution selbst ist ein Akt der „rohen Gewalt". 
Das Wort „Diktatur" bedeutet in allen Sprachen nichts anderes, als Gewaltregime. 
Wichtig ist hier der Klasseninhalt der Gewalt. Damit ist die historische 
Rechtfertigung der revolutionären Gewalt gegeben. Es ist auch ganz klar, daß, 
je schwieriger die Lage der Revolution ist, um so schärfer die der Diktatur 
sein muß. 

11. Daher ergibt sich die Hauptdifferenz zwischen der bürgerlichen 
Demokratie, deren Staatsform die parlamentarische Republik, und der prole- 
tarischen Demokratie, deren Form die Sowjetrepublik ist. Die proletarische 
Demokratie, die keine Demokratie im alten Sinne des Wortes ist, ist die reinste 
und vollste -Demokratie innerhalb der arbeitenden Klassen. Die 
Bourgeoisie ist hier eine politisch entrechtete Klasse. Die parlamentarische 
Republik de jure ist eine allgemein-nationale" Staatsform, de facto aber ist sie 
die Form der Kapitalistenherrschaft. Das bürgerlich-demokratische Parlament ist 
de jure eine „Volksvertretung", eine „allgemein-nationale" Einrichtung, während 
es in der Tat eine Maschine zur Ausbeutung des Proletariats ist. Die Bourgeoisie 
braucht die Fiktion des „allgemein-nationalen", des „über den Klassen 
stehenden" Staates, um das Volk zu verdummen. Das braucht aber das Proletariat 
nicht, es proklamiert seine Klassengewalt offen. Die Bourgeoisie, welche in 
allen Formen den schärfsten Kampf führt, muß dauernd unter dem Drucke des 
proletarischen Staatsapparates erzogen werden. Prinzipiell ist hier sogar der 
Massenterror zulässig: alles hängt von den konkreten Umständen ab. 

12. Die Sowjetrepublik ist eine Staatsform, die in engster Verbindung mit 
den Massen des arbeitenden Volkes steht. Jede Form der Kapitalistenherrschaft 
— auch der parlamentarischen Republik — beruht auf der Isolierung der Massen 
vom Staatsapparat. Das „politische Recht" des Arbeiters in der parlamen- 
tarischen Republik besteht fast ausschließlich darin, daß er einmal in vier oder 
tünf Jahren den Wahlzettel in die Urne steckt. Der ganze administrative Apparat 
aber befindet sich ausschließlich in den Händen des Bürgertums und seiner 
Agenten. Jede bürgerliche Staatsform ist also bureaukratisch und kann nicht anders 
als bureaukratisch sein. Die Republik der Arbeiterräte dagegen stützt sich auf 
die Massen selbst. Sie ist die Selbstverwaltung der Masse, und jeder Arbeiter 
und Bauer ist zur Verwaltungsarbeit zugezogen. Ebenso steht es mit den 
Massenorganisationen des Proletariats. Eine bürgerliche Staatsform 
kann diese Organisationen in untergeordnete Verwaltungsorgane verwandeln. Die 
Sowjet-Republik aber braucht diese Organisationen als Bestandteile ihres Appa- 
rats. Hier tritt die Änderung der Rolle dieser Organisationen auf: die Gewerk- 
schaften, die „Fabrikkomitees", die Konsumvereine werden zu regierenden 
ökonomisch-politischen Organen der proletarischen Klassenherrschaft. 

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14. In dieser Form des Staates ist .daher das Produktionsleben mit dem 
politischen Leben auf das engste verwachsen. Sogar die Wahlen in die Sowjets 
geschehen in den Fabriken, in den Dörfern, also nicht im Rahmen der künstlich 
konstruierten territorialen Bezirke, sondern an der Stätte der Arbeit und des 
Kampfes selber. Die Arbeiter-Sowjets bestehen aus Delegierten von Arbeitern 
und Arbeiterinnen verschiedener Produktionseinheiten, die die ganze 
Masse der Arbeiterschaft umfassen. 

15. Die parlamentarische Republik beruht formell auf der Teilung der legis- 
lativen und der exekutiven Macht. In der Sowjetrepublik sind diese Funktionen 
vereinigt. Das Zentralexekutivkomitee der Sowjets ist ein arbeitendes Kol- 
legium, das nicht nur exekutive, sondern auch legislative Macht hat. Ebenso, 
in einem gewissen Rahmen, auch die einzelnen Ortssowjets. Das System im 
ganzen erscheint als eine Organisation des gesamten arbeitenden Volkes. 

16. Es ist begreiflich, daß die Konstituante einem solchen Staatstypus 
nicht angepaßt war. Die Konstituante ist ein Parlament im alten Stil. Sie wäre 
die Einleitung zu einer bürgerlich-parlamentarischen (oder, wie man sagt, „demo- 
kratischen") Republik. Jetzt aber gilt es, die Sache der Diktatur zu verwirk- 
lichen und die „demokratischen Republiken", wenn sie da sind, zu sprengen. Die 
Partei des Proletariats ist keineswegs eine „demokratische" Partei, sie ist eine 
kommunistische Partei. Das ist die prinzipielle Seite der Frage. 
Dazu kommt noch der Umstand, daß die Wahlen in die russische Konstituante 
schon abgeschlossen waren, bevor sich die vollständige Spaltung der sozial- 
revolutionären Partei vollzogen hatte. Die Zusammensetzung der Konstituante 
brachte den gestrigen Tag der Revolution und verschwundene Klassenver- 
hältnisse zum Ausdruck, während die Sowjets schon die Zukunftsform waren. 
Der Konflikt war unausbleiblich, und er ist gelöst worden, indem die Konstituante, 
die alle Hoffnungen der Gegenrevolutionäre damals zu erfüllen versprach, ausein- 
andergejagt wurde. 

i 
IV. Die demokratischen „Freiheiten" und die Diktatur. 

17. Die frühere Forderung der demokratischen Republik sowie auch all- 
gemeiner Freiheiten (d. h. der Freiheiten auch für die Bourgeoisie) war 
richtig in der schon verflossenen Epoche, in der Epoche der Vorbereitung und 
Kraftakkumulation. Der Arbeiter brauchte die Freiheit' seiner Presse, während 
die bürgerliche Presse ihm schädlich war; trotzdem konnte er .in dieser Epoche 
die Forderung der Vernichtung der bürgerlichen Presse nicht aufstellen. Des- 
wegen forderte das Proletariat allgemeine Freiheiten (z. B. auch die Freiheit 
der reaktionären Versammlungen, der schwarzen Arbeitgeberorganisationen usw.) 

18. Jetzt ist die Epoche der direkten Attacke gegen das Kapital, der direkten 
Niederwerfung} und Zerstörung des imperialistischen Raubstaates, der direkten 
Unterdrückung der Bourgeoisie. Es ist daher absolut klar, daß in der jetzigen 
Epoche die prinzipielle Verteidigung allgemeiner Freiheiten (d. h. auch 
für die konterrevolutionäre Bourgeoisie) nicht überflüssig ist, sondern geradezu 
schädlich wirkt. 

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19. Das gilt auch für die Presse, die führenden Organisationen usw. der 
Sozial-V er räter. Die letzteren haben sich als die aktivsten Faktoren der, 
Gegenrevolution demaskiert; sie gehen gegen die proletarische' Regierung sogar 
mit der Waffe los: auf die gewesenen Offiziere und den Geldsack des nieder- 
geworfenen Finanzkapitals sich stützend, treten sie als die energischsten Organisa- 
toren verschiedener Verschwörungen auf. Der proletarischen Diktatur stehen sie 
als Todfeinde gegenüber. Deshalb müssen auch sie dementsprechend behandelt 
werden. 

20. Was aber die Arbeiterklasse und das ärmere Bauerntum betrifft, so be- 
sitzen diese die vollste Freiheit. Es ist dabei folgendes zu bemerken. Die bürger- 
lichen Freiheiten in den freiesten parlamentarischen Republiken waren nur Pro- 
klamierungen der betreffenden Rechte, aber daneben existiert für die Arbeiter- 
klasse keine oder fast keine Möglichkeit, diese Rechte zu realisieren. In der 
Sowjetrepublik aber liegt der Schwerpunkt gerade in den Garantien dieser Mög- 
lichkeiten. Die Sowjetmacht beschränkt sich nicht auf Freiheitserklärungen, sondern 
beschlagnahmt Druckereien und Papier und liefert es an die Arbeiterorganisationen 
ab; sie requiriert die besten Lokale der Stadt für Arbeiterversammlungen; sie 
gibt die besten Gebäude für die verschiedenen Organisationen des Proletariats her 
usw. So verwirklicht sich die proletarische Demokratie, die viel höher 
steht als die Demokratie im alten Sinne des Wortes. 

V. Die Volkswirtschaft in der Sowjetrepublik. 

21. Dieselben Prinzipien, die als Grundlage der politischen Diktatur 
gelten, auch als Grundlage der ökonomischen Diktatur der Arbeiterklasse. Es 
sind nämlich: Vernichtung „des Kommandos des Kapitals" (Marx) und Auf* 
Stellung des Kommandos der Arbeiterklasse; Expropriierung der Expropriateure; 
der außerökonomische Druck gegen den ökonomischen Widerstand des Kapitals; 
Konstruiernng der planmäßigen Organisation der Gesamtwirtschaft; System des 
zentralisierten ökonomischen Apparates, der sich auf die Massen-Organi- 
sationen stützt. 

22. Zu den Maßnahmen der Expropriation gehört zunächst die schon durch- 
geführte proletarische Nationalisation der Banken. Die weiteren 
Schritte sind auf diesem Gebiet so zu formulieren: eine vollständige Zentralisation 
und Verschmelzung der nationalisierten Banken und die allmähliche Verwandlung 
der Bankinstitute in eine Art gesellschaftlicher Buchhaltern, die die ganze orga- 
nisierte Produktion umfassen soll. 

23. Dann folgt die Nationalisierung der Großindustrie, be- 
sonders der schon syndizierten Produktionszweige. Die wichtigsten Produktions- 
zweige — Kohlen- und Metallindustrie — sind schon fast ganz nationalisiert: 
vollständig sind <Jie Tabak-, Papier- und Zuckerindustrie nationalisiert, ebenso 
verschiedene andere Branchen., Die Nationalisation ist hier — da sie eine prole- 
tarische Nationalisation ist — ganz mit der Sozialisierung identisch. Viele Fabriken 
und Werke sind wegen Betrug und Sabotage nationalisiert worden. Die ferneren 
Aufgaben sind: Erweiterung der Nationalisation und Vereinheitlichung des Gesamt- 
produktionsprozesses. 

I 

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24. Dann muß die vollständige Enteignung der Großgrund- 
besitzer erwähnt werden. Grund und Boden wurde zum „Allgemeingut" 
erklärt Die weiteren Aufgaben sind folgende: Organisation des staatlichen Acker- 
baues: kollektive Bearbeitung der früheren Latifundien: die Vereinigung der kleinen 
Wirtschaften in größere Einheiten mit Kollektiwerwaitung (die sogenannten „land- 
wirtschaftlichen Kommunen") usw. 

25. Die Nationalisierung des Außenhandels ist auch durch- 
geführt worden. Was aber die Nationalisierung des Handels überhaupt betrifft, 
so existieren in einigen Branchen Verteilungsstellen, teilweise auch Handels- 
monopole. Hier sind noch sehr schwierige Aufgaben zu erfüllen, besonders in 
der Brot- und Rohstoffversorgung. 

26. Was die innere Struktur, d. h. die Organisation der Industrie betrifft, 
so bestanden hier vorher, d. h. vor der Nationalisation, folgende Zwischenformen: 
1. die Arbeiterkontrolle (Kontrolle ' der sog. Arbeiter-Fabrik-Komitees 
über die^ technischen, kommerziellen und finanziellen Operationen des betreffenden 
Unternehmers). 2. Pläne der vorläufigen Zwangssyndizierung der Industrie. Diese 
Zwischengebüde haben sich aber als unbrauchbar erwiesen: so wurden aus der 
Arbeiterkontrolle die Arbeiterverwaltung und aus der Zwangssyndizierung 
die reine proletarische Nationalisation. 

27. Als verschiedene Organe der Produktions- und Verteilungsregulierung 
dienen (von unten nach oben): die Arbeiterverwaltungen und Fabrikkomitees; 
die Gewerkschaften und die ökonomischen Abteilungen der Orts- Arbeifersowjets; 
die Sowjets der Volkswirtschaft (Rayon-Sowjets); spezielle „Komitees", die zentra- 
lisierten Apparate einiger wichtiger Branchen darstellen; die Konsumvereine dann, 
als höchste Instanz, der oberste Sowjet für Volkswirtschaft. All diese Einrichtungen 
sind Arbeiterorganisationen, (nur in einigen Komitees sind die Unter- 
nehmer als kleine Minderheit vertreten, ebenso wie in der Konsumvereinsbewegung 
die bürgerlich-bäuerlichen Konsumvereine das Übergewicht besitzen), so daß die 
Gesamtorganisation einen ziemlich zentralisierten Apparat darstellt, der sich auf 
die Massen-Organisationen des Proletariats, sowie auch auf die Masse selbst 
stützt. Die Konstruktion der Ökonomie entspricht vollkommen der Konstruktion 
der politischen Gewalt, und beide Gebiete sind aufs engste miteinander ver- 
bunden. 

VI. Die Schwierigkeit der Lage und die ausländische Sozialdemokratie. 

28. Das Proletariat führt die organische positive Arbeit unter den größten 
Schwierigkeiten aus. Die Schwierigkeiten innerer Natur sind: Abnutzung und 
ungeheure Erschöpfung der Volkswirtschaft, sogar ihre Auflösung infolge des 
Krieges, die Politik der Kapitalistenklasse vor der Oktoberrevolution (die be- 
wußte Politik der Desorganisation, um nach der „Anarchie" bürgerlich-diktatorische 
„Ordnung" zu schaffen); die allgemeine Sabotage der Bourgeoisie und der Intel- 
ligenz nach der allgemeinen Sabotage der Oktoberrevolution; die permanenten 
gegenrevolutionären, bewaffneten und unbewaffneten Aufstände der gewesenen 
Offiziere, der Generäle, der Bourgeoisie; Mangel an technischen Kräf- 
ten und an Schulung der Arbeiterklasse selbst; Mangel organisa- 

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torischer Erfahrung; das Vorhandensein von großen Schichten des Kleinbürger- 
tums, das eine desorganisatorische Klasse par excellence ist usw.. 

29« Noch wichtiger sind aber die Schwierigkeiten, die mit der Henkerpolitik 
der kapitalistischen Regierungen und der entsprechenden sozialdemokratischen 
(sozialverräterischen) Parteien verbunden sind. Der deutsche Imperialismus hat 
die russische sozialistische Sowjetrepublik der wichtigsten Kohlen- und Brotgebiete 
beraubt. Es besteht also eine direkte Gefahr der inneren Fäulnis selbst, 
wenn keine militärischen Offensive stattfindet. Trotz des Friedens marschieren 
die deutschen Truppen immer weiter nath Rußland hinein, immer neue und 
neue Gebiete werden abgetrennt und die besten Kräfte der Revolution werden 
mechanisch vernichtet. 

30. Qie deutschen Imperialisten beschränken sich darauf nicht, direkt und 
indirekt alle legalen und illegalen Möglichkeiten ausnutzend, bereiten sie die Gegen- 
revolution auch in Groß-Rußland vor, ebenso wie sie das schon in der Ukraine, 
in Finnland, im Kaukasus, in Esthland usw. getan haben. Andererseits organisieren 
auch die kapitalistischen Ententemächte Annexionen und gegenrevolutionäre Um- 
stürze im Osten. So wird die rote russische Kommune von allen Seiten von 
Todfeinden bedroht. Und in dieser Zeit sind Tausende und Abertausende der 
besten Arbeiter von den deutschen Militaristen zynisch hingerichtet, erschossen, 
im Blute erstickt worden, ist die offizielle Sozialdemokratie Regierungsfreundlich". 
Das russische Proletariat betrachtet- die Scheidemäimer nicht als indirekte, sondern 
als direkte Henker der Revolution und mit diesen Herren kann es nur eine 
Sprache geben: die Sprache der Waffen. 

31. Besonders widerwärtig sind die Vorwürfe, die der bolschewistischen 
Partei seitens einiger ausländischer Herren oder „Genossen" öffentlich gemacht 
werden. Die Leute, deren Tätigkeit in der Unterstützung des imperialistischen 
Raubkrieges oder in der Nichts-Tun-Politik bestand, die Leute, durch deren Taktik 
der russischen Revolution der Brester „Friede" aufgezwungen worden ist, 
erlauben sich (die Henker ihren Opfern!) die Schuld von ihren Schultern auf 
andere abzuwälzen! 

Es waren angesichts des „Friedensschlusses" zwei Richtungen in der kom- 
munistischen Partei: eine große Mehrheit, mit dem Genossen Lenin an der Spitze, 
die für den Frieden war, und eine Minderheit gegen den Friedensschluß. 
Beide Richtungen betrachteten die Lage von dem internationalen Standpunkte aus. 
Lenins Argumentation war ungefähr folgende: Wir haben keine Armee, also können 
wir keinen besonderen Widerstand leisten; andererseits ist der Friede zwischen 
England und Deutschland noch nicht möglich; wir müssen um jeden Preis eine 
Pause haben, um uns vorzubereiten, unsere bewaffneten Kräfte zu sammeln und 
zu organisieren usw. Gleichzeitig, glaubte er, würde die Tatsache, daß an der 
Ostfront keine Kämpfe mehr stattfänden, und daß in Rußland die Diktatur des 
Proletariats existiere, auf das westeuropäische Proletariat am stärksten wirken. 

Die andere Richtung behauptete, wir würden schwere Niederlagen erleiden, 
die größten Gebiete verlieren, unser Widerstand jedoch würde die Aktivität des 
Proletariats auf beiden Seiten der Grenze stärken. Andererseits seien die Friedens- 
bedingungen so ausgebaut, daß wir wegen des Mangels an Brot und Kohlen, 

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wegen permanenter imperialistischer Einmischungen des deutschen Kapitals in die 
sich sozialisierende! russische Produktion der Gefahr der inneren Auflösung 
entgegensehen. 

32. Aber auch der linke Flügel der kommunistischen Partei ist mit den anderen 
Genossen vollständig solidarisch in bezug auf die Tätigkeit der ausländischen 
Kritiker. Die russischen Kommunisten, die alles getan haben, um die west- 
europäische Revolution zu wecken, haben jetzt das Recht, tatkräftige Unter- 
stützung zu fordern; keine Worte mehr, sondern Taten! 

Die Verfassung der russischen Räterepublik 

Von Arnold St ruth ahn. 
(Vorwort.) 

Der letzte Kongreß der russischen Arbeiter-, Bauern- und Soldatenräte hat 
eine Verfassung der russischen Räterepublik angenommen. Diese Verfassung 
wurde von der bürgerlichen Presse ganz Europas mit großem 
Erstaunen aufgenommen. So was hat die Bourgeoisie nicht nur nicht 
gesehen, sondern nicht einmal für möglich gehalten. Bis heute gab es Staaten, 
die sich zivilisiert nannten, in denen aber die Arbeiterklasse keine Rechte hatte. 
In Preußen z. B. sind die Arbeiter bis heute Heloten, ohne andere Rechte zu 
besitzen, als daß sie einige Vertreter in den Landtag senden, wo sie unter dem 
. viehischen Gelächter der Junker und Schlotbarone die Möglichkeit haben, ohn- 
mächtige Klagen in die Welt zu seufzen oder Drohungen zu verkünden. Daß 
es aber einen Staat geben kann, in dem man der Bour- 
geoisie die politischen Rechte abspricht, da sist den Herren 
niemals in den Sinn gekommen. 

Alle Verfassungen der Welt haben zur Grundlage das sogenannte Recht 
eines jeden auf Eigentum, d. h. in Wirklichkeit: das Recht der 
großen Kapitalisten, der Börsenjobber, der Spekulanten, 
das besitzlose Volk ohne jedwede Störung zu bestehlen und 
auszubeuten. — D-ie Verfassung der russischen Räte- 
republik proklamiert: das alle Produktionsmittel, alles, womit, man neue 
Werte schaffen kann, dem arbeitenden Volke angehören. Was für ein 
Wunder, daß die bürgerliche Presse Europas auf die russische Verfassung wie auf 
einen Traum hinstiert, um, nachdem sie sich vom Schrecken erholt hatte, zu 
erklären: das ist doch gar nicht möglich, daß sich eine solche Verfassung hält, 
es ist ein Blatt Papier, das fanatische Agitatoren geschrieben haben und das der 
Wind der Geschichte wegblasen wird. — Wir aber sagen dem europäischen 
Proletariat: diese Verfassung ist nicht nur mit dem Blute der 
russischen, sondern der internationalen Arbeiterklasse ge- 
schrieben; in ihr tönen die Seufzer von Millionen auf den 
Schlachtfeldern auf Geheiß des Kapitals sterbender Pro- 
letarier. Und wie das Kapital nicht imstande ist, diese 
Tränen und das vergossene Blut sowie die Berge von 

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Leichen aus der Welt zu schaffen, so wird es auch nicht 
imstande sein, die große Karte der Freiheiten und der 
Rechte aus der Welt zu schaffen, die heute erst für das 
russische Proletariat, morgen aber für das Weltprole- 
tariat gelten wird. 

Die Verfassung der imperialistischen Staaten. 

Die 1 kapitalistische Welt hat während des Krieges sich überall ein und dieselbe 
Verfassung gegeben. Sie hat die alten Verfassungen, in denen große Unterschiede 
bestanden, formell nicht aufgehoben, sie hat formell keine neue angenommen, und 
trotzdem existiert in ganz Europa und Amerika, in allen kriegführenden Ländern, 
eine gleiche, allgemeine Verfassung, die das vom Blut trie- 
fende Weltkapital den Proletariern mit allen Zwangsmit- 
teln des Krieges aufgedrängt hat. 

Die größten Errungenschaften der Arbeiterklasse während der ganzen kapita- 
listischen Epoche war die Freiheit, ihre flände zu vermieten, wem 
sie wollten; die Freiheit^zu streiken, wenn ihnen das Kapital nicht 
soviel gab, daß sie nach schwerer Arbeit die Notdurft des Leibes stillen konnten. 
Dieses Recht, daß das einzig wirkliche Recht des Proletariats war, hat die Bour- 
geoisie im Kriege den Proletariern überall genommen. In England wie in Deutsch- 
land, in Frankreich wie in Amerika, in Österreich wie in Italien dürfen die 
Arbeiter ihre Arbeitsstätte nichtändern, sie ohne Erlaubnis des 
kapitalistischen Staates nicht verlassen. Der Staat erklärt: Wir senden eure Brüder 
in den Tod auf die Schlachtfelder, da müßt ihr in erster Linie dafür sorgen, daß 
die dem Tode Geweihten genügend Munition bekommen, um ihre Pflicht erfüllen 
zu können, die Arbeiter der anderen Länder zu ermorden! Ihr dürft nicht die 
Fabrik verlassen, wenn ihr hungert, denn dann tritt eine Unterbrechung jn der 
Produktion der Mordwerkzeuge ein! Und überall werden die Arbeiter mit Ge- 
fängnis bestraft, wenn sie ohne Erlaubnis der Beamten eine 
Fabrik verlassen. 

Der Feudalstaat suchte die Bauern an den Grund und Boden zu binden, damit 
der Großgrundbesitzer nicht ohne Ernte bleibt; denn was hilft der größte Grund- 
besitz, wenn es keine Menschen gibt, die ihn bearbeiten? Die Kapitalisten, die 
freie Hände für die Fabriken brauchten, erklärten diese Bindung des lebendigen 
Menschen an den Grund und Boden für eine Barbarei und wo sie siegten, hoben 
sie die glebae adstrictio, die Bindung an den Boden, auf. Der Kapitalismus hat jetzt 
auf seiner Höhe die Menschen nicht mehr an den lebendigen 
zeugenden Boden, sondern an die toten Maschinen ge- 
bunden, ihn zum Sklaven nicht der Erzeugung von Nah- 
rungsmitteln, sondern zum Sklaven der Erzeugung von 
MordUstrumenten gemacht. Und wenn die gequälte Arbeiterschaft 
streikt, um gebunden mit Händen und Füßen an die Maschine wenigstens ein 
Stück Brot mehr zu bekommen, da erklärt Hindenburg: nur ein Hundsfott 
streikt und Clemenceau schreit: tötet den ,.Def aitisten", der die Nieder- 

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läge seines Landes will; und überall, — das „freie" England und Amerika nicht 
ausgenommen—, werden gegen die Streikenden die schärfsten 
Maßregeln ergriffen. Und wenn die Arbeiter dem Drucke nicht nach- 
geben, wenn sie furchtlos weiterstreiken, dann werden sie an die 
Front gesandt, „ihr wollt den Krieg nicht mit Kanonen und Granaten er- 
nähren, so ernährt ihn mit euren Leibern!" erklärt das Kapital. 

Wenn man den Arbeitern das Recht nimmt, über ihrer Hände Arbeit zu 
entscheiden, so ist es klar und einfach, daß ihnen das Kapital die Entschei- 
dung über ihr Leben und ihren Tod, die Entscheidung über 
Krieg'und Frieden, über das Verhältnis zu den anderen 
Völkern nicht überlassen kann. In allen kriegführenden Ländern hat 
eine kleine Clique kapitalistischer Rädelsführer die Ent- 
scheidung über die. wichtigsten Fragen an sich gerissen. 
Nach außen hin bestehen noch die Parlamente, die Abgeordneten schwatzen 
noch über die Politik, darüber, ob die Regierung gut oder schlecht gehandelt hat, 
aber die wirkliche Entscheidung liegt nicht bei ihnen. Ihr Geschwätz ist immer 
Senf nach dem Mittagessen, denn schon ist die Entscheidung gefallen 
in den Dunkelkammern, wo sich die Vertreter der großen 
Banken, Reedereien, Kohlen- utid Eiseinwerke mit den 
Häuptlingen der Beamtenschaft zusammenfinden und über 
die Geschicke der Völker entscheiden. Wurde das deutsche 
Parlament und der österreichische Reichstag gefragt, als es galt, das öster- 
reichische und deutsche Volk in den Weltkrieg zu jagen? Es wurde nicht nur nicht 
gefragt, sondern bis heute kennt kein deutscher Arbeiter, ja kein 
deutscher Abgeordneter die geheime Korrespondenz zwi- 
schen der deutschen und österreichischen Regierung, in 
der der verbrecherische Krieg beschlossen worden war. 
Wurde das deutsche Volk gefragt, als die Herren in Berlin und Wien beschlossen 
haben, dem Rußland der Arbeiter einen Frieden aufzudrängen, der das russische 
Volk mit Haß gegen Deutschland erfüllt? Nein, nicht nur das deutsche Volk wurde 
nicht nur nicht gefragt, sondern selbst der deutsche Reichstag nicht. Herr Czernin 
und Kühlmann vollbrachten, was die Hoffmann und Hindenburg ihnen befohlen 
haben, aber die Folgen bezahlt der deutsche Soldat in der Ukraine und in 
Finnland mit seinem Blute. Er muß als Henker der Freiheit die Verachtung und 
den Haß aller Arbeiter der Welt auf sich nehmen. 

Und hat das englische Parlament den Eintritt in den Weltkrieg 
beschlossen? Formell ja, aber nachdem Grey, der Minister des Äußeren erklärt 
hat, die Ehre Englands sei durch seine militärischen Verhandlungen mit Frankreich 
im Spiele. Die Vereinigten Staaten Amerikas traten in das Weltbhit- 
bad ein auf selbstherrlichen Beschluß des Präsidenten, der eine Puppe der 
Wallstreet, der New Yorker Börse ist. 

Es gibt jetzt in allen Staaten nur einen entscheidenden Machtfaktor: Die 
Haifische des Finanzkapitals, die ausrechnen, wieviel Gold eine Tonne 
Blut gibt und die Herren des Säbels, die weit hinter der Front im Hauptquartier 
die Art und Weise der Produktion von Gold aus dem Arbeiterblut beschließen. 

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Nicht nur die Masse der Arbeiter, der Kleinbürger, sondern sogar die Masse der 
Bourgeoisie, hat nichts zu sagen. Zu sagen, zu entschließen, zu bestimmen, haben 
nur die paar hundert Menschen, die hinter den Kulissen den Gott der Mensch- 
heit spielen. 

Als die Grundlage der bürgerlichen Freiheit, auf die der Kapitalismus so stolz 
war; die Freiheit der Presse, der Versammlungen, der Wis- 
senschaft, sie alle sind zerstampft, spurlos verschwunden. Die Presse darf 
nur schreiben, was ihr die Generäle zu schreiben erlauben. Zeitungen, selbst bür- 
gerliche, die nicht nach der Regierungspfeife tanzen wollen, werden rücksichtslos 
unterdrückt. Die öffentliche Meinung wurde zur wehrlosen Dirne der Generalität 
gemacht. Die Wissenschaft muß nach dem Klang der Kanonen heulen, nach dem 
Pfiff der Gewehrkugeln springen. Ein Professor Nikolai, ein berühmter Ge- 
lehrter und deutscher Patriot, muß fahnenflüchtig werden, weil er gewagt hat, 
in seinem wissenschaftlichen Buche gegen den Moloch des Krieges leise Einwen- 
dungen zu machen. Ein Pfafie, der wagen würde, zu erinnern, daß Jesu Christ, 
in dessen Namen er auftritt, die liebe gepredigt hat — er würde wie ein 
Aussätziger aus der Kirche verjagt werden, wo nur die Recht haben zu predigen, 
die „Dich Gott den Herren loben wir" singen, wenn Millionen gläubiger Men- 
schen stöhnend fragen* „Wäre dieser Menschenmord möglich, wenn es einen 
Gott gebe?" 



Die imperialistische Sklaverei soll ewig bleiben. 

Die Verfassung, die der Kapitalismus in allen Ländern den Volksmassen 
gegeben hat, ist eine Verfassung der vollkommensten Knecht- 
schaft und Versklavung. Der Proletarier wurde zum Sklaven des Groß- 
kapitals gemacht, das sich nicht mehr begnügt, seinen Schweiß zu trinken, daß 
sein Blut in Strömen vergießt. Das ist die Verfassung aller kapitalistischen Länder. 
Viele trösten sich damit, daß sie sofort verschwinden wird, 
wenn nur der Krieg vorüber ist: da werden doch die Regierungen 
nachlassen; sie werden die „früheren Freiheiten" den Völkern wieder herstellen 
müssen. Die Hoffnung auf die Wiederkehr zu den früheren Freiheiten, — bei denen 
nebenbei gesagt, das Proletariat gehungert hat, aus denen dieser Welt- 
krieg naturgemäß entstand — die Spekulation auf die Wiederkehr der 
Zustände, in denen das Kalb heute glücklich das bißchen Klee frißt, 
weil es nicht weiß, daß es morgen zum Metzger geführt wird, 
ist jedoch eine Hoffnung nur der Dummen. Ein Gestern 
gibt es nicht mehr. Dieser Krieg hat auf viele Jahre die Welt verwüstet; 
es mangelt an Brot und Rohstoffen. Wenn der kapitalistische Staat am Leben 
bleibt, wird er es niemals zulassen können, daß jeder Kapitalist auf eigene 
Faust einkauft, daß er erzeugt was er will. In allen Ländern werden die kapita- 
listischen Regierungen genötigt sein, gemeinsam für den ganzen Staat . die Roh- 
stoffe zu beschaffen, sie an die einzelnen Fabriken zu verteilen und auf diese Weise 
die Produktion des Kapitalismus in eine gewisse Ordnung zu bringen, um durch 
die Unordnung nicht Krisen einreißen zu lassen, in denen die hungernden Massen 

11 Unterirdische Literatur ]ß| 



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auf die Straßen gehen würden. Und wie die kapitalistischen Regierungen jeder 
einzelnen Fabrik die Baumwolle und die Kohle liefern werden, so werden sie 
ihr gebunden an Händen und Füßen die Arbeiter zustellen. 
Die Bindung des Arbeiters an die Fabrik wird als dauernde Einrichtung 
bleiben, wenn die kapitalistischen Regierungen am Ruder bleiben. Und wie der 
Fabrikant genötigt sein wird, aus einer bestimmten Masse von Rohstoffen in einer 
bestimmten Zeit eine bestimmte Masse des Produktes zu liefern, so wird die 
Leistung des Arbeiters durch eiserne Vorschriften bestimmt werden und wehe ihm, 
wenn er schwach oder krank ist und nicht liefern kann, was sein. Herr, der 
kapitalistische Staat, fordert! Diese Versklavung der Arbeiterschaft 
wiid zum eisernen .Gesetz, zur Grundlage der neuen Ver- 
fassung werden, wie sie im Kriege geschaffen worden ist, 
und nach dem Kriege in ein rechtliches System gekleidet 
wird. . . . Die kapitalistischen Regierungen, die vor einem Berg von Kriegs- 
kosten dastehen, sie haben während des Krieges Waren von Fabrikanten genom- 
men und einen Schein gegeben, der die Kapitalisten berechtigt vom Staate Zinsen, 
& \l Anweisungen auf die Arbeit des Proletariats zu bekommen. Hunderttausende 
von Kapitalisten werden nach dem Kriege das Recht haben, jährlich ohne jede 
Arbeit Milliarden zu erhalten. Diese Kontribution des Volkes an seihe eigene 
Bourgeoisieklasse werden die Arbeiter in den Fabriken, in den Werkstätten und in 
den Kohlen- und Eisengruben zu schaffen haben. Sie werden mit ihren Händen 
Milliarden erzeugen müssen, dafür, daß sie sich in den Krieg jagen ließen und sie 
werden neue Milliarden schaffen müssen, damit ihre Herren, die Kapitalisten 
imstande sind, ein neues Blutbad einzurichten, wenn es ihnen gefällt, wenn sie sich 
vom Schrecken dieses Krieges erholt haben. Weil der kapitalistische Staat solche 
Förderungen an die Arbeiterklasse stellen wird, deswegen eben wird er ihnen 
Ketten anlegen, wird er sie an die Maschinen und Fabriken fesseln, wird er 
ihnen keine Zeit zum Atmen übrig lassen. Und einem Sklaven gibt man keine 
Freiheit der Presse, keine Freiheit der Versammlungen, keine Freiheit des Wor- 
tes, es sei denn, daß man ihm die Freiheit gibt, unter der Leitung der Ein- 
treiber vor dem Antlitz des Herrn zu erscheinen und ihm zu danken -für die 
Wohltaten. Die Eintreiber sind die sozialistischen Judasse und viel- 
leicht wird ihnen auch nach dem Kriege das Kapital erlauben durch ihre ge- 
knebelte Presse, die Komödie einer Arbeiterpresse vorführen, im Parlament von 
Zeit zu Zeit zu maulen, damit die, die nicht alle werden, nicht verstehen, daß 
sie Sklaven sind. Eine Freiheit aber selbst in dem geringen Ausmaße, wie sie 
die Arbeiterschaft vor dem Kriege hatte, wird es nicht geben, wenn das Prole- 
tariat den Kapitalisten die Herrschaft überläßt 

Das russische Proletariat hat die Fesseln abgeschüttelt. 

Das russische Proletariat ist das erste, das verstanden hat, daß 
es aus diesem Kriege entweder als Sklave oder als freier Bürger 
hervorgehen kann. Als Sklave, wenn es die Kapitalisten am Ruder läßt, ihnen 
weiter erlaubt, die Kräfte des Volkes im »Kriege zu verwüsten, ihnen erlaubt, 
nach dem Kriege alle seine Lasten dem Volke aufzubürden, oder, daß es sich 

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freimacht, indem es die Herrschaft des Kapitals zertrümmert und seine eigene 
Herrschaft aufrichtet. Da.s russische Proletariat hat die Freiheit 
gewählt. Es hat nicht nur den Zaren mit seiner Bande zum Teufel gejagt, 
sondern es hat die Kapitalisten, die sich der Herrschaft zu bemächtigen suchten, 
niedergeworfen und an ihre Stelle die Herrschaft des arbeitenden Volkes gesetzt 
An die Stelle des Zarismus, an die Stelle der kapitalistischen Republik hat das 
Proletariat die Republik der Räte gesetzt, d. h. die Republik,, 
in der die Angelegenheiten des Staates und der Gesellschaft 
von den Räten der Arbeiter, Soldaten und ärmeren Bauern 
gerege lt und geleitet werden. 

Was ist die Räterepublik? Darüber gibt Auskunft ihre Ver- 
fassung, die nicht künstlich gemacht worden ist von Gelehrten oder Agita- 
toren, sondern die zeigt, was ist, was indem Feuer der Revolution, 
in dem Tiegel des Bürgerkrieges entstanden ist, sich ent- 
wickelt hat. Diese Verfassung bestimmt, daß alle Fabriken, daß der Grund 
und Boden, daß* die Bergwerke dem arbeitenden Volke gehören. Die kapita- 
listische Presse schreit über Diebstahl, über die bolschewistischen 
Räuber; sie weint blutige Tränen darüber, daß die Millionäre, ihrer Habe 
beraubt, jetzt Hunger leiden. Jeder Arbeiter Europas weiß, daß die Kapitalisten 
ihr Vermögen nicht mit eigener Arbeit erworben haben, denn kein Mensch kann 
mit eigener Arbeit hunderte Meter in die Erde eindringen, um aus ihrem Innern 
Erz und Kohle zu holen. Jeder Arbeiter weiß, daß kein Mensch imstande ist, 
durch seiner Hände Arbeit das Anrecht auf Tausende und Abertausende Hektars 
Boden zu erwerben. Das kapitalistische Eigentum entstand durch Ausbeutung des 
arbeitenden Volkes und wenn heute die russischen Arbeiter daran sind, dieses 
Eigentum des russischen Volkes wieder zurückzunehmen, so erfüllen sie nur ein 
Werk, daß dem Interesse des Volkes wie dem historischen Fortschritt entspricht. 

Rußland ist so durch den Krieg ruiniert, daß, wenn die Massen nicht in 
Not und Elend verrecken wollen, sie nicht Parasiten ernähren können und dürfen. 
Nur wenn die Arbeiter alle Produktionskräfte des Landes in ihre Hände nehmen, 
nur wenn sie einen streng durchdachten Plan der Wirtschaft aufstellen, nur durch 
Erzeugng des Notwendigen, nur wenn alle arbeiten und keiner auf Kosten des 
andern lebt, nur dann kann sich das russische Volk von den Folgen des Krieges 
erholen. Das Kapital hat in Rußland wie in der ganzen Welt nur an die Aus- 
beutung, nur an den Profit gedacht und auch heute denkt es an nichts anderes. 
Die Zertrümmerung der Machtdes Kapitals in Rußland be- 
deutet die Freimachung des Weges für eine Wirtschafts- 
weise, die allein imstande ist, die Kräfte des Volkes zu 
entfalten. Ein für allemal es vor dem Hunger, der Not und neuen Kriegen 
zu bewahren. 

Die Bourgeoisie muß an die Kandare 
genommen werden. 

Aber niemals in der Geschichte hat eine Klasse, die selbst in Hülle und 
Fülle lebte, die Macht über Seele und Leib des Volkes hatte, alle Schätze des Landes 



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beherrschte, noch niemals hat eine solche Klasse freiwillig auf ihre Vorrechte, 
auf ihr glänzendes Leben verzichtet. Die russischen Arbeiter mußten sie mit der 
Oktoberrevolution zu Boden werfen. Aber man kann eine herrschende 
Klasse nicht mit einem Schlage besiegen; man kann nicht mit einem Schlage 
ein vom Kapitalismus ruiniertes Land in eine sozialistische Ordnung verwandeln, 
die auf freier Disziplin, auf Erkenntnis der gemeinsamen Interessen, auf Erkenntnis 
.der gemeinsamen Pflichten beruht. Die russische Arbeiterfevolution hat die Fa- 
briken und Banken den Kapitalisten, den Grund und Boden den Junkern genom- 
men, aber sie konnte nicht aufeinmal den Kapitalisten all die Geldmittel, all die 
Kostbarkeiten wegnehmen, die sie in tausend Schlupfwinkeln versteckt hatten. So 
verfügen die russischen Kapitalisten noch über Milliarden, die sie dazu benutzen, 
um aus den Offizieren, die die Möglichkeit verloren haben, die Soldaten zu 
peinigen, Konterrevolutionäre Organisationen zu schaffen, um die 
Kleinbürger, die nicht verstehen, daß sie bei der Festsetzung der Arbeitermacht nur 
ihre Ketten verlieren, aufzuwiegeln. Das russische Kapital hat die Hoffnung noch 
nicht aufgegeben, daß ihm «eine Klassengenossen ,im Auslande 
helfen werden. Wenn die russischen Kapitalisten lesen, wie sehr die 
deutsche und österreichische Presse die Geschicke der armen, 
unterdrückten russischen Kapitalisten beweint, dann hoffen sie, daß ihnen die Ballins 
und Stinnes die Hindenburgs zur Hilfe senden werden, um sie vom Arbeiterjoch 
zu befreien. Und sie haben sich nicht geirrt. In der Ukraine und in Finn- 
land, in Esthland und in Livland hat das deutsche Kapital mit den 
Händen der blinden deutschen Soldaten die Herrschaft der Junker, die Herrschaft 
der Kapitalisten wieder hergestellt. Warum sollten die russischen Kapitalisten die 
Hoffnung aufgeben, daß auch in Petrograd und Moskau der" deutsche Imperialis- 
mus zu ihrer Rettung einmal erscheint? Wenn die russischen Kapitalisten die 
Entrüstung der französischen Presse vernehmen, darüber, daß das russische 
Volk die Schulden des Zarismus nicht mehr zahlen will, die es vier Jahre lang mit 
seinem Blute getilgt hat, wie können sie da die Hoffnung verlieren, daß die 
französisch-englischen Truppen erscheinen werden, um von den russischen Kapita- 
listen für die ihnen geleistete Hilfe auch die Zinsen für die Anleihen kriegen? 
Und auf diese Hilfe haben sie nicht umsonst gewartet. Heute stehen französische, 
englische und amerikanische Soldaten auf russischem Boden. Sie kämpfen gegen die 
Macht der russischen Arbeiterklasse und suchen die russische Arbeiterregierung zu 
erdrücken. Heute müssen die russischen Arbeiter ihr Blut vergießen im Kampfe 
gegen die Söldlinge des Ententekapitals, die Tschecho-Slowaken, die überall, wo 
sie kommen, die Organisationen der Arbeiter zertrümmern, die Führer der Ar- 
beiter auf den Galgen senden. 

Die russische Bourgeoisie hat auf ihr Eigentum, auf ihre 
Vorrechte nicht verzichtet. Sie hat sich vor dem Willen der Arbeiter, 
Soldaten und Bauern Rußlands, die auf dem November-Kongreß 1917 beschlossen 
haben, daß Rußland fortan ein Reich der Arbeitenden sei, von den- Arbeitenden 
selbst geleitet, nicht gebeugt. Sie hat schon am nächsten Tage nach diesem Be- 
schlüsse die Waffen gegen das arbeifende Rußland erhoben, 
indem sie Kerenski und Krassnow gegen Petrograd sandte. Sie hat die Banden 
des General K o r n i 1 o w, sie hat die Hunderte des Kosakenhäupjlings K a l e d i n 

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bezahlt, sie hat den alten zarischen Hund, den General AleXejew, sie hat den 
General Krassnow gedungen, dem die gutgläubigen Petrograder Arbeiter im 
November vorigen Jahres das Leben geschenkt haben, als er besiegt bei Zarskoje 
Selo das Ehrenwort gab, die Waffen gegen die Arbeiter Rußlands nicht mehr zu 
erheben. Sie organisiert unter dem Schutze der deutschen Bajo- 
nette in der Ukraine neue feindliche Korps, die die russischen Arbeiter von dem 
Brot des Don- und des Kubaingebietes abschneiden sollen. Sie organisiert unter 
dem Schutze der englischen, französischen und tschecho- 
slowakischen Bajonette die konterrevolutionären Feldzüge. Sie sendet 
gedungene Mörder, um die Führer der russischen Arbeiterklasse zu ermorden. 
Da sagt der Wille der russischen Arbeiterklasse in der 
Verfassung der Räterepublik: es bleibt keine Waffe in der 
Hand derer, die sie gegen das große Werk der Arbeiter- 
Republik erheben könnten. Die Waffen, die das russische Volk ge- 
schaffen hat, sie mögen dienen der -roten Armee, der Armee, die für die Be- 
freiung der Arbeiterklasse kämpft. Aber. Waffen, mit denen man das Volk schlagen 
kann, das sind nicht nur Kanonen, nicht nur Gewehre, sondern auch die Frei- 
heit der Presse, die Freiheit der Versammlungen und Ver- 
einigungen; auch das können Waffen gegen Arbeiter sein. 
Und so bestimmt der Wille der Arbeiterklasse :keineFreiheit der konter- 
revolutionären Organisation und Agitation fürAufstände 
gegen die Arbeiterregierung; kerne Freiheit der Verdum- 
mung des Volkes durch dieZuhälter der Bourgeoisie — 
durch die bürgerliche Presse. Dafür alle großen Säle in den Städten 
für die Arbeiter und ihre Organisationen, damit die, denen das 
Bürgertum den Zutritt zur Wissenschaft versperrte, damit die, die bisher im 
Schatten lebten, die volle Möglichkeit bekommen, sich zu bilden, ihre Kräfte 
zusammenzufassen, über ihre Angelegenheit zu beraten! Aus diesem Grunde fallen 
alle Druckereien und Papiervorräte an die Arbeiterpresse, 
damit bis in das letzte Dorf die gute Kunde gelange, daß es ein Ende geben soll 
der Not, der Ausbeutung und Versklavung. 



Mit dem Feind der ArbeiterKlasse schwatzt 
man nicht, — man wirft ihn nieder. 

Aber damit sind die Waffen nicht erschöpft, mit denen die Konterrevolution 
versuchen könnte, das Volk zu verwirren, Unglaube in die eigenen Kräfte, in 
seine Massen zu streuen. Würde die russische Revolution ein Parlament 
zusammenberufen, in dem auch die Vertreter des Bürgertums die Möglichkeit 
hätten, das Volk durch ihren Schwatz zu betören, so würde die Aufhebung der 
konterrevolutionären Preß- und Koalitionsfreiheit umgangen werden. So erklärt die 
Verfassung der russischen Arbeiter-Republik: in den Arbeiter -B auexn- 
Räten gibt es nur Platz für die, die die Grundlagen des neuen 
Rußlands des arbeitenden Volkes legen wollen. Fort aus 

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den Räten mit den Vertretern der konterrevolutionären 
Bourgeoisie, mit denen, die gegen die Arbeiterklasse die 
Waffen erheben, mit denen, die sich gegen die russische Ar- 
beiterschaft mit den Kapitalisten Frankreichs, Englands 
oder Deutschlands verbunden haben! Mit ihnen diskutieren wir 
nicht, mit ihnen kämpfen wir auf Leben und Tod mit den Waffen in der Hand! 
Aber nicht durch parlamentarisches Geschwätz werden wir die Konterrevolution 
niederwerfen. Wenn sie ihre Versuche den Bauern Grund und Boden, den Ar- 
beitern die Fabriken aus den Händen zu entreißen, aufgeben werden, ja, wenn 
die Bourgeois in die Fabriken als Arbeiter gehen, wenn die 
Junker brüderlich mit den Landarbeitern auf gemeinsamem 
Boden arbeiten werden, nur dann werden sie als Mitglieder 
der großen russischen Arbeiterfamilie die Rechte bekom- 
men — früher nicht 

Die Verfolgung der Verräter des Sozialismus. 
Deutschland, England, Frankreich. 

In der. Presse heulen gegen die Gewaltherrschaft der Arbeiter in Rußland 
nicht nur die Kapitalisten, die Angst haben, die europäischen Arbeiter könnten 
dem russischen Beispiel folgen und auch bei sich das Ende der Herrschaft des 
Kapitals bereiten, sondern auch die sogenannten Sozialpatrioten: die 
Scheidemänner, die Renaudels, die Bissolati, die Viktor Adlers, 
Renners, Hendersons und Gompers. Sie sind auch bis in die tiefste 
Seele darüber entrüstet, daß die Arbeiter Rußlands ihre Feinde mit eiserner Faust 
niederwerfen und ihnen nicht erlauben, das Haupt zu erheben. 

Aber diese Verräter des Sozialismus, die Lakaien der kapitalistischen Regie- 
rungen wagen nicht offen gegen die Unterdrückung der Kapitalisten zu protestieren. 
Sie wissen, daß die deutschen, französischen, englischen 
und italienischen Arbeiter, die in diesem Kriege von der 
Bourgeoisie bis aufs Blut gepeinigt worden, nach dem Tage 
lechzen, an dem sie der eigenen Bourgeoisie für alle Not 
und alles Elend, für die Berge von teichen, für die Meere 
von Tränen bezahlen können werden. Sie wissen, daß die euro- 
päischen Arbeiter mit ihren Ausbeutern nicht darum nicht abrechnen, weil sie 
sie lieben, weil sie blutige Abrechnung für Unrecht halten, sondern darum, 
weil sie ihre Kräfte nicht kennen, weil sie sich für zu schwach und die kapita- 
listischen Räuberbänden für zu stark halten. So suchen die europäischen sozial- 
patriotischen Führer uns anzugreifen unter dem Vorwand, als verfolgten 
wir Sozialisten, als unterdrückten wir die Demokratie. Die „Sozialisten", 
die wir verfolgen (leider haben wir es bisher zu wenig getan) das sind 
Kerenski und Tschernow, die im Dienste der russischen Bourgeoisie und der 
Pariser wie Londoner Börse das Blut des russischen Volkes im kapitalistischen 
Kriege weiterfließen lassen wollten, die, als sie an der Macht waren, die Arbeiter- 
zeitungen unterdrückten, die Arbeiterführer in die Gefängnisse warfen; die jetzt, 

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als sie durch die Arbeiterfauste aus den Regierungsgebäuden verjagt worden sind, 
sich mit eigenen und ausländischen Kapitalisten verbinden, um die Arbeiter- 
regierung niederzuwerfen. Wir verfolgen die Menschewiki, jene Auch- 
sozialisten, die, als sie zusammen mit der Bourgeoisie in der Regierung saßen, 
die Arbeiter vom Streike zurückhielten, um den kapitalistischen Profit* nicht zu 
stören und dem imperialistischen Kriege, keine Hindernisse zu bereiten; die aber 
jetzt, wo die Fabriken und die Macht im Staate den Arbeitern angehören, die 
Arbeiter aufzuwiegeln suchen, wenn die Arbeiterregierung nicht imstande ist, 
von Feinden umzingelt, genügend Brot zu beschaffen. Ja, wir verfolgen sie, 
weil es Wölfe sind in Lammeshäut eingehüllt und wir sind eines sicher: 
die europäischen Arbeiter werden, wenn sie ihre Revo- 
lution machen, auf Grund unserer Erfahrungen, an dem Tage, an dem 
sie siegen, die Scheidemanns und Legiens, die Adlers und 
Renners, die Renaudels, und Jouhaus, die Hendersons und 
Gompers, die Bissolatis wie die Musolinis zusammen mit den 
Vertretern des Kapitalismus in die Kerker werfen. Wir sind 
überzeugt, daß die Arbeiter Europas nicht mehr so dumm 'sein werden, wie wir 
es waren, daß sie nicht mehr mit den früheren Verdiensten dieser Leute rechnen 
werden, sondern daß sie sagen werden: „Ihr hängt so sehr an den 
kapiitalis tischen Regierungen, ijir sollt zusammen mit 
ihnen hängen." l 



Die Räte — Die Regierungsform der ArbeiterKlasse. 

Vieles, was die Räte-Verfassung enthält, ist an ihr vergänglich, ist ein Produkt 
des Bürgerkrieges, eine Maßregel für die Durchgangszeit, in der* es gilt, mit 
eiserner Faust den Feind niederzuwerfen. Aber in ihrem tiefsten Kern ist die Räte- 
Verfassung das neue Wort, nach dem die internationale Arbeiterbewegung 
in . den letzten 15 Jahren mühevoll gesucht hat. Die Arbeiter aller Länder fühlten 
instinktiv, daß das Parlament nicht die Form ist, in der die Arbeiterklasse ihre 
Befreiung vollziehen kann. Sie sahen, daß wenn die Arbeiterklasse durch Massen- 
aktionen, durch den Aufstand die Bourgeoisie niederwirft, sie dann kein Rumpf- 
parlament ohne Bourgeoisie zusammenberufen kann, um ihm die Verwaltung der 
Fabriken, die Verwaltung von Grund und Boden zu überlassen. Ein solches 
Parlament wäre nicht imstande, die ungeheure Arbeit der Leitung der Produktion 
an Orten und Zentralen in die Hände zu übernehmen. Was die Gedanken 
der besten Vertreter der europäischen Arbeiterbewegung 
nicht erfinden konnte, das hat die Praxis der russischen 
Arbeiterklasse, der Kampf der Arbeiter selbst gefunden. 
Die Arbeiter wählen in jeder Fabrik, die armen Bauern in jedem Dorf ihre 
Vertreter. Aus den Vertretern der armen Bauern im Dorf entsteht die lokale 
Staatsgewalt im Dorfe. Sie leitet den Ordnungsdienst, sie befaßt sich mit der Ge- 
sundheit der Einwohner, sie ist der politische Ausdruck des Willens der arbei- 
tenden Massen im Orte. Dieselben Vertreter leiten das ökonomische Wirtschafts- 
leben des Ortes oder des Bezirks, sie beurteilen, welche Fabriken im Orte lebens- 

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fähig sind, sie setzen die örtlichen Bedürfnisse fest. Aus den Vertretern der 
lokalen Arbeiterräte setzen sich die Bezirks-Arbeiterräte zusammen, wie schließ- 
lich der Kongreß der Räte und zwischen zwei Kongressen das Zentral-Exekutiv- 
komitee der Räte. Die Bezirks- und die zentralen Arbeiterräte leiten die all- 
gemeinen Angelegenheiten. Der Kongreß der alie sechs Monate zu einer kurzen 
Tagung zusammentritt, ist also in steter Fühlung mit den Volks-' 
massen; er bestimmt die Grundsätze der Regelung der wichtigsten Fragen. 
Der von dem Kongreß eingesetzte Volksrat der Volkskommissare läßt auf Grund 
dieser Grundsätze die neuen auftauchenden Fragen in Gesetzesform durch die 
einzelnen Volkskommissariate regeln, pr erhebt die einzelnen Vorschläge der 
Kommissariate zum Gesetz für das Land. Das Zentral-Exekutivkomitee der Räte, 
der Hüter des Willens der Kongresse, muß die Gesetze bestätigen. Sind sie be- 
stätigt, dann werden sie durch die lokalen Räte vermittels ihrer Kräfte ausgeführt, 
wobei die Lokal- und' Bezirksräte die Möglichkeit haben, diese allgemeinen Regeln 
an die konkreten lokalen Bedingungen anzupassen. Die Mitglieder der Regie- 
rung des Rates der Volkskommissare sind gleichzeitig Mitglieder des vom Kongreß 
aller Räte gewählten Exekutivkomitees der Räte. Die Mitglieder des Exekutiv- 
komitees der Räte arbeiten alle in den Regierungsämtern, Kommissariaten oder 
bereisen im amtlichen Auftrage das Land, um dort einzuspringen, wo es an 
lokalen Kräften fehlt. Die kleinbürgerlichen Gegner der Räterepublik höhnen: 
es ist eine Beamtenrepublik. Die Dummköpfe verstehen nicht, daß die 
Gefahr der Beamtenschaft dort beginnt, wo das Volk keine Möglichkeit 
Kat, jeden Tag sich in die Politik einzumischen, wo die 
Beamten eine Möglichkeit haben, sich vom Volke abzu- 
sondern. Wo diö Regierung jede 6 Monate durch einen 
einfachen Beschluß des Kongresses der Arbeiter- und 
Bauernräte geändert werden kann, wo das Exekutivkomitee 
der Räte jede sechs Monate neu zusammengesetzt werden 
kann, wo die. Arbeit er Zeit und Möglichkeit haben, sich 
selbst mit den Angelegenheiten des Staates und der Ge- 
sellschaft zu befassen, wo nur die Arbeiter und die armen 
Bauern Waffen tragen, dort gibt es keinen Unterschied 
zwischen Arbeitern und Beamten, d. h. ihren Beauftragten, 
dort ist der Weg gebahnt zur Aufhebung jedweder Abhän- 
gigkeit der Arbeitermassen von der Arbeiterregierung. Zum 
erstenmal in der Geschichte der modernen Menschheit wird die Regierung wirklich . 
zum Beauftragten der Massen, verschwindet die Unterdrückung der 
Arbeitermassen durch die Regierung. 

Ihr seid an der Reihe, mittel- und westeuropäische 

Arbeiter. 

Die Arbeiterregierung ist heute, wo die Bourgeoisie noch nicht endgültig nieder- 
geworfen ist, das Organ, das zugleich den Kampf der Arbeiter gegen die Bour- 
geoisie führt und die Grundlagen des neuen Lebens legt. Der Bürgerkrieg unter- 

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bricht oft ihre schöpferische Arbeit, aber gleichzeitig schafft er in der Arbeiter- 
schaft den eisernen Willen zum Siege, und schafft die geistigen Kräfte, die den 
Arbeitern in der Zukunft erlauben werden, wirklich selbständig ihr Leben ein- 
zurichten. Der viel niedrigere Grad der Bildung der Volksmassen in Rußland, 
— niedriger im Vergleich mit den Fertigkeiten der westeuropäischen Arbeiter- 
klasse — der niedrige Stand des Verkehrswesens in Rußland, der technischen 
Ausbildung des Volkes, das alles erschwert ungeheuer die Arbeit der Räte- 
regierung. Die Arbeiter Europas werden es leichter haben als die russischen 
Brüder, wenn sie sich einmal entschließen, den großen Kampf gegen ihre Aus- 
beuter aufzunehmen. Sie entschließen sich dazu nur langsam, zögernd, weil auch 
ihr Feind, die Kapitalisten in Deutschland, Frankreich, England und Amerika viel 
besser organisiert, viel schwieriger niederzuwerfen sind, als es die Kapitalisten 
Rußlands waren. Aber schließlich werden die europäischen Ar- 
beiter, ob sie wollen oder nicht, zum Kampfe aufstehen 
müssen. Sie werden es müssen, wenn sie nicht auf den Schlachtfeldern in allen 
Weltteilen verenden wollen, wenn sie sich nicht dauernd zu Sklaven erniedrigen 
lassen wollen, zu Sklaven, die nicht einmal wie die altertümlichen, genügend zu 
essen bekommen. 

Immer länger dauert der Krieg, kein Ende ist noch zu sehen, 
immer größer wird die Macht des Kapitals, immer größer die Ausbeutung durch 
die Kapitalisten. Wenn die Arbeiter Europas in den. Fabriken, die Arbeiter- 
Soldaten an der Front, nicht zeitig genug aufstehen, um der blutigen' Herrschaft 
des Kapitals ein Ende zu bereiten, so haben sie nur eine Aussicht, sie werden in 
Millionen auf den Schlachtfeldern dahingemäht, damit in der Werkstatt, der Fabrik 
und in dem Schacht an ihre Stellen Chinesen treten, die lange noch ohne Murren 
das Joch des Kapitalismus ertragen werden. Wir sind überzeugt, daß die Arbeiter 
Europas, daß die Soldaten an den Fronten es soweit nicht kommen lassen werden. 
Schon wächst die Gährung mit jedem Tage stärker in den Armeen, 
wie in den Städten. In Österreich und Italien hat die staatliche 
Zersetzung einen solchen Umfang angenommen, daß man jeden Tag mit dem Aus- 
bruch der Revolution in diesen Ländern rechnen kann. Wenn das Proletariat 
Rußlands die erste Bresche der Front des Imperialismus geschlagen hat, so wird 
das Österreichs und Italiens die zweite und dritte schlagen. Heute senden die 
verbündeten französischen und englischen Kapitalisten 
ihre Truppen nach Rußland, um hier die Revolution niederzudrücken und die 
russischen Arbeiter und Bauern wieder vor ihren Kriegswagen zu spannen; 
morgen werden die deutschen Machthaber Truppen nach Österreich 
und die französischen nach Italien senden müssen, damit die Volks- 
massen dieser Länder die blutige Kriegsschlinge von ihrem Halse nicht abstreifen. 
Statt der Front der imperialistischen Lager beginnt sich 
die Front der Revolution und der Konterrevolution aus- 
zubilden. Heute vereinsamt vom Feinde umschlossen, wird Rußland morgen 
die Spitze, das Haupt der aufstehenden revolutionären Völker bilden; und wie das 
russische Proletariat der Vorkämpfer des Weltproletariats ist, so wird auch d i e 
Verfassung der russischen Räterepublik zum Banner des 
europäischen Proletariats werden. Immer populärer wird in den 

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Volksmassen Europas die Losung der Arbeiter- und Soldatenräte. Die Sozial- 
patrioten sehen es und suchen die Losung zu verfälschen, indem sie, wie es 
während des Februarstreiks in Wien war, die Arbeiter anspornen, Arbeiterräte 
zu wählen, die sich mit Fabrikangelegenheiten befassen und sich dazu hergeben 
sollen, das Feigenblatt für die verräterische Politik der Sozialpatrioten zu bilden, 
damit die Sozialpatrioten die Möglichkeit haben, wenn sie einen Massenstreik unter- 
drücken wollen, es unter der Deckung eines Arbeiter-Delegiertenrates zu machen. 
Die Arbeiter Europas werden darauf nicht hereinfallen. In Rußland haben 
flicht die Räte die Revolution gemacht, sondern in der 
Revolution sind die Räte geboren. 

Auch in Westeuropa kann es sich jetzt nur darum handeln, illegale 
Geheimorganisationen zu bilden, die die anwachsende Bewegung der 
Arbeiter* und Soldaten leiten könnten, die durch ihre Entschiedenheit die Arbeiter- 
schaft in ihrem Kampf weitertreiben, ihr helfen, sich zu orientieren, einzusehen, daß 
man das blutbfleckte System nicht reformieren, nicht ausbessern, sondern nur 
vernichten kann. Nur in dem Strom der revolutionären Massenbewegung, nur 
aus den Wellen der Revolution, die die Grundlagen der kapitalistischen Staaten 
unterwühlen werden, können die Räte der Arbeiter als Kampfes- 
organisationen gegen die Bourgeoisie entstehen, um dann 
zur Organisation der Arbeitergewalt zu werden. Wo die 
Arbeiter zum Kampfe aufstehen, da gilt es, sich in jedem Orte, in jeder Fabrik 
zu vereinigen in Arbeiterräte, Diese Arbeiterräte müssen von vornherein jeden 
Kompromiß mit den Verrätern des Sozialismus ablehnen, 
sie müssen in vornherein nur die Arbeiterschaft vertreten, die kämpfen will, die den 
Kapitalismus niederringen will Das, was in der russischen Revolution erst nach 
ein paar Monaten den Arbeitern klar wurde, daß es keinen Platz für die Ver- 
räter des Sozialismus in den Arbeiterräten gibt, das müssen die aufstehenden 
Arbeiter Europas im voraus wissen. Nur nachdem sie mit den Verrätern des 
Sozialismus gebrochen haben, können die Arbeiter wirklich in den Kampf ziehen, 
unter der Losung: „Nieder mit der kapitalistischen Regrerung", 
„Nieder mit den Hohenzollern", „Nieder mit den Habs- 
burgern und Savoyern", „Nieder mit der Bande der fran- 
zösischen Beutepolitiker", „Fort mit dem englischen 
König und seinen Lakaien", „Nieder mit den bürgerlichen 
Parlamenten", „Es lebe die Regierung der Arbeiterräte in 
ganz Europa". 

Um diese Losung muß der Kampf geführt werden und umkeine andere. 
Die Quacksalber, die der Arbeiterschaft einreden wollten, sie solle um die 
Demokratisierung der bestehenden Staaten kämpfen, sie solle um das 
preußische Wahlrecht kämpfen, um die Reformierung des k. k. schwarz-gelben 
Elends, um die Abschaffung der Qeheimdiplomatie, alle die Quacksalber 
wissen, warum sie dem europäischen Proletariat diese Losungen aufschwätzen 
wollen. Sie tun es eben darum, weil sie wissen, daß man das Übel des Welt- 
krieges, daß man seine schrecklichen Folgen nur dann abschaffen kann, wenn 
man die Axt an die Wurzeln legt — an die Herrschaft des Kapitals, an das 

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kapitalistische Eigentum. Nur wenn die Arbeiter- der mittel- und westeuropäischen 
Länder sich als Ziel die Niederwerfung der kapitalistischen Regierungen, die 
Eroberung der Macht durch die Arbeiterschaft, die Errichtung der Macht der 
Arbeiter- und Soldatenräte auf ihre Fahnen schreiben, wenn, sie sich von vornherein 
zum Kampfe um diese Losung vereinigen und nicht nach rechts und nicht nach 
links schauen, sondern vorwärts auf dieses Ziel marschieren, dann werden sie 
sich viele Enttäuschungen und viele bittere Erfahrungen sparen, dann werden 
sie gefeit sein nicht nur gegen die Tücken des Kapitals, sondern gegen die 
viel gefährlicheren Schliche der Feinde im eigenen Lager —-die Sozialpatrioten, 
die ihnen verschiedene Schwindellosungen aufschwatzen wollen, um sie vom 
geraden Wege des Kampfes abzuhalten. 

Die Verfassung der russischen Rate-Republik hat großes Interesse in den 
Massen der europäischen Arbeiterschaft geweckt. Wir machen ihnen diese Ver- 
fassung hiermit zugänglich. — Aber nicht nur darum handelt es sich, daß sie 
sie kennen, sondern, daß sie sie in ihren eigenen Ländern ein- 
führen. Solange das nicht der Fall ist, solange die europäischen Arbeiter, die 
Arbeiter Deutschlands, Österreichs, Frankreichs, Englands, Italiens wie die Arbeiter 
Nordamerikas diese Verfassung in ihren Ländern nicht erkämpft haben, solange ist 
sie auch in Rußland immer bedroht. Die russischen Arbeiter legen sich nicht 
auf Lorbeeren — im Kampfe mit den Waffen in der Hand verteidigen die Arbeiter 
Rußlands ihre Verfassung, auf den Augenblick wartend, wo der Sieg der euro- 
päischen Arbeiterklasse die Hoffnung der russischen wie aller Kapitalisten zunichte 
machen wird, noch einmal wegen kapitalistischer Interessen, die Völker Europas 
in den Krieg zu fuhren. 

Proletarier Europas und Amerikas: Die Verfassung der 
russischen Arbeiter-Räterepublik möge das Banner sein, 
das euch zum Siege führt! 



Das blutige Ungeheuer liegt im Sterben. Schlagt es tot, 
ihr deutschen Arbeiter, ihr deutschen Soldaten. 

(Zürich 1918.) 

Der deutsche Imperialismus, der das Blut des deutschen Volkes 4 Jahre in 
Strömen vergossen hat, der deutsche Imperialismus, der euch geschleppt hat nach 
den Feldern Flanderns, der euch geschleift hat nach den Wüsten Mesopotamiens, 
de,r euch gejagt hat über die Steppen Rußlands — er liegt im Sterben. AHes 
was er euch erzählt hat von den Siegen, die eurer warten, hat sich als 
Schwindel gezeigt. Nach 4 Jahren von Siegen, in denen er ein Meer von Bhit 
vergossen hat, hat er sich tot gesiegt Jetzt jagen die Franzosen, Engländer und 
Amerikaher die deutschen Truppen wie angeschossenes Wild vor sich her. Die 
deutschen Linien im Westen sind durchbrochen, Metz wird 
beschossen durch dieselben großkalibrigen Geschütze, mit denen die deutschen 
Imperialisten die Welt erobern wollten. Das deutsche Heer in Belgien und Nord- 
frankreich ist bedroht und nicht fern ist der Tag, wo der Krieg auf deutsches 

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Gebiet übertragen wird. Im Süden iallen'von Deutschland seine 
Verbündeten ab — Bulgarien hat den Waffenstillstand mit den Engländern 
und Franzosen geschlossen, denn es konnte nicht weiter kämpfen. Die bulgarischen 
Bauern haben sich in 6 Jahren des Krieges vollkommen weißgeblutet und sie 
konnten nicht weiter kämpfen. Sie verlassen das Kampfesfeld fluchtartig und es 
bleibt der bulgarischen Regierung nichts anderes übrig, als sich auf Gnade und 
Ungnade dem englischen und französischen Kapital zu unterwerfen. Bulgarien 
folgt die Türkei. Zwischen der jungtürkischen Regierung, die ein Lakai der 
deutschen Regierung war, und der Entente haben Verhandlungen angefangen. I n 
Österreich herrscht ein völliges Drunter und Drüben Re- 
volten sind in einer großen Anzahl von Städten ausgebrochen. Von Schrecken 
gelähmt, suchte die österreichische Regierung, die jahrelang das Parlament voll- 
kommen ausgeschaltet hatte, jetzt nicht nur das Parlament einzuberufen, sondern 
sogar eine parlamentarische Regierung aus den Vertretern aller Nationen zu- 
sammenzustellen. Aber die tschechischen Nationalisten erklärten: Mit einem 
Leichnam verbinden wir uns nicht, man nimmt keine Zugeständnisse von einer 
Regierung an, die morgen am Boden liegen wird. Die deutsche Regie- 
rung; die Regierung der hochnäsigen Junker, die Regierung der säbelrasselnden 
Generäle, die Regierung der Hohenzollern von Göttesgnaden, sie hat die Hoffnung 
in die Gnade Gottes aufgegeben; Graf Hertling, der religiös-gesalbte Schwindler, 
ist von der Oberfläche verschwunden. Die Regierung wirft sich in ihrer Kopf- 
losigkeit von. einer Seite auf die andere. Am Morgen will sie unter dem Druck 
der Generäle die Diktatur des Säbels und der Flinte, die schießt, 
einsetzen, am Abend verhandelt sie mit den Vertretern der bürgerlichen Parteien 
und ihrer Lakaien, mit den Vertretern der Sozialpatrioten. 
Scheidemann, der Komplice des deutschen Imperialismus in allen seinen Blut- 
taten, er soll, oder seine Freunde, in die Regierung eintreten und ihr das Ver- 
trauen des Volkes bringen. Wir brauchen euch nicht auseinanderzusetzen, wie 
töricht diese Hoffnung ist. Aber die Tatsache allein, daß die Scheidemänner von 
den Hohenzollern als die Retter in der Not angesehen werden, die Tatsache zeigt 
am besten, daß die Regierung der preußischen Junker, daß die Regierung der 
Kohlen- und Eisenbarone am Ende ihres Lateins ist. 



Dem Abgrund entgegen. 

Deutsche und österreichische Arbeiter! deutsche und österreichische Soldaten? 
Die deutsche und österreichische Regierung ruft euch auf zur Abwehr, zum heiligen 
Verteidigungskrieg. Sie sagt euch, ein fremder Wolf ist in die Herde 
eingebrochen,' er wolle euch zerreißen. Ja, die Situation ist bitterböse und bitter- 
ernst. Ein fremder Wolf bedroht Deutschland, das unterliegt gar keinem Zweifel. 
Aber diesen fremden Wolf hat die deutsche Regierung selbst 
in das Land gerufen. Die Verbrecher in Berlin und Wien haben diesen 
Krieg angezettelt, das hat ein deutscher Botschafter, Fürst Lichnowsky in 
seinem Memorandum nicht nur eingestanden, er hat es bewiesen. Und wenn jetzt 
Deutschland bedroht ist vom fremden Kapitalismus, dann ist es die Schuld der deu<- 

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sehen Kapitalisten, die sich damit nicht begnügten, daß sie euch blutig ausbeuteten, 
die für den Preis eureSx Blutes noch andere Völker unterjochen und ausbeuten 
wollten. Aber es handelt sich nicht um die Schuldfrage, nicht nur 
darum, daß es Deutschland und Österreich waren, die den Krieg anfingen, es 
handelt sich nur darum, daß man unter der Leitung der blut- 
befleckten Mörder nicht einen Verteidigungskrieg führen 
kann, solange an der Spitze Hindenburg, Ludendorff und die blutbefleckte 
Militärkamarille steht, solange in Deutschland die Hohenzollern zu be- 
fehlen haben, solange in Deutschland der Reichstag existiert, der zu 
allen Schandtaten der deutschen Regierung Ja und Amen sagte, solange ist euer 
Krieg kein Verteidigungskrieg, solange ist er ein Krieg an der Seite derer, die 
Europl in den Weltkrieg gestürzt haben. Verteidigungskrieg nennen die 
hankrotten Führer des deutschen Imperialismus die Klemme, in die sie durch ihre 
Schuld geraten sind. Ja, für sie ist es ein Verteidigungskampf 
— die Hohenzollern verteidigen ihre Krone, sie vertei- 
digen das ungeheure Vermögen, das sie zusammengeraubt 
haben, sie verteidigenihre Anteilscheine an den Krupp- 
schen Kanonenfabriken und den Ba Hinsehen Reedereien. 
Die Generäle verteidigen ihr Recht, euer Blut nach eigenem 
Ermessen zu vergießen; die Kapitalisten verteidigen das 
Recht, euch die Haut übeT die Ohren zu ziehen; die Junker 
verteidigen ihr Recht, das Gesinde mit Knüppeln zu hauen, 
das ganze Volk auszuplündern durch Lebensmittelwucher 
und durch Fusel zu vergiften. Das sind die heiligen Güter, die die 
Herren verteidigen. Aber was habt ihr zu verteidigen? Ihr habt zu 
verteidigen das Zuchthausgesetz, das euch an die Fabrik kettet; ihr habt 
zu verteidigen die Milliarden Schulden, die die Kapitalisten im Kriege 
gemacht haben und dieihrmiteuremSchweißezubezahlenhaben 
werdet; ihr hajbt zu verteidigen die Sklaverei, unter deren Joch ihr gedrückt 
wurdet; ihr habt zu verteidigen den Namen des Henkers der Welt, der euch 
dank den Schandtaten des deutschen Imperialismus anhaftet. 

Deutsche Arbeiter und Soldaten! wenn ihr euch dazu hergebt, um die Throne 
der Hohenzollern und der zwei Dutzend anderer Fürsten zu verteidigen, dann 
werdet ihr zusammen mit den Junkern, mit den Kapitalisten, mit den Pfaffen 
und mit den Königen in den Abgrund stürzen. Das Deutschland der 
Kapitalisten ist nicht mehr zu retten. Die Kapitalisten Frankreichs, Englands und 
Amerikas werden jetzt versuchen, das süße Getränk der Rache bis zu Ende zu 
trinken. Sie werden versuchen, euch von der Nordsee bis zum Schwarzen Meer 
zu umzingeln. Nachdem Bulgarien und die Türkei aus den Reihen ausgeschieden 
sind, werden die Truppen der Entente vom Süden her nach Österreich, vom 
Westen her nach Deutschland eindringen. Die Soldaten Frankreichs und Englands 
werden suchen, den Deutschen auf deutschem Boden für die Vernichtung Belgiens 
und Nordfrankreichs blutig zu bezahlen. Die Soldaten Serbiens werden an der 
Spitze der Ententekolonnen in Österreich eindringen, um den ungarischen Junkern 
und österreichischen Kastellbaronen für alle Leiden des serbischen Volkes zu 

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bezahlen. Ein Schrei der Freude wird sich der Brust aller von Österreich und 
Deutschland vergewaltigten Völker entringen. „Schlagt sie tot", wird der 
Ruf sein, der über alle Gaue Polens, Lithauens, Lettlands, der Ukraine bis an 
die Schnetgestade Finnlands ausbrechen wird. Hell wird der Haß aller 
Völker auflodern. Wie die Bauern, wenn sie einen Wolf gefangen haben, ihn 
niederknüppeln unter Rufen: das hast du für die Kühe, die du geraubt hast und 
diesen Schlag für die Lämmer, die du geschlachtest hast, so wird jedes Volk Deutsch- 
land heimzahlen wollen, für .das von ihm erlittene Ungemach^ für die verwüsteten 
Felder, für die weggeraubten Reichtümer, für seine Bürger, die in Zwangsarbeit 
in Deutschland ächzen. 

Deutsche und österreichische Arbeiter und Soldaten! Die ganze Last des 
aussichtslosen Krieges wird auf euch fallen, die Kapitalisten werden sidi noch 
immer auskaufen können. Leiden werdet ihr, zahlen werdet ihr, bluten werdet 
ihr. Wollt ihr diesem Geschick entrinnen, so gibt es nur einen Weg: Schlagt 
ihr das Ungeheuer tot, das halb Europa vernichte tund ver- 
wüstet hat, macht Ordnung in eurem eigenen Hause, be- 
straft ihr die Missetäter, die den Krieg entfesselt haben, 
die 4 -Jahre euer Blut vergossen haben. Zerschlagt ihr die Ketten, 
die auf euren Händen lasten, und röchelt das Tier des deutschen Imperialismus, 
das am Boden mit dem von euren Kolben eingeschlagenen Schädel liegt, dann 
werden die Volksmassen, die jetzt noch voll Haß gegen das Deutschland der 
Blutsauger, gegen da$ Deutschland der Unterdrücker, gegen euch stürmen, dann 
werden alle diese Völker einsehen, daß sie von der Gefahr des 
deutschen Imperialismus befreit sind. Sie werden sich nicht mehr 
mißbrauchen lassen, um dem englischen, französischen und amerikanischen Kapital 
die Kastanien aus dem Feuer zu holen. Die deutschen Kapitalisten sagen, daß das 
nicht wahr ist, daß die ganze Welt Deutschland haßt. Deutsche und öster- 
reichische Arbeiter und Soldaten! glaubt das nicht, die Arbeiter aller Länder 
sind ebenso wie ihr kriegsmüde und sie sehnen sich ebenso wie ihr nach dem 
Ende des blutigen Krieges. Aber wir geben zu, daß es möglich ist, daß es den 
englischen und amerikanischen Kapitalisten noch eine Zeitlang gelingen kann, 
ihre Arbeiter auf die Schlachtfelder zu treiben, denn die Kräfte des englisch- 
amerikanischen Kapitalismus sind sehr gewachsen dank der Niederlage des deut- 
schen Imperialismus. Es ist möglich, daß das englisch-amerikanische Kapital ver- 
suchen könnte, die deutsche Revolution im Blute zu ersticken, um dem deutschen 
arbeitenden Volke die Kette anzulegen. Nun, dieser Gefahr gegenüber gilt es 
sich zu wehren. 

Eben, weil diese Gefahr nicht für euch besteht, weil diese Gefahr eine Gefahr 
für das ganze arbeitende Volk Europas und Amerikas wäre, weil sie an Stelle 
des deutschen Imperialismus eine neue Zwingburg aufrichten würden, deshalb hat 
die erste Arbeiterregierung der Welt, deshalb ist die russische Arbeiter- und 
Bauerregierung sofort, als durch den Abfall Bulgariens, durch die deutschen Nieder- 
lagen klar wurde, daß die deutsche Revolution erdrosselt werden könnte, bevor 
sie noch geboren worden ist, zusammengetreten und sie hat beschlossen, dem 
deutschen arbeitenden Volke öffentlich vor der ganzen Welt ein Schutz- und Trutz- 

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bündnis anzubieten. Der Zentral-Vollzugsausschuß der Räte hat dem Standpunkt 
der Regierung einstimmig zugestimmt, unter ungeheurem Enthusiasmus der Ver- 
treter der Arbeiter und Bauern von ganz Rußland. Die russische Arbeiterregierung 
hat abgelehnt mit euren Feinden, mit den Kapitalisten Englands und Amerikas 
über Deutschland herzufallen. Sie wendet sich an die deutschen Arbeiter 
und sagt ihnen: die deutsche Kapitalisten- und Junkerregierung hat 
Rußland zerstückelt,, hat ungeheure Lasten dem russischen Volke auferlegt, 
jetzt steht der deutsche Imperialismus inmitten von Kämpfen, die nur mit 
seinem Tode enden können und mit seinem Tode enden müssen. Ihr deutschen 
und österreichischen Arbeiter müßt die Vollzieher des Urteils der Geschichte über 
den deutschen Imperialismus sein, ihr, nicht die Kapitalisten Englands und Ame- 
rikas. Steht ihr untätig dabei, wie das amerikanische Kapital dem deutschen 
Imperialismus das Genick bricht, dann werden die französischen und englischen 
Kapitalisten euch Ketten auferlegen, wie es die deutschen Karitalisten mit dem 
wehrlosen Rußland gemacht haben. 

Aber ihr deutschen und österreichischen Arbeiter und Soldaten ihr seid die 
Macht, ihr habt die Waffen in der Hand und wollt ihr es, dann könnt ihr 
ohne weiteres die Macht im Staate in eure starken Hände nehmen. Es genügt, 
die Gewehre gegen eure Peiniger zu richten, und euer ist der Sieg. Habt ihr aber 
die Macht in die Hände genommen, habt ihr eure vor Blut triefenden Hände in 
dem Blute derer gewaschen, die euch zu den Henkern der Welt gemacht haben, 
dann schlägt euch die russische Arbeiterklasse ein Schutz- und Trutzbündnis 
auf Leben und Tod vor. Die russische sozialistische Regierung ist jetzt nicht 
schwach, wie sie es im März war, wo die alte zarische Armee zersetzt und ver- 
dorben zurückflutete, wo die russischen Arbeiter noch nicht imstande waren, eine 
neue Armee zu bilden. Jetzt stehen unter den Waffen Hunderttausende russische 
Arbeiter, gestählt im Kampfe, bereit für die Sache des Sozialismus zu Sterben. Sie 
haben schon bewiesen, daß sie eine Kraft sind, sie haben die Truppen der Entente, 
die Tschecho-Slowaken, die ausgezeichnete Soldaten sind, bei Kasan, bei Simbirsk, 
bei Sysran aufs Haupt geschlagen und in kurzer Zeit wird die russische Arbeiter- 
regierung, wenn es notwendig ist, eine Millionenarmee stellen. Diese MiDionen- 
armee soll nicht gebraucht werden zur Ausbeutung, zur Unterdrückung fremder 
Völker, wie es die Armeen des Kapitals bisher taten, sie wird aber in die Schanze 
treten in dem Moment, wo die Arbeiterrevolution bedroht sein 
wird,wennsiebedroht wirdundwosie bedroht wird. Ebenso 
wie die russichen Arbeiter ihr Blut vergießen, um das sozialistische Rußland 
bis zum letzten Tropfen Blut zu verteidigen, ebenso werden sie in Kolonnen 
vorrücken, wenn es sich darum handeln wird, die in Geburt begriffene deutsche 
Revolution zu verteidigen. Wenn ihr, deutsche und österreichische Arbeiter, die 
Macht in eure Hände nehmt, wenn ihr die Kapitalisten vom Staatsruder weg- 
jagt, wenn ihr den Völkern einen ehrlichen Arbeiterfrieden anbietet und das 
amerikanisch-englische Kapital diesen Frieden ablehnt, dann wollen wir ein einig 
Volk von Brüdern sein, dann wollen die russischen Arbeiter ihr Blut für das 
Arbeiter-Deutschland am Rhein ebenso verspritzen, wie sie es für Rußland an der 
Wolga tun. 

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Deutsche und österreichische Arbeiter und Soldaten! 

Die Arbeiter Rußlands bieten euch nicht nur ihre militärische Hilfe an, sie 
bieten euch Brot an für euch und eure Frauen und Kinder. Rußland ist reich 
an Brot, Rußland ist reich an Rohstoffen. Die russische Arbeiterklasse, die jung 
und technisch unerfahren ist, konnte alle diese Schatze nicht auf einmal heben, dazu 
kam noch, daß dank der Unterstützung des ausländischen Kapitals, die russischen 
Kapitalisten es versuchen konnten, durch konterrevolutionäre Aufstände unsere 
Organisationsarbeit tagtäglich zu stören. Schließt die deutsche und russische Ar- 
beiterklasse ein Bündnis, vereinigt sich die große organisatorische Erfahrung der 
deutschen Eisenbahner, der deutschen Metallarbeiter mit dem Ungestüm der rus- 
sischen Arbeiterklasse, dann wird das Arbeiter-Peutschland und Arbeiter-Rußland 
genug Brot haben, um durchzuhalten, genug Brot, um, wenn es notwendig ist, den 
Kampf auf. Leben und Tod mit den englischen und amerikanischen Kapitalisten 
aufzunehmen. , 

Deutsche und österreichische Arbeiter und Soldaten! 
Jetzt liegt es nur an euch, ob ihr weiter verbluten werdet im Interesse des 
deutschen Kapitals, unter der Leitung der Hohenzollern und Hindenburgs, mit der 
Aussicht auf eine sichere Niederlage, mit der Aussicht, die ungeheuren Kosten des 
Weltkrieges zu tragen, mit der Aussicht, Entschädigungen an die Kapitalisten aller 
Länder zahlen zu müssen, oder ob ihr die Waffen gegen eure Peiniger kehrt, ob 
ihr die Parasiten von eurem Leibe abschüttelt. Geschieht das, dann werdet ihr 
die Völker aller Länder von dem Schrecken, sie könnten noch einmal unter die 
Stiefel des deutschen Imperialismus geraten, befreien. Ihr werdet in den Herzen 
der Arbeiter aller Länder den heiligen Willen entfachen, sich ebenso von ihren 
Ausbeutern zu befreien. Geschieht das nicht sofort, geschieht das nicht schnell, 
gelingt es den englischen und amerikanischen Kapitalisten noch für eine Zeit den 
Kämpfeswillen durchzusetzen und durchzudrücken, so werden wir dann gemein- 
sam, das russische und das deutsche Proletariat, Arm in Arm, Rücken an Rücken, 
den letzten heiligen Kampf mit den Waffen in der Hand durchkämpfen, dann 
werden wir noch eine Zeitlang für die Befreiung der Arbeiterklasse bluten, dann 
werden wir sicher siegen. 

Deutsche unjl österreichische Arbeiter und Soldaten! 

Von zwei Seiten erschallt der Ruf an euch: „Gewehr in die Hand, marsch in 
den Kampf!" Zum Verteidigungskampf rufen euch Hindenburg und Wilhelm, 
Krupp und Thyssen, sie fordern euch auf, die Krone zu verteidigen, die der 
Geßler-Hut ist, vor dem ihr auf den Knien liegen müßt, sie fordern euch auf, 
eure Ketten zu verteidigen, sie fordern euch auf, die Schuldenlast zu verteidigen, 
die ihr zu bezahlen haben werdet, sie fordern euch auf, die Kälber zu sein, 
<lie ihre Metzger verteidigen. Von der anderen Seite rufen euch eure russischen 
Klassenbrüder, die ihre eigene zarische Regierung besiegt haben, die dem eigenen 
Kapitalismus den Garaus gemacht haben, sie rufen euch zu: „Vier Jahre lang haben 
sich eure Frauen die Augen ausgeweint, indem ihr eure Leiber den Granaten 
entgegentruget, um dem deutschen Kapital die Weltherrschaft zu geben. Jetzt ist 

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die Zeit gekommen, mit dem deutschen Imperialismus fertig zu werden, das 
Geschmeiß, das euer Blut getrunken hat, zu verjagen, die euch geknechtet haben, 
auf die Knie zu zwingen, die Fackel der Weltrevolütion, die das russische Volk 
angezündet hat, hoch zu heben, die Funken der Revolution weit über die Grenzen 
Deutschlands hinüber zu werfen, dem verruchten, blutbefleckten System des Kapita- 
lismus, dem System der Ausbeutung und Knechtung das Genick zu brechen. 
Das russische Volk bietet euch dazu die Hilfe seiner starken Armee, es will mit 
euch das letzte Stückchen Brot teilen. 

Wählt deutsche Arbeiter und Soldaten, wählt in Her Schicksalsstunde des deut- 
schen Volkes! Wählt schnell, wählt schnell ohne Zaudern, denn die Stunde hat 
geschlagen! Es gilt zu wählen! Kehrt die Waffen gegen eure Offiziere und 
Generäle! Nehmt an äie Kandare die blutigen Hunde, die euch zu Henkern der 
Welt gemacht haben! Steht auf in allen Städten Deutschlands! t Nehmt in eure 
Hände die Banken, wo das zu Gold geronnene Blut eurer Besten gesammelt ist! 
Nehmt in eure Hände die Fabriken und die Bergwerke! Enteignet die Enteigner! 
Setzt hinter Schloß und Riegel die Wilhelms und das kleine Geschmeiß der an- 
gestammten Landesverräter! Setzt hinter Schloß und Riegel die Ludendorff und 
i Hindenburg! Hängt auf die Laternen der Städte nicht nur die Westarps, Strese- 
! tnanns und Payers, sondern auch die Verräter der deutschen Arbeiterklasse — die 
; Scheidemanns, die jetzt in der Stunde der Entscheidung ihre Hilfe euren Peinigern 
anbieten. 

Auf in den Kampf, deutsche Arbeiter und Soldaten! Zeigt 
der Weh, daß ihr des Namens Karl Marx wert seid, der der Welt die Heil- 
lehre des Sozialismus verkündet hat, und der ein Sohn des deutschen Volkes war! 
Zeigt, daß nicht umsonst Tausende deutscher Proletarier, mit Karl Liebknecht 
an der Spitze, für euch in den Gefängnissen schmachten! öffnet die Türen über 
Gefängnisse und werft in sie die Vertreter des verruchten Systems, das Deutsch- 
land zum Krüppel gemacht hat! 

Auf in den Kampf deutsche Arbeiter undSoldaten! Kalt- 
blütig und entschieden gehandelt! Und das Ungeheuer, das jetzt röchelnd am 
Boden liegt, es wird seinen verpesteten Geist aushauchen. 

Es lebe die Arbeiterrevolution in Deutschland! 
Es lebe das Bündnis der bewaffneten deutschen und rus- 
sischen Arbeiter! Es lebe die Weltrevolution! 

„Du sollst nicht töten!" 

(II. Teil: Proletarische Moral und proletarisches Gesetz.) 

Soldaten! Kameraden! Genug der Erniedrigung, genug der Ver- 
tiertheit, genug des Scheußlichen und des unschuldig vergossenen Blutes, das die 
entmenschte Bourgeoisie befahl! Wir zerbrechen diese viehische Moral und diese 
unmenschlichen Gesetze des bürgerlichen Klassenstaates und folgen den Ge- 
boten unseres eigenen Gewissens, wir handeln nach unserer 
menschlichen proletarischen Moral und unseren prole- 
tarischen Gesetzen, nach denen w i r handeln werden, weil wir, Proletarier 
s ind. Sie lauten: 

jl2 Unterirdische Literatur 177 



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Du sollst nicht töten! Nicht Vater und Mutter, nicht Bruder und 
Schwester — auch wenn es ein von der Bourgeoisie vertierter Mensch in Uniform 
verlangt 

Du sollst nicht töten! Keinen Bauer, keinen Arbeiter, keinen Prole- 
tarier, der sich um sein Recht wehrt — auch wenn es ein von der Bourgeoisie 
vertiertes Scheusal in Uniform fordert. 

Du sollst nicht töten! Keinen Soldaten, keinen Kameraden, der sich 
von der bürgerlichen Vertiertheit und der menschenunwürdigen Knechtschaft des 
Militarismus dieses bürgerlichen Klassenstaates freimacht und für die Be- 
freiung des Proletariats kämpft. Du sollst und darfst ihn nicht töten, 
wenn es auch ein viehischer Bluthund in Offiziersuniform im Namen des blut- 
rünstigen bürgerlichen Klassenstaates befiehlt. ' 

Aber: 

Pu sollst töten jeden Bluthund, der dir oder anderen im Namen 
des „Vaterlandes" oder — „im Namen Seiner Majestät des Kaisers", wie der 
Klassenstaat gewöhnlich seine Aufträge ausdrückt — befiehlt, ein Unmensch zu sein 
und auf Vater oder Mutter, auf Bruder oder Schwester zu schießen! 

Du sollst töten jeden Bluthund, der einen Befehl gibt, auf Bauern 
oder Arbeiter, auf Proletarier und Volksmassen zu schießen, die um ihre Befreiung 
aus unmenschlicher Knechtschaft und Unterdrückung kämpfen! 

Du sollst töten jeden Bluthund in Uniform, der ein Urteil 
spricht oder einen Befehl gibt, auf einen Soldaten, einen Kameraden zu schießen 
oder ihn „im Namen Seiner Majestät des Kaisers" zu henken, weil er ein 
Mensch und kein Tier sein will und die Ausführung der viehischen Blutbefehle 
des wahnsinnigen Militarismus verweigert! 

Du sollst töten jeden Bluthund der Bourgoisie, der sich 
der Befreiung des Proletariats entgegenstellt und dich und alle deine Proletarier- 
brüder in die menschenunwürdige Knechtschaft des Klassenstaates zwingen will; 
denn du sollst als Proletarier, der sich als Mensch und freier Mann 
fühlt, für die Befreiung des Proletariats aus unwürdiger und unerträglicher 
Knechtschaft kämpfen! 

Das ist unsere proletarische Moral, das sind unsere prole- 
tarischen Gesetze, nach denen wir handeln werden, weil wir, Proletarier 
und gewöhnliche Soldaten, Menschen) und keine Tiere, weil wir selbstden- 
kende Wesen und keine blinden Blutwerkzeuge, des mordgierigen, bürger- 
lichen Klassenstaates sind. Jeder Offizier, der sich weigert, einen Blut- 
befehl seiner Vorgesetzten zu erfüllen und als Mensch handelt, steht unter 
unserem Schutze und wird mit unseren Waffen verteidigt; jeder 
Offizier aber, der sich zu einem Bluthund der Bourgeoisie hergibt, der wird 
als Bluthund behandelt nach dem Gebote: „Du sollst nicht töten!" — 
wie wir es proletarisch und menschlich verstehen. 

Die Propaganda der Westfront. 

Die Literatur, die an der Westfront in die deutschen Linien mittels 
Fliegerabwurf befördert wurde, sei in den nachstehenden Zeilen im ein- 
zelnen behandelt. Wie schon erwähnt, nimmt hier die Propaganda für die 

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deutsche Revolution erst spät (in der zweiten Hälfte des Jahres 1917) 
revolutionären Charakter an. Eines ihrer am meisten charakteristischen 
Stücke ist entschieden das Tagebuch des ehemaligen Kruppdirektors 
Wilhelm Muehlon. Diese Äußerungen des ehemaligen Rüsttmgs- 
industriellen fanden wohl mit von der ganzen fraglichen Literatur die 
weiteste Verbreitung in Deutschland, denn nicht nur unter den fran- 
zösischen Fliegerabwürfen an der Front gehören sie zu dem eisernen 
Bestand, sondern auch in inländischen Sonderdrucken zirkulieren sie 
dauernd. Ihr Inhalt beschäftigt sich im ersten Teil hauptsächlich mit der 
Kriegsschuld und dem Kriegsbeginn. Aus diesem Grunde konnte auf 
dessen Wiedergabe verzichtet werden. Vom 5. August an finden wir 
dagegen revolutionäre Gedankengänge und von hier ab beginnen wir 
daher den Abdruck: 

Aus dem Kriegstagebuch eines Kruppdirektors (1917). 

5. August. 

Ich sammle meine Gedanken und finde, daß unser Einbruch in Belgien 
eine furchtbare moralische Einbuße für uns bedeutet, daß wir skrupelloser ge- 
handelt haben, als je ein Bismarck, und daß ein siegreicher Krieg uns abermals 
nicht das Vertrauen Europas und der übrigen Welt bringen würde. 

Daß lediglich strategische Gründe den Einmarsch in Belgien veranlaßt hatten, 
war mir ohne weiteres klar. Die Richtigkeit und Dringlichkeit dieser Gründe an- 
genommen, so war doch das ganze Vorgehen gegen Belgien so brutal, so 
handstreichartig, so gegen alle politische Konstellation und Verpflichtung, so wenig 
diplomatisch vorbereitet, daß Belgien doch unmöglich Ja sagen konnte, ohne für 
alle Zeiten verächtlich zu sein. Man konnte also Belgiens Duldung keineswegs 
erwarten. Dann aber mußte man mit einer Zerstampfung Belgiens, mit der 
Zerstörung seiner Städte, mit der Vernichtung seiner Wehrkraft und, mehr noch, 
mit der Niederdrückung des ganzen Volkes gerechnet haben, das sich mit äußerstem 
Unwillen gegen den Eindringling wehren mußte. Das erforderte hinwiederum einen 
Zeitaufwand, eine Kraftentfaltung, die selbft hinter den schwierigsten Kämpfen 
an der deutsch-französischen Grenze kaum zurückstehen konnte, abgesehen davon, 
daß der Kriegsschauplatz eine beträchtliche Ausdehnung und Komplizierung 
erfuhr. 

Ich ging heute bei allen herum, bei denen ich ein offenes Auge und ein 
gerechtes Verständnis in bezug auf die Gewalttat gegen Belgien voraussetzte, 
und verhehlte mein Entsetzen nicht. Leider fand ich geradezu nirgends Ver- 
ständnis. Der eine sagte: Wären wir nicht nach Belgien einmarschiert, so 
hätten es die Franzosen getan. Ich erwiderte, das glaube ich nicht, warum hätten 
sich die Franzosen in ein solches Abenteuer, daß ihre ohnehin unterlegenen 
Kräfte zersplittern mußte, einlassen sollen? Jedenfalls hätten wir ohne Gefahr 
abwarten können, daß die Franzosen einen solchen Schritt zuerst tun. Später 
wäre uns die erste französische Bewegung in dieser Richtung rechtzeitig gemeldet. 
Die Gerüchte, die umlaufen, als seien die Franzosen schon in Belgien, sind ihrer 
ganzen Aufmachung nach unglaubwürdig. Man braucht zudem nur ein wenig 

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zu denken, um sich zu sagen, daß die Belgier sich dann eben gegen die Fran- 
zosen feindselig stellen würden, ebenso wie jetzt gegen uns. Belgien kannte von 
jeher keine größere Furcht als die einer Verletzung seiner Unabhängigkeit und Neu- 
tralität. Man kann in allen Zeitungen lesen, daß vor unserem Einmarsch in 
Belgien die Stimmung uns durchaus nicht ungünstig war. Aber selbst wenn die 
öffentliche Meinung ganz franzosenfreundlich wäre, so halte ich es für ganz un- 
möglich, daß die Belgier gemeinsame Sache mit den Franzosen gemacht haben 
würden. Sie waren doch keineswegs überzeugt, daß Frankreich gewinnen würde 
und hätten allen Grund gehabt, unsere Rache zu fürchten. Nein, die Belgier 
waren entschlossen, ähnlich wie die Holländer nach allen Seiten ihre Neutralität zu 
wahren; am ehesten hätten sHe sich noch vor den Deutschen gebeugt, deren 
Übermacht sie am meisten fürchteten. . . . 

Ein Dritter sagte mir: Darauf, ob Recht oder Unrecht, Notwendigkeit oder 
Willkür bei dem belgischen Zwischenfall vorliegt, kommt es gar nicht an. Die 
Hauptsache ist, daß wir die Stärkeren sind, der Welt dies beweisen, und dem- 
jenigen, der dann noch etwas an uns auszusetzen hat, einfach solange auf den 
Mund schlagen, bis er genug hat. Der Sprecher war einer der gebildetsten, fein- 
fühligsten Deutschen, die man überhaupt zu sehen bekommen kann, und nebenbei 
bemerkt, wie alle hier zitierten Persönlichkeiten, an hervorragender Stelle. Ich 
sagte ihm: Ich bin erstaunt, wie wenig in Deutschland das Weltgewissen noch 
erwacht ist. Selbst die Römer vor 2000 Jahren schon hätten mit solchen Grund- 
sätzen nicht mehr herrschen können. Ihre Stärke lag nicht nur in ihren Streit- 
kräften, sondern hauptsächlich in ihrer zuverlässigen Gerechtigkeit, ihrem för- 
dernden Wohlwollen gegen große und kleine Völker. Es sind aber nicht nur 
diese Eigenschaften, die dem Deutschen heute noch fehlen. Wenn die deutsche 
Politik lediglich aus Eigennutz und Berechnung bestünde,' wäre sie trotz des 
Mangels höherer edelmütiger Ziele immer noch nicht so verächtlich, als sie es 
heute infolge der starken Beimischung von Roheit ist. Das wird sich rächen, 
sobald sich alle klar geworden sind, daß sie jeden Tag das Schicksal der Belgier 
aus den deutschen Händen empfangen können. Ich achte den König der Belgier, 
weil er sich nicht entwürdigen ließ. Schmachvoll wäre sein Los gewesen, wenn 
er von Preußens Gnaden sein Land hätte behalten dürfen und der Kaiser ihm 
mit gnädigem Spott auf die Achsel geklopft und seine laute Freundschaft be- 
zeugt hätte. 

/6. August. 

Keine^ Stimme des Protestes wegen Belgien in der ganzen öffentlichen und 
privaten Meinung! der bekannte Pfarrer Traub sagte in einem Artikel der 
„Kölnischen Zeitung", mit einer für das protestantische Preußen typischen Ge- 
fährlichkeit: „Wer diesen Schritt kritisieren wollte, sei ein Verräter. Dadurch, 
daß der Reichskanzler unser Unrecnt eingestanden habe, sei es ein Recht ge- 
worden." Das hat die Welt von Männern zu erwarten, die in Deutschland als 
freiheitlich, linksstehend und unorthodox bezeichnet werden. . . . 

Die Art, wie der Kaiser gestern mit den Parteivorständen des Reichstags ver- 
fuhr, ist für unsere Zustände sehr charakteristisch. Er sagt plötzlich: „Und nun 
treten Sie vor und geloben Sie mir alle in die Hand, bis zum letzten Atemzuge 
mit mir zu sein und auszuharren." Jeder gibt ihm die Hand, weil er im Schlosse 

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kaum anders kann und die große Stunde nicht stören will. Dieses Verfahren, ein 
Gelöbnis zu erzwingen, das nur freiwillig angeboten, Wert haben könnte, ist 
sehr einfach, aber sicher unwürdig. Es paßt in das ganze Bild, wenn der Kaiser 
unmittelbar danach, aus dem feierlichen Ton in den burschikosen verfallend, einem 
Abgeordneten, der mit ins Feld zieht, sagt: „Nun wollen wir sie aber feste 
dreschen", und die dazugehörige Armbewegung ausführt. Ganz Deutschland aber* 
jubelt über das erhebende Gelöbnis und das frische Kaiserwort. 

Keine Parteien kenne er von nun ab mehr, nur noch Deutsche, hat der 
Kaiser auch gesagt. Wir wollen es uns merken, bis wieder Friede ist und der 
Kampf der Parteien von neuem anhebt Keine Partei wird verfehlen, größere 
Forderungen zu stellen, und die Zerrissenheit- der inneren Politik wird schrecklicher 
als je sein. Von den Klassen-, Rassen-, Religionskämpfen ganz abgesehen, werden 
selbst die bundesstaatlichen Gegensätze nicht vermindert, .sondern vermehrt werden. 
Nur die Entfernung der preußischen Hegemonie, die Ver- 
nichtung der in Preußen maßgebenden Anschauungen und 
Kreise könnte die deutschen Stämme zu einer Nation zu- 
sa mmenführen. ... 

Wie lange müssen die politischen Drahtzieher nach diesem Kriege warten, 
bis das Erlebnis vergessen oder durch die Erinnerung so verschönt ist, daß sie 
von neuem auf das. Volk mit dem Märchen von drohender Gefahr und herr- 
licher Zukunft Eindruck machen können? Ach, nähmen nur die Völker 
Europas, vertreten durch wirkliche Leute aus dem Volk, 
ihr- Schicksal selbst in die Hand, lernten sie sich gegen- 
seitig kennen, stellten sie selbst die Grundzüge auf, nach 
denen sie leben wollen, sie würden mit einem Schlage er<- 
kennen, daß alle gleich denken, Gleiches wünschen, und 
der ganze Kontinent würde ein einiges, einziges Volk sein, 
die Zollgrenzen würden bis zum Meere fallen, jeder könnte 
seineMuttersprachereden,keineNation w ü rdeeineandere 
unterdrücken, zerstückeln oder verachten wollen. 

Das zweite Blatt ist der Massenstreikpropaganda gewidmet und 
bedarf als weiteres französisches Erzeugnis keines weiteren Kommentars. 



Fliegerabwurf aus der zweiten Hälfte 1917. 

(Roter Karton in Visitenkartenformat.) 



(1. Seite.) 

Vorsicht. 



(2. Seiten) 



3 Tage Massenstreik 

und 
Der Sieg ist euer.. 



Vorsicht. 
Kann dieser Krieg noch mit einem Sieg -endigen? 



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Gewiß, und zwar mit einem endgültigen und großen Sieg: Der Sieg der Ar- 
beiter über Wucherer, Kriegslieferanten, Schlotbarone, Junker und Fürsten, der 
Sieg der Proletarier über ihre Ausbeuter. 

Wie? 3 Tage Massenstreik und der Sieg ist euer, der allumfassende Völker- 
friede ist erkämpft. 

Gegen euren Willen kann kein Krieg geführt werden. 3 Tage Massenstreik 
— und ihr habt dem Krieg und dem Elend ein Ende bereifet 

Seid einig. Ihr seid die Mächtigen. Krieg dem Krieg. Kampf den Aus- 
beutern und der Regierung. 



Ein charakteristisches Frontpropagandamittel ist für die Westfront 
seit September 1916 die Zeitschrift in fortlaufenden Nummern, die neben 
gefälschten Zeitungen, den Broschüren und einfachen Zetteln dominiert. 
Wir können bei ihr ganze Serien verfolgen. Zuerst unter dem Titel „Die 
Feldpost" erscheinend, zeigt ihre dreizehnte Nummer den Titel „Kriegs- 
blätter für das deutsche Volk", um endlich nach der dreißigsten Nummer 
eine neue Nummernfolge am 1. Januar 1917 unter dem Titel „Das 
freie deutsche Wort" zu beginnen, die bis zum Waffenstillstand läuft. 
Auch diese Zeitschriften beginnen erst im Laufe des Jahres 1917 eigent- 
liche, revolutionäre Artikel zu bringen, die vielfach aus Schweizer Blät- 
tern („Volksrecht", Zürich, und besonders aus der Berner „Freien 
Zeitung", gegründet im April 1917) und holländischen Zeitschriften 
Material nachdrucken. Als Probe seien hier zwei derartige Artikel ver- 
öffentlicht: 

In memoriam Reichnitz. 

Von Karl Radek. 

Ani 5. September wurde in Wilhelmshaven der deutsche Matrose Reichnitz 
und ein zweiter, dessen Name uns unbekannt blieb, auf Befehl des Kriegs- 
gerichtes von einem Pebton von Kameraden erschossen. Andere seiner Genossen 
wurden zu insgesamt 200 Jahren Zuchthaus verurteilt. 

Die mächtige deutsche Flotte, die mächtige deutsche Regierung begründet den 
Mord mit der großen Gefahr, in die sie durch die Agitation von Reichnitz und 
Genossen versetzt wurden. „Alles stand auf dem Spiele und der Widerstand 
mußte gebrochen werden", erklärte der Reichskanzler und der Staatssekretär der 
Marine klagt die am Strande von Wilhelmshaven Verscharrten an, daß sie „ver- 
wirrt durch das Beispiel der russischen Revolution", den „wahnwitzigen Plan" 
gefaßt hätten, „auf allen Schiffen Vertrauensmänner zu werben, um die ganze 
Mannschaft zur Gehorsamsverweigerung zu verleiten, um auf diese Weise, eventuell 
unter der Anwendung der Gewalt, die Flotte lahm zu legen und den Frieden 
zu erzwingen." 

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Sie fürchten Englands alte Flotte nicht; Sie stehen kampfbereit, von Kanonen 
starrend, auf ihren Angriff wartend. Aber heimlich zittern sie, daß die, die an 
den Kanonen stehen, sie gegen einen andern Feind, nicht gegen' die englischen 
Blaujacken richten könnten. „Es handelte sich um alles. Es mußte der Widerstand 
gebrochen werden. Es war ein kritischer Moment". Sie haben ein großes Staats- 
geheimnis verraten, Herr Michaelis! Nicht nur den feindlichen Regierungen, 
sondern der deutschen, der internationalen Arbeiterklasse. Sie haben das Ge- 
heimnis verraten, das wir kannten, das man uns aber nicht glaubte, daß Sie, 
der Vertreter des bisher siegreichen Deutschlands, des Deutschlands, das halb 
Europa unter seinen Füßen hält, bei dem deutschen Volke auf Widerstand treffen, 
den man brechen muß. Wie eine Rakete steigt zum Himmel die Kunde von dem 
Martyrium des Matrosen Reichnitz und seiner Kameraden empor und sie be- 
leuchtet grell das unterirdische Deutschland, sie zeigt die Eingänge in die Minen- 
kammern, die eines Tages losgehen können. Der Staatssekretär v. Qipelle sprach 
von ein paar Leuten, denen die russische Revolution die Köpfe verwirrt hat. 
Aber er wurde durch den Reichskanzler korrigiert. Wir können die Angaben des 
Reichskanzlers vervollständigen. In den ersten Augusttagen meuterte ein Kriegs- 
schiff in Kiel, zwei, in Wilhelmshaven. In beiden Fällen handelte es sich um be- 
wußte politische Taten von Matrosen, die Kriegsgegner waren. In Kiel wurden 
100 Rädelsführer festgenommen, in Wilhelmshaven das Schiff von der Reede aufs 
offene Meer gebracht. Die Regierung fürchtete, die Meuternden könnten Hilfe 
vom Lande bekommen. 

Das war in der Marine. Wie viele Hunderte Landsoldaten sitzen auf den 
Festungen, und warten auf die Urteile der Kriegsgerichte? Die deutsche Regierung 
wird nicht wagen, zu behaupten, daß der revolutionäre Sozialdemokrat Pick — 
kein Jüngling mehr, ein Mann von über 40 Jahren, ein ruhiger und überlegender 
Mensch — allein es ist, der vor dem Feinde den Dienst verweigerte, und zu- 
sammen mit seinen Freunden der Todesgefahr ruhig in die Augen schaute, um 
den andern ein Beispiel der Tat zu geben. Der Geist des Widerstandes wächst 
in der deutschen Armee, das Bewußtsein der revolutionären Pflicht, das Be- 
wußtsein, daß es besser ist, im Kampfe gegen den verbrecherischen Krieg denn 
als Werkzeug zu fallen. Und dieser Geist äußerst sich jetzt in den Reihen der 
proletarischen Jugend so, daß die deutsche Regierung nicht wagen 
wird, die Zahlen der Gestellungspflichtigen zu nennen, 
die sich auf ihren Ruf nicht stellen. Während es am Anfang des 
Krieges keine Deserteure in Deutschland gab, geht ihre Zahl jetzt in die Zehn- 
tausende. Und es sind keinesfalls nur Feiglinge, die aus persönlichen Sicher- 
heitsgründen sich weigern, in den Krieg zu gehen. Hunderte tapferer jugendlicher 
Proletarier entziehen sich dem Kriegsdienst, um der Sache der Revolution zu dienen. 
Sie bilden illegale Agitationsverbände, leben in den Städten Deutschlands wie 
Wild von der Kriminalpolizei verfolgt, führen in Wort und Schrift (ja diese 
armen Teufel, die wörtlich Hunger leiden, finden Geld und technische Möglich- 
keiten zur Herausgabe illegaler Schriften) eine revolutionäre Agitation. Ohne Pässe, 
ohne die Möglichkeit Brotkarten zu beziehen, weil sie unangemeldet leben müssen, 
können sie sich halten, weil sie von einer Atmosphäre der wachsenden Sympathie 

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der Arbeiterschaft umgeben sind, die sich das Stückchen Brot oft vom Munde 
abspart, um ihnen zu helfen. 

Und damit sind wir beim letzten Kapitel, das weder Herr Michaelis noch 
Herr v. Capelle berührt hat. In den breitesten Massen der Arbeiterschaft gärt 
es mit jedem Tag mehr. In Kiel hat die Regierung Maschinen- 
gewehre und vier Kanonen auffahren müssen und war froh, als 
es ihr gelang, mit blanker Waffe die Massen auseinanderzutreiben. In Harn 
bürg weigert. e sich die Garnison gegen die Volksmassen 
vorzugehen, so daßdieRegierunggenötigtwar, Kavallerie 
ausMecklenbur x gzu requirieren. In Hannover haben die Soldaten 
selbst bei den Hungerunruhen das eroberte Brot unter die Arbeiterfrauen verteilt. 
Wie die Situation ist, weiß die Regierung am besten, sonst würde sie nicht Kriegs- 
gerichte gegen Frauen in Gera in Thüringen mobilisiert haben. Sie hat lange 
versucht die Massen zu beschwindeln, indem sie nach Hungerunruhen und Streiks 
für kurze Zeit die Brotrationen erhöhte, oder einen Knochen den Arbeitern zuwarf. 
Jetzt beginnt sie sie mit dem Blei zu ernähren. 

Reichnitz, der junge Matrose, den die Schergen des deutschen Imperialismus 
zum Tode verurteilt, dem in Blindheit verharrende Kameraden zu Henkern 
wurden, ist als Vorkämpfer der deutschen Revolution gefallen. Er kannte die 
Gefahren, die ihn auf seinem selbstgewählten Weg der revolutionären Propaganda 
bedrohten, und in seinem kurz vor dem Tode geschriebenen Briefe an seine 
Eltern legt er keine Reue an den Tag. 

Ich hatts gewagt mit Sinnen, 
* und trag des noch kein Reu! 

mochte er vor dem letzten Gang mit Hütten gedacht haben. Und wenn wir mit 
tiefster Erschütterung daran denken, daß er seinen Märtyrertod an dem Tage 
erlitt, wo wir hier in Stockholm uns versammelten, um auf der dritten Zimmer- 
walder Konferenz über den Kampf gegen den Krieg zu beraten, so ist es nicht 
Mitleid, sondern Stolz auf den tapferen Proletarier, der allein in seinem Herzen 
den Weg des revolutionären Kampfes fand, tiefe Zuversicht, daß seinen Weg 
Tausende anderer Proletarier schreiten werden. Die deutsche Regierung hat den 
treuen Sohn des deutschen Volkes, Reichnitz, wegen angeblichen Landesverrats 
erschießen lassen. Und das Zentralorgan der früheren deutschen Sozialdemokratie, 
der „Vorwärts", der kein Wort des Protestes gegen die Erschießung des Matrosen 
Reichnitz übrig hat, äußert die Besorgnis, daß die Besprechung der Angelegenheit 
im Reichstag den Eindruck im Ausland erwecken könnte, als bereite sich in 
Deutschland ein Triumpf des Bolschewismus vor, des Geistes der Rebelbon. 



Der Staatsanwalt stellte die russische Revolution als die Verführerin von 
Reichnitz dar. Nun sei ihm gesagt: Den, den das deutsche Kriegsgericht als 
Landesverräter dem Tode ausgeliefert hat, wird die russische Arbeiterklasse in 
die Reihe ihrer heiligen Märtyrer aufnehmen 

So wird der Name Reichnitz euch noch in den Ohren klingen, die ihr ihn 
ermordet habt, und die ihr wie Pilatus eure Hände in Unschuld waschet. 

„Volksrecht", Zürich, 17. Oktober 1917. 

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Volksbewaffnung. 

Aus dem in Amsterdam erschienenen sozialistischen Wochenblatt 
„Der Kampf" (27. 7. 18). 

Daß die am Ruder Befindlichen das Vertrauen zu den Soldaten schlechthin 
verloren haben, beweisen ihre Maßnahmen in Nürnberg, wo die zur Verwendung 
gegen die Streikenden in Aussicht genommenen Sturmtruppen aus B a u e r n ge- 
bildet worden sind! Den aus der Industrie stammenden und ins Heer gesteckten 
Proletarier erachten also die Regierenden selbst als im höchsten Grade unzuver- 
lässig. Und mit Recht. Haben sie doch schon einige Beispiele erlebt, die ihnen 
nichts Gutes verheißen. Am Vorabend des schon erwähnten Februar-Massen- 
streiks in Berlin wurden die Soldaten in den Kasernen konsigniert und beim 
Appell ihnen Waffen und Munition ausgehändigt, um bei den zu erwartenden 
Demonstrationen mit Gewalt auftreten zu können; Verschiedene Regimenter aber 
— man bedenke Garde-Regimenter! — weigerten die Emp- 
fangnahmederWaffen. 

Ob dies Verhalten das richtige war, bleibe dahingestellt. Tatsache ist, daß 
die Berliner Behörden beim Ausbruch der Unruhen allein auf die Hilfe der Polizei 
angewiesen waren, — ein Umstand, der ihnen zum Verhängnis geworden wäre, ' 
wenn die Mass e n genügend bewaffnet gewesen wären. 

Die Vorgänge in Berlin und ähnliche an anderen Orten, sowie solche an 
den Fronten, — das plötzliche „Verschwinden" von ,;schneidigen" Kommandanten 
und Offizieren, che sich bei den Mannschaften verhaßt gemacht hatten, die Ge- 
horsamsverweigerung ganzer Kompagnien, zum Sturme vorzugehen, — veran- 
laßten die Herrschenden, allein den Bauern die Verteidigung ihrer Klassenvor- 
rechte anzuvertrauen. Wieweit und wiesehr sie sich hierbei verrechnet haben, wird 
die nächste Zukunft lehren. — ? Tatsache ist auch hier, daß die Kriegsnöte und die 
selbst im Schützengraben nicht eingestellte Propaganda sozialistischer Ideen nicht 
ohne Wirkung geblieben sind; daß der demoralisierende Einfluß eines Bürger- 
krieges ihnen den letzten Rest ihrer „Treue gegen König und Reich" rauben wird, 
steht außer Zweifel. Auch diese noch nicht zum Bewußtsein ihrer Klassenlage 
gekommenen Teile der von Natur aus konservativen Bauernschaft werden, geht 
es hart auf hart, sich nicht zu Henkersknechten an ihren unter dem gleichen Elend 
wie sie schmachtenden Kameraden aus den industriellen Volksschichten machen 
lassen. 

In seinem Freiheitskampfe, im Kampfe um die Einführung einer neuen, der 
sozialistischen Wirtschaftsweise wird da^s Proletariat also von dem Militär sehr 
wenig, vielleicht gar nicht verhindert werden; sehr wahrscheinlich werden große 
Heeresteile, des Krieges und der unermeßlichen Unterdrückung durch ihre eigenen 
herrschenden Klassen müde und überdrüssig, zu den Volksmassen übergehen, mit 
ihnen Arm in Arm den letzten Kampf bis zum siegreichen Ende durchfechten. 
Um dieses aber mit einiger Sicherheit . bewerkstelligen zu können, ist unerläßlich 
eine durchgreifende, aufklärende Propaganda unter den Soldaten der Front und in 
den Garnisonen. Diese Aufgabe muß von den Arbeitern selbst gelöst werden, 
da auf Hilfe der Sozialpatrioten nicht zu rechnen und vom Sumpfe, den Unab- 
hängigen Sozialdemokraten, nach ihrem Verrat an den Matrosen der Nordsee- 

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flotte ebenfalls nichts zu erwarten ist. Nur die von den Arbeitern bezirks- 
und fabrikweise zu wählenden Vertrauensmänner, die sich während des Krieges 
als unbedingt zuverlässig bewährt haben und der aus diesen hervorgehende 
Arbeiterrat ist imstande, die wirklich revolutionäre Propaganda unter den Sol- 
daten aufzunehmen und durchzuführen. Er muß dafür sorgen, daß im ent- 
scheidenden Moment die Soldaten die Waffen in Empfang nehmen, nicht um sie 
gegen ihre Brüder zu richten, sondern um diese zu verstärken, um denen 
ein Ende zu bereiten, die sie zum Meuchelmorde zwingen wollten. 

Sache des Arbeiterrafes aber wird es auch sein, die Massen in genügendem 
Maße mit Waffen zu versehen. Mittel und Wege zu ersinnen, diese zu beschaffen 
ist eine seiner vornehmsten Aufgaben, — wo ein Wille ist, ist auch ein Weg! 

Wenn das Proletariat sich alles Gesagte vor Augen führt, wenn es daran 
denkt, daß ohne sein Eingreifen der Krieg, der Hunger, die Versklavung endlos 
und in immer verstärktem Maße weiter währen werden, wenn es der schurkischen 
Absichten der Regierenden gedenkt, Frauen und Kinder in fürchterlichster Weise 
mit Gas vergiften zu wollen, dann wird ihm die schon jetzt in aller Herzen 
anwesende Erkenntnis klar zum Bewußtsein kommen: 

„Der Hauptfeind steht im eigenen Lande!" Ihn gilt es 
zu vernichten! 

Weitere charakteristische Stellen enthalten die folgenden beiden Flug- 
blätter, die zweiseitig in 8° Format, das eine von englischen, das andere 
von französischen Fliegern hinter der Front abgeworfen wurden: 

A.P. 42. BY BALLOON. 

Durch Luftballon. 

Von den freien Völkern. 

Gruß euch, Soldaten! 

Gruß euch, deutsche Soldaten! 

Wir sind es, dje freien Völker, welche euch begrüßen. Denn auch i h r 
werdet frei sein. Frei. Frei, wie die Franzosen, frei wie die Amerikaner. Frei! 

Denn die Revolution konjmt, deutscher Soldat. 

Ihr habt genug geblutet. Eure Familien haben lange genug gedarbt. Sie 
haben vier entsetzliche Winter lang gehungert. Eure Kinder sind krank und 
abgemagert. Und noch hungern sie weiter. 

Aber die Revolution nähert sich wie eine große Mutter. Und ihr werdet 
alle frei sein. Von Rußland kommt sie her. Seid ihr nicht müde? Verlangt ihr 
nicht nach ihr? Die große Revolution nähert sich, sie wird euch in ihrem Schoß 
bergen. Und sie wird für eure Kinder sorgen, wie kein Kaiser für sie sorgt. 
Und sie wird die Armen mit Nahrung versorgen wie die Hochgeborenen dies 
nicht tun. Sie kommt, die große Revolution, um euch in die Heimat zurück- 
zuführen. 

Soldat, deutscher Soldat, hast du vom Bürgermeister von Krefeld gehört? 
An Händler verkaufte er zu hohen Preisen die ihm von der Regierung für das 
Volk anvertrauten Lebensmittel. Er sitzt im Gefängnis, Soldat. 

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Hast du von dem Geheimrat Dr. Ebeling gehört, Soldat, und von den Be- 
hörden in Dessau, der Hauptstadt ( Anhalts? Sie sitzen alle im Gefängnis, Soldat. 
Sie verkauften die für das Volk bestimmten Lebensmittel an die großen Gast- 
Häuser. 

Überall, überall in Deutschland herrscht Hunger oder Bestechung, Soldat. 
Die Armen hungern, die Reichen bestechen und die hohen Beamten nehmen 
das Bestechungsgeld. Und je mehr sie bestechen, um so höher steigen die 
Lebensmittelpreise. 

Und so wird gemordet in den Straßen und die Menschen werden in den 
Straßen . ihrer Kleidung beraubt. Und die Polizei bietet 3000 Mark für das 
Ermitteln des Mörders, und doch wird weitergemordet. - 

Und das ist noch nicht das Ärgste, deutscher Soldat! 

Ein Generalleutnant in Berlin nimmt Bestechungsgeld von Firmen, von Kauf- 
mannsfirmen, Soldat! Um Güter an die Kriegsbehörden zu liefern. Es ist bekannt 
in Berlin. Ein Offizier! Ein Generalleutnant! Es ist eine bekannte Sache, aber 
sie wird vertuscht. 

Soldat, o deutscher Soldat, was hätte wohl Friedrich dazu gesagt? Friedrich 
ist 150 Jahre lang tot! Tot ist auch die Offiziersehre! Tot sind deine Kameraden! 

Und in den großen Hotels der Stadt Berlin fließt allnächtlich der Champagner 
zu 80 Mark die Flasche. 

Was kommt nun? Was kommt nach allen diesen Sachen, Soldat? Wer 
kommt aus diesen Gefilden des Todes empor? Mutter Revolution, und weinend 
trägt sie euch in die Heimat zurück. 

Stirb nicht, Soldat! Lebe, wenn du es kannst! Rette dich wenn es möglich 
ist! Lebe und blicke, der großen Revolution ins Angesicht! Weinend steigt 
sie aus dem Elend, welches deine Kriegsherren um dich verbreitet haben, empor. 

Sie kommt um dich in die Heimat zurückzutragen. 
Weitergeben! 

Deutsche Kriegskameraden! 

Merket euch: 

1. Nur ruhmsüchtige Herrscher wollen Krieg und Eroberungen. Die Völker 
wollen Frieden, Arbeit und Brot. 

2. Nur der deutsche Kaiser mit seinen Militärs, Junkern tind Kanonen- 
fabrikanten hat den Krieg gewollt, den Krieg vorbereitet, den Krieg vom Zaun 
gebrochen. Niemand wojlte Deutschland Übles, niemand hat es eingekreist, niemand 
macht ihm den Platz an der Sonne streitig. 

3. Wenn ein Mörder auf der Straße mit dem Revolver herumknallt, so ist 
es die Pflicht jedes anständigen beherzten Mannes, den Überfallenen zu Hilfe 
zu eilen. Darum, und nur darum, sind England, Italien, Rumänien, die Ver- 
einigten Staaten in den Krieg gegen Deutschland eingetreten, um Belgien, Serbien, 
Frankreich aus den Klauen der Mörder zu befreien. 

4. Wer einem Mörder Beistand leistet, macht sich seines Verbrechens mit- 
schuldig. Darum wendet euch ab von dem Kaiser und seiner Militär- und 

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Junkerregierung! Sie sind eure Feinde und Verderber, wie sie die Feinde und 
Verderber der ganzen Menschheit sind! 

5. Man schließt keinen Frieden mit einem Mörder, sondern man macht ihn 
unschädlich und übergibt ihn der Gerechtigkeit Ein wahner Frieden mit der 
Regierung des Kaisers ist unmöglich. Das russische Volk, welches nach Frieden 
um jeden Preis lechzt, konnte mit der kaiserlichen Regierung nur einen Frieden 
zustande bringen, der auf Raub und Ausbeutung beruht, einen Frieden, der 
ewigen Haß zwischen den beiden Völkern zur Folge haben wird, und neue und 
schreckliche Kriege veranlassen muß. Die kaiserliche deutsche Regierung ist das 
einzige und das ewige Friedenshindernis. Beseitigt sie, und ihr habt sofort 
Frieden! 

6. Wenn ihr also den Frieden wollt — einen ehrlichen und ehrenvollen, 
glücklichen und dauernden Frieden für euch, eure Kinder und Kindeskinder — 
so müßt ihr ihn selber herbeiführen und nicht darauf warten, daß ihn die 
deutsche Regierung schließt. Ihr dürft nicht mehr eure angeblichen Feinde, 
die Franzosen und Engländer, sondern ihr müßt eure wirklichen Feinde, die 
preußische Militär- und Junkerregierung, bekriegen und besiegen. 

7. Zu diesem Zweck müßt ihr die Wahrheit verbreiten, agitieren, allesamt 
den Gehorsam verweigern, überlaufen, die Munitionsvorräte zerstören, die 
Arbeit in den Munitionsfabriken niederlegen, die Gehilfen des Kaisers, welche 
euch in den Weg treten, niederschießen! 

Ohne Taten kein Erfolg! Mit Worten ist nichts getan! Gewalt kann man 
nur mit stärkerer Gewalt zertrümmern! 

8. Wenn ihr handelt, sofort rasch entschlossen handelt, so habt ihr den 
sicheren Erfolg in Händen. Denn ihr, das deutsche Volk, die Soldaten, seid 
die Mehrheit. Ihr seid nur solange Sklaven in den Händen eurer schurkischen 
Gebieter, als ihr euch selbst durch blinden Gehorsam su Sklaven erniedrigt. 
Damit begeht ihr ein Verbrechen an euch, am deutschen Volke „und an der 
ganzen Menschheit. Wenn ihr handelt, so habt ihr die Macht und so habt ihr 
den Frieden! 

9. In Deutschland, in der Schweiz und vor allem im Lager "der Entente 
selbst sind echte deutsche Männer, die wahren Freunde, Führer und Retter 
eures Vaterlandes, welche sofort in der ersten Stunde, Frieden, einen ehren- 
vollen glücklichen Frieden zum Heile des deutschen Vaterlandes schließen werden, 
sobald ihr handelt! 

10. Darum auf! Dreht die Kanonen um! Kommt zu uns herüber! Erschießt 
jeden, der euch daran hindern will! 

Nieder mit dem wahnsinnigen Völkermord! 

Eure demokratischen Kameraden 
in französischer Gefangenschaft. 



Zum Schluß geben wir Abschnitte wieder, die in massenhaft in 
Umlauf gesetzten Broschüren enthalten sind. Über Einviertelhundert ver- 
schiedener Titel finden sich aus französicher, englischer und amerika- 

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nischer Quelle, die fast alle. aus dem Jahre 1918 stammen und nach- 
weislich in manchmal wiederholten Auflagen von je 100000 gedruckt 
wurden. Die Aufmachung dieser Bände ist entschieden originell, denn 
nicht nur, wie in einzelnen Fällen, neutrale Umschlagtitel wurden ge- 
wählt oder solche in schwarz-weiß-roten Farbenbetonungen, sondern 
auch solche mit schwarz-rot-goldenem Band sind darunter. Die Letzt- 
genannten sind in fast allen Fällen auf französische Initiative zurück- 
zuführen. Von den nachfolgend vorgeführten Proben ist nur die erste 
sozialistischen Inhalts, die beiden anderen verbreiten nur allgemein revo- 
lutionäre Ideen. 

Aus S. Grumbatfi: „Das Mißtrauen", Lausanne 1918. (88 S.) 

Ein revolutionäres Flugblatt. 

Im August 1917 brachte die deutsche Presse folgende Warnung der mili- 
tärischen Oberkommandos: „In letzter Zeit sind wiederum Handzettel in Kriegs- 
betrieben verbreitet worden, in denen zum Streik aufgefordert wird Von der 
vaterländischen Gesinnung der deutschen Arbeiter wird mit Bestimmtheit erwartet, 
daß sie dem landesverräterischen Ansinnen anonymer Hetzer mit der gebührenden . 
Verachtung antworten und es ablehnen, die Arbeit niederzulegen, während in 
Ost und West unsere tapferen Truppen im schwersten Kampf stehen!" 

Einzelne Armeekorps, wie z. B. in Koblenz, versandten außerdem eine Kund- 
gebung, in der „Frauen, Jugendliche und Kleinmütige" zur Warnung vor Streiks 
an die Landesverratsparagraphen erinnert wurden, die die Schuldigen mit Zucht- 
haustrafen bis zu zehn Jahren bedrohen. „Zur Erfüllung des Tatbestandes des 
Landesverrats, hieß es, ist nicht erforderlich, daß bei dem Täter eine sogenannte 
feindliche Absicht vorliegt. Ob die Handlung ihm nur Gewinn bringen sollte, 
oder ob sie politischen oder wirtschaftlichen Beweggründen entsprang, ist gleich- 
gültig. .Nicht der gewollte Endzweck, sondern allein der Umstand ist entscheidend, 
ob sie den Erfolg haben mußte, der deutschen Kriegsmacht Nachteile zuzufügen, 
und ob sich der Täter dessen bewußt sein mußte. Damit scheidet der Streik in 
den kriegswichtigen Betrieben während des Krieges als politisches Machtmittel 
unbedingt aus. Wer sich des Streiks trotzdem zur Erreichung bestimmter Zwecke 
bedient, .begeht ein Verbrechen." 

Unter Bezugnahme auf die Erklärung Hindenburgs und des damaligen Chefs 
des Kriegsamts Gröner wurde betont, daß auch eine nur vorübergehende Arbeits- 
einstellung in der Rüstungsindustrie der Kriegsmacht des deutschen Reiches Nach- 
teil zufügen müsse; wer sie aus irgendwelchen Gründen anzettele, begehe Landes- 
verrat. In Wirklichkeit kam es auch nur zu vereinzelten Streiks, die sehr rasch 
endeten. Bei dem „Volk" Verhallten die revolutionären Aufrufe ungehört. Von 
den verschiedenen Flugblättern, die den kaiserlichen Behörden solche Angst ein- 
jagten, ist bis heute keines zur Kenntnis der Öffentlichkeit gelangt. Eines der- 
selben ist mir aus Deutschland zugeschickt worden. Die Anklagen, die es gegen 
die offizielle deutsche Politik enthält, bilden einen dokumentarischen Beitrag zu 

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der Frage, woher das Mißtrauen gegen Deutschland stammt Ich gebe den Text 
genau so, wie er im Original gedruckt ist. S. Gr. 

Weitergeben! 

VolK, nimm dir selbst den Frieden. 

' Das Maß der Leiden, der Opfer und der Entbehrungen ist übervoll. Wer 
gibt uns den heißersehnten Frieden? Heute, nach drei Jahren Metzelei, Blut, Ver- 
wüstung und Entsetzen — 

Wer will heute noch den Krieg? 

Deutsches Volk, vor allem, ihr, arbeitende Männer und Frauen in den Städten 
und auf dem Lande, ihr, die ihr die größten Opfer an Blut und Gut bei diesem 
Völkermord tragt — wollt ihr noch Krieg? Ihr antwortet: nein und tausendmal 
nein! Ihr seid in den Krieg gezogen, weil man euch vorgeredet hat, das „Vater- 
land sei in Gefahr"! Ihr habt euch durch das Lügengewebe der Regierung 
betören lassen, die schon diesen Krieg gewollt und vorbereitet hat, euch aber mit 
dem Lockruf „Vaterlandsverteidigung" geködert hat, um mit euch die Schützen- 
gräben füllen zu können, um über eure stinkenden Kadaver hinweg den „Sieges- 
zug" zu vollziehen. Allmählich, in den drei Jahren Unglück und Verbrechen 
sind euch die Augen aufgegangen. Ihr wißt, daß ihr euch wie eine willenlose 
Herde haty in die Massenschlächterei hineintreiben lassen, daß ihr euch gegen 
euren Willen zu den Mördern» eurer Brüder, ebensolcher friedlicher Arbeiter wie 
ihr selbst, habt machen lassen. Schon längst bereut ihr, daß ihr euch in den 
— - unseligen Angedenkens — „glorreichen" Augusttagen von 1914 so dumm habt 
überrumpeln lassen. „Wenn wir das gewußt hätten, was wir jetzt wissen", 
seufzt mehr als einer, „hätten wir einfach nicht mitgemacht". 

Und jetzt? „Wir wollen längst den Frieden", sagt ihr, „nur unsere Feinde 
sind noch an der Fortsetzung des Krieges schuld. Hat nicht schon im Dezember 
1916", sagt ihr „unser Reichskanzler der Entente Frieden angeHoten? Und 
war nicht ein höhnisches Schweigen die einzige Anwort auf dieses Angebot?" 

Arheiter, Arbeiterinnen, Soldaten, wenn ihr so sprecht, beweist ihr,, daß ihr 
euch wieder einmal von der Regierung .am Gängelbande führen lasset. Das 
sogenannte 

Friedensangebot des Reichskanzlers war ein Manöver 
um euch, ihr deutschen Männer und Frauen, zu neuen Opfern anzustacheln. 
Das Wort „Friede" hat gar viel Bedeutungen. Gewiß wollen jetzt alle den 
Frieden, sogar der Kronprinz, der zum Massenmassaker wie zu einer Operette 
eilte, ist jetzt unter die Pazifisten gegangen und „beweint die Opfer"; die Re- 
gierung will jetzt Frieden, wir werden bald sehen, warum es die Herren auf 
einmal gar so eilig mit dem „Frieden" haben. Was für einen Frieden will die 
Regierung? Das Wort „Friede" und „Friedensanglbot" bedeutet nichts, wenn 
man nicht sagt, welche Bedingungen man an den Frieden knüpft. Die Erklärung 
dazu, was der deutsche Reichskanzler unter Frieden versteht, haben wir jetzt erst, 
ungefähr ein halbes Jahr später durch diesen selben Reichskanzler erhalten. Als 
• Bethmann-Hollweg, von aller Welt gedrängt, endlich doch die Kriegsziele der 

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deutschen Regierung zu kennzeichnen, am 15. Mai offiziell das Wort ergriff, da 
redete er lang und viel drum und dran, über die brennende Frage aber, welche 
Bedingungen die Regierung an den Friedensschluß knüpfe, schwieg sich der Reichs- 
kanzler gründlich aus. Was das bedeutet, wissen wir alle. Es bedeutet: die 
Regierung will nicht erklären, daß sie lediglich die Grenzen verteidigen wollte; 
die Regierung fürchtet sich aber öffentlich zu bekennen, daß sie den Massenmord 
zum Zweck des Länderraubs brauchte. 

Die Regierung will Annexionen, 
und so soll das Volk noch weiter im Felde verrecken und zu Hause verhungern, 
bis die Welt mürbe gemacht worden ist und die deutsche Fahne über Belgien, 
Polen, Lithauen oder Kurland wehen kann. 

Aber werin unsere Gegner mürbe werden sollen, müssen wir auch selbst 
zugrunde gehen. Was haben uns die „glänzenden Waffentaten" in Ost und West 
geholfen? Wir brauchen Brot, Hindenburg gibt uns Siege; wir wollen Frieden 
und Leben, man verspricht uns Antwerpen und Calais. .Deutschlands arbeitendes 
Volk, wer braucht Annexionen? Braucht ihr, Männer und Frauen in Fabriken 
und Bergwerken, auf den Äckern und in den Werkstätten, braucht ihr neue 
Landesgebiete um die Zukunft eurer Kinder zu sichern? Euch gehört ja nicht 
einmal euer eigenes Vaterland. Ihr bekommt von den Gütern dieser Erde gerade 
so viel, wie euch der bürgerliche Staat und die Regierung übrig läßt. Ihr braucht 
weder Brüssel noch Warschau, aber diejenigen, die neue Landesgebiete an sich 
reißen wollen, brauchen euch, die Proletarier, um durch eurer Hände Arbeit 
neue Profite zu gewinnen. Annexionen brauchen diejenigen, die euch in den 
Krieg schicken: die Industriellen, die neue Absatzgebiete für ihre Waren suchen; 
die Kapitalisten, die ein erweitertes Betätigungsfeld bedürfen; -die Generäle, die 
nachher Gouverneurposten einnehmen; Prinzen, für die neue Königreiche und 
Fürstentümer gegründet werden. ... 

Deutsche Männer und Frauen, eure Gegner sprachen und sprechen viel vom 
deutschen Militarismus, der eine Gefahr für, die ganze Kulturwelt bedeute. 

Beweißt, daß ihr am Militarismus nicht teilhabt 
und nicht teilhaben wollt. Bei Beginn des Krieges wollte man euch in den 
Glauben wiegen, der Militarismus sei eure Rettung, denn damals hieß es, das 
arme, „bedrohte" Deutschland müsse sich gegen den despotischen Zarismus 
wehren, der allein Schuld am Kriege habe. Nun liegt der Zarismus zerschmettert, 
vom russischen Volke selbst in den Staub getreten — gegen wen kämpft ihr nun, 
ihr deutschen Soldaten? 

Ein Volk,, das Freiheit haben will, will keinen Krieg. Die russischen Revo- 
lutionäre haben strikt erklärt, sie seien sofort bereit, mit dem deutschen 
Volke in Friedensverhandlungen zu treten, wenn das deutsche Volk zeigt, daß es 
nicht mit der deutschen Regierung eins sei; wenn das deutsche Volk zeigt, daß 
es weder- Krieg, noch Länderraub will, wenn das deutsche Volk selbst seine 
Stimme erhebt — kurz, wenn das 

deutsche Volk mit seiner Regierung aufräumt, 
wie es das russische Volk getan hat! 

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Das deutsche Volk hat in den drei Jähren sinnlosen Mordens und Brennens 
den Beweis seiner „Tüchtigkeit" zur Genüge erbracht, jetzt soll es vor dem An- 
gesicht der ganzen Welt zeigen, daß es ihm auch ernst ist um die höchsten Güter 
Menschlichkeit und Freiheit 

Ihr wart lange genug ein Spielball m den Händen eurer Führer, der Ge- 
neräle, Fürsten und allerhand Patrioten, als ihr euch wortlos auf den verschiedenen 
„Feldern der Ehre" niedermähen ließet; ihr folgtet blind den großartigen Worten 
„Vaterlandsliebe' und „Ideal"! Jetzt sollt ihr zeigen, was ihr unter Liebe ver- 
steht und was eure Ideale sind; ihr. sollt zeigen, daß ihr Menschen im 
höchsten Sinne des Wortes seid, und nicht losgelassene Bestien. 

An euch liegt es jetzt, der Welt Frieden zu bringen. 

Das rusische Volk schleppt jetzt nur noch notgedrungen den Krieg mit als 
Ballast, den es vom verhaßten zaristischen Regime geerbt hat. Aber für die 
Revolutionskämpfer ist der deutsche Arbeiter kein „Feind", sondern ein Prole- 
tarier wie er selbst, ein Freund und Bruder. In den ersten Wochen nach dem 
Sturz des Zarismus stiegen aus den russischen Schützengräben die Soldaten, 
von der Freiheitsidee berauscht, um ihren Brüdern in der Gegenfront die Hand 
zu drücken, um ihnen zuzurufen: machteuchfrei,wiewir! Aber während 
ihr gezögert habt, hat ..die deutsche Militärabteilung diese Verbrüderungsszenen 
benutzt, »um die Stellungen der russischen Armee auszukundschaften. So wurde 
der russische Freiheitsrausch der deutschen Kriegsleitung dienlich! Und so soll 
auch die soeben erlangte Befreiung des russischen Volkes vom alten Joch dem 
deutschen Militarismus dienlich gemacht werden; die russische Revolution soll 
Deutschland zu einem günstigen Separatfrieden verhelfen. 

Aber nein, ihr selbst^ deutsche Arbeiter, deutsche Soldaten, müßtet euch gegen 
diesen Separatfrieden sträuben. Ihr verlangt den 

/ allgemeinen Frieden, 

nicht irgendwelchen klüglich erdachten Separatfrieden. Was würde heutzutage 
ein Separatfriede zwischen der deutschen Kaiserlichen Regierung und den rus- 
sischen Revolutionsführern bedeuten? Keineswegs ein Aufhören des Schlachtens, 
sondern lediglich eine Erleichterung der Kriegsführung an den andern Fronten. 
Der Krieg würde weitergehen, bis ihr total erschöpft am Boden liegt, oder bis 
ihr Vernunft angenommen habt. *Und dann? Noch ist der heiße Blutstrom, in dem 
wir waten, nicht versiegt, und schon sprechen die offiziellen Leiter der deutschen 
Regierung vom nächsten Krieg. Der Kriegsminister von Stein erklärte, als 
er' die Bewilligung der Gelder für eine neue Kadettenanstalt forderte, erklärte, 
euren heiligsten Wünschen zum Hohn: es muß immer Kriege geben! Eure Zu- 
kunft wird euch klar vorgezeichnet: Noch mehr Kasernen, noch mehr Rüstungen, 
noch mehr Lasten, noch weniger Freiheit, denn „Kriege muß es immer geben". 
Das also würde für euch der deutsche Sieg bedeuten! 

Aber nein! Dieser Krieg wird und muß der letzte sein, denn nicht mehr 
Kaiser und Generäle sollen über die Geschicke eines ganzen Volkes walten, 
sondern das Volk selbst wird sein Schicksal in die Hand nehmen. 

Jetzt befindet sich die Regierung in einer Zwickmühle. Sie weiß wohl, daß die 
Menschheit zu einem neuen und gewaltigen Bewußtsein erwacht, daß nicht durch 

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•\^ 



Maschinengewehre und erstickende Gase die Landkarten nach Belieben verändert 
werden, sondern daß die Grenzpfähle nur noch bloße Schemen und alle Mensehen 
Brüder sind. Die Regierung weiß jetzt schon, daß sie mit leeren Händen vom 
Raubzug heimkehren wird. Aber wie soll diese Regierung; nachdem durch 
jahrzehntelange Bearbeitung euch bewiesen" wurde, der Krieg sei notwendig, 
ihr müßtet euer Blut für ein „größeres Deutschland" und den „Platz an der 
Sonne" hergeben — wie soll sie jetzt eingestehen, daß sie ein verbrecherisches 
und abenteuerliches Spiel getrieben hat? Jetzt schon erheben sich drohend die 
Alldeutschen, die Konservativen und all die anderen annexionslustigen Herren und 
setzen dem Reichskanzler die Pistole auf die Brust: Wozu, wozu also der Krieg, 
wenn wir nichts heimbringen sollen?" Ihr Ruf ist: Kein Friedensschluß ohne 
Annexionen! Gewiß, sie können den Krieg noch lange aushalten. Während 
in den Schützengräben die Leichen zu Bergen sich häufen, sitzt man in den 
Hauptquartieren geborgen beim Sekt. ... 

Es geht der Regierung an den Kragen, 
daher schweigt sich der Reichskanzler über die Kriegsziele aus. An dem Tage, 
an .dem der Kanzler (oder der Kaiser) notgedrungen erklären wird: wir ver- 
zichten auf alle Annexionen, wir wollen nur Frieden — , an dem Tage wird der 
Sturm losgehen. Der königstreueste Spießer sogar wird dann fragen: wozu also 
drei Jahre Krieg, wozu die zahllosen Opfer, genügte nicht zur „Vaterlandsver- 
teidigung" Lüttich und Tannenburg? nicht um „Verteidigung" ging es also, 
sondern um ein räuberisches Spiel. 

Wir machen nicht mehr mit ! 

Wie ein grausamer Lehrmeister hat die Zeit dem Volke die Wahrheit über 
den Krieg gelehrt. Jetzt wissen wir, wer den Krieg brauchte, wer von ihm 
Nutzen zieht und warum er in die Länge gezogen wird. Das Volk sieht über die 
bewaffneten Grenzen hinweg; schaut voll Staunen nach Osten und sieht, wie sein 
Nachbar — gestern noch ein Sklave — heute zu seinem eigenen Herrn wird. 
Noch ist in euch allen die Furcht vor Fürsten und Behörden groß! Von der 
Schulbank an hat man euch geflötet und trompetet: „Heildir im Siegerkranz" 
und mit „Gott für König und Vaterland". Es mußte erst ein Weltbrand kommen, 
damit ihr tüchtig „umlernt". Nun wird es ein gründliches, definitives Umlernen 
werden. 

Freunde, Kameraden, Brüder, Genossen! 

Wir haben auf nichts mehr zu warten. 

Jetzt heißt es, eine tiefste, heiligste Überzeugung, sprechen lassen. Diese 
Überzeugung spricht: Wir sind Menschen, wir wollen nicht mehr verkommen in 
Schmutz und Kot, wir wollen nicht mehr modern und hungern, wir wollen nicht 
von unseren Enkeln die „Generation der Mörder" genannt werden, wir wollen 
leben, in Frieden arbeiten, unsere Nächsten und Fernsten leben lassen. Wenn 
unsere Vorgesetzten Krieg wollen, so sagen wir: nieder mit ihnen, 

nieder mit der Regierung, 
nieder mit dem Zaren in Berlin, nieder mit seinen Generälen und seinen 
Cliquen! 

!3 Unterirdische Literatur JQ3 



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Deutsches Volk, du hast dich groß gezeigt im Gehorchen und Leiden einem 
Idol zuliebe, so zeige dich jetzt eben so groß im Kampfe um das wahre 
Menschenideal. Aller Welt Augen sind jetzt auf dich, deutsches Volk, gerichtet. 
Ihr Männer, Jünglinge und Frauen, ihr, Generationen vor dem Blutgerüst, 

nehmt. euch selbst den Frieden, 

den ihr durch eure „Waffentaten" • nicht bekommen könnet. Ihr braucht nicht 
zu warten, bis Diplomaten und Staatsmänner am grünen Tisch Friedensverhand- 
lungen anfangen, ihr müßt über die Köpfe eurer Regierung hinweg den Willen 
zum Frieden bekunden. Denn der „Friede" der Diplomaten ist nicht euer Friede. 
Nicht den Friedensschluß zwischen den Regierungen braucht ihr, den Kuhhandel, 
der möglichst viel dem andern abhandeln will und mit verhaltenem Groll vom 
Markte abzieht — sondern den Frieden zwischen den Völkern, die 
nicht zum gegenseitigen Abschlachten von Müttern geboren werden, sondern in 
friedlicher Arbeit und Gemeinschaft beieinander leben wollen. 

Das einzige Mittel ist: 
Macht den Krieg nicht mit! schießt nicht auf Befehl eurer 
Vorgesetzten, arbeitet nicht in den Militärfabriken, ver- 
fertigt keine Munition, verweigert den Zivildienst, 

macht nicht mit ! 

Streik im Felde und im Lande, 

Streik, Streik, 

Streik in allem! 

Durch völliges und konsequentes Verweigern jeder Art von Tätigkeit, die 
direkt oder indirekt dem Kriege dient, macht ihr dem Krieg ein Ende. Scheut 
kein Opfer in dieser Sache, denn es geht um die wahre Zukunft eurer und 
eurer Söhne, es geht um euch und um die Menschheit. 

Tut ihr das alles, so wird euer wirklicher Feind bald sein wahres Gesicht 
zeigen. Die Befehle zum Schießen .werden sich so bald gegen euch richten. 
Aber fürchtet nicht: Niemand wird da sein zum Schießen, Stechen oder Schlagen, 
die Kasernen sind gefüllt mit euren Brüdern und Söhnen. Sagt ihnen die Wahr- 
heit, wenn sie sie noch nicht wissen. Die 

Soldaten werden streiken' 
mit euch zusammen. 

Fürchtet im Kampfe für eure Befreiung keine Gewehre und blanken Säbel, 
ihr habt sie ja auch im Felde nicht gefürchtet, arbeitet nicht für den Krieg, ver- 
sammelt euch in Tausenden und ruft: 

Freiheit und Frieden! 

Über die bewaffneten Grenzen hinüber wird dieser Ruf, der wahre Ruf 
des deutschen Volkes hallen und einen Widerhall finden. Die Völker stehen 
gegen ihre Regierungen auf, sie sprengen die Fesseln, sie kämpfen um Frieden 
und vollkommene politische und ökonomische Befreiung. 

Die revolutionäre Internationale. 

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Fliegerabwurf aus dem Jahre 1918. 

Kaiser und Krieg oder RepubliK und Frieden. 

Eine Anklageschrift. 

(Auszug.) Von Siegfried Bakier. 

10. Die Angst vor der Revolution. 

Eure Machthaber , der Kaiser, die Bundesfürsten und ihre Militär- und 
Junkerumgebung ändern die Staatsform und die Gesetze nicht, die sie zu ihrem 
Nutzen und zum Schaden des deutschen Volkes gemacht haben. 

Ihr aber habt Angst vor einem Umsturz der Verfassung, Angst vor der 
Revolution. 

Ihr habt Angst: türs Erste, weil es eine Tat ist; ihr seid ohne Initiative, 
ihr wartet immer, daß andere für euch handeln sollen. 

Ihr habt Angst: fürs Zweite, weil ihr in eurem Autoritätswahn meint, 
kein anderer als der „von Gott gewollte" Herrscher kann regieren, und der 
Sturz des Regierungssystems sei gleichbedeutend mit dem Untergang Deutschlands. 

Drittens und hauptsächlich aber habt ihr Angst, weil ihr nicht wißt, was 
Revolution ist. Ihr meint, da gehe alles drunter und drüber, und jeder friedliche 
Bürger sieht sich schon unter der Guillotine. Der redliche Bürger aber hat 
bei einer Revolution nicht das mindeste zu befürchten. Revolution ist nicht 
Anarchie. Theoretisch kann sich eine Revolution so glatt vollziehen wie etwa 
die Umwandlung einer bisher einem einzelnen gehörigen Fabrik in eine Aktien- 
gesellschaft; da laufen auch die Maschinen ruhig weiter und kein Angestellter, 
kein Arbeiter braucht seine Entlassung zu befürchten. 

Habt ihr nicht gesehen, mit welcher verhältnismäßigen Ruhe vor wenigen 
Jahren das ungeheure, stockkonservative China seine mehr als tausendjährige 
Dynastie vertrieben und durch eine Republik ersetzt hat? Noch unblutiger vollzog 
sich die Umwandlung Brasiliens und Portugals in Republiken. Wenn es aber 
auch ein paar tausend /Männern das Leben kosten sollte: wieviel hundert- 
tausende verschlingt denn der Krieg? Sollte die wahre Freiheit und Unab- 
hängigkeit unseres Vaterlandes, Frieden und Eintracht mit unseren Nachbar- 
völkern, die glückliche Zukunft unserer Kinder und Enkel nicht soviel Blut 
wert sein wie die Erstürmung irgend eines strategisch wertlosen Forts bei 
Verdun, bei der Zehntausende Tür nichts und wieder nichts der Laune und 
Unfähigkeit eines Kaisersprößlings geopfert worden sind? Darf man nicht tausende 
Männer opfern, um Millionen zu retten? 

Ist es schwerer für die Sache der Wahrheit, der Freiheit, des Rechts und 
der Kultur zu sterben oder für Lüge, Tyrannei, Wahnwitz und Niedertracht? 

Ich bin kein „Revolutionär", so wenig ein Baumeister ein „Hauszerstörer" 
ist. Revolution ist ein Ereignis, kein Zustand. Es ist die Niederreißung eines 
morschen baufälligen Hauses, um ein besseres an seiner Stelle zu bauen. 

Nicht das Niederreißen, sondern das Aufbauen ist der Endzweck unseres 
Handelns! Dabei sollt ihr 'uns helfen! 

In Wahrheit herrscht jetzt der allgemeine Umsturz in Deutschland. Recht 
und Sitte, Wohlstand und Familienleben, Freiheit und Kultur sind umgeworfen 

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durch den Kaiser und seine Helfershelfer. Die Halunken werden reich 
und die Ehrlichen hungern und betteln. Die Mord gesel- 
len erhalten- Orden, und. die Edelmütigen und Hochgesinn- 
ten wandern ins Zuchthaus. Die ganze staatliche Ordnung steht auf 
dem Kopf. 

Wir wollen sie wieder auf die Beine stellen! Ihr sollt uns dabei helfen! 



Wollt ihr den Frieden und die Republik oder wollt ihr 
den Krieg und den Kaiser? 

Wollt ihr deutsches Wesen und deutsche Kraft pflegen und entfalten als freies 
Volk — dann müßt ihr die deutsche Republik gründen! 

Wollt ihr in Granatlöchern mit zerschmetterten Gliedern. liegen und jammernde 
Frauen und hungrige Kinder hinterlassen, wollt ihr euren Welthandel verlieren 
und der dauernden Verachtung aller Kulturmenschen anheimfallen, wollt ihr auch 
künftig den Schweiß eurer Arbeit und das Blut eurer Söhne für schmarotzende 
Generäle, Junker und Hofschranzen opfern — dann bleibt weiter Sklaven des 
Kaisers! 

Wählt! Und wenn ihr gewählt habt, handelt! Denn mit Worten ist es nicht 
getan. Nur durch Taten könnt ihr beweisen, ob ihr deutsche Männer seid oder 
gewisse Tiere, die man willenlos zur Schlachtbank treibt. 

Alle Kräfte, alle Muskeln, alle Nerven, die ihr bisher im Dienste eines 
Cäsarenwahns angespannt habt, müßt ihr nun zusammenraffen im Dienste des 
deutschen Volkes, des deutschen Vaterlandes, im Dienste der größten, der 
heiligsten Sache, für welche deutsche Herzen je geglüht, deutsche Männer je 
geblutet haben! 

Glaubt nicht, daß der Kampf leicht ist! Die Raubritter des Mittelalters 
lassen ihre seit 1000 Jahren usurpierte Macht nicht kampflos fahren! Aber 
vertrauet uns: Wir werden siegen! 

Dieser Krieg wird nicht früher enden, als bis Deutschlands Feinde zer- 
schmettert am Boden liegen — die einzigen Feinde, die Deutschland gehabt: 
der Kaiser und seine Helfershelfer! 

Je einiger ihr seid, je schneller und energischer ihr handelt, desto rascher 
und desto unblutiger kommen wir ans Ziel! 



Ich habe mit unzähligen deutschen Männern aus allen Gauen und Bevöl- 
kerungsschichten gesprochen und vielfach die Meinung gehört: 

Eine Revolution in Deutschland sei zwar notwendig, aber sig müßte erst 
nach dem Kriege erfolgen. 

Ein ganz unglücklicher Gedanke! 

Selbst wenn, was ganz ausgeschlossen ist, die kaiserliche Regierung so rasch, 
so leicht und so günstig Frieden schließen könnte wie die deutsche Republik: 

Nachher, wenn die deutschen Männer wieder * bei Weib und Kind sind 
und sich nach Ruhe und Frieden sehnen — wenn sie wiederkäue ihre Kräfte 
anspannen müssen, um ihrem Erwerb nachzugehen, um das nackte Leben zu 

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fristen, um eine Anstellung zu finden, um das verfallene Geschäft aufzurichten 
- wenn alle Kanonen, alle Gewehre, alle Handgranaten 
wieder im Besitz und Verwahr der kaiserlichen Regie- 
rung sind — dann wollt ihr revolutionieren? Nein, dann ist der Zeitpunkt 
verpaßt, dann bleibt alles beim alten, dann setzt ihr noch nicht einmal die be- 
scheidenste Verbesserung des preußischen Wahlrechts durch! Dann werdet ihr, 
weil ihr allenthalben in Not und Bedrängnis seid, noch abhängiger von Re- 
gierungswillkür und Junkerhochmut wie bisher. Dann ist die Geschichte des 
deutschen Volkes wieder um eine verpaßte Gelegenheit reicher, dann ist die 
Reaktion verewigt, dann hat das deutsche Volk bewiesen, daß es zur Freiheit, 
Gerechtigkeit und wahrer Größe unfähig ist Dann seid ihr besiegt, dann 
ist alles Blut eurer Söhne und Brüder vergebens geflossen, dann trifft euch die 
Schuld und Mitverantwortung an diesem Kriege und die Verachtung der Kultur- 
welt. Jetztodernie! 

Auf zur Tat! 

Kameraden an der Westfront vom Priesterwalde bis zum Meer! 

Ihr seid die ersten zum, Handeln! 

Lauft alle über, wo immer es möglich ist! 

Wenn ihr herüber seid, stellt euch der deutschen Republik zur Verfügung! 

Republik 
ist unser Losungswort. 

Wer sich unter diesem Losungswort uns zur Verfügung stellt, ist ein 
Mitkämpfer und Mitbegründer der deutschen Republik Tut er es nicht, so ist er 
wenigstens nicht mehr Mitschuldiger der kaiserlichen Regierung, er wird dann als 
Kriegsgefangener gut behandelt. — Fürchtet nicht, daß eure Namen von eurer 
Regierung jemals gekannt werden, daß euch durch Überlaufen die Rückkehr in 
euer Vaterland versperrt wird! Dieser Krieg wird nicht enden, bevor der 
preußische Militär- und Junkergeist zu Boden geworfen und damit die Bahn 
für unsere Heimkehr frei geworden ist. Wir werden als die wahren Sieger und 
Befreier unseres Vaterlandes mit Ehren in die Heimat zurückkehren und mit Jubel 
empfangen werden. 

Wo es euch nicht oder noch nicht möglich ist, überzugehen: Schießt keines- 
falls auf die Franzosen, Engländer und Belgier! Schießt auch nicht, wenn ihr 
beschossen werdet! Es bleibt ja leider nichts anderes übrig als *zu schießen, 
wenn ihr nicht freiwillig herüber kommt und eure Vorgesetzten euch nicht 
freiwillig zurücknehmen bis jenseits der Grenze. 

' Jeder Vorgesetzte, der euch verhindern will, überzulaufen, oder zwingen 
will zu schießen, den erschießt auf der Stelle! Denn er ist ein Verräter des 
deutschen Volkes, ein Feind des Vaterlandes. Sind erst einige Dutzend von 
dieser Sorte erschossen, so geben die andern bald von selber nach. 

Dann merket euch überhaupt: Die ganze Riesenmaschine des Militarismus 
gründet sich nur auf der brutalen Gewalt Weniger und dem Gehorsam V ; eler. 
Dreht ihr rasch und entschlossen den Spieß um, setzt ihr an Stelle des Gc 

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horsams die Gewalt der Vielen, so seid ihr die Herren! Ihr aber habt nich 4 
nur die Macht, sondern auch das Recht, die Wahrheit, das Glück und die 
Zukunft Deutschlands auf eurer Seite! Wer die Zukunft für sich hat, der trag 4 
den sicheren Sieg in seinen Händen. 

Deutsche Brüder und Schwestern hinter der Front und in der Heimat! 

Wenn euch, fern vom Schuß, meine Worte zu kräftig klingen, denkt an 
die Millionen eurer Liebsten, die auf Befehl des Kaisers zerschmettert sind! 
Verschafft euch Waffen! Benutzt sie aber weise nur da, wo es einen Zweck hat! 

Versichert euch, wer ein Freund der Republik ist! Werbet Freunde für 
unsere Sache! Besonders unter den Beamten der öffentlichen Sicherheit und 
unter den Arbeitern der Waffen- und Munitionsfabriken. Merket euch die Feinde 
der deutschen Republik, auf daß sie in naher Zukunft zur Verantwortung ge- 
zogen werden können. 

Zerstört alle Waffen- und Munitionsfabriken, Magazine, Vorräte! 

Verhindert Truppen- und Munitionstransporte! 

Ihr alle, an der Front und in der Heimat! 

Vor allem, verbreitet die Wahrheit! Verbreitet diese Schrift, leset sie, 
schreibt sie ab, druckt sie nach! 

Jeder, der euch da^an hindern will, ist, ein Verräter des deutschen Volkes, 
ein Feind unseres Vaterlandes! Ebenso jeder, der im Solde der Kriegsindustr,; 
an der Unterdrückung oder Fälschung der Wahrheit mitarbeitet! 

Vor allem jeder, der das Amt der Pressezensur ausübt! Unsere schlimm- 
sten Feinde sind die Vergifter der Wahrheit. Tötet ein paar Dutzend dieser 
Kanaillen, dann finden sie keine Nachfolger mehr! Vor allem! Handelt! Wartet 
nicht, bis andere für euch handeln! Fragt nicht, was andere davon sagen! 
Selbst ist der Mann! 

Es . handelt sich um Sein oder Nichtsein für uns.er Vaterland! 



Fliegerabwurf' aus dem Jahre 1918. 
(Gefälschtes Heft aus Reclams Universal-Bibliothek, Nr. 197.) 

Zwei Fragen. 

Von Siegfried Balder. 

.... VII. Regieren im wahren, im demokratischen Sinne des Wortes ist 
die Kunst, einem Volke ohne Übergriffe in die Rechte und in das Staatsgebiet 
anderer Völker möglichst günstige Lebensbedingungen zu verschaffen. Möglichst 
günstige Lebensbedingungen aber sind solche, unter welchen sich eine möglichst 
große Anzahl der Volksgenossen frei und gerecht, das heißt aus eigener Kraft 
und nicht vom Staat auf Kosten anderer bevorzugt, zu körperlich, geistig und 
sittlich vollkommenen Persönlichkeiten entwickeln und in ebensolchen Persönlich- 
keiten fortpflanzen kann. — 

Ein Volk regiert sich nicht selbst, auch nicht in der Demokratie, sondern 
es wählt die Männer, von denen es regiert sein will, nach den großen, von 
Darwin entdeckten Naturgesetzen der Auslese und Differenzierung. Wie man 

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>ich zur Heilung einer schweren Krankheit einen möglichst tüchtigen Arzt, 
zur Bohrung eines großen Tunnels einen möglichst erfahrenen fngenieur, zur Auf- 
führung einer großen Festoper einen möglichst guten Kapellmeister und die her- 
vorragendsten Sänger aussucht, so wählt man sich zum Regierenden den Staats- 
mann aus, den man für den fähigsten hält. Gewiß, es gibt auch Republiken mit 
mangelhafter Verfassung und mittelmäßiger Regierung, geradeso wie es Aktien- 
gesellschaften mit schlechten Statuten und unfähigen Direktoren gibt. Aber dann 
ist das Volk eben selbst daran schuld, selbst dafür verantwortlich, und es kann 
und es wird aus seinen Fehlern lernen. Das Volk ist in der Republik selbst 
seines Glückes Schmied und kann sein Schicksal zum guten oder schlimmen 
lenken. 

Ein Mann aber, der nur durch den Zufall der Geburt „von Gottesgnaden" 
zur Herrschaft gelangt, kann niemals ein guter Staatsmann sein. Er wird von 
Kindheit an mit Selbstüberhebung und Vorurteilen aller Art vollgepfropft, von 
Speichelleckern und eigennützigen Strebern umgeben, und steht dem Volk, seinem 
Fühlen und Sehnen fremd, wenn nicht feindselig gegenüber. Statt des Volkes 
Nöte zu lindern und zu heilen, wie es dem Staatsmann, dem Arzt des Volkes 
ziemt, läßt er Maschinengewehre auffahren und gebieten seinen vergewaltigten 
und mißleiteten Landeskindern, auf ihre hungernden Mütter zu schießen. Ein 
großes, künstlich ausgeklügeltes, äußerst kostspieliges und freiheitsschädliches 
System von Diplomaten, Bureaukraten, Pfaffen und Polizei ist neben dem Heer 
in der Weltordnung des Absolutismus nötig, um der Regierung die erforderliche 
Autorität zu verleihen, — die Autorität, welche der Staatsmann des Volkes von 
selbst besitzt kraft seines Regierungstalents und kraft des Vertrauens, das ihm 
das Volk schon durch die Tatsache seiner Erwählung entgegenbringt. 
1 Ihr dürft fest überzeugt sein, daß das deutsche. Volk, welches auf allen 
anderen Gebieten mit an der Spitze der Menschheit marschiert, auch die Fähig- 
keit hat, sich selbst eine ausgezeichnete Verfassung zu geben, hervorragende 
Regierungsmänner zu finden. Es wäre traurig, wenn wir hierin hinter den 
Chinesen und Brasilianern und vor allem hinter unsern Vorfahren, den alten 
Germanen, zurückständen, die sich stets ihre Führer seiher gewählt haben. 
Und ihr dürft ebenso überzeugt sein, daß für ein Volk die freie Regierungs- 
I wähl wichtiger ist wie die freie Arztwahl bei den Krankenkassen, und daß 
; der von dem Vertrauen des Volkes getragene Staatsmann sich von dem Autokraten 
und seinen Hofschranzen ebenso vorteilhaft unterscheidet, wie auf jedem anderen 
Gebiet der Künstler von dem Pfuscher. Nicht nur der Frieden der Menschheit, 
sondern auch Glück und Wohlfahrt des deutschen Volkes hängen davon ab, 
daß es sein unbrauchbares Regierungssystem, das ihm seit dem Mittelalter durch 
eine Kette verhängnisvoller geschichtlicher Ereignisse aufgezwungen worden ist, 
endlich abschüttelt, wie es die anderen Kulturvölker bereits getan haben. Ein 
unermeßlicher Segen, weit größer, als ihr es ahnt, wird die Folge dieser Um- 
wälzung sein. Eine bessere Menschheitsordnung, ein neuer Völkerfrühling, eine 
höhere Kulturblüte als je vorher wird die Ernte sein, die aus der blutigen Saat 
dieses Krieges emporwächst. Jedes Menschenkindlein wird unter Schmerzen ge- 
boren; die Schauer dieses Weltkrieges sind die Geburtswehen einer neuen 
Menschheit! 

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Graphiken aus Verbrtitungsmittel revolutionärer Gedankengänge. 

(Siehe Seite 129 bis 132.) . 

Als Charakteristikum speziell des Westens finden sich unter dem zui 
Revolutipnierung Deutschlands von der Entente verwendeten Material 
bildliche Darstellungen, von denen die Zeitschrift „Volk und Zeit" in 
einer Oktobernurnmer eine reichliche Auswahl verschiedenen Genres 
reproduzierte. Soweit diese Blätter demokratisch- oder sozialistisch- 
republikanischer Propaganda dienen, finden sie an geeigneten Stellen 
dieses Sammelwerkes einen Platz. Die bezeichnete Art der Unter- 
scheidung ergibt sich aus deh Bildern selbst. Das Folioblatt „Die 
lustige Witwe" zeigt neben dem Gedicht von Erich Mühsam Michel als 
„Monsieur de Paris" und ist französischen Ursprunges aus dem Ende 
des Jahres 1917. Das Titelblatt wurde schon 1915 als Quartblatt von 
den Riegern abgeworfen. Weitere Blätter weisen auf den Gegensatz 
zwischen Kapitalismus und Arbeiterklasse hin. Diese drei Blätter sind 
nachweisbar englischen Ursprungs. 



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VERLAG GESELLSCHAFT UND ERZIEHUN 

BERLIN-FICHTENAU. ParkrtraB« 3 •_-- 

DIE KÖNIGSMÖRDER 

von 

WaclftW Gasiorowski, deutsch von STEFANIE GOLDENRING 

brosch. M 12,- geb. M 16,— 

T^ine streng geschichtliche Darstellung der russischen Königsmorde und 

" Attentate, die sich trotz historischer Wahrheitstreue spannend liest, wie 

ein phantastischer Roman. Die Vorgänge, die in dem Buche geschildert 

werden, bilden den Auftakt zu der russischen Revolution und aus ihnen 

entwickelt sich das Verständnis für die Ursachen, die zum Sturze des 

Zarismus und zum Siege des Bolschewismus geführt haben. 

DER SINN 
DES SOZIALISMUS 

Einegrundlegende populäreEinfühirogindieMarxistischeGedanKenwelt 

von 

ALFRED MOBGLICH 

M6,- 

Es ist der erste Versuch innerhalb der sozialistischen Literatur, den Marxismus 
in seiner Totalität zu umfassen und aufzuzeigen, daß der Marxismus nicht nur 
eine ökonomische und gesellschaftliche Theorie, sondern eine neue soziologische 
Weltanschauung, eine revolutionäre Philosophie der Wirklichkeit darstellt. 

IHR JUNGEN JURISTEN 

von 

GUSTAV RADBRUCH, Professor in kikl, m.d.k. 

M-,90 

Die Schrift will an der Schaffung eines neuen Juristen-Typus des sozialen Volks- 
staates mitarbeiten. Sie schildert die tiefe Wandlung der Begriffe Recht und 
Gerechtigkeit in den sozialen Umwälzungen unserer Tage und zieht daraus 
ihre Folgen für Rechtsstudium und juristischen Vorbereitungsdienst. Ein Jurist, 
der die Revolution innerlich erlebt hat, redet hier zum Gewissen seiner 
Fachgenossen und des werdenden Rechtslehrers und Rechtsverwalters. 

STAAT, KIRCHE UND SCHULE 

Kulturpolitische Betrachtungen zu den Fordrungen des Tages von 
Studienrat Professor Dr. HEINRICH MICHELIS 
M 1,50 
Michelis begründet in seiner Schrift die alten Kulturforderungen aller freidenken- 
den Strömungen an Staat, Kirche und Schule und vollständige Gewissens- 
freiheit in der Religionsfrage. 

Unter ausführliches Schriftenverzeichnis senden wir gerne Kosten- 
loa «ad portofrei an jede angegebene Adresse. 



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